zur startseite
zum archiv
zu den essays
Star
einer Lost Generation
Der Schauspieler
Horst Bucholz starb am 3. März 2003
Horst Buchholz war der große Rebell des Kinos
der Adenauer-Zeit, in Filmen wie Die
Halbstarken (1956) oder Nasser Asphalt.
Er gehörte zu den raren deutschen Schauspielern, die sich auch international
durchsetzen konnten. Horst Buchholz entstammt der Lost Generation der deutschen
Nachkriegsgesellschaft, und er war der schönste Ausdruck ihrer Energie
und ihrer Verzweiflung auf der Leinwand. Geboren am 4. Dezember 1933 in Berlin
als Sohn eines Schusters musste er früh Geld verdienen, weil der Vater
in Kriegsgefangenschaft war. Mit 14 begann er als Statist auf dem Theater, 1950
verließ er die Schule und finanzierte durch kleine Rollen und Radio-Arbeiten
den Schauspielunterricht.
Die Rebellion und
ihr Scheitern
Georg Tressler, ein ehemaliger Dokumentarfilmer,
der sich immer einen realistischen Blick bewahrte, wurde der Regisseur, der
Buchholz als vollständig zeitgemäßen Charakter entdeckte und
seine Leinwand-Persona entwickelte. Oder doch mehr: entwickeln ließ. Tressler
sah den jungen Schauspieler so, als würde er ihn beobachten, nicht so,
als würde er ihn inszenieren. Buchholz' Freddy Borchert in Die Halbstarken
(1956) ist der Anführer einer jugendlichen Gang, die kleine Verbrechen
begeht, aber weniger aus materiellen Gründen, vielmehr als Rebellion und
aus Abenteuerlust. Sie treffen sich im Schwimmbad, und in diesen Szenen zeigt
sich etwas, was der Kritik schwer zugänglich ist: der Zusammenhang zwischen
der Kunst eines Schauspielers und dem Raum, den der Film für ihn konstruiert.
Horst-Buchholz-Filme sind Filme über den Raum, über prekäre Situationen
zwischen Gefängnis und Leere. Diese Halbstarken, die an ihren kranken,
schwachen und schuldbeladenen Vätern litten, hätten die neue Generation
bilden können und scheiterten, weil es kein sinnvolles Projekt für
ihren Zorn und ihre Energie gab. Deshalb traten die Duckmäuser und geborenen
Kleinbürger an ihre Stelle. Wie James Dean wurde Buchholz zum Star, weil
er zugleich Ausdruck der Rebellion und ihres Scheiterns war.
Tresslers Endstation
Liebe (1957) ist, dissident genug,
ein Film aus der Arbeiterklasse. Buchholz spielt den Casanova der Firma, Mecky,
der mit seinen Kollegen wettet, er werde "die Neue" am nächsten
Wochenende herumkriegen. Hier gibt Buchholz mit allen Tricks indirekter Verführung
seine erste große Hochstapler-Rolle.
Einer der größten deutschen Filme des
Jahrzehnts war Tresslers Traven-Verfilmung Das
Totenschiff aus dem Jahr 1959. Buchholz
ist der amerikanische Matrose, dem eine Prostituierte die Papiere stiehlt, und
er ist gefangen in einer Welt ohne Mitleid, lebt in der Illegalität, bis
er schließlich auf einem heruntergekommenen Schmugglerschiff landet. Ein
Heimatloser in einer Welt, in der alles lautstark von Heimat träumte, nicht
nur im Kino, ein Glückloser in der Zeit des Restaurationsglücks, ein
Film darüber, wie Jugend und Freiheit vernichtet werden, radikaler noch
als Die Halbstarken.
Ein Star ohne Nische
Das sind die drei Facetten seiner Darstellungen:
der Rebell, der liebenswerte Verführer und der Hochstapler. Niemand hatte
das Zeug zum Rebellen des deutschen Kinos so wie er; aber wie bei den anderen
seiner Generation wurde dieses Image viel zu schnell in allzu harmlosen Filmen
verwässert.
Als Kurt Hoffmann Buchholz für die Hauptrolle
in Bekenntnisse des Hochstaplers Felix
Krull (1957) besetzte, hatte der
junge Schauspieler in der deutschen Öffentlichkeit bereits den Status des
Superstars. Bald reichte er auch über die Grenzen des deutschen Films hinaus.
In England spielte er in Tiger Bay (1958), und seinen Starruhm im amerikanischen Kino
begründet er mit seinem Auftritt in John Sturges' Kurosawa-Paraphrase,
dem Western Die glorreichen Sieben (1960). Danach steckte seine Karriere in einer Sackgasse.
Er spielte in unterschiedlichen amerikanischen und europäischen Produktionen,
manches hübsch, manches belanglos.
Die Frechheit und Anmaßung seines Felix Krull
zeigt sich radikaler und besser noch in Billy Wilders Eins,
zwei, drei (1961), in dem aus
dem einst grauen sozialistischen Rebellen ein Adeliger wird, der den amerikanischen
Eltern der Geliebten vorgestellt wird und der hochstapelt, als wäre es
seine Natur. Eins, zwei, drei ist bestimmt einer von Buchholz' schönsten
Filmen, aber zugleich eine radikale Demontage seiner Leinwand-Persona: Der Hochstapler
widerlegt den Rebellen, so wie der als törichter Fanatiker den Verlierer
widerlegt hat.
Für alle Rollen, die Horst Buchholz' darstellerische
Diskurse hätten weiterentwickeln können, war das deutsche Kino der
Nachkriegszeit zu klein. Horst Buchholz, schönste und genaueste Verkörperung
der Lost Generation aus Deutschland, wurde auch aus dem Kino zweimal vertrieben,
durch die Krise des deutschen Films zu Beginn der sechziger Jahre und in der
Krise des internationalen Genrefilms in den siebziger Jahren.
Am Ende holte ihn das "lost" seiner Generation
wieder ein: Er war ein Schauspieler, der in keine "Nische" passte.
Nur in Roberto Benignis Das
Leben ist schön zeigt Horst
Buchholz noch einmal, was auch in seinen späten Jahren noch hätte
aus seinem Spiel herausgeholt werden können. Genauer hat niemand das Nebeneinander
des Trivialen und Furchtbaren in einem deutschen Charakter auf die Leinwand
gebracht. Das Herz konnte einem stillstehen.
Georg Seeßlen
Dieser Text ist zuerst erschienen in epd Film am: 26.03.2003
zur startseite
zum archiv
zu den essays