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Das
Leben ist ein Scherz
Erinnerungen
an Louise Brooks
„Melde dich! Ich muß dich finden,
erstens, weil ich von dir besessen bin... zweitens, weil mein Kontrakt es fordert.“
Georg Wilhelm Pabst schien verzweifelt, als er im August 1928 in der Berliner
Zeitung eine Anzeige veröffentlichte, um einer Hauptdarstellerin für
seinen Film „Die Büchse der Pandora“ nach Frank Wedekind habhaft zu werden.
Der Andrang war entsprechend groß. 1003 junge Damen wurden vorstellig.
Auch Marlene Dietrich saß in Pabsts Büro, um einem wenig überzeugten,
aber unter Zeitdruck stehenden Regisseur ihre Qualitäten anzupreisen. Ein
Telegramm in sprichwörtlich letzter Minute brachte die Zusage einer 22-jährigen
Amerikanerin – und Pabst die Erfüllung eines Traums.
Treffpunkt
Bahnhof Zoo
Von ihrem Bruder Theodore noch in einem
fürsorglichen Brief davor gewarnt, nach Berlin zu fahren, machte Louise
Brooks sich mit ihrem damaligen Liebhaber George Marshal auf die Reise. Ihr
Vertrag mit MGM sollte nicht verlängert werden, und so kam eine Ortsveränderung
gerade recht. Damit war der Bruch mit den amerikanischen Studios vollzogen und
das Gerücht geboren, man könne Louise Brooks aufgrund ihrer nichtvorhandenen
stimmlichen Qualitäten im neu aufkommenden Tonfilm nicht mehr einsetzen.
Der deutsche Regisseur, der in Berlin auf sie wartete, war ihr unbekannt, ebenso
der Stoff, der verfilmt werden sollte. Sie wusste nur, dass sie in einem expressionistischen
Film eine Art Prostituierte spielen sollte, und da ihr Liebhaber schon immer
einmal nach Berlin reisen wollte, war dies eine günstige Gelegenheit. G.W.
Pabst erwartete sie am Bahnhof Zoo; es sollte der Beginn einer tiefen Freundschaft,
eines gegenseitigen Verständnisses werden. Louise Brooks war durchaus in
der Lage, zwischen Freundschaft und sexuellem Abenteuer zu unterscheiden – die
beteiligten Herren waren es oftmals nicht. Man schrieb ihr geradezu geheimnisvolle
Tricks in der Verführung von Männern zu, was sie eher als lächerlich
empfand. Ihre Verführungskunst gründete in dem Willen, bis in die
Tiefe eines Charakters vorzudringen; Sexualität sah sie als einzige Möglichkeit,
jede Art von Verzierung und geschulter Ablenkung auszuschalten. Wer nach einer
solchen Demaskierung vor ihr noch bestehen konnte, sollte einen Freund fürs
Leben gefunden haben. Lotte Eisner schilderte ihren Eindruck von Louise Brooks
im „Berliner Filmkurier“ nicht nur als Resultat ihrer geradezu grafisch anmutenden
Schönheit – der Kontrast des strengen schwarzen Haarschnitts zur weißen
Haut, die Augenbrauen wie zwei Federstriche aus einem japanischen Holzschnitt,
sondern vor allem ihrer Aktivität, einem ersten Interesse auch Handlung
folgen zu lassen und nicht darauf zu warten, wahrgenommen zu werden.
Das war 1925. Heute erscheint Louise Brooks’
Interpretation von Weiblichkeit als frappierend modern – eine Modernität,
die ihrer Zeit (und vielleicht auch noch der heutigen) immer ein Stück
voraus war. Nie nur „Objekt der Begierde“, beruhte und beruht ihre Anziehungskraft
in der lässigen Selbstverständlichkeit, mit der sie jenseits konventioneller
Geschlechter-Rollenmuster einfach sie selbst war. Ihr Verführungsspiel
war denn auch kein Anbiedern an Erwartungshaltungen, sondern ein aktives Geben
und Nehmen, ohne die Konsequenzen zu scheuen oder nach dem Scheitern einer Begierde
die Schuld im Handeln des Andern zu suchen. Zu Pabst hatte sie eine solche Verbindung.
Schon zu Beginn der Dreharbeiten ließ er sie zu Mundharmonika-Begleitung
einen wilden Tanz improvisieren. Während er mit einer unbeholfenen Schrittfolge
rechnete, fand Brooks ganz natürlich zu ihrer jahrelangen Tanzausbildung
zurück; ihre souveräne Improvisation ließ Pabst begeistert herumwirbeln:
„Du bist ja eine Tänzerin!“ Neidisch-kühle Blicke inklusive, denn
Pabst erhielt in diesen Wochen während der Dreharbeiten regelmäßig
Besuche einer jungen deutschen Regisseurin und Schauspielerin, die ihre Wurzeln
selbst im experimentellen Tanz sah, auch wenn sie damit weniger erfolgreich
war: Leni Riefenstahl.
Eine
frühreife Tänzerin
Die Familie Brooks war recht umtriebig,
was das kulturelle Leben in Cherryvale anging. Das Brookssche Haus war vollgestopft
mit Büchern und hallte wider von Klaviermusik, deren Qualität weit
über kleinstädtisches Freizeitvergnügen hinausreichte. Marie
Louise (geb. am 14. November 1906) und ihre drei Geschwister hatten einen Anwalt
zum Vater, der die Liebe zu seiner Ehefrau schon früh als eine Obsession
bezeichnete, als Nährboden, auf dem sich eine Familie gründen ließ.
Die Mutter Myra tat bei der Heirat kund, dass diese Ehe für sie nichts
anderes als das ersehnte Tor zur Welt der Künste sei; falls Kinder dabei
herauskämen, sollten diese ihre Mutter gefälligst in Ruhe lassen.
Daran hielten sich der Vater und seine Kinder Zeit ihres Lebens. Louise und
ihre Geschwister wuchsen unter der Obhut des Vaters heran, der seine Kinder
in die Welt der Bücher einführte, während die Mutter ihr Klavierspiel
perfektionierte. Louise entdeckte früh ihre Liebe und ihr Talent zum Tanz,
hüpfte mit fünf Jahren bereits auf den städtischen Bühnen
herum und beeindruckte das Publikum mit ihrem erwachsenen Aussehen, dem die
Mutter mit einem ungewöhnlichen Haarschnitt auf die Sprünge half:
Sie kürzte die schwarze Mähne bis zu den Wangenknochen und ließ
den Pony fingerbreit über den Augenbrauen enden – in der Wirkung ebenso
skandalös wie effektvoll. Louise erhielt Tanzunterricht, wobei sie ihre
Lehrerinnen bald überforderte, die mit dem frühreifen Ehrgeiz der
jungen Schülerin nichts anzufangen wussten. Der Besuch des Kinos gehörte
zu ihren täglichen Vergnügungen, der Tanzunterricht weckte ihr Interesse
an klassischer und moderner Musik. Im Alter von 15 Jahren ging sie mit ihrer
Tanzlehrerin nach New York, wobei eine Anstandsdame vonnöten schien, da
Brooks längst die Faszination entdeckt hatte, die die Männer auf sie
(und sie auf die Männer) ausübte.
Die „Denishawn School of Dancing and Related
Arts“ hatte sich bereits einen guten Ruf bei Publikum und Presse erarbeitet,
zu einer Zeit, als das Ballett der Metropolitan Opera noch belächelt wurde.
Tanz war üblicherweise nichts anderes als eine lange Kette von Mädchen,
die die Beine schwangen, meist ohne Tanzausbildung, dafür aber mit den
harten Erfahrungen des akrobatischen Vaudeville Theaters belastet. Die Denishawn
School führte das tägliche, harte Training in die Tanzwelt ein, konfrontierte
ihre Tänzer mit klassischer und zeitgenössischer Musik und verlangte
nicht nur Disziplin in der Lebensführung, sondern auch die Fähigkeit
zur Interpretation. Für Louise Brooks ging ein Traum in Erfüllung,
sie wurde zum heimlichen Star der Truppe. Die Company reiste durch das ganze
Land, kehrte aber immer wieder nach New York zurück. Die Kündigung
nach zwei Jahren kam deshalb auch recht unvorhergesehen: Sie lasse die harte
Arbeit auf der Bühne zu einfach aussehen; dies untergrabe die Moral der
gesamten Truppe. Auf Louise Brooks hatte diese Kündigung eine geradezu
traumatische Wirkung: Jahrzehnte später noch, auch im Gespräch mit
dem Filmemacher Richard Leacock, war ihr der damalige Schock gegenwärtig
und die Erkenntnis, für etwas bestraft worden zu sein, das sie allzu perfekt
beherrschte. Für den Rest ihrer Karriere zog sie die Konsequenzen daraus:
Sei einfach wie du bist, verlange nichts, und gib nur das, was du ohne Anstrengung
geben kannst. Der Ärger kommt von allein, und auch die nötige Veränderung.
Love ’em and leave ’em
Louise Brooks’ Hollywood war, wie sie
später in ihren Texten für Filmmagazine wie „Positif“ oder „Sight
and Sound“ schrieb, ein anderes als jenes, das man ihr später andichtete.
Sicher: Die Aufforderung zur Besetzungscouch war auch ihr nicht fremd. Mehr
aber noch verkehrte sie mit jenen männlichen Begleitern, die ihren Witz
und ihre Intelligenz genossen, die sich gerne mit ihr zeigten und sich für
ihr Wohlergehen verantwortlich fühlten (wie etwa Charles Chaplin oder George
Gershwin). „Get Brooksie a job!“, wurde zu einem geflügelten Wort, gänzlich
ohne billigen Beigeschmack. Auch während ihrer Arbeitsjahre für Paramount
war sie bekannt dafür, die langen Drehpausen mit Büchern zu verbringen
und eifrig Briefe zu schreiben. Dem Ruf nach Berlin folgte sie nach einer langen
Kette von Filmen („Love ’em and Leave ’em“; „The Show Off“; „It’s the old Army
Game“; „Beggars of Life“; „A Social Celebrity“; „A Girl in Every Port“; „The
City Gone Wild“), wobei „A Girl in Every Port“ („In jedem Hafen eine Braut“,
1928) dank der Regiekunst von Howard Hawks später einen gewissen Kultstatus
erlangte und Pabsts Aufmerksamkeit auf sie lenkte. Nach ihrer Arbeit in Europa
war ihr bewusst geworden, was mit Film alles an künstlerischem Ausdruck
erreicht werden kann; deshalb ließ ihr Interesse an amerikanischen Produktionen
nach. Finanziell schadete ihr dies durchaus nicht. Bis 1938 drehte sie mit Regisseuren
wie George Sherman und Frank Tuttle, und bis in die 1950er-Jahre hinein gab
es genügend Angebote von Filmemachern wie Roscoe Arbuckle, James Whale
oder Augusto Genina. Ihre Texte fanden reißenden Absatz, Essays zu W.C.
Fields, William Wellman und Malcolm St. Clair, zu Humphrey Bogart und Lilian
Gish, mit der sie zeitlebens befreundet blieb. Ihr Buch („Lulu in Hollywood“,
1982) erwies sich als Verkaufsschlager, und sie machte sich schnell einen Ruf
als intellektuelle und kritische Zeitzeugin der Goldenen Jahre von Hollywood,
filmhistorisch ein sprudelnder Quell an schriftlicher und verbaler Kommunikation
in der Zusammenarbeit mit Filmmuseen und Festivals. Erst die letzten Jahre vor
ihrem Tod (am 8. August 1985), als ihre Krankheit, sie litt an Emphysem, und
ihr Alkoholkonsum mit Gedächtnisverlust einhergingen,
zog sie sich zurück. Das Leben ist ein Scherz, wie ihr Lieblingsautor John
Gay einmal schrieb. Louise Brooks war davon überzeugt.
Claudia Siefen
Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst
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