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Diese
im Februar 2006 ausgestrahlte Sendung kann gegen Schutzgebühr von 2,00
EUR (inklusive Porto) als CD bestellt werden. Bestellungen an zackenschrift@aol.com
Aus
der Reihe GOTT UND DIE WELT auf rbb kulturradio
Wenn
man vom Teufel spricht – Wie modern ist Exorzismus?
Ein
Feature von Jens Hinrichsen
Der US-Spielfilm „Der Exorzismus von Emily Rose“ spielt auf das wahre Ereignis von 1976 bei Würzburg an. Im Film stirbt das Mädchen Emily nach einer Teufelsaustreibung durch einen Priester. War sie von Dämonen besessen oder psychisch krank? Nicht nur Theologen haben das Hollywood-Machwerk mit Skepis aufgenommen. Ein deutscher Spielfilm nähert sich demseben Vorfall weit kritischer – das Familiendrama „Requiem“ wird im Berlinale-Wettbewerb gezeigt. Wie bewertet Regisseur Hans-Christian Schmid die historischen Ereignisse? Wie gehen Kirchen, Ärzte und Patienten heute mit sogenannter Besessenheit um?
Michaela: Ich bin nachts aufgewacht und da waren Fratzen und Stimmen, die haben geschrieen, ich sei eine Dreckschleuder. Die kommen ganz plötzlich und dann sind sie überall und ich kann die Augen schließen und mich verstecken. Aber das nützt alles nichts, sie schreien immerfort.
Landauer: Hörst Du Dich reden? Fratzen, Stimmen! Von was sprichst Du? Vom Teufel? Natürlich glauben wir an ihn. Wir glauben ja auch an Gott, aber das sind Sinnbilder, Beispiele, an denen wir uns orientieren sollen. Das darfst Du doch nicht Wort für Wort nehmen! Ein richtiger Scheiß! Einbildungen! Etwas, das Du dem Psychologen erzählen solltest!
Wenn man vom Teufel spricht – Wie modern ist Exorzismus?
Eine Sendung von Jens Hinrichsen
Es kommt darauf an, wie man vom Teufel spricht und wer davon spricht. Das Nachdenken über den Teufel gehört genauso zur Kirche wie das Nachdenken über Gott. Und da gibt es Katholiken, die sehen das gegenständlich und welche sehen das als Metapher. Da muss man sehr differenzieren.
Autor
Der Regisseur Hans Christian Schmid ist katholisch erzogen worden. Er weiß, wovon er spricht, wenn er den Teufel an die Wand malt. Im Wettbewerb der Berlinale hat Schmid seinen Film „Requiem“ präsentiert. Er beruht auf Ereignissen, die sich 1976 im fränkischen Klingenberg zugetragen haben. Die 23-jährige Studentin Anneliese Michel starb 1976- nach einer fehlgeschlagenen Teufelsaustreibung durch zwei katholische Pfarrer. In Schmids Film wird aus ihr eine neue Figur namens Michaela Klingler. Der Tod der Anneliese Michel hat damals eine Kontroverse über Sinn und Unsinn des Exorzismus ausgelöst, die auch 30 Jahre danach nicht beendet ist.
Musik02
Ist es möglich, dass das Böse in personifizierter Gestalt - also als Teufel oder Dämon - von einem Menschen Besitz ergreifen kann? Oder, anders gefragt: wie steht man denjenigen bei, die von ihrer „Besessenheit“ fest überzeugt sind und nach Hilfe verlangen? Die monatelangen Teufelsaustreibungen jedenfalls, denen Anneliese Michel im Haus ihrer Eltern unterworfen wurde, waren alles andere als heilsam, wie das Aschaffenburger Landesgericht 1978 feststellte. Die Eltern und die beiden Exorzisten, zwei katholische Priester, wurden wegen „fahrlässiger Tötung mit Unterlassung der Hinwirkung auf ärztliche Hilfe“ zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Die Verurteilten sahen sich jedoch frei von Schuld. Auch direkt nach dem Urteilsspruch war etwa der beteiligte Pater Arnold Renz weiter überzeugt: In Anneliese Michel waren wirklich sechs Dämonen eingefahren. Und sprachen aus ihr heraus.
Ton03_ExorzistRenz (1978)
Nach dem Exorzismus, nach diesen Regeln muss, kann, darf den Teufeln eine Bedingung gemacht werden, nach der sie ausfahren müssen. Und ich hatte ihnen den Auftrag gegeben: erstens, sie müssen ihren Namen sagen. Zweitens sagen, warum sie in der Hölle sind. Und drittens müssen sie sagen: gegrüßt seiest Du, Maria voll der Gnade. Sie haben das alle getan. Sechs. Und diese sechs haben für die Prozedur etwa 40 Minuten gebraucht. Sie haben sich gewehrt. Und vor allem haben sie furchtbar gestottert (macht das Stottern nach). So gequält, bis sie das fertig gebracht haben. Und so haben diese sechs sich verabschiedet und sie war für kurze Zeit frei.
Ärzte sahen den Fall ganz anders: Nach ihrem Urteil war Anneliese Michel an Epilepsie erkrankt, mit den typischen Symptomen wie Krampfanfällen und Verwirrtheitszuständen. Bis heute gehen Mediziner auch davon aus, dass die Studentin zusätzlich unter einer Psychose litt. Eine Erklärung dafür, dass sie Fratzen sah und bedrohliche Stimmen hörte. Stimmen, die ihr befahlen, nichts mehr zu essen, bis sie schließlich verhungerte. Einige Psychologen wiesen darauf hin, dass die 67 vorgenommenen „Austreibungen“ für Anneliese Michel nicht nur körperlich eine extreme Anstrengung bedeuteten. Das Frage-Antwort-Spiel des Exorzismus habe den religiösen Wahn bei der jungen Frau erst hervorgerufen oder zumindest verstärkt.
Musik03
Der Fall Anneliese Michel ist nicht abgeschlossen. Immer wieder wird er zum Anlass, über den Teufel im Menschen nachzudenken – in religiöser, künstlerischer oder wissenschaftlicher Form.
“Anneliese Michel und ihre Dämonen“ – unter diesem Titel erschien 1980 in Deutschland eine detaillierte, in ihren Schlüssen jedoch auch spekulative Studie der US-amerikanischen Kulturanthropologin Felicitas D. Goodman. Das kurze Leben der Studentin aus kleinbürgerlicher, tief religiös geprägter Familie zeichnet die Autorin einfühlsam nach. Wer im Klingenberg der 70er Jahre psychische Probleme hatte, ging zum Pfarrer, nicht zum Psychologen.
Sprecherin
(Goodman)
Am Schluss des Gesprächs wurde Anneliese vom Arzt gefragt, ob sie nicht vielleicht Lust hätte, an einer Gruppentherapie teilzunehmen. Stets bereit, einem Vorschlag Folge zu leisten, ging Anneliese zur Gruppentherapie, hielt es aber nur ein einziges Mal aus. Das war eine befremdende Welt, völlig anders als die ihrige. Es war von Komplexen die Rede, von frustrierten Wünschen, von Verdrängung und von Zwangsvorstellungen. Da gehörte sie entschieden nicht hin. „Was soll ich da eigentlich?“ sagte sie. „Ich bin doch nicht verrückt!“ Und sie ging nicht wieder hin.
Der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie Dr. Ulrich Niemann betreibt eine psychotherapeutische Praxis in Frankfurt. Viele seiner Patienten fühlen sich vom Bösen bedroht. Sie vertrauen sich dem Jesuiten an, weil er ihre Glaubensüberzeugungen ernst nimmt. Wie fühlt sich das an – bedrängt sein vom Bösen?
Der Patient spricht, dass das Dunkle, das Negative, das Verworrene ihn derartig übermannt, dass er meint, er könnte dieses magisch bannen, diese schrecklichen Ereignisse in sich. Dadurch bannen, dass er sagt: ich benenne jetzt einen Teufel oder einen Satan, dann habe ich das im Griff. Dass man, wenn man den Namen hat, dass man dann ein bisschen Macht über ihn hat. Das sind magische Vorstellungen, aber die spielen heute bis zu einem gewissen Grad auch noch eine Rolle. Wenn man die dann erstmal annimmt und sagt: ja, es gibt sowas, nicht – die glauben daran und wollen auch deswegen entlastet werden und sagen: Mach doch bitte den Großen Exorzismus!
Der so genannte Große Exorzismus: von 1614 an war er fast 500 Jahre lang die Antwort der katholischen Kirche auf das Phänomen der dämonischen Besessenheit. Er setzt sich aus einer Vielzahl einzelner Gebete und symbolischer Handlungen zusammen. Dieses „Rituale Romanum“ enthält strenge Regeln für den Priester, etwa die Ermahnung, nicht leichtfertig die Besessenheit mit einer Krankheit zu verwechseln. Die zentralen, heute umstrittenen Passagen des Rituals sind die Anrufungen des Teufels:
Ich beschwöre dich also, ruchloser Drache, im Namen des unbefleckten Lammes, das über Schlangen schritt und Nattern, das den Löwen zertrat und den Drachen: weiche von diesem Menschen, weiche von der Gemeinde Gottes, erzittere und flieh!
Der Priester ruft Geister, die der Betroffene aber womöglich nicht mehr los wird. So werteten jedenfalls die katholischen Bischöfe in Deutschland den Großen Exorzismus nach dem Schock von Klingenberg. Auch Klemens Richter, Professor für katholische Liturgiewissenschaft in Münster, ist dieser Ansicht: das 400 Jahre alte exorzistische Ritual ist nicht mehr zeitgemäß:
Exorzicare kommt aus dem Lateinischen und bedeutet eigentlich „beschwören“ und hier im Gebrauch der Kirche: Beschwören des Bösen oder des Teufels, der jetzt einen Menschen angeblich in Besitz genommen hat. Das Problem ist nur: Wir können heute weder theologisch noch medizinisch eine Besessenheit wirklich feststellen. Es gibt Menschen, die sich besessen fühlen. Aber die Frage ist, ob wir in einem Gottesdienst im Jahre 2005 uns an Gott wenden! Und in diesem Gottesdienst ist es eigentlich nicht möglich, noch eine zweite Figur einzuführen, die wir ansprechen wie Gott: Teufel, fahr aus, nenne Deinen Namen und ihn dann auch noch beschimpfen mit irgendwelchen Ausdrücken wie: Du böse Schlange und Drachen, was es da alles gibt. Sondern: das Normale wäre doch folgendes: dass erst einmal medizinisch abgeklärt werden muss, ob es nicht doch eine Krankheit ist. Dann ist das nächste, dass wir einen Gottesdienst halten und in diesem Gottesdienst Gott bitten, dass er dieses Empfinden, dieses Böse, von dem sich der Mensch betroffen fühlt, von ihm nimmt. Und das ist Stärkung im Glauben!
Der tragische Fall der Anneliese Michel führte innerhalb der deutschen katholischen Kirche zum Nachdenken über den Exorzismus. Eine Expertenkommission aus Theologen, Medizinern und Psychologen wurde gebildet, die 1983 eine „Liturgie zur Befreiung vom Bösen“ fertig stellte. Auf die suggestive Anrufung des Teufels wurde verzichtet, stattdessen beschränkte man sich auf das Gebet an Gott. Die deutschen Bischöfe folgten den Experten und gaben den Vorschlag nach Rom weiter. Doch dort fand er wenig Beachtung. 1999 setzte Papst Johannes Paul II. stattdessen ein reformiertes „Rituale Romanum“ in Kraft. Klemens Richter betrachtet mit Skepsis, dass es immer noch Anrede an den Teufel enthält.
Es war völlig klar und höchst notwendig, dass der bisherige Exorzismus überarbeitet werden musste. Überraschend war eigentlich nur, dass es nicht so ausgefallen ist, wie sich das die deutschen Bischöfe es 1984 gerne gesehen hätten und Rom empfohlen haben. Nur Teile hat Rom davon übernommen. Das soll man ja auch anerkennen, etwa dass der fürbittende Charakter durchaus bedacht werden muss. Aber leider gibt es eben auch noch die Möglichkeit, den Teufel auszutreiben. Und die Schwierigkeit liegt ja eigentlich in den Personen, die diesen Ritus verwenden. Wir haben in Italien Exorzisten wie den in der römischen Diözese, Amort, der behauptet, er hätte schon 60000 Exorzismen in seinem Leben durchgeführt, man rechne das mal auf den Tag um! Das ist sicher etwas, das außerhalb jeder Vorstellung des Christlichen sein muss, meines Erachtens.
Religiöse Bräuche, die zur Heilung des Ausnahmezustandes angewendet werden, sind von bemerkenswerter Wirksamkeit, da sie seit Tausenden von Jahren bis zur Vollkommenheit geschliffen wurden. Aus diesem Grunde ist es höchst bedauerlich, dass in Deutschland, im Anschluss an die Umstände von Anneliesens Tod, Forderungen laut werden, dass man den Exorzismus ändern oder sogar verbieten solle. Diese Art Bemühungen stützen sich auf die irrige Annahme, Anneliese sei am Exorzismus gestorben.
So die Kulturanthropologin Felicitas Goodman 1980. In ihrem Buch behauptete sie damals, in Wahrheit habe das Epilepsie-Medikament Tegretal Anneliese Michel „umgebracht“. Das ist längst widerlegt. Hoch problematisch auch Goodmans Behauptung, Anneliese habe gar nicht an Epilepsie gelitten, sondern sich in einer Art „religiösem Ausnahmezustand“ befunden, wie die Anthropologin ihn auch in Mexiko beobachtet habe. Das Vorgehen der beiden Klingenberger Exorzisten beschreibt sie geradezu bewundernd:
Sprecherin
2 (Goodman)
Im gläsernen Schrein der Vergangenheit nimmt das herzzerbrechende, wunderbare Mysterienspiel seinen vorherbestimmten Lauf.
Musik04
(Emily Rose)
Felicitas Goodmans Buch regte einen Hollywoodfilm an, der im vergangenen Jahr ein Überraschungserfolg in den Vereinigten Staaten war und auch in Deutschland viele Zuschauer ins Kino lockte. Anneliese Michel heißt im Film Emily Rose, ihre „Passionsgeschichte“ wurde in den mittleren Westen der USA verlegt. Die echten beiden Priester aus Süddeutschland wurden zusammengefasst und veredelt in der sympathisch-väterlichen Figur des Pater Moore. Der Film „Der Exorzismus von Emily Rose“ erzählt aus der Perspektive der Dämonengläubigen. Die mal gruseligen, mal mysterienspielhaften Rückblenden zu Emilys Besessenheit und Exorzismus sind in Gerichtsszenen eingebettet, in denen die Schuld oder Nichtschuld Pater Moores am Tod Emilys geklärt werden soll. Visionäre Szenen legen nahe, dass auch der Prozess von höllischen Mächten umlagert ist. Die Quintessenz des Films formuliert das Mädchen Emily selbst – in einem Brief, den Priester Moore vor Gericht mit bebender Stimme vorliest: Viele sagen, dass Gott tot ist, schreibt die Märtyrerin, aber wie können sie das glauben, wenn ich ihnen den Teufel zeige? Der Teufel als Gottesbeweis. Eine verdrehte Logik: die Besessene sei von den Dämonen gequält worden, um eine gottlose Welt wachzurütteln - aber der Teufel quält mit ausdrücklicher Zulassung Gottes. Die Besessene wird so zum Wegweiser ins Heil. Das Böse wird an ihrem Leib gesühnt. Diese selbstzerstörerische Idee der so genannten „Sühnebesessenheit“, ist allerdings keine Erfindung Hollywoods. Sie führt direkt zurück ins fränkische Klingenberg, in die fundamentalistische Welt der Anneliese Michel, ihrer Eltern und „Seelsorger“. Auch sie litt, so deren Interpretation, stellvertretend. Als das Scheitern des Exorzismus sich abzeichnete, erklärten die Priester die Besessenheit für unheilbar, brachten Gottes unergründlichen Willen ins Spiel – und exorzierten verbissen weiter. Der Psychotherapeut und Jesuit Ulrich Niemann:
Ton07_Niemann
Sühnebesessenheit – der Ausdruck ist an sich total widersprüchlich. Denn jeder hat ja zunächst mal, wenn er religiös ist, sein eigenes Heil zu wirken. Paulus sagt: „Erwirbt Euer Heil mit Furcht und Zittern“. Man soll sich also um seine eigene Zufriedenheit kümmern und nicht so sehr um das Glück anderer. Und wie das geschehen soll, wenn ich etwas Böses auf mich nehme um andere zu retten, ist wenn sie wollen ein perverser Gedanke. Sie durfte ja auf keinen Fall verrückt sein. Und dann hat man das als Lösung gefunden, um das Image der Familie auch zu retten – jetzt büßt sie das und nimmt das alles auf sich. Aber etwas Böses oder etwas Krankhaftes bewusst auf sich zu nehmen, um andere zu retten, ist ein Gedanke, der gegen einen gesunden Egoismus ist – liebe Deinen Nächsten wie die selbst. Und wenn man sich selbst in die Verdammung wünscht, dann hilft man anderen auch nicht!
Autor
Solche Gedanken spielen für christliche Fundamentalisten in den USA, die den „Exorzismus von Emily Rose“ an der Kinokasse zum Erfolg machten, offenbar keine Rolle. Auch jene Europäer, die zum Grab der Anneliese Michel in Klingenberg pilgern und für ihre Seligsprechung beten, scheinen mehr als die Aufklärung nur den Teufel zu fürchten.
Musik05
Jeder vierte Deutsche, das ergibt eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa, befürchtet, dass es den Teufel wirklich gibt. Ein gesellschaftliches Phänomen, über das nicht nur katholische, sondern auch evangelische Theologen den Kopf schütteln. Der evangelische Weltanschauungs-Beauftragte für Baden-Württemberg, Hansjörg Hemminger:
Ton08_Hemminger
Die Frage nach dem Bösen wird sicher wichtiger und greift um sich und das bedeutet immer, dass auch die Personifizierung des Bösen wieder mehr Gewicht hat und Faszination ausübt. Das machen die Künstler, ob im Film oder anderswo ja häufig früher als die professionellen Nachdenker an den Universitäten. Und der Trend ist da sehr deutlich. Ein anderer Punkt ist natürlich auch, dass der Wissenschaftsglaube, der den Teufel mit aufklärerischer Gewalt in die Ecke des Aberglaubens gedrängt hat, auch an Bedeutung verliert. Und wenn der Wissenschaftsglaube keine Bindungskraft mehr hat, werden andere Formen des Glaubens wieder möglich, auch die an den Teufel.
Autor
Es gibt wohl kaum ein Ereignis, dass den Glauben an die Möglichkeiten der Wissenschaft derart zu erschüttern vermag, wie die Erfahrung schwerer Krankheit. Viele Kranke erleben ja tatsächlich, dass bei extremen körperlichen oder psychischen Leiden auch Mediziner ratlos sein können. Diese Facette des Falles von Klingenberg betont Regisseur Hans Christian Schmid in seiner Adaption der wahren Geschichte von Anneliese Michel: In „Requiem“ kann oder will die Hauptfigur, die hier Michaela Klingler heißt, den Ärzten nicht vertrauen. Sie helfen ihr nicht, von den Kräften freizuwerden, die sie bedrängen. Zum blinden Glauben an Medikamente und Apparatemedizin kann aber das Vertrauen auf den Exorzismus nicht die Alternative sein, das macht Hans Christian Schmid mit „Requiem“ unmissverständlich klar. Er setzt sich damit deutlich vom Vorgängerfilm „Der Exorzismus von Emily Rose“ ab:
Ton09_Schmid
Emily Rose, dass es diesen Film gibt, die Nachricht kam zu uns gegen Ende der Dreharbeiten vor einem Jahr. Und wir haben das einfach über die Monate hinweg verfolgt: Was ist das für ein Film? Wer ist der Regisseur? Was hat er vorher gemacht? Und dann schien uns das ziemlich in eine Horrorfilm-Ecke zu gehen. Und dann habe ich festgestellt, dass das nicht in erster Linie ein Horrorfilm ist – ich habe dann die Pressevorführung gesehen – dass es zu zwei Dritteln der Erzählzeit in einem Gerichtssaal spielt. Aber mich hat die Botschaft des Films gestört, nämlich das Spekulieren genau damit, dass dämonische Besessenheit sehr wohl existieren könnte und dass der Pfarrer über alle Zweifel erhaben ist und ein guter Mensch ist.
Autor
Eine Konsequenz Schmids: Er zeigt einen jungen Priester, der in „Requiem“ mit den angeblichen Dämonen in Michaela experimentiert und auch mit dem Mädchen selber. Er gewinnt schnell das Vertrauen der verunsicherten Michaela. Sie soll seine Theorien vom Teufel untermauern. Jede Vision, jeder Zweifel, jeder Widerstand der „Testperson“ wird zum schlagenden Beweis für die Existenz dämonischer Mächte umgedeutet. Beklemmende Szenen:
Ton10_Szene
Michaela: Egal, was ich mache, alles ist falsch. Ich versuche zu beten, ich versuche, eine gute Studentin zu sein. Aber immer wieder holen sie mich ein. Ich habe sogar den Rosenkranz zerrissen, den meine Mutter mir geschenkt hat. Vielleicht hat Gott mich einfach im Stich gelassen. Ich bin ihm scheißegal. Warum denn ich, warum bei mir? Ich mach doch gar nichts! Ich versuche zu studieren, ich versuche alles richtig zu machen und Gott schickt mir Dämonen!
Borchert: Weil du ein besonderer Mensch bist! Deine Empfindsamkeit gegenüber dieser gottlosen Welt ist sehr stark. Lass uns Beten. Komm, das hat Dir beim letzten Mal so gut getan.
Michaela: Nein, ich will nicht beten. Das ganze Beten nützt doch nichts. Sie kommen, wenn ich beten will, ich habs doch erlebt!
Ton11_Schmid
Den hab ich mir wie einen jungen Forscher oder Mediziner vorgestellt, der einen besonders interessanten Fall auf den OP-Tisch bekommt. Was da mitschwingt, dieses Suggestive, wie er versucht mit ihr zu beten, das schwingt für mich stark mit im Ritual des Exorzismus, diese Vorstellung, dass da jemand kommt und ein Rollenspiel mit jemandem eingeht, der psychisch krank ist und sagt; der Dämon, der da in dir steckt, der möge sich bitte zu Wort melden. Und sie merkt, wenn sie das erfüllt, dann funktioniert die gegenseitige Erwartung, das würde ich als einen üblen Mechanismus bezeichnen.
Autor
Bei aller Einfühlung, mit der Hans Christian Schmid die Geschichte der Anneliese Michel neu und – auch in freier Abwandlung erzählt: Er hält den Zuschauer stets auch auf Distanz zur Figur. Anders als in „Emily Rose“ dringt die Kamera nicht in die innere Realität der Visionen Michaelas ein. Allerdings: wenn Michaela einen ihrer epileptischen Anfälle durchleidet, lässt Schmid mit seiner Hauptfigur auch die Kamera zittern.
Ton12_Schmid
Wir haben über das nachgedacht. Soll der Zuschauer das sehen, was sie sieht oder soll er das sehen, was jemand sieht, der einfach danebensteht. Und wir haben uns für die dezente Lösung entschieden, weil ich finde, dass Film das nicht sehr gut kann, das wird mir schnell zu konkret, dass wir behaupten, wie wüssten, was für Fratzen, Teufel sie da sieht. Dann ist man im Horrorfilm, das ist ein anderes Genre.
Autor
„Requiem“ ist kein Horrorfilm, sondern das Drama einer jungen Frau, die zwischen dörflicher Tradition und zaghaftem Aufbruch zu mehr Unabhängigkeit zerrieben wird. Noch ein weiterer Aspekt von Besessenheit: Der gefühlte Teufel als fragwürdige „Lösung“ eines Familienkonflikts. “Requiem“ skizziert unaufdringlich, wie Michaelas tiefreligiöse, abweisende Mutter und ihr verunsicherter Vater im Zusammenspiel mit der Tochter immer mehr dem Glauben an die Besessenheit verfallen. Sogar an der Uni, fern von zuhause, an einem Ort, an dem die Studentin Erwachsensein und persönliche Freiheit ausprobiert, wird sie bedrängt. Bedrängt nicht nur von „Dämonen“, sondern auch von einer Art Prüfungskommission: Vater, Mutter und zwei über der Teufelsfrage zerstrittene Priester. Alle wollen das Beste für Michaela, niemand hilft ihr wirklich.
Ton13_Szene
Michaela: Wieso kreuzen Sie hier überhaupt auf? Das ist doch Tübingen, gehört das jetzt zu Ihrem Einzugsgebiet?
Vater: Jetzt hörst Du aber mal auf!
Michaela: Ich mache eine Arbeit und ich muss die abgeben.
Mutter: Wie Du Dich aufführst!
Borchert: Ich, Herr, suche Zuflucht bei Dir, lass mich niemals scheitern, rette mich in Deiner ---
Michaela: Nein! Berühren Sie mich nicht, sie sind still, sie haben mich die Arbeit schreiben lassen, vielleicht sind Sie jetzt ganz weg.
Mutter: Sie kann nicht mehr beten! Karl, da ist was dran, was er sagt.
Borchert: Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken.
Landauer: Lass die Leute in Ruhe, mach sie nicht verrückt mit Deinen Theorien.
Borchert: Wir hätten früher was tun können. Das Mädchen braucht unsere Hilfe, nicht die von Deinen Ärzten und Psychiatern.
Landauer: Du musst die Besessenheit belegen. Weißt Du was das heißt: ein Exorzismus?
Borchert: Wie viele Zeichen brauchst Du denn noch?
Autor
Schließlich wird Michaela selbst in den Exorzismus einwilligen. Knapp handelt Hans Christian Schmid die erste Sitzung ab. Viele Rituale werden folgen. Die Monate währende Quälerei verweigert er dem Zuschauer. Mit Michaelas Entscheidung für Teufel und den Teufelsaustreiber ist für Schmid das Spiel zuende. Keiner kann Michaela nun mehr helfen, auch sie selbst nicht. Auf Bilder des realen Horrors im Kreis der Familie hat es der Film nicht abgesehen. Und nichts liegt ihm ferner, als seine „Michaela Klingler“ als Märtyrerin zu feiern. Eine ambivalente Sichtweise, die sich auch auf den realen Fall der Anneliese Michel übertragen lässt: Mitleid ist ebenso angebracht wie Skepsis. Annelieses Mutter, die heute noch lebt, kämpft weiter für die Seligsprechung ihrer Tochter. „Requiem“, der Titel des deutschen Films, liest sich wie ein Kommentar zum anhaltenden Kult um Anneliese Michel: Herr, gib ihr die ewige Ruhe. In Gottes Reich gibt es keine Dämonen. Vieles spricht dafür, dass man auch im Diesseits besser nicht mit ihnen rechnet. Psychiater Ulrich Niemann, selbst Mitglied des Jesuitenordens, lehnt eine Anwendung exorzistischer Rituale jedenfalls strikt ab...
Ton14_Niemann
Weil ich durch den Fall der Anneliese Michel dahin gekommen bin, dass die so genannte Autoritär-Suggestive Methode, wie sie im Großen Exorzismus benutzt wird, nur kontraproduktiv ist, nicht hilft, heute bei Menschen, die demokratisch groß geworden sind, eine Oberprima durchgemacht haben oder sonst eine höhere Schule, die entwickeln einen Trotz, an dem man dann, mit den Stimmen, die Anneliese Michel gehört hat, sterben kann. Von daher kann man Anneliese Michel am Ende nur dankbar sein, dass sie es durch ihr Leben so auf die Spitze getrieben hat. Und wenn ich das sagen darf: die ist längst im Himmel, nach dem, was die durchgemacht hat, die muss nicht selig gesprochen werden, durch ihr Leben hat sie so gelitten, dass: wenn es einen guten Gott gibt, ist die gut angekommen bei ihm.
Musik,
Titelsprecher, ENDE
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