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Antisemitismus
im nationalsozialistischen Film
Antisemitismus im nationalsozialistischen
Film - das klingt verdächtig nach Tautologie. Ist Antisemitismus nicht
nachgerade ein Synonym für das, was wir mit dem Nationalsozialismus verbinden
- und sind nationalsozialistische Filme nicht eo ipso "antisemitische"
Filme? Man kann die Frage auch anders stellen: was ist das eigentlich der nationalsozialistische
Film, und gab es ihn überhaupt? "Anstatt zu befinden, was ein faschistischer
Film ist, sollte gefragt werden, wie Filme im Faschismus oder, besser, im Kontext
von Faschismus funktionieren", hat Karsten Witte einmal geschrieben (1).
Vor 1933 hatte sich eine deutsche
Filmindustrie etabliert, die auch international Beachtung gefunden hatte, und
im Laufe von etwa drei Jahrzehnten hatten sich deutsche Kinogenres entwickelt.
Die Kinoindustrie geriet nun unter den Zugriff einer neuen politischen Macht,
und die Filmgenres erfuhren unter nationalsozialistischer Herrschaft eine bestimmte
Prägung. In einer Untersuchung des deutschen Genrekinos der zwanziger und
dreißiger Jahre (2) bin ich zu dem Ergebnis gekommen, daß unter
den Bedingungen des Faschismus die deutsche Filmgeschichte zu sich selbst kam,
daß in der nationalsozialistischen Klausur der deutsche Film rundum deutsch
geworden ist.
Auf diesen für uns Deutsche
nicht gerade schmeichelhaften Aspekt werde ich noch einmal zurückkommen.
Vorläufig sei nur angedeutet, daß ich dem Terminus "NS-Film"
oder "nationalsozialistischer Film" kein besonders großes Vertrauen
schenke. Georg Seeßlen äußert in seinem Buch über den
Faschismus in der populären Kultur beiläufig den Verdacht, "daß
es einen Faschismus gar nicht gibt, sondern nur das teils organisierte, teils
individuelle, teils im Dienste des Kapitals begangene, teils sadistische Verbrechen
und die faschistische Inszenierung darum herum." (3) Natürlich will
er damit nicht den Nationalsozialismus aus der Welt reden. Er verweist vielmehr
auf die Latenz des Faschismus auch in den modernen Gesellschaften. Auf die Latenz
einer gegen die Menschheit gerichteten verbrecherischen Disposition, die nach
ihren Inszenierungen sucht. Es sind diese Inszenierungen, die wir unter dem
Begriff des Faschismus zusammenfassen: ob es sich nun um Hitlers Reichsparteitage,
Veit Harlans Propagandafilme oder um einen rassistischen amerikanischen Comic
der fünfziger Jahre handelt.
Von diesen verbrecherischen Dispositionen,
die im Laufe dieses Jahrhunderts in Politik umgeschlagen sind, ist der Antisemitismus
nicht zu trennen. Und selbst wenn es den Faschismus gar nicht gibt, sondern
nur das Verbrechen - so hat es in Deutschland 12 Jahre lang das organisierte
Verbrechen als Staatsform gegeben, mit der in der Geschichte einmaligen und
mit keinem anderen Verbrechen vergleichbaren Konsequenz des Genocids an sechs
Millionen Juden.
Den Nationalsozialisten selbst war der Begriff "Antisemitismus"
nicht geheuer. Offenbar gibt dieser Begriff zu viel von des Systematik des geschürten
Rassenhasses, letztlich von der Systematik der Ausrottung preis, die von den
Nationalsozialisten intendiert war. 1939, als die "Endlösung"
bereits Programm war, verbot Goebbels ausdrücklich in dem von seinem Ministerium
herausgegebenen Zeitschriftendienst den Begriff "Antisemitismus" und
ordnete an, ihn durch Formulierungen wie "Judengegnerschaft" oder
"Judenabwehr" zu ersetzen. 1940 präzisierte er diese Anweisung
und bezog sie konkret auf den Antisemitismus im Film: "Filme, in deren
Stoffen Juden eine Rolle spielen, sollen nicht als antijüdische Filme bezeichnet
werden. Wir wollen deutlich werden lassen, daß diese Filme nicht aus irgendwelchen
tendenziösen Überlegungen so oder so gefärbt wurden, sondern
die historischen Tatsachen so wiedergeben, wie sie eben waren."(4)
Ich behaupte, daß spätestens
mit diesem Goebbels-Erlaß die Geschichte der deutschen Verdrängungen,
des Syndroms der Entschuldung nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt. Die psychohistorische
Geschichte ist natürlich viel älter, ihre Ursprünge liegen verborgen
im Souterrain der deutschen Realgeschichte, die ja nicht erst im 20. und auch
nicht erst im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahm. Doch die Geschichte der Ausblendung
und Verdrängung des Holocaust, die ja auch etwas mit Sprache, mit Begriffen
und Begriffssetzungen zu tun hat, begann schon vor dem Holocaust selbst - nämlich
damit, wie die Nationalsozialisten auf ihre Weise Begriffe kreiert und andere
Begriffe mit Zensur belegt haben.
Um meine These zu verdeutlichen,
möchte ich an ein bemerkenswertes Dokument aus der frühen Nachkriegszeit
erinnern, das Erwin Leiser im Anhang zu seinem Buch über Propaganda im
Film des Dritten Reiches veröffentlicht hat. 1948 gab es einen Briefwechsel
zwischen Veit Harlan und dem deutschen, inzwischen in Amerika lebenden Rabbiner
Joachim Prinz. Harlan war einige Monate zuvor von einem Entnazifizierungsausschuß
freigesprochen worden; jetzt stand ihm ein neuer Prozeß bevor, der seinen
Film "Jud Süss" betraf. Zu Beginn seines Briefes an den jüdischen
Geistlichen stellt Harlan zunächst eine abstruse Behauptung auf: "Ich
fürchte in diesem Prozeß für meine Person am wenigsten. Aber
der Prozeß mag ausgehen, wie er will - es ist meine tiefste Überberzeugung,
daß er Unheil bedeutet, Unheil für das Judentum, Unheil für
das geschlagene deutsche Volk, Unheil für die westlichen Siegermächte,
soweit sie es versuchen, die zerstörte Ordnung einer Demokratie wieder
aufzurichten, die von dem Gedanken menschlicher Toleranz getragen werden soll."
(5)
So geht es noch ein paar Sätze
weiter, mit denen Harlan seinen Briefadressaten davon zu überzeugen sucht,
daß der "Jud Süss"-Prozeß sozusagen der ganzen Welt
zum Unheil gereichen wird, und als besonders widerlich fällt auf, daß
er sich dabei der Worthülsen einer Art Entnazifizierungssprache bedient,
die plötzlich von Demokratie und Toleranz redet, ohne diese Begriffe mit
Inhalten zu füllen. Harlan fährt dann fort: "Angeklagt wird der
Film 'Jud Süss'. Der Vorwurf bedeutet: Ein Hetzfilm, der das Judentum verleumdete
und damit zum Pogrom aufrief. Die Antwort meiner Verteidiger wird lauten: Keine
Hetze, sondern Darstellung des jüdischen Problems mit künstlerischen
Mitteln, kein verzerrtes Bild, sondern Aussprache des Wesentlichen, des Menschlichen."
Harlan versichert dann, mit der
NSDAP, mit dem Antisemitismus und mit der nationalsozialistischen Ideologie
nicht das geringste zu tun gehabt zu haben, und fährt folgendermaßen fort:
"Es ist eine leidvolle Tatsache, daß in Deutschland ein ungeheures
Verbrechen am Judentum begangen wurde. Die Deutschen sind daher nicht berechtigt,
über das allzu Menschliche des jüdischen Problems zu sprechen, wie
nur der es darf, der frei ist von eigener großer Schuld. Wenn die Verteidigung
trotz dieser Einsicht gezwungen wird zu sprechen, weil diese Sprache gefordert
wird im Namen des Rechtes, dann muß das zu der Konsequenz führen,
daß erneut ein Gegensatz heraufbeschworen wird, der im Interesse des Friedens
besser überbrückt würde durch den Willen zur Verständigung
und zur gegenseitigen Toleranz..."
Wenn ich an dieses Dokument erinnere,
geht es mir nicht um den Fall Harlan. Es ist bekannt, wie er weiterging: Der
Regisseur wurde in Hamburg wegen seines Films "Jud Süss" des
Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagt und in zwei Prozessen freigesprochen.
Es geht mir um die gewundene und verklausulierte, letztlich aber doch in sich
geschlossene Begründungsrhetorik Harlans, die sehr deutlich auf das deutsche
Syndrom der Verdrängung und Entschuldung hinweist. Sein Film "Jud
Süss" sei keine Hetze und keine Verzerrung, sondern eine Darstellung
des "jüdischen Problems" mit künstlerischen Mitteln; hier
werde das "Wesentliche", das "Menschliche" gezeigt. Aus
der "Judenfrage" der Nationalsozialisten ist das "jüdische
Problem" geworden. Was ist, so wäre zu fragen, eigentlich dieses "jüdische
Problem"? Harlan behauptet, sein Film "Jud Süss" habe die
"menschliche" Seite des "jüdischen Problems" gezeigt.
In den folgenden Sätzen pirscht er sich noch einmal an diesen Begriff heran,
wenn er - in scheinbar bußfertiger Anbiederung an die Kollektivschuld-Auffassung
- sagt, die Deutschen dürften heute über das "allzu Menschliche
des jüdischen Problems" nicht sprechen.
Ob Harlan in seinem Brief an den
Rabbiner Prinz seine innere Überberzeugung ausdrückt oder nicht, ist
von sekundärer Bedeutung: Harlan behauptet jedenfalls, die tatsächliche
Entmenschlichung, die er mit der Darstellung von Süss Oppenheimer betrieben
hat, sei eine künstlerisch-authentische Darstellung des Judentums, sozusagen
eine objektive Innenansicht des "Menschlich-allzu Menschlichen" im
jüdischen Wesen. Mit dieser Rechtfertigung befindet er sich noch 1948 in
völliger Überbereinstimmung mit der Sprachreglung, die Goebbels 1940
ausgegeben hatte: es gebe keine antijüdische Tendenz im nationalsozialistischen
Film, sondern nur eine Wiedergabe der "Tatsachen". Und wirklich brachte
es nicht nur der "Völkische Beobachter" fertig, an "Jud
Süss" "die vollkommene Ausschaltung der Tendenz" lobend
hervorzuheben. (6)
Harlan steht 1948 nicht nur bruchlos
in dieser Kontinuität der Goebbelsschen Sprachreglungen - er geht noch
einen Schritt weiter, wenn er sagt, seine Verteidigung werde gezwungen sein,
"das allzu Menschliche des jüdischen Problems" zur Sprache zu
bringen, damit Recht geschehe. Im Klartext gesprochen - und im Bezugsrahmen
der Harlanschen Logik - ist dies nichts anderes als eine Drohung: meine Verteidiger
werden gezwungen sein, das "jüdische Problem", sprich: die Judenfrage,
aus der Sicht von Goebbels zu behandeln, damit im Fall meines Films "Jud
Süss" ein gerechtes Urteil gesprochen wird.
Wären die Konnotationen dieses
Textes allein eine Frage der nationalsozialistischen Sprachreglungen, so wäre
er heute nur noch von historischem Interesse. Ich glaube indessen, daß
die Sprachreglungen eine Inszenierung von Sprachmustern darstellen, in denen
sich kollektive psychische Dispositionen verfestigt haben, gleichsam eine innere
Ökonomie aus manifesten Vorurteilen und latentem Rassenhaß, verbunden
mit der Bereitschaft zur Selbstzensur in Bezug auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit
und mit einem durch nichts zu erschütternden Glauben an tradierte, z.T.
uralte Zerrbilder. In der scheinbar unschuldigen Phrase "Jude bleibt Jude",
von einem Deutschen ausgesprochen, ist dieses ganze Syndrom kompakt zusammengeballt
- sie enthält die gesamte Skala von der latenten Ablehnung bis zum Genocid.
Viel mehr als diese tödliche Phrase hat Harlan auch in seinem Brief von
1948 nicht gesagt.
Daß das Zerrbild vom jüdischen
Menschen mit dem jüdischen Menschen identisch sei, brauchte Goebbels seinen
Filmregisseuren nicht erst einzutrichtern. Über die Ghettoszenen seines
Films schrieb Harlan 1940, sozusagen unaufgefordert, in der Zeitschrift "Der
Film", er zeige hier "das Urjudentum, wie es damals war und wie es
sich heute noch ganz rein in dem einstigen Polen erhalten hat." (7)
Er reklamierte für seine
Darstellung dokumentarische Wirklichkeitsnähe - und der überwältigenden
Mehrheit des damaligen Kinopublikums lieferte er das quod erat demonstrandum:
"beängstigend echt" sei die Darstellung der Juden, so lautete
der Publikumstenor nach den in diesem Punkt wohl zuverlässigen Meldungen
des Sicherheitsdienstes der SS. Mit anderen Worten: die Sprachreglungen des
Propagandaministeriums sicherten nur noch einmal ab, was sich in die Wahrnehmungsperspektive
großer Teile der Bevölkerung bereits fest eingefressen hatte. Und
sie leisteten der Entsorgung aller Skrupel, aller Selbstzweifel nach dem Krieg
einen wesentlichen Dienst.
Es ist eine historische Tatsache,
daß die Nationalsozialisten die Produktion antisemitischer Filme mit der
Vorbereitung der Judenvernichtung synchronisiert haben - es gab sozusagen ein
"Timing" des Massenmords und der Reklame für den Tod. Am 12.
Oktober 1939, also wenige Wochen nach Kriegsbeginn, wurden erstmals Juden aus
Österreich und der Tschechoslowakei nach Polen deportiert. Am 23. November
1939 wurde das Tragen des Judensterns im sogenannten Generalgouvernement zwangsweise
eingeführt. Am 10. Februar 1940 begann die Deportation von Juden aus dem
sogenannten Altreich in die Vernichtungslager auf polnischem Gebiet. Bis in
das Jahr 1939 hatten antisemitische Motive im Spielfilm keine wesentliche Rolle
gespielt - abgesehen vom Rollentypus des neureichen Juden und ähnlichen
Klischeefiguren in den sogenannten "Systemzeitfilmen".
1939, noch vor Kriegsbeginn,
änderte sich die Situation fast schlagartig; vom Juli 1939 an kamen nun
in dichter Reihenfolge Filme mit scharf antisemitischer Tendenz in die Kinos.
Ich nenne hier nur die wichtigsten Titel bis zum September 1942: "Robert
und Bertram", "Leinen aus Irland" (beide 1939), "Die Rothschilds",
"Jud Süss", "Bismarck" (1940), "Über alles
in der Welt", "Carl Peters", "Ohm Krüger", "...reitet
für Deutschland", "Venus vor Gericht", "Heimkehr"
(1941), schließlich "GPU" und der Bismarck-Film "Die Entlassung",
beide 1942. Nicht vergessen werden darf das widerwärtigste filmische Pamphlet
dieser Serie: der sogenannte "Dokumentarfilm über das Weltjudentum"
"Der ewige Jude" von Fritz Hippler, der 1940 im unmittelbaren Auftrag
der Reichspropagandaleitung der NSDAP entstand.
Daß 1942 dieses Genre sich
im wesentlichen erschöpft hatte, ist wohl darauf zurückzuführen,
daß die Todesmaschinerie in den Lagern inzwischen auf Hochtouren arbeitete;
die Propaganda hatte ihre Schuldigkeit getan. Die nationalsozialistische Führung
mußte davon ausgehen, daß sich die Massendeportationen keineswegs
unbemerkt von der Bevölkerung vollzogen hatten, und auch die Massenvernichtung
war vermutlich nur das am wirkungsvollsten verdrängte öffentliche
Geheimnis - aber das Volk war, nicht zuletzt mit Hilfe einiger sehr erfolgreicher
Filme, psychologisch vorbereitet worden. So sahen es jedenfalls die politische
Führung und ihre Helfershelfer in der Filmindustrie.
Für die unmittelbare, von
den Nationalsozialisten intendierte und offenbar erfolgreiche Wechselwirkung
zwischen antisemitischer Propaganda und Massenvernichtung gibt es einige erschütternde
Belege. Die polnische Premiere des Films "Der ewige Jude" fand Anfang
Januar 1941 in Lodz statt, dem damaligen Litzmannstadt. Wenig später wurden
die 200 000 Juden des Ghettos von Lodz ermordet. Hilmar Hoffmann zitiert in
seinem Buch über Propaganda im NS-Film den "Film-Kurier", der
damals schrieb, durch dieses Ghetto sei, "noch ehe die ordnende Hand der
deutschen Verwaltung eingriff und diesen Augiasstall ausmistete", die Filmkamera
gewandert, "um ein tatsächliches, ein unverfälschtes Bild jenes
stinkenden Pfuhles zu erhalten, von dem aus das Weltjudentum seinen ständig
fließenden Zustrom erhielt." (8)
Es existiert ein Erlaß Himmlers
vom 30. September 1940, wonach Vorsorge zu treffen sei, "daß die
gesamte SS und Polizei im Laufe des Winters den Film 'Jud Süß' zu
sehen bekommt".(9) Nach dem Krieg wurden Berichte bekannt, wonach in Einzelfällen
den Liquidationskommandos in den Lagern Filme wie "Der ewige Jude"
oder "Jud Süss" gezeigt wurden, um sie für ihr Mordhandwerk
zu konditionieren: sicher das perverseste, aber auch unmißverständlichste
Beispiel dafür, was Goebbels meinte, als er sagte, es gelte, mit Hilfe
des Films die Köpfe und die Herzen des Volkes zu gewinnen.
In der relativ kleinen Zahl dezidiert
antisemitischer Filme aus den 30er und 40er Jahren sind zwei Gruppen zu unterscheiden.
Nur einige wenige Filme funktionieren wie stampfende Propagandamaschinen eines
antisemitischen Fundamentalismus, dessen Dramaturgie, dessen Bildsprache und
Verführungsgestus keine andere Perspektive als die der Ausrottung zuläßt.
Dieser Gruppe ist der sogenannte "Dokumentarfilm" "Der ewige
Jude", der in einer Parallelmontage Juden mit Ratten vergleicht, unbedingt
zuzurechnen, auch Harlans "Jud Süss", ebenso Ucickys Film
"Heimkehr", der das Zerrbild des Polen mit dem des Juden verschmilzt.
Diesen Filmen stehen andere gegenüber, die ihre Argumentation populistisch
auf der Ebene eines traditionellen, in breiten Teilen der Bevölkerung verwurzelten
Antisemitismus ansetzen. Sie beuten die z.T. seit Jahrhunderten virulenten Karikaturen
jüdischen Lebens und jüdischer Menschen aus und geben sie noch einmal
der Verhöhnung preis. Der antisemitische Fundamentalismus, dessen Perspektive
der Genocid ist, findet also gewissermaßen seinen Gehilfen und Zuhälter
in jenem gewöhnlichen, alltäglichen und banalen Antisemitismus der
Stammtische, dem in Filmen wie "Robert und Bertram" oder auch "Leinen
aus Irland" Genüge getan wird.
Ich komme auf diese Interferenz,
auf die Doppelstrategie des nationalsozialistischen Antisemitismus und auf die
Filme, in denen sie sichtbar wird, noch zu sprechen. Zuvor jedoch eine Überlegung
zur kulturhistorischen Wurzel des Antisemitismus im NS-Staat oder, genauer:
in den Motiven Hitlers. Der Genocidforscher Gunnar Heinsohn hat die These formuliert,
das aus dem Judentum ins Abendland gelangte Prinzip des "Rechts auf Leben"
sei das "ultimative Kampfziel" Hitlers gewesen. "Mit der Judenvernichtung
soll der Kern der abendländischen Zivilisation herausgeschnitten werden.
Hitler hat die Liebes-, Gerechtigkeits- und Gleichheitsgebote des jüdischen
Monotheismus und vor allem seinen unbedingten Schutz des menschlichen Lebens
als die - in seinen Augen - schwächende Krankheit des Abendlandes ausgemacht."
(10)
Michael Naumann, der kürzlich
in Frankfurt Wassili Grossmans und Ilja Ehrenburgs Schwarzbuch über den
Genocid an den sowjetischen Juden vorgestellt hat, greift diesen Gedanken auf
und spitzt ihn zu: "Nicht der Rassismus dürfte das ursprünglichste
Motiv Hitlers gewesen sein; allenfalls war es sein sozialdarwinistisches Vehikel
im eigentlichen Krieg gegen das Judentum. Der zentrale Impuls der deutschen
Judenmörder...liegt vielmehr in der Ablehnung des Rechts auf Leben überhaupt.
Dies unterscheidet den sogenannten Holocaust auf markante Weise von historischen
Pogromen...Hitler nahm den Kampf mit einer jahrtausendealten Religion auf. Er
wollte das Judentum und ihren Gott ermorden." (11)
Für diese Hypothese gibt
es zahllose Belege in Hitlers "Mein Kampf". Eine dieser programmatischen
Äußerungen zitiert auch Erwin Leiser, ohne allerdings theoretische
Schlußfolgerungen aus ihr zu ziehen: "Der Tag wird kommen",
sagt Hitler, "da ich diesen Zehn Geboten die Tafeln eines neuen Gesetzes
entgegenhalte, und die Geschichte wird unsere Bewegung als den großen
Kampf für die Befreiung der Menschen vom Fluch des Sinai würdigen.
Denn dagegen kämpfen wir ja, gegen den Fluch der sogenannten Moral, nach
der die Schwachen vor den Starken zu beschützen sind. Wir verteidigen das
unsterbliche Gesetz des Kampfes, das große Gesetz der Natur, gegen die
sogenannten Zehn Gebote." (12)
In diesen und ähnlichen Äußerungen
hat das, was ich den antisemitischen Fundamentalismus in den Motiven der NS-Führer
genannt habe, seine gemeißelte Form erhalten. Wenn der alltägliche
rassistische Antisemitismus so etwas wie ein Vehikel war, um das Volk für
den fundamentalistischen Kampf gegen das Judentum und seinen Gott zu mobilisieren
- so funktionierten sehr ähnlich zahlreiche Genrefilme mit antisemitischen
Motiven und antijüdischen Karikaturen als Vehikel, in denen das Volk seine
eigenen Ressentiments wiedererkannte und zugleich auf den totalitären Vernichtungsappell
in Filmen wie "Jud Süss" und "Der ewige Jude" eingestimmt
wurde. Und wenn die Kino-Spione der SS über die Reaktion des Publikums
auf die Hinrichtung Oppenheimers melden konnten, sie sei "mit großer
Genugtung und Befreiung aufgenommen" worden, mit Bemerkungen wie "geschieht
ihm recht, dem Dreckjud" oder "aufgehängt gehören sie alle!"
- dann konnten sie den führenden Stäben genau jenes Feedback übermitteln,
auf das sie warteten, um die Todesmaschine in Ganz zu setzen und gewiß
zu sein, in Überbereinstimmung mit großen Teilen der Bevölkerung
zu handeln.
Auch im alltäglichen, gewöhnlichen
Antisemitismus der Deutschen schwingt vermutlich etwas Fundamentales mit, eine
Art Selbstanklage und Selbstverachtung, die Cioran meinte, als er schrieb: "Wenn
man danach strebt, aus einer Provinz herauszukommen und die Welt zu beherrschen,
ärgert man sich über diejenigen, die längst keine Grenzen mehr
haben: man nimmt ihnen die Leichtigkeit ihrer Entwurzelung, ihre Ubiquität
übel. Die Deutschen verabscheuten im Juden ihren realisierten Traum, die
Universalität, die sie nicht erreichen konnten. Auch sie wollten Erwählte
sein, aber nichts prädestinierte sie für diese Eigenschaft."(13)
„Leichtigkeit der Entwurzelung",
"Ubiquität", "Universalität": diese Begriffe beschreiben
sehr schön, was selbst in den antisemitischen Filmen, wenn auch überdeckt
von der Kolportage billigster Zerreffekte, als Eigentum des jüdischen Menschen
erahnbar ist - ein Eigentum, nach dem die Provinz strebt und das sie in dem
Maße, wie sie es nicht erlangen kann, mit tödlichem Haß verfolgt.
Schon im Genrefilm der Weimarer Republik werden antisemitische Vorurteile sichtbar
- letztlich die Selbstverachtung des Provinzlers, die er als Haß auf den
Typus des wohlhabenden und kunstsinnigen städtischen Juden, auf seinen
Intellekt, auf seine Weltläufigkeit, auf sein sinnliches Verhältnis
zum Genuß und auf seine vermeintliche Fortune im Umgang mit dem Geld projiziert.
Doch erst im Film der dreißiger
Jahre wird die Epoche der Weimarer Republik insgesamt zur "jüdisch-bolschewistischen
Systemzeit" mit ihrer "verjudeten" Kultur, als deren Exponent
die aggressive Karikatur des assimilierten Ostjuden mit allen ihm unterstellten
verderblichen Eigenschaften erscheint.
Zwei Genrefilme, "Robert
und Bertram" und "Leinen aus Irland", eröffnen 1939 die
Serie antisemitischer Filme, und beide stellen die Figur des assimilierten Juden
programmatisch in den Mittelpunkt. Der Tobis-Film "Robert und Bertram",
inszeniert von Hans Heinz Zerlett, basiert auf der gleichnamigen musikalischen
Posse von Gustav Raeder, die seit 1865 auf den deutschen Bühnen sehr populär
und noch gänzlich frei von antisemitischen Motiven war. Zerletts Drehbuch
ist ein Musterbeispiel dafür, wie antisemitische Triebtäter einem
harmlosen Genrestoff eine ganz neue und infame Stoßrichtung geben können.
Zentralfigur des Films ist der
jüdische Berliner Bankier Ipelmeier (gespielt von Herbert Hübner),
der als "neureich" gekennzeichnet wird. Dieser Begriff wurde schon
im 19. Jahrhundert vorzugsweise mit wohlhabenden jüdischen Familien in
Verbindung gebracht, denen unterstellt wurde, sie seien, meist aus Galizien
kommend, auf dunklen Wegen, jedenfalls auf Kosten ehrbarer Deutscher zu ihrem
Wohlstand gelangt. Die Geschichte spielt um 1840; Ipelmeyer ist steinreich und
sehnt sich nach gesellschaftlicher Anerkennung; vor allem drängt es ihn,
vom deutschen Adel akzeptiert zu werden - prompt fällt er auf zwei Landstreicher
herein, die sich ihm als Repräsentanten der Aristokratie vorstellen. Ipelmeyer
als gesellschaftlicher Typus ist schnell umrissen: er ist, seines angehäuften
Reichtums ungeachtet, ein minderwertiger Tölpel aus dem Osten, kulturlos,
ungebildet; sein Vermögen hat er sich erschlichen und seine Villa mit dem
geschmacklosen, aber teuren Plunder der Epoche vollgestopft. Ein Gauner, der
nichts als Schmach verdient.
Natürlich ist er das, was
zu seiner Zeit ein "Schürzenjäger" genannt wurde - aber
er nimmt auch die Untreue seiner Frau in Kauf, wenn es die Geschäfte voranbringt.
Seine Frau ist nicht weniger unsympathisch gezeichnet als die Tochter Isidora,
deren Darstellerin, Tatjana Sais, im Presseheft der Tobis sich folgendermaßen
äußerte: "Es ist ein heikles Gefühl, als Judenmädchen
in das Bewußtsein des Publikums einzugehen. Mir wurde das an den entsetzten
Blicken klar, mit denen uns die vielen Besucher während der Drehzeit musterten.
Wir sahen wirklich aus wie die waschechte Mischpoke." (14)
Dieser banale, geschwätzig-dumme
Alltags-Antisemitismus entsprach genau jener Disposition, der ein Film wie "Robert
und Bertram" ideologische Zuhälterdienste leistete. Er war in der
Serie der antisemitischen Filme die einzige Filmkomödie - doch selbst als
Erzeugnis des heiteren Genres war er bereits an die Strategie der Vernichtung
angekoppelt. Der Pressechef der Tobis brachte es fertig, zu behaupten, Gustav
Raeder, der Autor der literarischen Vorlage von 1865, habe die nationalsozialistische
"Abrechnung mit all denen, die Eigennutz über Gemeinnutz stellen,
vorausgeahnt." (15)
In "Leinen aus Irland"
von Heinz Helbig ist der Antisemitismus bereits programmatischer, grundsätzlicher.
Produziert von der Wiener Styria Film, wurde er für Goebbels, der die Dreharbeiten
besuchte, zum Beweisstück dafür, daß die ein Jahr zuvor okkupierte
österreichische Filmindustrie sich den Richtlinien der Nationalsozialisten
unterworfen hatte. Das Prädikat "staatspolitisch und künstlerisch
besonders wertvoll", das dieser Film erhielt, dokumentiert das Interesse
der Nationalsozialisten an dieser neuen Variante judenfeindlicher Propaganda
mit den Mitteln des historischen Genrefilms. In diesem Fall wird eine Bühnenvorlage
aus den 20er Jahren auf das Geschichtsbild des Antisemitismus zugeschnitten.
Es geht um die Karriere eines galizischen "Ghetto-Juden" im bereits
von Hitler als Szenario des Schreckens ausgemalten Milieu der Donaumonarchie
vor dem Ersten Weltkrieg. Inhalt und Tendenz des Films werden in einer zeitgenössischen
Rezension sozusagen kongenial zusammengefaßt:
"Aus dem kleinen Judenjungen
Cohn aus Krotoschin ist im Laufe von drei Jahrzehnten der Generaldirektor der
Libussa AG in Prag, Dr.Kuhn, geworden, der mit der Verschlagenheit und Skrupellosigkeit
seiner Rasse auf das Ziel hinarbeitet, der Schwiegersohn und Nachfolger des
Präsidenten der Firma...und zugleich der Leinenkönig der ganzen Welt
zu werden. Die freie Einfuhr des irischen Leinens erscheint ihm der richtige
Schritt dazu, ganz gleich, ob dabei hunderttausend böhmische Heimweber
ihr Brot verlieren." (16)
Es bedarf kaum eines Hinweises
darauf, daß die Formulierung "Leinenkönig der ganzen Welt"
ganz bewußt an das antisemitische Phantasma von der "zionistischen
Weltverschwörung" anknüpft. Dieser assimilierte Dr. Kuhn (gespielt
von Siegfried Breuer) ist, gleichfalls nach einer zeitgenössischen Rezension,
"äußerlich elegant, in der Mimik aber irgendwie schmierig, immer
mit eitlem, frechem Lächeln um den gekräuselten Mund und mit Augen,
die nach Macht und Vorteil gieren." (17) Er ist bedeutend gefährlicher
als der tolpatschige Bankier Ipelmeyer in "Robert und Bertram", in
seinen Geschäftsmethoden rabiat und intrigant, eloquent und von Machtwillen
durchdrungen. Wie Ipelmeyer und - man kann ohne Umschweife sagen: wie alle Juden
im Film der NS-Zeit - ist er geil auf die Liebe einer deutschen, oder genauer:
einer nicht-jüdischen Frau; in diesem gleichbleibenden Topos, der an die
antisemitischen Haß- und Angst-Projektionen in der Triebstruktur der Zuschauer
appelliert, erschöpft sich im Grunde der ganze erotische Apparat, der erotische
Subtext des antisemitischen Films - ein Subtext, der allerdings in "Jud
Süss" mit einer sinnlich raffinierten, sexistischen und aggressiv
stimulierenden Bildsprache ausgestattet wird. Und so wie Ferdinand Marian in
"Jud Süss" als assimilierter Finanzrat Oppenheimer in den Gestalten
des von Werner Krauss gespielten Rabbi Loew oder seines Sekretärs Levy
an das Ghetto und seine ostjüdischen Ursprünge erinnert wird, so hat
dieser Kuhn als galizischen Schatten den "Ghetto-Juden" Sigi Pollack
zur Seite; und wie Nathan Rothschild und Süss Oppenheimer fällt Kuhn
selbst am Ende, wenn seine Hoffnungen und sein Ränkespiel zusammengebrochen
sind, zurück in das jiddische Idiom: "Jude bleibt Jude" - da
hilft auch keine Assimilation.
Ich habe hier zwei Filme hervorgehoben,
die, im Verhältnis zum antisemitischen Fundamentalismus späterer Filme,
eher eine Vehikelfunktion hatten; ihre Anknüpfungspunkte waren die tradierten
judenfeindlichen Impulse in breiten Teilen der Bevölkerung. Allerdings
nimmt der Textilfabrikant Kuhn schon einige Elemente der Dämonisierung
in der Gestalt Oppenheimers vorweg. Doch während der Harlan-Film zur gewichtigen,
staatspolitisch und künstlerisch wertvollen Tragödie aufgedonnert
werden wird, bleibt "Leinen aus Irland" noch ein Unterhaltungsfilm
- ein "politischer Unterhaltungsfilm", wie seinerzeit die Zeitschrift
"Der deutsche Film" (18) definiert hat.
Aus Gründen, die heute nur
sehr schwer zu rekonstruieren sind, waren beide Filme, "Leinen aus Irland"
wie auch "Robert und Bertram", nicht besonders erfolgreich - jedenfalls
gemessen an dem Publikumszuspruch, den "Die Rothschilds", die beiden
Bismarck-Filme von Wolfgang Liebeneiner, die Filme "Carl Peters" und
"Ohm Krüger" und vor allem, absolut an der Spitze in der Hit-Liste
Anfang der 40er Jahre, "Jud Süss" gefunden haben. Das Gesamtbild
bliebe schief, wenn außer Betracht bliebe, daß es eine Kontinuität
antisemitischer Topoi im deutschen Genrefilm gegeben hat, die aus einleuchtenden
Gründen nach 1933 dichter wird. Karsten Witte hat exemplarisch den Film
"Nur nicht weich werden, Susanne!" analysiert, den Arzen von Czerepy
1936 inszeniert hat; ein Film, der selbstreferentiell das beliebte Sujet der
Filmindustrie gewählt hat - und eine "Systemzeit"-Klamotte dazu:
"Susanne ist die ewige Statistin, die auf ihren Durchbruch wartet. In der
Kantine geht sie mit deutschem Liedgut gegen 'scheußliche Radiomusik'
an. Der jüdische Filmproduzent Sammy Gold (das soll nach Samuel Goldwyn
klingen) ist eine widerliche Karikatur aus Geld und Geilheit (Veit Harlan spielt
seinen Chauffeur). Doch es gibt einen deutschen Regisseur. Der kämpft für
den 'sauberen, künstlerischen' Film - und will im Studio einen Realismus
durchsetzen, den keiner ernst nimmt. (...) Diese dürftige Komödie
hat zwei innere Feinde: den jüdischen Mann, dessen erotisches Begehren
denunziert wird, und die autonome Frau, deren künstlerische Selbstverwirklichung
erst ermutigt, dann erledigt wird. Der ästhetische Gegner heißt Realismus,
der unterwandert und dann entkräftet wird...Im Dritten Reich soll daraus
wieder die formende Kraft des Illusionismus werden." (19)
In dieser Interpretation wird
sehr schön deutlich, daß dieser Film das antisemitische Motiv mit
dem selbstreferentiellen Verweis auf die neue Filmpolitik und die neue Filmästhetik
verschmilzt. Unter der Aufsicht von Josef Goebbels wurden selbst flitterhafte
Unterhaltungsfilme in der Interlinearversion gelegentlich zu Programm-Filmen
- und meistens sind es Juden, die als Repräsentanten des verwerflichen,
verbrecherischen, lasterhaften, menschenfeindlichen Programms herhalten müssen.
Der Verdacht, daß die Nationalsozialisten nur ihre eigenen verwerflichen,
verbrecherischen und menschenfeindlichen Ziele auf die Juden projiziert haben,
ist oft und mit Recht geäußert worden.
In "Nicht weich werden, Susanne!"
steht der Jude Sammy Gold, abgesehen von seinen sonstigen schlechten Eigenschaften,
für eine verrottete, moralisch verkommene Filmindustrie. In anderen Filmen
repräsentieren Juden das sexuelle Laster, die kommunistische Unterwanderung,
die zersetzende linke Intelligenz, das Intrigantentum an den deutschen Fürstenhöfen,
das britische oder amerikanische Finanzkapital. Je nach politischer Konstellation
oder nach der Zusammensetzung des Publikums wetterten die Nationalsozialisten
gegen die "rote" oder die "goldene Internationale", gegen
die "jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung" oder gegen
das "verjudete Wallstreet-Kapital". Sie praktizierten in ihrer Propaganda
eine Art Verschmelzungsstrategie, einen ideologischen Synkretismus, der es ihnen
ermöglichte, die Welt, die ja voller unterschiedlicher Feinde war, in einem
negativen Super-Symbol zusammenzufassen und die Aufmerksamkeit des Volkes "immer
auf einen einzigen Gegner zu konzentrieren" (20), wie es Hitler in "Mein
Kampf" gefordert hat. Es liegt auf der Hand, daß gerade die technischen
und ästhetischen Spezifika der Kinematographie, die mit Überblendungen
und mit einer Vielzahl optischer Verschmelzungen arbeitet, für eine solche
Propaganda-Konzeption besonders tauglich waren.
Es gibt eine Legende in der deutschen
Filmgeschichtsschreibung; sie besagt, die Nationalsozialisten hätten die
Filmindustrie zum monolithischen Block zusammengeschlossen -
und mit Hilfe der Filme das ganze deutsche Volk im ideologischen Griff gehabt.
Ich habe mich gegen diese Legende mehrfach ausgesprochen. Die These vom ideologischen
Klammergriff übersieht, daß Filme schwer zu reglementieren sind;
der Ursprung des Filmischen ebenso wie die Faszination des Kinos ist die frei
vagabundierende Phantasie, der sich der filmische Text verdankt und die er wiederum
im Kopf des Zuschauers stimuliert. Darum wird es nie eine zuverlässige
Aussage darüber geben, auf welche Weise ein Film wie "Jud Süss"
in den Köpfen der Zuschauer "funktioniert" hat - wenn wir uns
nicht allein auf die von Goebbels gesteuerte Filmkritik und die Spitzelberichte
des Sicherheitsdienstes stützen wollen.
Die Deutschen der 30er und 40er
Jahre wollten Unterhaltungsfilme sehen - und sie hatten keine grundsätzlichen
Bedenken gegen antisemitische Propaganda. Aber das Goebbelssche Konzept, den
Unterhaltungsfilm mit antisemitischer Propaganda zu kollagieren, ging keineswegs
immer auf - wie das Beispiel der "politischen Unterhaltungsfilme"
"Robert und Bertram" und "Leinen aus Irland" zeigt. Die
NS-Propaganda als geschlossener Regelkreis, in dem der In-put nationalsozialistischer
Einflüsterungen bei den Zuschauern einen Out-Put nationalsozialistischer
Dispositionen zur Folge hatte, ist sicher eine Fiktion. Heute versuchen wir,
die ökonomischen Daten zu interpretieren: was bedeutet es, daß Harlans
"Jud Süss", eine überaus aufwendige und teure Produktion,
in nur fünfzehn Monaten annähernd 6 Millionen Mark einspielte und
der Terra mehr als 3 Millionen Gewinn verschaffte? Viele Millionen sahen diesen
Film - aber wir können nur vage, durch nichts gesicherte Vermutungen darüber
anstellen, was in ihren Köpfen vorging.
Eine ganz andere Frage ist die,
was dem deutschen Film widerfuhr, als er in die nationalsozialistische Klausur
geriet. Keine Frage - er wurde beschädigt. Aber diese moralische Feststellung
erschöpft das Problem keineswegs. Ende der 20er Jahre hatte sich ein Repertoire
sehr deutscher Filmgattungen etabliert: es gab den historischen Film, es gab
die ersten naturseligen Heimatfilme, das Verwechslungslustspiel, den Kriegsfilm,
die Salonkomödie und den Bauernschwank. Unter den Bedingungen der Weimarer
Republik irrlichterte durch diese Genres noch das ganze ideologische und ästhetische
Strandgut einer wenn auch labilen Demokratie; es gab das Laster, die Lust, die
Laszivität und nicht zuletzt den jüdischen Witz, die jüdische
Ambivalenz. Ab 1933 erhielten diese Gattungen ihre deutsche Prägung, wurde
der deutsche Film wirklich deutsch. Die Gattungen existierten weiter - zumeist
in der Gestalt des "unpolitischen Unterhaltungsfilms"; aber sie wurden
in eine Engführung hineingezwängt, in der das, was zuvor vielfältig,
ambivalent oder auch einfach nur spektakelhaft gewesen war, ein Korsett aus
deutscher Eiche erhielt.
Wir kommen nicht darum herum,
auf die antisemitischen Filme noch einmal einen anderen Blick zu werfen: "Leinen
aus Irland" ist auch ein deutscher Liebesfilm, und "Jud Süss"
ist auch ein Heimatfilm über das Württemberg des 18. Jahrhunderts
- und ein Film über die Gefühle einer deutschen Frau (die allerdings
mangels deutscher Stars von der schwedischen Schönheit Kristina Söderbaum
gespielt wurde). Ich zögere, zu behaupten, daß im Faschismus der
deutsche Film faschistisch wurde. Im Faschismus kam das deutsche Kino zu sich
selbst. Ich gebe zu, daß dieses Fazit nicht besonders tröstlich ist
- denn wir haben nicht die Freiheit, z.B. die antisemitischen Filme dabei stillschweigend
auszuklammern. "Das verruchte Erbe ist nicht teilbar", schreibt Karsten
Witte. "Man schlägt es aus oder nimmt es an." (21)
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist zuerst 1996 erschienen
in: Kugelmann, Cilly/Backhaus, Fritz (Hrsg.): Jüdische Figuren in Film
und Karikatur. Frankfurt/M.
Quellen
und Literaturhinweise:
(1) Karsten Witte, Film im Nationalsozialismus. In: Wolfgang
Jacobsen, Anton Kaes, Hans Helmut Prinzler
(Hrg.), Geschichte des deutschen Films. Stuttgart/ Weimar 1993, S. 119
(2) Klaus Kreimeier, Von Henny Porten zu Zarah Leander.
Filmgenres und Genrefilm in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus.
In: montage/av 3/2/1994, Berlin 1994, S. 41 ff.
(3) Georg Seeßlen, Tanz den Adolf Hitler. Faschismus
in der populären Kultur. Berlin 1994, S. 40
(4) Zeitschriftendienst, 56. Ausgabe vom 17.5.1940
(5) Erwin Leiser, "Deutschland, erwache!".
Propaganda im Film des Dritten Reiches. Reinbek bei Hamburg 1968, S. 134 f.
(6) Zitiert nach Leiser, a.a.O., S. 73
(7) Der Film, 20.1.1940
(8) Zitiert nach: Hilmar Hoffmann, "Und die Fahne
führt uns in die Ewigkeit". Propaganda im NS-Film. Frankfurt/M. 1988,
S. 166
(9) Der Erlaß Himmlers ist faksimiert bei Leiser,
a.a.O., S. 74
(10) Zitiert nach: Michael Naumann, "Die Schreie
der Opfer sind für immer unüberhörbar", in: Frankfurter
Rundschau, 5.1.1995
(11) Naumann, a.a.O.
(12) Zitiert nach Leiser, a.a.O., S. 65
(13) E.M. Cioran, Dasein als Versuchung. Stuttgart 1983.
Hier zitiert nach: Witte, a.a.O., S. 153
(14) Tobis-Presseheft zu "Robert und Bertram".
Berlin 1939, S. 17
(15) Tobis-Presseheft zu "Robert und Bertram",
S. 5
(16) Lichtbild-Bühne, Nr. 241, 16.10.1939
(17) Zitiert nach Dorothea Hollstein, "Jud Süss"
und die Deutschen. Antisemitische Vorurteile
im nationalsozialistischen Spielfilm. Frankfurt/M., Berlin, Wien 1983, S.55
(18) Der deutsche Film, 5.11.1939
(19) Witte, a.a.O., S. 126
(20) Adolf Hitler, Mein Kampf. München 1933, S.
129
(21) Witte, a.a.O., S. 170
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