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Das Sehen der Anderen
Riddick, Daredevil, Neo in
„Matrix“: Warum Blinde jetzt häufiger im Actionkino gesehen werden
Das Kino lebt vom falschen Augenschein.
Längst kommen Filme ohne natürliches Licht und Kamera aus. Und im
wahren Leben können wir unseren Augen auch nicht mehr trauen. So ließen
Chicagoer Wissenschaftler durch ein inszeniertes Basketballspiel als Gorillas
verkleidete Statisten schlendern und sich auf die Brust trommeln. Einigen Testpersonen
wurde das Match als Videoaufzeichnung präsentiert. Die Affen entgingen
der Aufmerksamkeit von über 50 Prozent der Probanden. Die Forscher sprechen
von „Inattentional blindness“. Andererseits wird bei wirklich Blinden von erstaunlichen
Kompensationsleistungen berichtet. Ein blinder Kalifornier wandert allein durchs
Gebirge, dank einer raffinierten Ortungsmethode: Er schnalzt mit der Zunge und
orientiert sich an den Echos. In seinem New-York-Times-Essay „Was Blinde sehen“
fragt der britische Neurologe Oliver Sacks, ob „Sehen“ nicht weniger eine Frage
des Augenlichts, sondern der kognitiven Ausrichtung sowie des zerebralen Kortex'
ist – jenes höchstgelegenen Hirnareals, das für die Sinne verantwortlich
ist. Anhand einiger Beispiele beschreibt Sacks, wie unterschiedlich sich Menschen
Jahre nach ihrer Erblindung entwickelt haben. Während der Theologe John
Hull den Zustand „tiefer Blindheit“ bejaht und zum „Ganz-Körper-Seher“
wird, trainiert sich der Psychologe Zoltan Torey eine Art „inneres Auge“ an
und kann so ohne fremde Hilfe das Dach seines Hauses decken. Als Kind, so zitiert
Sacks Torey, habe er als Sohn eines Filmstudiochefs in Budapest Gelegenheit
gehabt „mir Geschichten, Handlungsstränge und Figuren vorzustellen – eine
Fähigkeit, die für mich in kommenden Jahren zu einem Rettungsanker
und einem Quell innerer Stärke werden sollte.“
Aber selbst Toreys „innerer Sehsinn“
dürfte sich stark vom landläufigen Sehen unterscheiden. Bis in die
1990er-Jahre hat es das Kino übrigens stets vermieden, über die mögliche
„Perspektive“ von Blinden zu orakeln. Wozu die Simulation, die Quadratur des
Kreises? Bereits die Nahaufnahmen der Taubblinden Helen Keller (in Arthur Penns
„Licht im Dunkel“) oder der stark Sehbehinderten Thelma (in Lars von Triers
„Dancer in the Dark“) wecken Anteilnahme, weil die Figuren vom Umfeld isoliert und
herausgehoben werden.
Der simulierte „Blinden-Blick“
im Kino ist ein Phänomen des neuen Jahrtausends. Flächendeckend eingesetzt
wurde das Stilmittel zum ersten Mal in dem Superhelden-Streifen „Daredevil“
(2002). Ganz gewiss aber wurden die Echolot-artigen Einstellungen hier nicht
entwickelt, um auf Sehbehinderten-Schicksale hinzuweisen. Die ab 1964 im amerikanischen
Marvel-Verlag erschienene Comicreihe „Daredevil“ gab die visuellen Muster für
den Film vor, der digitale Fortschritt machte eine Computersimulation möglich,
die in den 90er-Jahren wohl weniger überzeugend ausgefallen wäre.
Immerhin: Daredevil ist der erste blinde Superheld der Filmgeschichte. Es ist
überhaupt bezeichnend, dass die „gebrochenen“ Marvel-Gestalten im Mainstreamkino
lange von reinen Strahlemännern wie Super- oder Batman zurückstehen
mussten. Trotzdem gilt für „Daredevil“, was auf das Gros der „Blindenfilme“
seit D.W. Griffith („Orphans of the Storm“, 1921) zutrifft: Es geht zuallerletzt
um die Realität der Behinderung, sondern vor allem um die dramaturgische
Wirkung des Handicaps – im Fall einer Behinderung im bürgerlichen Leben
tritt die Superheldenexistenz umso effektvoller hervor. Der englische Kulturkritiker
Paul Darke hat dazu passend den zynischen Begriff des „Supercrip“ geprägt.
In der Idee des „Superkrüppels“ spiegelt sich eine Gesellschaft, die Behinderte
nur dann akzeptiert, wenn sie Herausragendes leisten.
Wie jeder ordentliche Superheld
lebt Daredevil, der eigentlich Matthew Murdock heißt, ein zweifaches Leben.
Tagsüber arbeitet der blinde New Yorker als Anwalt, der nicht immer verhindern
kann, dass die Falschen freigesprochen werden. Nachts wird er zum Teufelskerl,
zu "Daredevil", zum Rächer der Entrechteten. Er schlüpft
ins rote Lederkostüm, lässt seinen Blindenstock zur multifunktionellen
Nahkampfwaffe mutieren, springt von Dach zu Dach und bringt Schurken zur Strecke.
Matthews forsches Vorgehen in Sachen „Innere Sicherheit“ als auch seine übermenschlichen
Fähigkeiten liegen in der Kindheit begründet. Der Zwölfjährige, Zeuge
des moralischen Abstiegs seines Vaters, verunglückt: ein Schwall "Biochemie"
klatscht ihm in die Augen, frisst sich wie ein rotglühender Blitz in seinen
Sehnerv. Als der Junge im Krankenhaus erwacht, dröhnt das Tröpfeln
der Infusionsflüssigkeit wie Detonationsgeräusch in seinen Ohren.
In Ultraschallbildern „sieht“ Matthew Passanten durch dicke Betonmauern. Entfernte
Motoren jaulen auf, als steckten sie in seinem Kopf drin. Matthew ist zwar blind
geworden, aber die anderen Sinne sind nun übernatürlich ausgeprägt.
Der erwachsene Matthew erweist sich gar als eine Art Seher, der Gut und Böse
trennscharf unterscheiden kann (obschon er selbst den Hauch des moralisch Dubiosen
bis zum Schluss nicht ganz abschütteln kann). Das verräterisch pochende
Herz eines Angeklagten, der seine Tat leugnet, sieht Matthew wie ein Radarbild
vor seinem geistigen Auge. Im Kino haben diese blinden Seher-Figuren in der
Nachfolge des antiken Teiresias Tradition. Bei „Daredevil“ mischt sich diese
Assoziation mit christlicher Symbolik und Elementen des „Gothic Horror“.
Wie zum Nachweis seiner Authentizität
schildert der Film immer wieder, wie ein normaler Blinder den Alltag bewältigt;
gezeigt wird, wie Matthew mit Brailleschrift umgeht, wie er Fünf- oder
Zehndollarnoten mal quer, mal längs faltet, um die Scheine nicht zu verwechseln.
Sogar in einer romantischen Special-Effect-Einstellung steckt ein realer Kern:
Matthew steht mit seiner Geliebten Elektra auf einer Dachterrasse, während
es zu regnen beginnt. Die Computer-Animation übersetzt die Regentropfen
in kleine aufblitzende Sternchen, die wie ein Radarbild ihre Gesichtszüge
nachzeichnen: Die erste Liebesszene der Filmgeschichte, die den "Blick"
eines Blinden synthetisiert. Aber auch ein paradoxes Unterfangen. Denn in Oliver
Sacks' Essay ist es ausgerechnet John Hull – der dem Sehsinn ganz abgeschworen
hat – der die Begeisterung eines Blinden am Regen beschreibt: „Aus einer diskontinuierlichen
und somit fragmentierten Welt schafft stetig fallender Regen eine Kontinuität
akustischer Erfahrung“, wird Hull von Sacks zitiert.
Kein anderer als Oliver Sacks
lieferte übrigens die wahre Vorlage zur Filmromanze „Auf den ersten Blick“
(1999), die erstmals mit dem beliebten Klischee der heilbringenden Augenoperation
brach. Zum Vergleich betrachte man Douglas Sirks Melodram „Die wunderbare Macht“
(1954), in dem Jane Wyman durch Rock Hudson operiert wird, nach jahrelanger
Blindheit die Augen öffnet – und alles ist eitel Sonnenschein. Dagegen
sieht Val Kilmer im OP-Aufwachraum „Auf den ersten Blick“ nur zuckende Lichtblitze,
schrille Farben und Formen. Am Ende erblindet er wieder – und ist erleichtert,
dass die ihm fremd gebliebene Welt des Sehens endgültig versinkt. Mehr
Realismus hat das US-Kino dem Blinden-Thema seitdem nicht zugestanden.
Zurück zum Actionfilm, zu
„Pitch Black“ (2000), einem Science-Fiction-Reißer: Dessen „Blinden-Perspektiven“,
aber auch das moralische Irrlichtern seines Helden hatte zweifellos Einfluss
auf die zwei Jahre jüngere „Daredevil“-Verfilmung. Der entflohene Sträfling
Riddick ist nicht blind, aber tagblind, seit er sich die Augen operieren ließ,
um im Dunkel des Gefängnisses besser überleben zu können. Den
Flüchtling verschlägt es mit einer Gruppe von Raumreisenden auf einen
Planeten, der von mörderischen Vampirwesen bevölkert wird. Mit dem
Anbruch einer totalen Sonnenfinsternis beginnt die Jagdsaison. Riddick mutiert
vom egoistischen Saulus zum verantwortungsvollen Paulus, indem er der Gruppe
kraft seiner „Eulenaugen“ zur Flucht verhilft.
Wie sich die Dramaturgien gleichen:
Nach „Pitch Black“ und „Daredevil“ kam "Matrix Revolutions" (2003) in die Kinos. Der dritte Teil der "Matrix"-Trilogie
verquirlt überbordendes Effektkino mit Philosophie und religiösen
Untertönen. Wo "Daredevil" sich mit ein paar katholischen Symbolen
schmückte, grüßt uns im "Matrix"-Finale mit der Lichtgestalt
Neo gleich der Erlöser persönlich. Konsequenterweise bleibt eine pseudo-naturwissenschaftliche
Erklärung darüber aus, warum der Held nach seiner Blendung durch ein
Starkstromkabel weiterhin sehen kann. Hier changiert die „Grafik-Oberfläche“
der inneren Bilder Neos zwischen „ewigem Licht“ und loderndem Fegefeuer. Ansonsten
wird die Verquickung der filmischen Vorbilder – antiker Seher und christliche
Märtyrerfigur – beibehalten, ja verstärkt. Gleich Jesus wird Neo am
Ende gekreuzigt, dazu donnert ein monströses Maschinenwesen: „Es ist vollbracht!“.
Anders als Jesus stehen indes weder Neo, noch Daredevil und Riddick (der sich
am Ende des Sequels „Riddick – Chroniken eines Kriegers“ ebenfalls als Auserwählter
zu erkennen gibt) für Gewaltlosigkeit ein. Das Law-and-Order-Kino hat sich
der Blinden bemächtigt, benutzt sie als Metapher für das Licht am
Ende des Tunnels, für das Erwachen aus der Ohnmacht, für die Hoffnung
auf neue innere und äußere Stärke. Das sind aussagekräftige
und zugleich verräterische Bilder für die emotionale Verfassung der
USA nach dem 11. September. Zum Verständnis realer Blindheit hat Hollywood
bisher wenig beigetragen.
Jens Hinrichsen
Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-dienst
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