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"Berliner Schule" - Eine Collage
Mitte
der 1990er Jahre sind auf Festivals zum ersten Mal Arbeiten von den Filmemachern
zu sehen, die heute als Begründer einer „Berliner Schule” bezeichnet werden:
Mach
die Musik leiser
von Thomas Arslan im „Panorama” der Berlinale 1994, Das
Glück meiner Schwester
von Angela Schanelec im „Forum” der Berlinale 1995 und Pilotinnen
von Christian Petzold auf dem „Max Ophüls Festival” 1995 in Saarbrücken.
Die drei Regisseure haben nahezu zeitgleich an der Deutschen Film- und Fernsehakademie
Berlin (DFFB) studiert.
Die DFFB ist eine kleine Schule, die wenigen Studenten kennen sich untereinander.
Vor allem im ersten Studienjahr, in dem der jeweilige Jahrgang vom Lehrplan
in diversen Einführungskursen eng beieinander gehalten wird, finden in
ihrer Schärfe ebenso notwendige wie produktive Abgrenzungskämpfe statt.
Schnell guckt man, wer aus den anderen Jahrgängen als Verbündeter
in Frage kommt.
Während der 1970er Jahre hatte sich die DFFB den Ruf einer linksradikal-inhaltistischen
Einrichtung erworben. Grob gesprochen wird dann mit dem Einzug von Video eine
theoretisch-ästhetische Umorientierung eingeläutet. Der explizit politische
Impetus schwächt sich mehr und mehr ab. Die Fraktion, die am deutlichsten
erkennbar eine neue Position vertritt, ist diejenige, die den Pop-Diskurs in
Stellung bringt, und zwar gegen die selbst ernannten Bauchmenschen und Macher-Typen
einer notorisch theoriefeindlichen deutschen Filmlandschaft. Anfang der 1980er
bis Mitte der 1990er hat das Modell des bohemistisch-künstlerisch-intellektuellen
Filmemachers die größte Präsenz in der Institution DFFB.
Einige Namen: Christoph Dreher, Bärbel Freund (Aufnahme an der DFFB 1979);
Frank Behnke (82); Reinhold Vorschneider (83); Wolfgang Schmidt (84); Angelika
Becker, Ludger Blanke, Michel Freericks (85); Thomas Arslan (86); Christian
Petzold (88). Blanke, Freericks, Arslan und Petzold besuchen ab Ende der 1980er
viele Veranstaltungen gemeinsam, setzen sie im Rahmen einer weit gehenden studentischen
Mitverwaltung auch durch und organisieren sie. So ist ein regelmäßiger
Filmvorführtermin jahrelang fest in ihrer Hand und wird dazu genutzt, eine
große filmische Bandbreite in den Blick zu bekommen.
Einige dieser Filme: Coup
de Boule; Gallodrome; Hunde aus Samt und Stahl
(Romuald Karmakar); Bike
Boy
(Andy Warhol); Two
Thousand Maniacs; Blood Feast
(Hershell Gordon Lewis), La
Rosière de Pessac; Le Père Noel a les yeux bleus
(Jean Eustache), Echoes
of Silence
(Peter-Emmanuel Goldmann), Landscape
Suicide
(James Benning), Two
Lane Blacktop
(Monte Hellman), die autobiografische Trilogie von Bill Douglas, Eltávozott
nap
(Marta Meszaros), Sherman's
March
(Ross McElwee), Spend
It All
(Les Blank), Der
Lauf der Dinge
(Fischli/Weiß) oder die Hundefilme von William Wegmann u.v.m.
Genauso divers wie diese Aufzählung gestalten sich die individuellen Ansätze
bei der eigenen Praxis: Sie bewegt sich zwischen Reaktualisierungen ost-europäischer
Ironie bei Freericks (Unser
Mann im All; Chronik des Regens)
und Warhol’scher Coolness bei Arslan (Risse;
19 Porträts).
Wichtig sind auch fotografische Einflüsse: von Walker Evans über Robert
Frank bei Petzold (Süden)
bis zu Lee Friedlander und William Eggleston bei Blanke (Der
Tod des Goldsuchers; 7 Melodies Chrono)
und dem frühen Larry Clark wieder bei Arslan (Mach
die Musik leiser).
Und Comic-Vorbilder (besonders die Konturschärfe bei Petzold verweist auf
die ligne claire-Schule seit Hergé). Eine Faszination für B-Formate
industrieller Erzählweisen und starke Affinität für Underground-Sonderlinge
über alle Gattungen hinweg – immer ist es ein Bezug auf Pop, ganz entscheidend
auch Pop-Musik, der die gemeinsame poetologisch-ästhetische Grundlage stiftet.
Einige weitere Filme: Hilf
mir, Gabrielle
(Martin Schlüter/Irina Hoppe/Heino Deckert, 1986); Zwischen
Gebäuden
(Thomas Schultz, 1989), Cannae
(Wolfgang Schmidt, 1989); Das
Wasser des Nils wird zu Blut werden
(Frank Behnke; 1989).
Irina Hoppe, zu der Zeit bereits Absolventin, ist zunächst die einzige
Frau, die mit diesem Pop-Verein sympathisiert. Ihre ästhetische Komplizenschaft
kann man in einer der schönsten Szenen von Blankes Der
Tod des Goldsuchers
(1989) sehen, in dem Hoppe – zusammen mit Florian Koerner von Gustorf (Trommler
der Band MUTTER; später Produzent bei Schramm-Film, jener Firma, die dann
die meisten Filme der Berliner Schule-Protagonisten herstellt) – dabei zu beobachten
ist, wie sie das Dispositiv eines Improvisationsspielraums genießen und
füllen kann: Der Dialog findet nie zu seinem Gegenstand, weil mit spontanen
Aussetzern und Lachanfällen immer wieder die Wirklichkeit der Drehsituation
in die Unterhaltung einbricht. Das erzeugt einen Ton, der als Stilmerkmal vielen
dieser Filme eigen wird: ein luftiges Flanieren entlang der Grenzen zwischen
Inszenierung und Dokument, zwischen Distanzarbeit durch Kunstgesten und Näheproduktion
durch das Einbauen eigener Lebensrealitäten.
Hoppe dreht 1994 den Dokumentarfilm Deutschländer,
ein merkwürdig unbeachteter Beitrag zur kinematografischen Auseinandersetzung
mit der Migrantenthematik in Deutschland und ein wichtiger Bestandteil auch
des Arslan’schen Werks, denn Arslan führt hier die Kamera – zwei Jahre,
bevor mit Kardesler/Geschwister
der erste Teil seiner Migranten-Trilogie entsteht, die 1999 mit Dealer
und 2001 mit Der
schöne Tag
fortgesetzt wird.
Angela Schanelec, die Jahrgangsjüngste der drei vorgeblichen Begründer
der „Berliner Schule” (DFFB-Jahrgang 90), kommt als ausgebildete Theaterschauspielerin
an die Filmakademie. In der Spezifik der oben genannten Filme, vor allem jener
Arslans, erkennt sie Antworten auf ihre persönlichen Fragen zu Inszenierungs-
und Abbildungsverfahren des Kinos und geht sofort zum Produzieren über.
1992 ist sie Regie-Assistentin bei Arslans 40-Minüter Im
Sommer (Die sichtbare Welt)
(Kamera: Blanke; hier orientiert sich Arslan zum ersten Mal stärker an
Eustache als an Warhol). Noch im selben Jahr dreht sie Ich
bin den Sommer über in Berlin geblieben
– wohl mit Anleihen an Arslan, aber vor allem inspiriert von der eigenen Lebenssphäre.
Damit war dann eine Art Beweis vollbracht: Ja, diese Methode eines spezifischen
Realismus funktioniert auch außerhalb des Jungs-dominierten Pop-Kontextes.
Sie ist auf unterschiedliche Milieus und Sujets übertragbar. Nach Schanelecs
Abschlussprojekt Das
Glück meiner Schwester
folgen die Filme Plätze
in Städten
(1998), Mein
langsames Leben
(2001) und Marseille
(2004).
*
Mitte der 1990er Jahre ist die deutsche Film- und Fernsehlandschaft geprägt
von erfolgreichen Komödien, die zumeist von Münchener Produktionsfirmen
in Zusammenarbeit mit den erstarkten Privatsendern produziert werden. Deren
Propagandisten (Eichinger; Bild,
Spiegel,
Stadtzeitschriften, etc.) flankieren diese Filme mit einem zum Teil hässlich
nachtreterischen Diskurs. Dieser behauptet eine Übermacht des aus den 1970ern
übrig gebliebenen unpopulären „Autorenfilms”, gegen den ein publikumsbezogenes
Selbstbewusstsein platziert wird, das vor dem „Oberhausener Manifest” anzusetzen
habe. Man verlautbart die Notwendigkeit einer starken und schlagkräftigen
Filmindustrie und denkt diese in den Grenzen von 1959. Medienwirksamer Ausdruck
dieser filmpolitischen Restauration sind die “German Classics” von 1996, von
Eichinger produziert; „cinema for television”, Remakes erfolgreicher Filme der
Adenauerzeit, mit hohem Produktions- und PR-Aufwand für den Fernsehsender
Sat1 (Leo Kirch) produziert und mit Filmförderung finanziert. Regisseure
dieses Umfelds: Nico Hofmann, Sönke Wortmann, Rainer Kaufmann, Katja von
Garnier und Eichinger selbst. Zugleich findet zu dieser Zeit eine Ausdifferenzierung
des Marktes nach US-amerikanischem Vorbild statt. In Berlin gründen 1994
der Produzent Stefan Arndt und die Regisseure Dani Levy, Tom Tykwer und Wolfgang
Becker die Firma X-Filme, die wie Harvey Weinsteins amerikanische Miramax die
zum Marktsegment gewordene „Independent/Arthouse”-Schiene bedienen will. Beide
Gruppierungen operieren mit einem filmästhetisch regredierten Genrebegriff,
der mit einem damit scheinbar natürlich verbundenen Vollzug regelhafter
Dramaturgie-Modelle Hand in Hand geht. In dieser Zeit besteht das Sprechen über
Filme in Filmhochschulen, Filmproduktionsfirmen und Fernsehredaktionen größtenteils
aus Phrasen der damals populären Drehbuchideologien (3-Akt-Struktur; plot
points; Identifikation und Einfühlung; „powered by emotion”). Diese hatten
sich in Amerika in den späten 1970ern mit der Neuformierung des Studiosystems
nach „New Hollywood” herausgebildet und sich spätestens in den 1990ern
als Evalierungswerkzeug zur Finanzierung von Filmen und mithin auch als Distributionskriterium
bis hinein in die Filmkritik durchgesetzt. Die ökonomisch-distributorische
Makro-Perspektive verdrängte die Mikroperspektive auf Abbildungsverfahren
und Inszenierungspraktiken. Die Filme der „Berliner Schule” werden innerhalb
dieser veränderten Rahmenbedingungen als Gegenentwurf lesbar.
*
Den Begriff „Berliner Schule” benutzt als erster der Filmkritiker Rainer Gansera.
In einem Artikel mit dem Titel “Glücks-Pickpocket” (Süddeutsche
Zeitung,
3. November 2001) führt er anlässlich des Kinostarts von Thomas Arslans
Film Der
schöne Tag
eine Reihe von Kriterien an, um eine gemeinsame Ästhetik in den Filmen
Arslans, Schanelecs und Petzolds zu definieren: „Alle drei wollen die Wirklichkeit
weder decouvrieren noch ironisieren. Sie erzeugen – ästhetisch am Gegenpol
des Dogma-Vitalismus – Evidenzen, indem sie ihren Figuren Schönheit und
Würde verleihen.” Man kann davon ausgehen, dass Gansera, der in den 1970er
Jahren unter anderem in der Zeitschrift Filmkritik
publizierte, eine historisch frühere “Berliner Schule” mitdenkt, die sich
nach 1968 an der DFFB herausbildete. Nach dem Eklat um die Relegation von 18
Studierenden des ersten und zweiten Jahrgangs (unter anderem Harun Farocki und
Hartmut Bitomsky) hatte eine Gruppe von Filmemachern als eine der vielen politischen
Optionen, Filme zu machen, die Arbeiterklasse zum Protagonisten bestimmt. Mit
Filmen wie Der
lange Jammer
von Max Willutzki (über Mietwucher im Berliner Märkischen Viertel)
oder Liebe
Mutter, mir geht es gut
von Christian Ziewer (über einen Fabrikstreik) war Anfang der 1970er Jahre
von einer „Berliner Schule des Arbeiterfilms” die Rede, die sich (auf der inhaltlichen
eher als der formalen Ebene) als genuin politisch verstand und sich gegen die
so genannten „Münchner Sensibilisten” (Ingemo Engström, Rüdiger
Nüchtern, Gerhard Theuring, Matthias Weiss, Wim Wenders, u.a.) abgrenzte.
In gewisser Hinsicht ist in der Frontstellung eine innerfilmische Fortsetzung
des Streits zwischen der „politischen” und der „ästhetischen Linken” zu
erkennen, der ab Mitte der 1960er Jahre in der Zeitschrift Filmkritik
ausgetragen wurde. Von der Filmkritik
aus, die 1984 ihr Erscheinen einstellen musste, gibt es eine Verbindung zur
DFFB der 1980er Jahre und damit auch zu den Filmemachern der jüngeren „Berliner
Schule”: Filmkritik-Autoren
wie Peter Nau, Manfred Blank und Helmut Färber unterrichteten an der Akademie
ebenso wie Harun Farocki, der bis heute an den Filmen Christian Petzolds dramaturgisch
maßgeblich mitarbeitet, und der heutige Leiter der Schule, Hartmut Bitomsky.
In Bitomskys Film Kino
Flächen Bunker
(1991) spielt Petzold mit, von Der
VW-Komplex
(1988/89) führt ein direkter Weg nach Wolfsburg
(Petzold, 2002). Allerdings springt die Nähe zwischen dem explizit politischen
Ansatz der Filme Bitomskys und Farockis und den eher am französischen Kino
der zweiten Nouvelle Vague orientierten Filmemachern der zweiten „Berliner Schule”
nicht ins Auge; zu finden ist sie etwa in der Auffassung, dass das Erzählen
und das Erörtern zusammengehören, wie sie in Christian Petzolds Filmen
zu erkennen ist.
*
Die Affinität der „Berliner Schule”-Regisseure der 1990er Jahre zur zweiten
Nouvelle Vague-Generation (Eustache, Philippe Garrel, Jacques Doillon, Maurice
Pialat, Benoît Jacquot) ließe sich vielleicht über einen implizit
geteilten nach-utopischen Politikbegriff rekonstruieren, der gesellschaftlichen
Wandel nur noch über den Rückzug ins Private und dort stattfindende
Zellbildungen denken kann. Der Reihe prekärer Mikrogemeinschaften, die
vor allem die Filme Garrels und Doillons bevölkern, könnte man die
Familienzelle aus Christian Petzolds Die
innere Sicherheit
in vielerlei Hinsicht hinzufügen. Petzolds erster Film mit regulärer
Kinoauswertung nach den Fernsehproduktionen Pilotinnen,
Cuba Libre
und Die
Beischlafdiebin
verschafft der Berliner Gruppierung im Februar 2001 einen ungeahnten Aufmerksamkeitsschub,
der schließlich sogar zur “Goldenen Lola” führt, dem mit 500.000
Euro dotierten Deutschen Filmpreis. Die meisten Auszeichnungen auf der im Juni
2001 stattfindenden Veranstaltung erhält Oliver Hirschbiegels Das
Experiment;
mit dem silbernen Band abgefunden werden Der
Krieger und die Kaiserin
von Tom Tykwer und Crazy
von Hans-Christian Schmid.
Zwei Jahre später fusioniert der immer schon marktorientierte Deutsche
Filmpreis auf Initiative von Bernd Eichinger, Ulrich Felsberg und Helmut Dietl
mit der neu gegründeten Deutschen Filmakademie. Die damit einhergehende
Umfunktionalisierung – das zumindest nominelle Kultur-Förderinstrument
degeneriert zum verlängerten Arm der ohnehin dominierenden Branchenkräfte
– verringert die Auszeichnungs- und damit: Subventionschancen weniger kommerziell
gepolter Produktionen nochmals. Gegen diese filmpolitisch bedenkliche Weichenstellung
unterzeichnen vierhundert Filmschaffende (unter ihnen Arslan, Petzold und Schanelec)
2003 einen Protestbrief, der die im Bundeskulturausschuss schnell durchgewunkene
Entscheidung aber nicht mehr beeinflussen kann.
Hintergrund für die offiziellen Würdigung von Die
innere Sicherheit
ist aber eine andere Koinzidenz: Kurz vor dem Verleihstart des Films arbeiten
sich die beiden Leitmedien der Bundesrepublik – der Spiegel
und die Bild-Zeitung
– erneut an mittlerweile im politischen Establishment fest verankerten Schlüsselfiguren
der 68er-Generation ab. Der damalige Außenminister Joschka Fischer soll
sich bekennen, Molotow-Cocktails geworfen zu haben, Umweltminister Jürgen
Trittin wird mit einer Bild-Manipulation der Bild-Zeitung
konfrontiert, die ihn als Schlagstock schwingenden Sponti darstellt. Es kommt
sogar zu einer außerplanmäßigen Bundestagsdebatte, und der
Spiegel
titelt am 29.1.2001: „Das Gespenst der 70er – Die Gegenwart der Vergangenheit”.
Petzold argumentiert in zahllosen Interviews gegen die vereinseitigend auf seinen
Film projizierte Erwartung an, dieser sei eine Bestandsaufnahme der Folgewirkung
des RAF-Terrorismus. Der äußerliche Erfolg des Films ist in jedem
Fall kaum ohne die ihn überlagernde diskursive Mobilmachung zu begreifen.
Die
innere Sicherheit
ist bis heute mit Abstand der größte Publikumserfolg der „Berliner
Schule” (120.000 Zuschauer), sein Regisseur wird zu diesem Zeitpunkt – nicht
zuletzt durch eine ausführliche Rezeption in Organen wie Texte
zur Kunst
– ihr erster Protagonist.
*
Was die „Schule” zur Schule macht, wäre eine gemeinsame Ästhetik.
Oder jedenfalls eine Differenz, oder eine Serie von Differenzen, die das Formulieren
von Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit möglich machen. Man
sollte also nach Ähnlichkeiten zu Mitgliedern der „Schule” und Differenzen
zu Nicht-Mitgliedern suchen. Die gemeinsame Geschichte (DFFB), die Rezeption
wären dann Symptome einer Gemeinsamkeit und erlaubten dann auch eine Offenheit
für Neuzugänge, eine Offenheit also, die in der (Eigen-)Wahrnehmung
jüngerer Regisseure als Neu-und-jetzt-also-auch-Mitglieder der „Berliner
Schule” sichtbar wird. Die Regisseure und Gründer der Filmzeitschrift Revolver,
Christoph Hochhäusler (als Propagandist einer solchen Ein- und überhaupt
Gemeindung) und Benjamin Heisenberg fügen ihr Tun dem Zusammenhang des
als Schule Wahrgenommen hinzu. Valeska Grisebach, Ulrich Köhler und Henner
Winckler sind vorsichtig mit Selbstzuschreibungen dieser Art, werden aber von
wohlwollenden Filmkritikerinnen wie Katja Nicodemus (DIE ZEIT) und Cristina
Nord (taz) in den Schulzusammenhang eingeordnet. Hochhäusler (Milchwald;
Falscher
Bekenner)
und Heisenberg (Schläfer)
waren auf der Münchener Filmschule, Köhler (Bungalow;
Montag
kommen die Fenster)
und Winckler (Klassenfahrt;
Lucy)
sind Absolventen der Hochschule für bildende Künste Hamburg, Grisebach
(Mein
Stern;
Sehnsucht)
hat an der Filmakademie Wien studiert. Jetzt lebt man in Berlin und ist miteinander
im Gespräch. Man sieht die Filme der anderen und denkt sich sein Teil.
Man bezieht sich in Interviews auf die anderen als Freunde oder solche, die
man gerne zu Freunden hätte. Eine wichtige Verbindungsfigur ist der Kameramann
Reinhold Vorschneider, der seit Plätze
in Städten
die Filme Angela Schanelecs fotografiert, und bei einigen Filmen der oben genannten
die Kamera führt. Er arbeitet auch an den Filmen Maria Speths mit, die
an der HFF Potsdam studiert hat und als Solitär innerhalb dieser Konstellation
bislang zwei Filme gedreht hat: In
den Tag hinein; Madonnen.
Die Grenzen zu denen, die keine Freunde sind und auch keine mehr werden, liegen
einerseits Fall für Fall anders. Andererseits kann man generell wohl sagen:
Die Bezüge auf französischen Film stehen im deutschen Filmbetrieb
schnell unter Intellektualitätsverdacht. In seiner Antrittsrede als Honorarprofessor
an der Kölner IFK im Mai 2006 setzt sogar Dominik Graf die Reflexion auf
Form mit Verlust an Wirklichkeit gleich und predigt einen neuen Vitalismus;
im Rückbezug auf Genre-Erzählungen soll die Wiedergewinnung eines
lebendigen Kinos gelingen. Bernd Eichinger – und seine ausführenden Organe
– dagegen sind in der Regel so naiv, wie sie tun; und stolz darauf. Anders als
Tykwer, der mit beträchtlichem Pathosaufwand den schmalen Grat zwischen
Popularität und Kunstfilmtradition sucht. Daneben stehen eine ganze Reihe
von Sozialrealisten mit komödiantischem Einschlag, von Andreas Dresen bis
Wolfgang Becker oder Detlev Buck, die den eher unreflektierten Glauben an die
Unmittelbarkeit der Errettung von Wirklichkeit im Film zum Programm erheben.
Was die freien Radikalen des deutschen Films betrifft, so gibt es Nähen
zwischen der „Berliner Schule” und Romuald Karmakar, der den Film als explizit
politische Kunst begreift – Politik dabei aber als Passung von Inhalt und Form
versteht; es ist kein Zufall, dass er deshalb, wie die bei Bitomsky und Farocki
in die Lehre gegangenen Berliner, immer auch über das Verhältnis von
Dokumentarischem und Fiktion nachdenkt.
In der Beschreibung des Realismus der „Berliner Schule” ist von Langsamkeit
die Rede, von Genauigkeit, von Alltag. Diese Filme spielen im Hier und Jetzt
und handeln von Menschen und Geschichten, denen im Alltag zu begegnen einen
nicht erstaunen müsste. “Berliner Schule”-Filme sind, anders gesagt, keine
Genre-Filme. Oder, wenn sie Genre-Filme sind (man denke an Arslans Dealer
oder überhaupt an das Werk von Christian Petzold, von Cuba
Libre
über Toter
Mann
bis Gespenster),
dann werden die Bezüge auf Genregeschichte (Selbstreferenz) gekontert durch
präzise Verortung, dann werden die Genre-Geschichten und Genre-Typen an
Soziotope gebunden und Milieus, die mit Realitätseffekten gesättigt
sind (Fremdreferenz).
Realismus ist hier Programm und Form zugleich. Mit der Hoffnung, dass Wirklichkeit
sich in Darstellung einfach so einstellt, ist es nicht getan. Realismus heißt
hier ein Haften an den Menschen und Dingen, wie sie sind. Verismus. Das oberste
Gebot der “Berliner Schule” wäre das Verbot der Manipulation – der Wirklichkeit,
aber auch des Betrachters. Alles Weitere lässt sich daraus ableiten. Man
verschreibt sich der Beobachtung und verbietet sich die Intervention (bzw. man
interveniert gegen falsche Interventionen), man hat ein Konzept der Darstellung,
das den Schauspielern das Schauspielern austreiben will, der Kamera die Selbsttätigkeit,
der Montage das Autoritäre und dem Erzählen das Verfallen auf Topoi
und Klischees. Man verbietet sich fast durchweg die extradiegetische Musik als
Unterstreichung: Originalton. Die Welt ist es, die erscheinen soll: Originalwelt.
Die Wirklichkeit ist der Fetisch, ihre gerechte Darstellung ist „Schönheit”
(Schanelec).
Das ist kein Rückfall in eine falsche Unmittelbarkeit, sondern ein reflektierter
Realismus. Bewusste Übertragung und Modifikation von theoretisch und filmhistorisch
abgeleiteten Verfahren. Von Bresson kommt der Zug der Verfremdung, das Hintertreiben
der Illusionierung. Der wirklichen Wirklichkeit muss man auflauern, sie ist
hinter den Dingen, als ihre Regung. Das Kino ist der Apparat, mit dem man den
Regungen der Dinge und der Menschen (die ein Sonderding mit Eigenleben unter
Dingen sind) auf die Spur kommt. Das Kino ist eine Maschine der phänomenologischen
Öffnung auf die Welt, aber das kann es nur sein, wenn es sich in höchstem
Maße zurückhält. Es bedarf eines Innehaltens, einer Einklammerung
der „natürlichen Einstellung” – einer Arbeit gegen die Konvention. Dem
Kino der „Berliner Schule” ist diese Arbeit als Anstrengung eingeschrieben und
anzusehen. Man spürt – jedenfalls in den Filmen von Arslan, Petzold und
Schanelec – die Kraft, die eine solche Anstrengung kostet. Man merkt: Es ist
nicht leicht, sich einer Zurichtung zu enthalten.
Man könnte auch sagen: Es ist unmöglich, sich einer Zurichtung zu
enthalten. Der Verismus der „Berliner Schule” verdankte sich so gesehen einer
„Authentizität zweiter Ordnung”. Dieses ästhetische Konzept begründet
– womöglich anders, als die Filmemacher glauben – ein System. Ein System
der angestrengten Enthaltung, das eine „Wirklichkeit” der Regungen in der Darstellung
hervorbringt; und dieser Wirklichkeit unterstellt, sie sei das wahre Antlitz
der Welt. Man muss diese Setzungen nicht teilen, um zu sehen: So entsteht eine
“Schule”. Sie hat Glaubensgrundsätze und damit Techniken zur Hervorbringung
eines ganz eigenen Bildes von Wirklichkeit: Metaphysik eines phänomenologischen
Realismus.
Michael Baute, Ekkehard Knörer, Volker Pantenburg, Stefan
Pethke, Simon Rothöhler
(mit Dank
für Hinweise und Kritik an Ludger Blanke, Michel Freericks und Wolfgang
Schmidt)
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: www.kolik.at
Georg Seeßlen über die Berliner Schule: hier.
Rüdiger Suchsland gab den Autoren nach Lektüre obigen
Artikels folgende Hinweise:
"Es heißt: "Den Begriff „Berliner Schule"
benutzt als erster der
Filmkritiker Rainer Gansera. In einem Artikel mit dem Titel
"Glücks-Pickpocket" (Süddeutsche Zeitung,
3. November 2001)…"
Auch wenn Rainer Gansera es immer wieder selbst behauptet -
und wohl selber
glaubt - der Erfinder dieses Begriffs zu sein, stimmt es trotzdem
nicht.
Wenn schon, denn schon:
"Mit Vorsicht genießen" hieß ein Text
von Merten Worthmann in der "Zeit"
vom 27.09.2001 über Schanelecs "Mein langsames Leben"
Darin steht:
"… Wer die Filme dieser "Berliner Schule" sieht,
kann darin einen ganz
ähnlichen Umgang mit Raum und Zeit bemerken. In den Bildern
scheint, trotz
unterschiedlicher Kameraleute, das gleiche Licht zu herrschen
- eine Art
nüchternes, doch intensives Leuchten. Und auch der Blick
auf die eigenen
Stoffe ist vergleichbar; aus ihm ist alle Behauptung gewichen
und in
Beobachtung verwandelt."
Ich bin mir recht sicher, dass auch Robert Weixlbaumer im TIP
schon von
"Berliner Schule" schrieb, aber eine Quelle könnte
ich nicht nennen. Katja
Nicodemus hat dann von 2002 den Begriff öfters in ihren
Texten verwendet,
erst ab 2004 dann einige andere, Rainer Gansera erst wieder
2006.
Cristina Nord übrigens schreibt auch erst im Jahr 2006
erstmals von
"Berliner Schule" lange nach Nicodemus, Althen und
nach meinem Text im
Filmdienst (13/2005)
Und "erfunden" wurde der Begriff ja sowieso viel
früher, von Wolfram
Schütte meines Wissens, in ganz anderen Zusammenhängen.
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