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Diagonale 07
Glück
gehabt
Diagonal durch den österreichischen
Film
Die Leistungsschau des österreichischen
Films, die „Diagonale“ in Graz, wurde auch in diesem Jahr ihrem Titel gerecht.
Vom kurzen Experimentalfilm über den Dokumentarfilm bis zum langen Spielfilm
ging es schräg durch die Produktionen, versehen mit dem Label „Bundeskanzleramt.Kunst“
oder grade nicht. An die 300 Filme in sechs Tagen. Die charmante Festivaldramaturgie
setzte auf Quantitätsbegrenzung, was den diversen Qualitäten des österreichischen
Filmes Tür und Tor öffnete. Für das Festivaldesign stand ein
dem Filmfreund bis dato unbekanntes, ausdrucksvolles, in sich gekehrtes und
gleichzeitig verlockendes Gesicht. Eine neue Mona Lisa, die Grazer Schülerin
Sophie Solar. Sie spielte die Hauptrolle in dem aus den üblichen Formaten
herausfallenden Film „Her mit dem schönen Leben“, 38 Minuten, gedreht von
Johanna Moder, Jahrgang 1979, jochanamo@hotmail.com. Eine Premiere, und eine
Sensation. Wie packt eine Schülerin, sich wohlfühlend unter Freundinnen,
mit Jungs, auf Partys, in der Schule – wie packt sie die unvorhergesehene Arbeitslosigkeit
des Vaters, den Zusammenbruch aller Sicherheit? Und wie rächt sich die
schöne junge Frau an der Gesellschaft, die solches verantwortet? – Ej,
da wird jemand Junges aktiv, ebenfalls unvorhergesehen. Eine schöne Überraschung
in Graz.
Grazer Premiere auch für
den Spielfilm „Heile Welt“, der eher als berührender Dokumentarfilm über
eine kaputte Welt anmutet. Der starke Debütfilm des Grazers Jakob M. Erwa,
26, www.heilewelt-film.com, setzt auf Handkamera, Brüche der Chronologie
und Vertrauen in die Selbstdarstellungsfähigkeit der Protagonisten, vom
15jährigen Gefährdungsgeneigten bis zur ihrer selbst sicheren Frau
mit Migrationshintergrund. Hier darf man es wieder verwenden, das Wort „Authentizität“.
So viel Glaubwürdigkeit würde man den vielen anderen Filmen wünschen,
die sich leider auf den erhobenen Zeigefinger (und die zuständigen Gremien)
verlassen. Unvorhergesehen der Grazer Festivalerfolg. Kompliment. Und ich klopfe
mir auf die Schulter, dass ich Glück gehabt habe, zur richtigen Zeit im
richtigen Kino gesessen zu haben.
Die Festivalpolitik, Raum für
Unvermutetes zu lassen, bewährte sich auch im Fall von Florian Flicker,
Festivalsieger vom letzten Jahr. Schöne Übung ist es, im auf den Sieg
folgenden Jahr, ältere Filme des Geehrten vorzustellen. Wo sonst hätte
ich Flickers genialen Super 8-Film von 1986 sehen können, den dreiminütigen
„Lebenslauf“. Der Salzburger Florian Flicker, www.florianflicker.com, kellnerte
damals in Hamburg-St. Pauli. Man sieht seine Füße, die eine Spule
lang am Hafen entlanglaufen. Mehr nicht. Und doch glaubt man gern, dass dies
sein Leben ist. – Auch seine „Halbe Welt“, der 35-mm-Film von 1993, die budgetlose,
aber super einfallsreiche Negativutopie war wiederzusehen. Danke!
Ich habe mir meine eigenen Favoriten
gemacht. Deswegen kann ich jubeln. Über Peter Schreiners behäbige,
sich Zeit lassende Dokumentation „Bella Vista“, über Peter Kerns theatralische
Genet-Hommage
„Die toten Körper der Lebenden“, eine
Premiere auch dies.
Was mir ins Auge stach, war das
Wagnis eines jungen Regisseurs, noch Regiestudent in Wien, 29 Jahre, der einen
Zwanzigminutenspielfilm mit gestandenen Schauspielern wie Ulrich Mühe,
Susanne Lothar und Emily Cox, dreht. Dörr, tobis_doerr@yahoo.de, gelang
die Verbindung, die Verbrüderung mit „Verwehte Spuren“. Eine klassisches
Kammerspiel. Eine uneingestandene große Sehnsucht.
Ich bitte um Nachsicht, wenn ich
mich auf das, was mich angenehm überraschte, beschränke. Von den großen
Spielfilmen, die ein Chronist jetzt aufzählen müsste, hat man eh schon
gehört. Barbara Alberts „Fallen“ kam in Österreich vor einem halben
Jahr ins Kino. Seit März 2007 läuft dort auch die bitterböse
Farce „Immer nie am Meer“ von Antonin Svoboda. Auch „42 plus“, der
Film von Sabine Derflinger, wird ins Kino kommen. Die Premiere eröffnete
die Diagonale. Der Film zielte auf breite Akzeptanz. Eine leicht zickige Talkshowmasterin
krallt sich einen Jungen, der mit seinen Kumpels am romantischen Mittelmeerstrand
nächtigt. Luftmatratzen, Schlafsäcke, die Flammen lodern, - ein Lager
wie das der Zigeuner in einer Operettenversion von „Carmen“. Jaja, der Film
ist professionell gemacht, das Drehbuch spart nicht mit Überraschungen,
alles bestens und doch wie gehabt. Also wie der Mainstream es haben will? Viel
Erfolg von mir aus. Was soll ich einwenden?
Schluss mit Mäkeln. Lieber
noch mal unterstreichen, was mir nahegekommen ist. Siehe oben.
Dietrich Kuhlbrodt
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