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Im
Rückspiegel
In
einer kühnen Mischung aus Kunstinstallation und Filmprogramm erfindet der
britische Künstler Phil Collins das Autokino neu – auf dem Berliner Schlossplatz
Wir
stehen im Stau. In der Dunkelheit glimmt nur die Senderanzeige des Autoradios.
Unter normalen Straßenbedingungen würde man nervös. Wie unangenehm,
den fahrbaren Untersatz keinen Zentimeter von der Stelle bewegen zu können.
Aber im Autokino bewegt uns der Film. Also kippen wir den Sitz in eine angenehme
Position, nippen kurz an der Cola, und schon beginnt ein Film. „Finistère“
(2005) dauert keine sechs Minuten und repräsentiert nicht gerade das erwartbare
Drive-In-Futter. In einer einzigen Einstellung zeigt Susanne Bürner eine
erwartungsvolle Gruppe von Menschen, die mit Kameras und Ferngläsern auf
einen weiß-graugrünen Verlauf starren. Das ursprünglich dokumentierte
Ereignis im Hintergrund wurde offenbar digital gelöscht. Für uns auf
dem Autositz heißt das: Betrachter betrachten Betrachter. Ein Film als
Spiegel. Indem er das Begehren des Zuschauers thematisiert, ist er symptomatisch
für das ganze Programm in der Temporären Kunsthalle auf dem Berliner
Schlossplatz.
Es
klopft an der Seitenscheibe. Der Künstler Phil Collins – nicht zu verwechseln
mit dem britischen Pop-Sänger und Schlagzeuger – begrüßt die
Teilnehmer der Pressekonferenz, die im Kern aus einer Auswahl von acht Kurzfilmen
besteht. Zwecks Testvorführung sind die Journalisten auf die 15 in der
Halle parkenden Gebrauchtwagen verteilt. Denn der Querschnitt aus dem „Auto-Kino!“-Programm
soll unbedingt aus der Windschutzscheiben-Perspektive betrachtet werden.
Das
Auto als Protagonist wird in der Gesamtauswahl nicht überbewertet, aber
auch experimentelle „Road Movies“ sind zu sehen. Darunter ein Blick zurück
auf das Westberlin des Jahres 1979: Christoph Doerings auf schwarzweißem
Super-8 gedrehter „Taxi Film“ nimmt den Blickwinkel eines Taxifahrers ein. Geradeaus
verschwimmt das Ku’damm-Lichtermeer, hinten auf dem Rücksitz vergnügt
sich das Partyvolk – oder starrt dumpf alkoholisiert vor sich hin. Das damalige
Lebensgefühl zwischen Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Aktionismus und Klaustrophobie
wird in einer Sequenz auf den Punkt gebracht, in der die Kamera mehrmals auf
die Berliner Mauer zurast. Eine trotzige Geste.
Auf
der anderen Seite des Gefühlsspektrums rangiert Filipa Césars „Allee
der Kosmonauten“ (2007). Der Acht-Minuten-Film blickt retrospektiv, mit gespenstischer
Melancholie auf die Ost-West-Vergangenheit der Stadt. Die im Titel genannte
Straße im Osten Berlins ist Relikt des gemeinsamen Weltraumflugs von Sigmund
Jähn und Waleri Fjodorowitsch Bykowski. Zunächst bleibt die Kamera
in Fußgängerperspektive, dann löst sie sich vom Boden, wie im
Traum, als könnte sie die Erdanziehung überwinden und die nüchternen
Plattenbauten ganz zurücklassen. So viel Science-Fiction gewährt uns
die portugiesische Filmemacherin allerdings nicht.
Zurück
auf den Boden. An den Hinterrädern stecken Bremskeile. Mit der gewählten
Präsentationsform der Experimentalfilme und Künstlervideos betritt,
oder: befährt Collins absolutes Neuland. Im abgeschirmten Käfig des
PKW vor einer Kinoleinwand wird schnell klar, dass die Mischung aus Installation
und breit gefächertem Filmprogramm mehr ist als ein Kunst-Event, das möglichst
viele Besucher auf den Berliner Schlossplatz locken soll. Andererseits hofft
Collins durchaus darauf, gegenüber anderen Ausstellungsprogrammen ein größeres
Publikum anzusprechen: „Der elitäre Charakter vieler zeitgenössischer
Veranstaltungen bringt mich wirklich auf“, sagt der britische Künstler,
der 2006 für den berühmten Turner Prize nominiert war. Zwischen 2008
und 2009 Gast des „Deutschen Akademischen Austauschdienstes“, zeigt Collins
zeitgleich zum Autokino-Projekt seinen eigenen Film „soy mi madre“ (Ich bin
meine Mutter) bis zum 20. März in der Berliner daadgalerie. Für den
28-minütigen Film arbeitete er mit mexikanischen Telenovela-Stars und Pedro
Almodóvars Kameramann José Luis Alcaine zusammen.
Auf
die Verflechtung von Pop und Avantgarde legt Collins auch als „Auto-Kino!“-Programmgestalter
wert: Bei Undergroundfilmern wie Kenneth Anger („Kustom Kar Kommandos“, „Invocation
of My Demon Brother“) oder später bei Christoph Schlingensief („Die
120 Tage von Bottrop“,
„Mutters
Maske“)
spielt der Einfluss von Genrekino und Trashfilmen – die zugleich bevorzugte
Inhalte in klassischen Drive-In-Filmtheatern waren – eine zentrale Rolle. Ebenfalls
angekündigt sind drei Arbeiten der Belgierin Lucile Desamory, die das komplette
Monsterkabinett ihrer Fernsehkindheit in spielerisch-naiven Kurzfilmen auftreten
lässt.
„Ozoners“
wurden Autokinos in den USA oft genannt, in einer Zeit, da ein hoher Ozongehalt
in der frischen Luft noch als zuträglich galt. Erfunden wurde diese spezielle
Art von Freiluftkino von einem amerikanischen Fabrikanten für Autopflegemittel,
der zum Zweck der Filmprojektion einfach eine Backsteinmauer mit weißem
Anstrich versah. 1933 wurde das „Camden Drive-In Theatre“ in New Jersey mit
335 Stellplätzen eröffnet – und schon drei Jahre später wieder
geschlossen. Wirklich populär wurden die Autokinos erst in den 1950er und
frühen 1960er-Jahren, als der Autokult in den USA teils absurde Blüten
trieb und man sogar davon träumte, Arztbesuche und Behördengänge
am Autoschalter erledigen zu können. Vor dem Siegeszug des Fernsehens waren
die „Open-Airs“ das preiswerte Kinovergnügen für die ganze Familie,
wobei das Auto wie ein Wohnzimmer auf Rädern funktionierte. Neben Imbissbuden
gab es in den ganz großen Autokinos sogar Spielplätze, Karussells
und Minigolfplätze; den Größenrekord hielt bis zu seiner Schließung
1997 das für 4000 Autos eingerichtete Mammutkino in Newington, Connecticut.
Um das Auto kinotauglich zu machen, wurde im Verlauf der Evolution der Autokinos
einiger Aufwand getrieben: Rampen mussten für die Vorderräder gebaut
werden, um mit dem Neigungswinkel die Sicht zu verbessern, Lautsprechersysteme
wurden entwickelt, die ins Fenster eingehängt werden konnten. Das spätere
Prinzip der Übertragung aufs UKW-Radio wird auch bei den Autos in der Temporären
Kunsthalle angewandt. „Ich freue mich aufs erste Autokino-Baby“, scherzt Phil
Collins, der auf die historische Funktion der „Drive-Ins“ als Rückzugsorte
für Liebespaare anspielt – die bevorzugt in der „love lane“ parkten, der
letzten Wagenreihe. Vor dem Hintergrund einer prüden Gesellschaft waren
die Ausflüge in „Knutschkinos“ – von Moralwächtern eher als „passion
pits“ (Fallgruben der Leidenschaft) bezeichnet – nicht zuletzt Ausdruck von
Rebellion gegen rigide Moralvorstellungen.
Insgesamt
100 Titel werden bis zum 14. März in der Temporären Kunsthalle gezeigt,
ausgesucht von Collins und Sinisa Mitrovic, die gemeinsam die Shady Lane Productions
betreiben. Das reiche Spektrum an Filmen – darunter auch Essayfilme von Alexander
Kluge oder Harun Farocki – verrät einen reflexiven Zugang zum Medium –
Collins hat Film und Drama in Manchester und Filmtheorie in London studiert.
Ein Autokino hat der Künstler zum ersten Mal im vergangenen Herbst besucht,
„in Berlin-Tegel, kurz bevor die Saison vorbei war“, wie er selbst erzählt.
Unverkennbar geht es Collins nicht um die nostalgische Instandsetzung einer
sterbenden Kinoform. Vielmehr scheint ihn die gesteigerte Selbstwahrnehmung
des Zuschauers zu interessieren, der im Kontext einer Kunsthalle natürlich
weit intensiver über seine Betrachterrolle nachdenkt. Dass die Leinwand
Projektionsfläche im doppelten Sinne ist – nämlich nicht zuletzt das
Rechteck, das wir mit unseren individuellen Erwartungen, Wünschen und Erinnerungen
füllen, mag inzwischen als Binsenweisheit gelten. Nichtsdestotrotz blenden
wir dieses Wissen weitgehend aus, wenn wir immer wieder in die virtuelle Welt
eines Films eintauchen. Obwohl eine Schnittstelle zwischen Leinwandbild und
psychischem Filmerlebnis sehr wohl existiert, ist sie in der Kinopraxis aufgehoben.
Dem arbeitet die Innenarchitektur des heutigen Standardkinos zu: eine Black
Box, in der kein Detail die innige Beziehung zwischen Publikum und Film unterbricht.
3-D-Spektakel wie „Avatar“ steigern
die beschriebene Symbiose noch, denn das stereoskopische Bild treibt die Verschmelzung
mit der Leinwandrealität noch weiter.
Der
Umstand, dass der Zuschauer hinterm Steuerrad weniger intensiv in das Kinoerlebnis
verwickelt ist, hat ebenso zum Niedergang des Autokinos geführt wie die
Tatsache, dass diese Theater aufgrund ihrer Abhängigkeit von Wetter und
warmen Jahreszeiten nicht wirklich effizient betrieben werden konnten. Für
Collins gehören aber gerade die Distanz zum Filmgeschehen und die Reflexion
des Zuschauers über die eigene Wahrnehmung zur Versuchsanordnung dazu.
Und er dreht die Schraube des Experiments noch weiter, indem er sich ein Autokino
imaginiert, das „seit 80 Jahren auf dem Schlossplatz die Kinohits ihrer Zeit
gezeigt haben könnte“. Auf diese Weise werden deutsche Spielfilme aus fünf
Jahrzehnten Teil des Projekts. Zeitweise wird dafür ein 35-mm-Projektor
in die Kunsthalle geschafft. „Ich will Kino und nicht nur ‚Auto-DVD’!“ betont
Collins. Gleichsam im Rückspiegel präsentiert er Fritz Langs „Testament
des Dr. Mabuse“
(1933) oder den lange Zeit vergessenen Peter-Lorre-Film „Der
Verlorene“
(1951). Doch der englische Künstler-Kurator schreckt auch nicht davor zurück,
in Verruf geratene Filme wie das NS-Propaganda-Melodram „Die große Liebe“
(1942) oder Veit Harlans todessehnsüchtigen „Opfergang“ (1944) zu zeigen.
„Das Deutsche Kino ist sich seiner selbst nicht bewusst“, konstatiert Phil Collins.
Tatsächlich
scheint der Berliner Schlossplatz der ideale Ort, um über die Brüchigkeit
der deutsche Identität nachzudenken – in kultureller wie politischer Hinsicht.
Die Kunsthalle, innen ein temporäres Kino, außen zurzeit als Staatsratsgebäude
getarnt (ein Projekt der Künstlerin Bettina Pousttchi), wird im September
den Baggern weichen. Irgendwann dürfte hier eine barocke Stadtschlossfassade
glänzen. Und diese Projektionsfläche soll, so die allgemeine Hoffnung,
eine dauerhafte sein.
Jens
Hinrichsen
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst
„Auto-Kino!“
in der Temporären Kunsthalle Berlin, vom 5. Februar bis zum 14. März
2010. Die Logenplätze in den 15 Gebrauchtwagen sind begrenzt, Kartenreservierung
unter 030 2060 5512. Der Eintritt ist frei.
Weitere
Informationen und Filmprogramm unter: www.kunsthalle-berlin.com
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