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Sean Connery
(aus epd Film 8/90, zum Anlass von Sean Connerys 60. Geburtstag)
Der
modernisierte Barbar oder verläßlicher Eros der Skepsis
Es war einmal im Westen: James
Bond
1962 war die Welt nicht mehr,
was sie einmal war. Das ist sie meistens nicht, aber in diesem Jahr unterschied
sie sich besonders von sich selbst. Die freie Marktwirtschaft kippte von der
calvinistischen Strenge der Gründerjahre in einen Konsum-Karneval, aber
die Angst war noch nicht verloren. Der Krieg war wahrhaft kalt geworden, ein
cooles Medium der Warenzirkulation. Sean Connery war James Bond. Und James Bond,
das war die kalte, mediale Modernisierung des (britischen) Kolonialismus. Connery
lieh sein unfertiges, anmaßendes Gesicht und seinen athletischen Körper
einer Figur, in der alles zusammenkam, was empfindsamen Gemütern den Untergang
des Abendlands beschleunigt: Geschmack an bizarren, durchaus unfairen Gewaltakten,
Sex ohne jede noch so fadenscheinige Ausrede außer der, daß er zu
Geschäft, Stil und Intrige gehörte (die „James-Bond-Mädchen"
wurden zu einem eigenen ästhetischen Mythos vom Eros in der Warenwelt),
erlesene Drinks, Autos und Klamotten. Nein, ein Vertreter des alten Patriarchats
war Connerys Bond gewiß nicht; er hatte keine Freunde, Männerbünde
waren für ihn dazu da, zerschlagen zu werden, Eleganz und Genuß waren
ihm wichtiger als die Einhaltung der Schlachtordnung. Aber die Welt ging auch
von der anderen Seite aus gesehen unter. War dieser James Bond nicht ein übler
Antikommunist, ein Vertreter hemmungslosen Konsumismus', ein Rassist und Sexist
sondergleichen, ein Waffenfetischist, ein Sadist und überhaupt die Zusammenfassung
von allem, was am Kapitalismus der sechziger Jahre so mies war? Klar war James
Bond das, und daß er zugleich auch die beste Parodie darauf war, entschuldigt
ihn nur wenig. Aber er war auch mehr, zum Beispiel der erste Held der populären
Mythologie, der die Zeichen seines Systems als dessen Wesen versteht, einer,
der seine Identität schamlos aus Insignien und Gesten des Alten (der formverliebten
britischen Umgangsformen etwa, der Kleidung) und des Neuen (der wildgewordenen
Technik, der neuen geographischen und sozialen Mobilität) zusammensetzt,
und James Bond war nicht mehr Repräsentant des Systems in erster Linie,
sondern vor allem dessen Nutznießer, kein heimlicher Anarchist wie „Dirty
Harry" später, der den Staat wirklich haßt, auch wenn er es
nicht weiß, sondern ein staats- (und in gewisser Weise Ich-)loser Hedonist,
der sich von eben der Instanz bezahlen ließ, der er in seinen Aktionen
entkam. James Bond ist nicht nur persönlich (fast) ohne Moral, er verzichtet
auch darauf, in seinen Taten eine Moral des Systems zu rekonstruieren: Die große
Maschine des Gegners (der immer so etwas wie eine sozialistische Gesellschaft
aufgebaut hatte) und der eigene individuelle Erfolg waren Legitimation genug.
Die Ideologie ist ganz und gar kalt, einer Werbebotschaft eher vergleichbar
als einem politischen Mythos. Seine „Lizenz zum Töten" war im Grunde
nichts anderes als eine Lizenz, sich über alle moralischen und kulturellen
Schranken hinwegzusetzen: Connerys Bond hat die Lizenz, das Monstrum im Kleinbürger
zu wecken.
Dieser James Bond war auch der
erste Held der freien Welt, der getrost darauf verzichten konnte, irgendeine
Vorbildfunktion einzunehmen oder wenigstens „sympathisch" zu wirken. Niemand
mochte ihn wirklich, außer den Produzenten Broccoli und Saltzman und ein
wenig vielleich sein Erfinder, Ian Flemming. Terence Young, der erste Regisseur
von Bond-Filmen, meinte gar: „Der Mister Bond ist ein abscheulicher Kerl, ein
Sadist, der seine Gegner kaltblütig zur Strecke bringt, wenn sie unbewaffnet
sind, ein Rohling, der sich Frauen gegenüber wie ein Schuft benimmt. Im
Grund führt sich Bond wie ein Faschist auf; er hätte bei der SS Karriere
machen können. Mit seiner Erlaubnis zum Töten kann er seiner kriminellen
Phantasie freien Lauf lassen, ohne dafür getadelt zu werden; im Gegenteil;
er bekommt dafür noch Orden."
Das war, als hätte man Fantômas
zum Hüter der Welt gemacht; und eben dies war die befreiende Wirkung der
Gestalt, die niemandem, rechts wie links, gefallen durfte: Das Böse der
freien Marktwirtschaft kam zu sich, zeigte die Palette seiner kalten Faszinationen
und Impulse, ein Geschöpf aus verdrehten Ängsten (vor den Kommunisten,
vor der Armut, vor den Frauen, vor der Fremde, vor der Kultur und vor den Körpern)
und zu lange verborgenen Wünschen. James Bond war, heute sagt sich so etwas
leicht, der geile Barbar des Kapitals, der das System zu retten verstand, indem
er ihm eine körperliche Wirklichkeit gab.
Dafür war ein junger Schauspieler
aus Schottland zuständig, der seine Figur schon deswegen mehr „erschaffen"
konnte als andere Helden des Action-Films die ihren, weil sie in den Romanen
von Ian Fleming eigentlich nur sehr rudimentär angelegt ist: „Die einzige
wirkliche Schwierigkeit, Bond zu spielen, lag für mich darin, daß
ich von Bruchstücken ausgehen mußte." So wurde Sean Connery
sein eigener James Bond, ein Proletarier in der Welt des Reichtums, der sein
einziges Kapital einsetzt, seinen Körper, zu Gewalt, Verstellung und Verführung
und dessen Kleidung, dessen Umgangsformen, dessen Kennerschaft von nichts als
Anmaßung zeugen, von der Lust eines Menschen von uns hier unten, die dort
oben zu verblüffen: Sean Connerys Bond ist viel weniger ein Produkt des
Kalten Krieges als eines sozialer Rachephantasien. „Er genießt",
so Connery über Bond, „eine Freiheit, die ein normaler Mensch nicht erreichen
kann. Er liebt das Essen, liebt das Trinken und liebt seine Mädchen. Er
ist ziemlich grausam und sadistisch. Er beeinflußt das Phantasieleben
vieler Männer sehr stark, obwohl die meisten von ihnen nur widerstrebend
zugeben würden, daß sie wie Bond sein möchten. Ich habe überhaupt
keine Hemmung, zuzugeben, daß ich gerne esse und trinke und Mädchen
liebe."
Von Edinburgh in die Welt
Thomas Connery (das „Sean"
legte er sich später zu, vermutlich um die irische Wirkung des Nachnamens
zu unterstreichen") wuchs in einigermaßen beengten Verhältnissen
in Edinburgh auf. Sein Vater war Lastwagenfahrer, und die Mutter arbeitete als
Putzfrau. Man hungerte nicht wirklich, aber für irgendeine Art von Luxus
gab es kein Geld. Die Schulbildung blieb mangelhaft, unter anderem weil in den
Jahren des Krieges der Unterricht oft ausfallen mußte. Schon mit neun
Jahren mußte Connery durch Gelegenheitsjobs zum Unterhalt der Familie
beitragen, und mit vierzehn verließ er die Schule; mit dem Pferdewagen
fuhr er Milch aus, dann versuchte er sich in den verschiedensten Jobs, als Sargpolierer,
Maurer, Eisenflechter und Rettungsschwimmer etwa. Schließlich verpflichtete
er sich für sieben Jahre zur Marine, doch „es war überhaupt nicht
romantisch. Ich kam nie über den Dienstgrad eines Vollmatrosen hinaus.
Nach drei Jahren wurde ich wegen Magengeschwüren als dienstunfähig
entlassen, und ich war sehr unzufrieden mit allem, bis ich Druckergehilfe bei
einer Edinburgher Abendzeitung wurde. Das wurde als eine der besten Arbeiten
angesehen. Man konnte einen Anzug tragen, hatte sein eigenes Waschbecken, seinen
eigenen Schrank und Fünftagewoche!“
In seiner Freizeit widmete sich
Connery dem Gewichtheben und traf einige Zeit später bei einem Wettbewerb
zum „Mr. Universum" einen Kollegen, der als Statist bei der Londoner Aufführung
von „South Pacific" auftrat und ihn aufforderte, sich ebenfalls zu bewerben.
Man engagierte ihn für eine zweijährige Tournee des Stückes,
in deren Verlauf er von kleinsten zu kleinen Rollen aufstieg. Schwierigkeiten
bereitete ihm zunächst sein schottischer Akzent („Die Ensemblemitglieder
hielten mich für einen Polen"); später kultivierte er ihn wieder
und machte ihn zum „Markenzeichen".
Connery beschloß nach Abschluß
der Tournee, im Showbusiness zu bleiben. Er hat nie Schauspielunterricht genossen,
sondern brachte sich das Handwerk durch unermüdliches Selbststudium (Lektüre
vor dem Tonbandgerät) und durch die Praxis bei. Eine Zeit lang waren dann
freilich die Rollen eher knapp, und Connery lebte das Leben eines der Schauspieler-Proletarier,
die sich glücklich schätzen können, wenn die Gage für ein
Zimmer und bescheidenes Essen reicht. Aufwärts ging es dann, als er erste
kleine Fernsehengagements erhielt. Am Ende der fünfziger Jahre gehörte
Sean Connery immerhin zu den familiar faces im britischen Fernsehen und Film; nichts Beonderes. Bei einer
seiner ersten Film-Arbeiten, bei ACTION OF THE TIGER (OPERATION TIGER, 1957),
begegnete er dem Regisseur Terence Young, der ihn fünf Jahre später
bei der Rolle seines Lebens führen sollte. Connery spielte in TIME LOCK
(ZWÖLF SEKUNDEN BIS ZUR EWIGKEIT, 1957) und HELL DRIVERS (DUELL AM STEUER,
1957) und nach seinem Auftritt in der TV-Version von „Requiem for a Heavyweight"
häuften sich auch attraktivere Angebote; unter anderem spielte er an der
Seite von Lana Turner in ANOTHER TIME, ANOTHER PLACE (HERZ OHNE HOFFNUNG, 1958,
Regie: Lewis Allen). Im Jahr darauf unternahm er einen ersten Gehversuch in
Hollywood, doch die Dinge entwickelten sich nicht gerade erfolgversprechend.
Nach einer kleinen Rolle in der Walt-Disney-Produktion DARBY O'GILL AND THE
LITTLE PEOPLE (1959, Regie: Robert Stephenson), machte er sich bei den Produzenten
unbeliebt, weil er eine Reihe von Rollen ausschlug, darunter die des „Robin Hood". Dann
kehrte er nach England zurück, um erst mit dem Triumph von DR. NO wiederzukehren.
Darüber, wie Sean Connery den Part des James Bond erhielt, gibt es verschiedene
Versionen. Nach der einen hatte die Zeitung „Daily Express" einen Wettbewerb
für den Darsteller von Flemings Geheimagenten durchgeführt, bei dem
Connery in die engere Wahl gekommen war. Nach der anderen, Connerys nämlich,
rief Broccoli bei ihm an „und sagte, er plane diesen Fleming-Film und denke,
ich sei der richtige für die Rolle. Ich antwortete, dies würde ich
auch denken. Er bat mich herüber, und nachdem wir noch ein wenig darüber
diskutiert hatten, sagte ich, die Rolle würde mich interessieren, vorausgesetzt,
es käme noch ein wenig mehr Humor in die Story. Ich hielt das für
sehr wichtig. Er stimmte zu und fragte dann, wann ich die Probeaufnahmen machen
könne. 'Was für Probeaufnahmen?' fragte ich. 'Eben für diesen
Bond-Film', sagt er. 'Tut mir leid'
, sagte ich, ‚aber ich mache keine Probeaufnahmen.
Darüber bin ich hinaus. Sie können mich nehmen oder nicht, aber ohne
Probeaufnahmen’. Er wurde rot, nahm sich aber zusammen und sagte, er würde
es sich überlegen und mir Bescheid geben. Eine Woche später rief er
an, um mir zu sagen, daß ich die Rolle bekäme." Gewiß
wird auch der bis dahin nicht sonderlich bekannte Regisseur Young einen Anteil
an der Wahl des Darstellers gehabt haben, der im übrigen eine Gage von
ganzen 16.500 Dollar erhielt und erst bei DIAMONDS ARE FOREVER (DIAMANTENFIEBER,
1971) eine wirklich ansehnliche Summe verdiente. In dieser Dekade hatten über
eine Milliarde Zuschauer Connerys Bond-Filme gesehen; eine Pop-Ikone der Boom-Zeit
war entstanden, die von Film zu Film in immer aufwendigerem, technisch verspielterem
Rahmen präsentiert worden war. Daß der Schauspieler Connery die Rolle
schließlich satt hatte, ist gewiß als Furcht vor dem endlosen type
casting verständlich; mehr noch: Sean Connery war nicht mehr Bond, und
Bond war nicht mehr Connery. Als nach einem kurzen Zwischenspiel des Australiers
George Lazenby Roger Moore die Rolle übernahm, war das nicht nur eine Zivilisierung
des barbarischen Hedonisten, sondern auch eine Umformulierung der Klassenfrage:
auf den Proletarier, der seinen Körper und seine Gier in den Kampf warf,
folgte der restaurierte Brite, der seine Umgangsformen und seinen Snobismus
sprechen ließ. Wenn Connery einem Glas Wein Lage und Jahrgang entschmeckte,
dann war das eine Frechheit, die brachiale Eroberung von Lebenslust, bei Roger
Moore konnte man vermuten, es habe irgendwann einmal zur Erziehung gehört.
Zwölf Jahre nach dem letzten
Auftritt als Geheimagent drehte Connery, für die Gage von zehn Millionen
Schweizer Franken, noch einmal einen James-Bond-Film, ein Remake von FIREBALL,
an dem als einzigem Fleming-Stoff nicht Broccoli, sondern Jack Schwartzman die
Rechte besitzt, unter dem beziehungsreichen Titel NEVER SAY NEVER AGAIN (SAG
NIEMALS NIE, 1983, Regie: Irvin Kershner), und für diese Rolle legte er
sogar wieder ein Toupet an. Unnütz zu sagen, daß die Kritik, die
in den sechziger Jahren Connerys Bond als Bubenstück des kapitalistischen
Zynismus entlarvt hatte, nun schon immer gewußt hatte, daß es nur
einen wirklichen Bond gab: Sean Connery.
Connerys Bond ist die schamlose
Darstellung eines Männertraums im beginnenden Spätkapitalismus (und
gewiß benötigt man einen zeitlichen Abstand, um in dieser Schamlosigkeit
auch den Wert zu erkennen; der auf den Markt, in die Bresche und ins Bett geworfene
Männerkörper bezwingt noch einmal die aufkeimenden neuen Gefahren,
und umgekehrt vermag sich dieser Barbar listig mit dem Neuen zu verbünden.
Alle Nicht- und Nach-Bond-Rollen für Connery mußten, um gegen das
Klischee gesetzt zu sein und Connery Gelegenheit zu subtilerem Spiel zu geben,
den Mythos des unbezwingbaren Männerkörpers oder die ironische Distanz
des Weltkonsums in Frage stellen; das Bild des athletischen Snobs wurde in seine
Einzelteile zerlegt.
Der defekte Barbar
In Alfred Hitchcocks MARNIE (1964, der ersten großen
Nicht-Bond-Rolle), begegnet er einer Frau, Tippi Hedren, die noch viel kälter
und ebenso krank ist wie er selbst. Diese Frau ist das Dementi aller Bond-Mädchen;
auf ihr lastet das Trauma männlicher sexueller Gewalt, gegen die sie als
Diebin protestiert. Connery preßt sie zur Heirat, will sie mit Gewalt
„nehmen", worauf sie mit einem Selbstmordversuch reagiert, und er unternimmt
dann mit ihr eine Reise in die Vergangenheit, wie um eine für Bond undenkbare
Frage zu lösen: Was hat es mit der Frau auf sich?
Während er in diesem Film,
als eine durchaus zwiespältige Figur, nebenbei, die Frau erst einmal als
ein Geheimnis zu erkennen hat, was gewissermaßen automatisch die „Erfindung"
von Moral und Selbstzweifel zur Folge hat, wird er in THE HILL (1964), dem ersten
von vielen Filmen, die Connery mit Sidney Lumet drehte, an die Grenzen seines
Körpers geführt. Er ist ein Offizier, der wegen Befehlsverweigerung
in ein Straflager gerät, wo er einem besonders sadistischen Schleifer anheimgestellt
wird, der den Auftrag hat, ihn fertigzumachen. Medium dafür ist ein gewaltiger
Hügel aus Sand und Steinen, über den die Sträflinge bis zum völligen
körperlichen Zusammenbruch gejagt werden. So sind also diese beiden Filme,
beide brachten dem Schauspieler Connery kritisches Lob, gleichsam Läuterungen,
Passionen; die Distanz, die dieser Held nun zu sich und seinen möglichen
Erfolgen hat, wandelt sich von der kalten Neugier des Sadisten zu dem, was Connery
anläßlich der Dreharbeiten zu DER NAME DER ROSE als „Bewußtsein von der Vergänglichkeit der Epoche"
bezeichnete. James Bond war ganz und gar identisch mit seiner Zeit und ihren
Werten; der defekte Barbar, der an körperlicher Unverwundbarkeit und snobistischer
Überlegenheit verliert, erscheint nun eher als Figur des Übergangs;
das „Bestialische" in Connery, von dem François Truffaut bezüglich
MARNIE
spricht, erhält seine Passion durch das Bewußtsein von sich selbst;
gerade in seinen Grenzen erkennt der modernisierte Barbar seine eigene Gefährlichkeit,
und er pflegt ein Lächeln nun, das es ihm erlaubt, seine eigene Wirkung
mit spöttischer Distanz zu kommentieren, und wie hinter der Inszenierung
des Männerkörpers die Gestalt eines Menschen hervortritt, der an Niederlagen
gereift ist, so entwickelt sich aus der „barbarischen" Sexualität
ein erotisches Image (in dem wie immer Spiel und Ernst unentrinnbar miteinander
verwoben sind).
In Lumets THE ANDERSON TAPES (DER
ANDERSON CLAN, 1970) wird noch ein anderes Element des James Bond-Mythos dementiert,
nämlich das der sozialen Mobilität, die Kraft und Anmaßung erzielen
könnten. Connery kommt da aus dem Gefängnis und trommelt ein paar
Kumpel zusammen, um mit ihnen einen großen Coup zu landen: Ein Wohnhaus
der Reichen soll Appartement für Appartement ausgeräumt werden. Aber
Anderson (Connery) scheitert daran, daß die Welt schon von unsichtbaren
Augen, den Überwachungsapparaturen des FBI beherrscht ist, und daß
sich die Reichen längst einen Spaß daraus machen können, Verbrechern
bei der Arbeit zuzusehen, weil die Versicherung bezahlt. Die größte
Gemeinheit aber ist, daß der ganze technische Aufwand gar nicht Andersons
Gang, sondern viel größeren Gangstern gegolten hat, die längst
ohne Körper, ja schon ohne Gesicht sind.
In Lumets Filmen ist Connery oft
ein kräftiger, aber schon etwas angestrengter Mann, der nach seiner großen
Niederlage in eine ausweglose Situation geraten ist, aus der er sich - zumeist
vergeblich - mit einem Kraftakt zu befreien versucht. In THE OFFENCE (SEIN LEBEN
IST IN MEINER GEWALT, 1972) ist er ein verbitterter Polizeidetektiv. Als nach
einem brutalen Verhör ein Gangster stirbt, wird er selbst zum Angeklagten.
„Ein mieser Cop, ein mittelmäßiger Sergeant, den nach 20jähriger
Routine-Arbeit die Erinnerungen an brutale Verbrechen, mit denen er zu tun hatte,
zum Killer werden lassen" (Connery).
Das fürchterliche Scheitern
dieses modernisierten Barbaren an der Zeitenwende ist die eine, das sanfte Verschwinden
die andere Möglichkeit. In Richard Lesters ROBIN AND MARIAN (ROBIN UND
MARIAN, 1975) verliert der Held nach seiner Selbstgewißheit auch seine
„Methode"; Robin Hood kehrt da, niedergeschlagen von einer langen, sinnlosen
Kreuzfahrt, zwanzig Jahre nach seinem Befreiungskampf, nach England zurück,
wo König Richard Löwenherz dem Wahnsinn anheimgefallen und Lady Marian
nach einem Selbstmordversuch Äbtissin eines Klosters geworden ist. Aber
sonst ist alles beim alten geblieben; die Herrschaft hat sich nicht geändert,
die alten Feinde sind so stark wie je, nur Robin ist älter geworden, und
nachdem noch eine Schlacht geschlagen ist, ohne daß sich ein Ausweg auftun
will, läßt er sich von Marian gnädig vergiften, und auch dieser
Liebestod durch die sanfte, zerbrechlich starke Audrey Hepburn ist eine Antwort
auf die brachiale Sexualität des Barbaren. Wie Lumet, so läßt
auch Lester Connery scheitern, weil die Zeit ihn nicht mehr braucht, und erst
indem er so gegen die Zeit lebt, weckt er unser Mitgefühl.
Diese Männlichkeit im Stadium
des Untergangs (und einer ironisch-melancholischen Erinnerung) erzielt eben
jenen Schwebezustand der Gefühle, den ein erotischer Mythos braucht; je
mehr er „in die Jahre kommt", je komplexer die Physiognomie auf den Widerspruch
zwischen Lust und Weisheit reagiert, desto sicherer ist Connery ein Platz in
den beliebten Umfragen nach dem „most sexy actor" oder dergleichen. Neben
der Tragödie des Tatmenschen, der sein zivilisatorisches Ziel verfehlen
muß, gibt es gelegentlich eine dramatische Rekonstruktion des barbarischen
Kriegers wie in John Boormans bizarrem ZARDOZ
(1973), wo Connery „elementare Männlichkeit" (Verleihtext-Poesie)
mit beidem, der Sexualität und der Gewalt seines Körpers, eine paradiesisch-höllische
Herrschaft von Unsterblichen zerstört. Gegen das „potente Ungeheuer"
(Ponkie), das freilich schon zum verliebten Ungeheuer geworden ist, wirkt „James
Bond fast wie ein Waisenkind" (Connery). Aber nein! Dieser Barbar ist durch
Geschichte gezähmt; er mag sich selbst nicht recht verstehen, so handelt
er doch im Dienste der Menschheit gegen den von den tod- und lustlosen Herrschern
erfundenen Vatergott, weil er die Sinnlosigkeit seines Schlachtens ahnt. Connery
war übrigens nicht ganz unerheblich an der Konzeption von Gestalt und Film
beteiligt, so daß es vielleicht nicht unschicklich ist, die sich beständig
selbstaufhebenden Wendungen des Films als Versuch einer Kommentierung der eigenen
Rolle zu sehen: Der Tat- und Sinnenmann als Erlöser der frigid-rationalen
Frau und ihrer Gesellschaft versucht sich gleichsam zu verrätseln.
Ganz einfach dagegen steht der
Held von OUTLAND (1980, Regie: Peter Hyams), ein Polizist, der in eine außerirdische
Bergwerkskolonie strafversetzt wird, wo die Arbeiter von Industrie und Gewerkschaft
mit Drogen versorgt werden, die sie als Nebeneffekt nach geraumer Zeit in den
Wahnsinn treiben. Nachdem die Frau ihn mit dem Kind verlassen hat, ein wenig
so, wie Grace Kelly Gary Cooper in HIGH NOON verlassen mußte, tritt Connery zu einem zähen Kampf
an, nur eine Frau mit dem bezeichnenden Namen Lazarus ist an seiner Seite. Er
ist nun so sehr geprägt vom Verlust, daß wir, trotz seiner immer
noch immensen Fähigkeit zur Gewalt, keine wirkliche Furcht mehr vor ihm
haben müssen. Bond weiß, daß er siegen wird, deshalb ist ihm
ein Menschenleben nichts wert, Robin kann nicht mehr siegen, darum muß
er sein Leben beenden; in OUTLAND weiß der Held, daß er siegen muß,
koste es ihn das Leben, und der Connery-Held beginnt, jeden seiner Schritte
sorgfältig abzuwägen. Anders gesagt: Er wird alt.
Der entfernt anwesende Vater
Noch zweimal reicht der defekte
Barbar weit über sich hinaus. Das eine mal, in John Milius’ THE WIND AND
THE LION (DER WIND UND DER LÖWE, 1975), wo Connery als Berberfürst
eine amerikanische Witwe und ihre beiden Kinder entführt, um seinen Bruder
zu zwingen, ihn wieder in Amt und Würden zu setzen (und Candice Bergen
wird von der Menschlichkeit und dem Stolz hinter dem barbarischen Gestus doch
noch überzeugt, als hätten wir's geahnt), das andere Mal in John Hustons
verdammt schönem THE MAN WHO WOULD BE KING (DER MANN, DER KÖNIG SEIN
WOLLTE, 1975) nach einer Geschichte von Rudyard Kipling: Die britischen Soldaten
Peachy (Michael Caine) und Daniel (Sean Connery) wollen in einem Land hinter
Indien König werden, und Daniel wird wirklich zum gottähnlichen Herrscher
gekürt, weil man ihn für unverwundbar hält. Es ist seine sexuelle
Begierde, die ihn zu Fall bringt, ebenso wie sein ungezügelter Wunsch nach
Macht, die beiden Wesenszüge des Barbaren in unserer Phantasie. Für
Huston ist das Problem des Mannes, der König sein wollte, „daß er
die Frauen nicht kontrollieren kann", und mit dieser in ihrer Düsternis
wahrhaften Männerphantasie nahm Connery in einem grausigen Kino-Tod recht
eigentlich endgültig von James Bond Abschied.
Sean Connerys letztes, aus den
vorherigen glücklich hervorgehendes Rollenfach ist das des väterlichen
Freundes, der sich ironisch fernzuhalten versteht und zu Zeiten noch zu beachtlichen
Aktionen fähig ist. Ob er in einer „echten" Familie steht, wie in
Lumets FAMILY BUSINESS (1988), oder den Helden (Christopher Lambert) als väterlicher
Freund geleitet hat, wie in HIGHLANDER (1985), stets ist die autoritäre Beziehung der Vatergestalt
mit den Söhnen gebrochen; wie er als defekter Barbar seine Beziehung zu
den Frauen durch Selbstironie und die Offenbarung von Skepsis zivilisierte,
so gibt er nun durch ironische Distanz (die dritte Potenz des Snobismus) den
Söhnen mehr Freiheit, als sie erwartet haben, mehr Selbstverantwortung
auch, als sie wünschen. Der Vater von Indiana Jones in Spielbergs INDIANA
JONES AND THE LAST CRUSADE (1989) hat ihn durch eine merkwürdige Kombination von „Abwesenheit"
(in der Verkleidung der forschenden Weltflucht eines Professors) und direkter
Anwesenheit in zwei Lektionen, einer ironischen (Nun sprich, Sohn) und einer
ernsten (Laß es gehen, Sohn) geführt. In Brian de Palmas THE
UNTOUCHABLES
(1986) ist er, der alte Streifenpolizist mit der dunklen Vergangenheit, erst
nach Zögern bereit, eine zielgerichtete „väterliche" Funktion
für den Gegenspieler des Gangsters Al Capone, für Eliot Ness, einzunehmen.
Das ungern, aber konsequent angenommene
Verantwortungsgefühl, das Connery nun, etwa als bärbeißiger
Colonel, der es mit einem jungen, smarten Cop zu tun bekommt, in Hyams' PRESIDIO
(1988) oder als Kommandant eines russischen Unterseebootes in THE HUNT FOR RED
OCTOBER (1990), an den Tag legt, macht ihn endgültig zum positiven Helden:
Der Barbar hat sich selbst bezwungen.
Mehr noch, er wird, weil er die
„Vergänglichkeit der Epoche" erkennt, zum Künder einer neuen,
halb resignativen, halb erwartungsfrohen Aufklärung, in der der Beobachter
und Investigator, wie sein detektivischer Franziskanermönch William (wieder
ein Mann mit einer ungewissen Vergangenheit) in DER NAME DER ROSE (1986), seine Fehlbarkeit miteinbezieht. Auch hier wird er zu
einem gewährenden, väterlichen Freund für einen jungen Mönch.
Was gibt es von einem Mann zu lernen, der sich nicht einmal von seiner eigenen
Resignation abhalten läßt, wenigstens zu versuchen, das Richtige
zu tun, und sich von seinem Erfolg nicht davon abhalten läßt zu resignieren?
Die Skepsis als Methode, den Untergang des Mannes (oder was immer gerade untergehen
möchte) zu überleben, ohne die Lust am Leben zu verlieren. Oder die
Kunst, sich von einem „haarigen Marshmallow" (TIME zu Zeiten von DR. NO)
in einen dackelfaltigen Graubart zu verwandeln, ohne das Gesicht zu verlieren.
Georg Seeßlen
Dieser Text ist zuerst erschienen in epd Film 8/90
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