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Fernsehen
1.
Das Fernsehen im Medien-Diskurs
Der Gemeinplatz, das Fernsehen
sei zum Leitmedium der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geworden, profitiert
von einem Theorem, das erst vom Fernsehen ermöglicht wurde. Denn was ein
„Leitmedium" sei, ist präzis erst auf den Begriff zu bringen, seitdem
es das Fernsehen gibt: Schaltstelle der Alltagskultur und des Alltagswissens;
Sinnstiftungsmaschine und Steuerungsinstanz des common sense, Organisator von
Wahrnehmungsstrategien und Verhaltensweisen. Aber auch: Codierungssystem politischer
Machtverhältnisse und „Transmissionsriemen" (Knut Hickethier, 1998,
1) gesellschaftlicher Umschichtungen. Nicht zuletzt: Orientierungshelfer und
logistisches Reservoir für die Konfiguration des sozial, ästhetisch,
modisch, weltanschaulich jeweils Gültigen oder Tolerablen. Der Rede vom
Medium hat das Fernsehen eine neue, durchaus äquivoke Konnotation und eine
neue Komplexität verliehen. Erst das Fernsehen lehrte uns: „Viele Eigenschaften
der Welt sind tatsächlich Eigenschaften der Medien, durch die wir die Welt
wahrnehmen und bearbeiten." (Lorenz Engell, 1999)
Wenn Telegrafie, Fotografie, Film
und Radio der Epoche der Massenkommunikation (und mit ihr einer auf Technik
fundierten Populärkultur) freie Bahn verschafft haben, so schien das Fernsehen
lange Zeit deren ultima ratio, ja ihr geheimes Telos zu sein: sowohl nach dem
Buchstaben einer Theorie, die mit dem Phänomen der Masse reflexhaft die
Mechanismen der Manipulation und der intellektuellen Enteignung verbindet, als
auch im Sinne eines Merkantilismus, der die hemmungslose Ausdehnung der Warenökonomie
auf die Erzeugnisse der Bewusstseinsindustrie als Emanzipationsfest der Sinne
und demokratischer Wahlfreiheit propagiert. Erst die Ausdifferenzierung des
Mediums selbst rückte die Bedingungen in den Blick, die seine Wirklichkeits(ab)bilder
als komplizierte und hochkomplexe „Konstrukte", mithin als „medial"
ausweisen. Ebenso wurden die bemerkenswert polyvalenten Praxisformen der Rezipienten
im Umgang mit der Fernsehmaschine erkennbar: Verhaltensweisen, die offenbar
auf einen neuen, zwischen stoischer Indolenz und partieller Erregbarkeit oszillierenden
Sozialtypus deuten. Auf einen „Empfänger" jedenfalls, der tradierte
Informations-, Manipulations- und Propagandatheorien Lügen straft.
Als Leitmedium einer (noch keineswegs
abgeschlossenen) Epoche etablierte sich das Fernsehen im Kontext einer seit
etwa 1900 bereits hoch technisierten, kommerzialisierten und ins soziale Gefüge
integrierten Medienkultur. Diese war ein Produkt der Industriegesellschaften
und hatte ihre Modernisierung vorangetrieben. Nun gerieten das massenhaft verbreitete
Buch, die Presse, das Radio, die Kinematographie - ökonomisch und kulturell
- unter den Zugriff eines neuen Mediums. Nicht nur, was „populär"
sei, definierte das Fernsehen um; es formulierte auch die (ökonomischen,
institutionellen, ästhetischen) Bedingungen, wie das Populäre unter
die Leute zu bringen sei. Keineswegs löste das Fernsehen die alten Medien
ab, aber es unterwarf sie seinem Layout und errichtete Normen (der Wahrnehmung,
der Aufmerksamkeit, der Selektion, der Ostentation), die von anderen Medien,
etwa von der illustrierten Zeitschrift, dem Kinofilm und vom Hörfunk adaptiert
wurden. In dem Maße, wie das Programm-Medium Fernsehen in der Phase seiner
Durchsetzung aus dem Fundus eben dieser älteren Medien seine strukturellen
und ästhetischen Paradigmata bezogen hatte, unterwarf es sie nun als Leitmedium
seiner spezifischen „Kultur". „Das Fernsehen fungiert als medialer Kulturspeicher,
der Inhalte anderer Medien in seine Angebotsfläche integriert." (Joan
Kristin Bleicher, 2001, 491)
Mit der Ausstrahlung 60-zeiliger
Bilder betrieben mehrere Fernsehsender in den USA bereits um 1930 einen frühen,
wenngleich noch nicht regelmäßigen Sendebetrieb. Die regelmäßige
Ausstrahlung von Fernsehbildern begann 1935 im nationalsozialistischen Deutschland,
ein Jahr später in Großbritannien, drei Jahre später in Frankreich,
1939 in den USA und in der Sowjetunion. Während des Zweiten Weltkriegs
wurde weiter experimentiert; ein regelmäßiger und umfassender Sendebetrieb
auf privatwirtschaftlicher, staatlicher oder öffentlich-rechtlicher Grundlage
setzte jedoch erst nach Kriegsende ein. Das (vollelektronische) Farbfernsehen
etablierte sich in den USA seit der ersten Hälfte der 50er Jahre (in Deutschland
ab 1967); das Videoband für die elektromagnetische Bildaufzeichnung nach
dem Ampex-Verfahren kam 1956 auf den Markt. Erstaunlicherweise dauerte es abermals
vier Jahrzehnte, bis mit den Techniken zur höheren Bildauflösung (1993)
und der Digitalisierung (ab 1995) Qualitätssprünge möglich wurden,
die nicht nur das Medium selbst, sondern seine Funktion als soziales, die Ökonomie
der Sinne und die Struktur der gesellschaftlichen Kommunikation regulierendes
Dispositiv wesentlich verändert haben und seine weitere Entwicklung bestimmen
werden.
Allerdings hatte schon das Videoband
nicht nur den Produktionsbetrieb des Fernsehens erheblich beschleunigt und seine
Hegemonie als Nachrichtenmedium begründet, sondern auch mit den Möglichkeiten
der Bildnachbearbeitung zu seinem Ruf als zentrale gesellschaftliche Manipulationsinstanz
beigetragen. Der Videorekorder wurde seit Ende der 60er Jahre, die Videokamera
etwa seit 1980 zum Hausgerät - und die elektronische Bildverarbeitung zum
Massenzeitvertreib. Mit anderen Worten: Das Fernsehen - verstanden als umfassendes
technisch-ökonomisch-kulturelles System - agiert nicht nur als „Sendezentrale",
die ihre „publica dispersa" mit Botschaften beliefert, es durchdringt auch
die Gesellschaft mit anwendungsfreundlicher Technik, die den Erfahrungshorizont
der Freizeit erweitert und die Rezipienten zu „Usern" macht. Als kulturtechnisches
Instrument ersten Ranges ist ihr vor allem die Fernbedienung zuzurechnen, die
in der Bundesrepublik ab 1975 zum Massenartikel wurde: „Ein Beispiel dafür,
wie nun wirklich harmlos scheinende Ausgeburten von Ingenieurshirnen (...) Kulturrevolutionen
auslösen, die keinem in den Sinn gekommen wären, der sich als ‘Kulturrevolutionär’
sieht." (Jochen Hörisch, 2001, 345) Mit dem „Zapper" sitzt ein
neuer Rezipiententypus auf der Couch: ein Flaneur des Bilder-Universums und
Medien-Vagabund, der sich in Deutschland seit Beginn der neunziger Jahre durch
etwa dreißig Programme frei bewegen, bei einer Videokassete Abwechslung
suchen oder sich per Videotext (technisch möglich seit 1970) im alten Medium
der Schrift über Sport, Politik und Börse informieren lassen kann.
2.
Made in USA
Alle Betriebsanweisungen für
die Architektur des Fernsehens als Gesamtkunstwerk der globalen Medienzivilisation
stammen aus den USA, wo bereits 1948 etwa eine Million Zuschauer an das neue
Medium angeschlossen sind. Der Durchbruch erfolgt in den frühen 50er Jahren:
mit dem Start des Cable TV, mit der ersten Fernsehsendung in Farbe und vor allem
mit den frühen Shows. Die Multiplikation der Kanäle erklärt sich
aus der Rasanz, mit der eine neue Goldgräberstimmung um sich greift und
- neben den großen Networks - die regionalen und kommunalen Anbieter aus
dem Boden schießen lässt. Bereits 1953 erscheint der erste „TV Guide",
der es dem Zuschauer erleichtern soll, einen Pfad durch die „Bilderflut",
durch die schiere Masse audiovisueller Attraktionen zu finden. Es sind die -
aus den längst etablierten Talk- und Event-Sendungen des werbefinanzierten
Radios hervorgegangenen - Shows, die das Fernsehen von Beginn an als eine Unterhaltungsmaschine
par excellence ausweisen.
Die Stars des US-amerikanischen
Fernsehens in den 50er Jahren heißen, zum Beispiel, Lucille Ball und Desi
Arnaz, die in der Comedy Show „I Love Lucy" schon darum das Publikum auf
ihrer Seite haben, weil sie miteinander verheiratet sind und, inmitten der sozialen
Irritationen des ersten Nachkriegsjahrzehnts, dazu beitragen, die Hoffnungen
auf die ungebrochene Stabilität des Ideals von der heilen Familie zu festigen:
ein konstantes Thema, das in seinen unzähligen (auch durchaus ambivalenten)
Variationen bis heute von Hollywood ebenso wie vom amerikanischen Fernsehen
transportiert und in alle Welt verbreitet wird. „I love Lucy" bestätigt,
ebenso wie die auch international erfolgreiche Western-Serie „Bonanza"
mit Lorne Green und Michael Landon, das bereits in den Soaps der Radio-Networks
durchgesetzte serielle Prinzip: jene Distributionsform, die in der Parallelwelt
der Medien sicher stellt, dass „das Leben" seine eigenen Fortsetzungsromane
schreibt und erst dann zu Ende geht, wenn die Nachfrage und mit ihr das Interesse
der werbenden Wirtschaft einen merklichen Einbruch erfahren haben. Auch die
Shows, in denen noch das alte Formenmaterial des Varietés und der Music
Hall ebenso wie (im Fall der Gameshows) die Distributionsstrategie des Radios
wiederzuerkennen ist, formieren sich schon früh nach dem Gesetz der flächendeckenden
Serialisierung des Angebots.
Von 1956 bis 1961 strahlt NBC
„It Could Be You" mit Bill Leyden aus, eine Show, die seit langem getrennte
Familienmitglieder wieder zusammenbringt und damit ein Schema prägt, das
in Deutschland erst mit dem Privatfernsehen und Sendungen wie „Verzeih’ mir!"
und „Bitte, melde dich!" reüssieren wird. 1960 erleben die Amerikaner
ihren Wahlkampf erstmals als televisuellen Showdown zwischen den Kandidaten
Nixon und Kennedy; drei Jahre später starren sie entgeistert auf die Bildschirme,
als ihr Präsident, buchstäblich vor den Augen der Nation, in Dallas
erschossen wird. Es ist die Ära der ersten „magic moments": schockierender,
aufwühlender oder beseligender Medienerfahrungen, die sich dem Echtzeit-Phänomen,
der Zeitgleichheit von Ereignis und Abbildung verdanken und als „unauslöschliche
Bilder" dem individuellen ebenso wie dem kollektiven Gedächtnis einschreiben.
Die kulturellen Spuren, die das Erlebnis der Live-Präsenz - von der ersten
Mondlandung 1969 bis zum Einsturz des World Trade Centers 2001 - hinterlassen
hat, sind aus den Weltkonstruktionen, das heißt: aus der Mythologie der
späten Moderne nicht mehr fortzudenken. Für die Europäer wird
die kontinentale Live-Übertragung der Krönungsfeierlichkeiten in England
(1954) diese Ära eröffnen.
Von 1965 an setzt der Vietnamkrieg
neue Akzente in der Mediengeschichte. Das politisch-militärische Desaster
einer Supermacht sendet Abend für Abend seine verstörenden Signale
auf die amerikanischen Bildschirme und zerreißt die Nation, während
Johnny Carsons mit seiner „Tonight Show" seine einige Jahrzehnte währende
Karriere als Talkmaster beginnt. Bis heute folgt nicht nur das US-Fernsehen
diesem Muster der „vermischten Nachrichten" und der hemmungslosen Präsentation
inkompatibler Attraktionen: eine rund um die Uhr rotierende Wiederaufbereitungsanlage
der Brüche im Weltpanorama, die gleichzeitig - ganz gegen den Sinn ihrer
kontinuierlichen Dekonstruktionen - Weltdeutung, Interpration und, nach dem
Selbstverständnis der öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland,
Lebenshilfe unter die Leute zu bringen sucht. Heute, in der Ära der flächendeckenden
Katastrophen- und Kriegsberichterstattung von CNN, weist eine Show wie die international
vielfach kopierte „Who Wants To Be A Millionaire?" mit Regis Philbin (die
deutsche Version wurde, mit Günter Jauch, von RTL gestartet) den Weg in
die Glückseligkeit des Individuums unter den Bedingungen der Globalisierung.
Der Fan akzeptiert das Spiel und weiß: Es ist nichts als - Spiel, eine
amüsante Konstruktion.
3.
Öffentlich-rechtliches Fernsehen in Deutschland
Im gespaltenen Deutschland nach
dem Ende des Zweiten Weltkriegs verlaufen Erprobung und Durchsetzung des neuen
„Wahrnehmungsdispositivs" Fernsehen (Hickethier, 1998, 10 ff.), verglichen
mit den USA und anderen westlichen Industrieländern, untypisch. Die ideologischen
und administrativen Vorgaben eines kommunistischen Systems einerseits, die politischen
und kulturellen Bemühungen um die Re-integration der westdeutschen Teilgesellschaft
in die „westliche Wertegemeinschaft" andererseits verschaffen der Entwicklung
des neuen Massenmediums spezifische Rahmenbedingungen, die mit seiner Eigendynamik
in einen durchaus produktiven Konflikt geraten. Während das Fernsehen als
aufmerksamkeitsheischende Universalmaschine zunehmend an die Freizeit- und Unterhaltungsbedürfnisse
eines Millionenpublikums appelliert, modellieren die hohen kulturellen Erwartungen
seiner Begründer zumal in der jungen Bundesrepublik, unter dem Primat der
öffentlich-rechtlichen Verfassung des Rundfunksystems, die Konturen und
Inhalte eines ethisch fundierten Programm-Mediums, das sich sowohl allgemeinen
humanistischen Werten als auch demokratisch-aufklärerischen Zielsetzungen
und den daraus resultierenden journalistischen Maßstäben verpflichtet
weiß. Das Fernsehurteil des Bundesverfassungsgerichts von 1961 hebt die
zentrale Rolle des Rundfunks (ihm wird das Fernsehen zugeordnet) für den
Konstitutionsprozess bürgerlicher Öffentlichkeit noch einmal ausdrücklich
hervor: der Rundfunk sei „nicht nur Medium, sondern auch Faktor der öffentlichen
Meinungsbildung." (Hans Bausch, 1980, Bd. 3, 436) Diese Spannung
- zwischen der „Systemimmanenz" des Fernsehens in einer dynamischen Marktgesellschaft
und dem kulturellen Anspruch, der von „gesellschaftsrelevanten Kräften",
aber auch von „qualifizierten Minderheiten" an das Medium herangetragen
wird - bestimmt für einige Jahrzehnte seine Entwicklungsgeschichte in der
Bundesrepublik und ist bis heute in der Auseinandersetzung um das inzwischen
in seiner Substanz bedrohte „duale System" virulent.
Knut Hickethiers Versuch, die
Geschichte des öffentlich-rechtlichen (überwiegend gebührenfinanzierten)
Fernsehens bis etwa 1985 - also bis zum Umbruch des medialen Dispositivs durch
neue technische und ökonomische Rahmenbedingungen - zu periodisieren (Hickethier,
1998), zeichnet nicht zuletzt einen sukzessiven Abbau ursprünglich erwünschter,
doch weitgehend außerhalb des Mediums formulierter kultureller und kulturpolitischer
Maßstäbe nach. Positiv ausgedrückt: Das Fernsehen definiert
sich selbst nach Maßgabe seiner „medialen" (strukturimmanenten) Kriterien
und der Anforderungen, die ihm aus dem Prozess der allgemeinen gesellschaftlichen
Entwicklung zuwachsen. Schon der Start des Fernsehens (in Westdeutschland 1952)
bringt „die Welt" über das Gehäuse (des Apparats) ins Haus; das
Fernsehen ist, noch für lange Jahre, ein Medium der spezifischen Nachkriegs-Biederkeit,
integriert aber von Beginn an Unterhaltung und Fiktion ins Programm und kreiert
das „Dabeisein", die Live-Präsenz, als spezifische Erfahrung der televisuellen
Erlebnisstrategie. Das erste deutsche Fernsehspiel nach dem Krieg, Goethes „Vorspiel
auf dem Theater" (gesendet 1951), ist, dem technischen Entwicklungsstand
gemäß, eine Live-Sendung. Geboten wird ein Juwel der bildungsbürgerlichen
Hochkultur - aber als audiovisuelles „Event". Ins Zentrum der Populärkultur
drängt das Fernsehen schon zu einer Zeit, als ihm kulturpolitische Würdenträger
wie Adolf Grimme, der damalige Generaldirektor des NWDR, noch die Last der Traditionen
aufbürden wollen: „Was früher der Kamin war, wie einst die Petroleumlampe
den Familienkreis vereinte" - das sollten „im deutschen Haus" auch
Rundfunk und Fernsehen sein: „der Mittelpunkt der inneren Sammlung." (zit.
nach Hickethier, 1998, 66)
4.
Fernsehgenres und TV-Ästhetik
In diesem Spannungsfeld bilden
sich, zunächst unter der alleinigen Verantwortung der ARD, ab 1963 im Wechselspiel
von Kooperation und Konkurrenz zwischen ARD und ZDF, jene Programmstrukturen
und Sendegenres heraus, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen der Bundesrepublik
bis heute konstituieren. Sie resultieren aus dem in den Staatsverträgen
verbindlich festgehaltenen Auftrag der Rundfunk- und Fernsehanstalten, den Anspruch
der gebührenzahlenden Teilnehmer auf Information, Bildung und Unterhaltung
in „ausgewogenen" Proportionen zu erfüllen - ein Grundverständnis,
aus dem sich seit den 1950er Jahren die Organisationsstrukturen der Anstalten
selbst ebenso wie die einzelnen Programmbereiche und Sendeformen herauskristallisieren.
Im Bereich der aktuellen Information sind dies, neben der Nachrichtenversorgung
(„Tagesschau" und „heute"), die spezifischen Formen des Fernsehdokumentarismus
(Dokumentarfilm, TV-Dokumentation, Fernsehfeature und -reportage) sowie die
mit der zunehmenden Politisierung des Mediums immer stärker ins Blickfeld
rückenden politischen Magazinsendungen des Typs „Panorama", „Report",
„Monitor" und „ZDF-Magazin".
Mit dem Anspruch, auf unterhaltsame
Weise zu bilden, etabliert sich das Fernsehspiel als genuines TV-Genre, das
sich - besonders in seiner gesellschaftskritischen Variante - deutlich von der
Theateraufzeichnung und vom Spielfilm (dem sich das Fernsehen als Distributionsmedium
anbietet) abgrenzt und sich bald auch als „Mehrteiler" sowie in Seriengestalt
(Typus „Tatort")
als zentrales Programmelement bewährt.
Dem Bildungsbereich wie auch der „Lebenshilfe" sind die ausdrücklich
der Wissenserweiterung gewidmeten Features und Dokumentationen mit Themen aus
nahezu allen Bereichen der Wissenschaft und des Alltagslebens zuzuordnen, während
die schon in den
1950er Jahren einsetzende Live-Berichtererstattung
von prominenten Sportveranstaltungen der „Grundversorgung" in den Bereichen
der aktuellen Information und der Unterhaltung zugerechnet wird (ein Grundsatz,
der 2001 zu einem antagonistischen Konflikt zwischen dem öffentlich-rechtlichen
Fernsehen und dem Privatfernsehen, zumal dem deutschen Pionier des Pay-TV, Leo
Kirch, führen wird).
Als Fernsehunterhaltung par excellence
setzen sich schließlich, gleichfalls schon im ersten Jahrzehnt, neben
den ersten Shows, die noch vom Revue-Stil der „Bunten Abende" des Radios
geprägt sind, populäre Familienserien („Unsere Nachbarn heute abend"
mit den Schölermanns, „Familie Hesselbach") durch. Ihre mediengenuinen
Kennzeichen sind ein im Alltagsleben des Publikums fundierter Wiedererkennungseffekt
und der Anspruch, die Zuschauer über die Nähe zur eigenen Erfahrungswelt
ins Geschehen einzubeziehen. Das Fernsehen „erzieht" seine
Rezipienten; es lehrt sie,
sich auf die wohlstrukturierte und -temperierte
Vielfalt seiner Programmflächen einzustellen. Sehr bald wird es zum Medium,
das mit der Gesamtheit seiner Programme für sein Publikum über die
unmittelbare Funktion der Informationsvermittlung hinaus als „eine Art Nabelschnur"
fungiert, „die es mit den Zentren der Politik, des Wissens und der Kultur verbindet."
(Barbara Sichtermann, 1999, 119) Gleichzeitig gilt auch: Der Zuschauer sieht
fern, weil er eben nicht lesen, Radio hören oder ins Kino gehen, sich weder
informieren noch bilden, sondern nichts anderes als fernsehen will.
Während bis zu Beginn der
1960er Jahre, also bis zur Gründung des ZDF, Bund und Länder um die
Hoheit über das neue Medium streiten, während das „Adenauer-Fernsehen"
an der Verfassung scheitert und die ARD ihr föderalistisches Gemeinschaftsprogramm
strukturiert, kristallisiert sich immer deutlicher die dynamische Rolle der
Audiovision als
Vehikel der Modernisierung in einer Gesellschaft
heraus, die, im Zuge des Wiederaufbaus und des „Wirtschaftswunders", ihre
Mobilität und ihre Konsumwünsche entdeckt und zwischen restaurativem
Beharren und Partizipation an den Segnungen der „Amerikanisierung" ihre
Position zu bestimmen sucht. Das televisuelle „Fenster zur Welt" mit seinen
öffentlich-rechtlich gezähmten Verlockungen bietet in dieser Situation
eben jenen Kompass, der (in den Unterhaltungsshows) der schweifenden Phantasie
erlaubte Wege weist und sie zugleich (in den politischen Magazinen, im gesellschaftskritischen
Fernsehspiel) stets auf den Boden der demokratisch erörterten Tatsachen
zurückholt. Für die Nachkriegsgesellschaft der jungen Bundesrepublik
setzt dabei das neue Medium unverkennbar einen Prozess der Demokratisierung
und Zivilisierung in Gang. „Was sich wohl erstmals dank des Fernsehens in den
sechziger und siebziger Jahren wirklich durchsetzte, war die in Soziologendeutsch
steil klingende, nun aber eben suggestiv nachvollziehbare Einsicht in die ‘Nichtzustimmungspflichtigkeit’
der medial gelieferten Realitätsversionen und Lebensformen." (Hörisch,
2001, 348). Vor der „Glotze" lernt das westdeutsche Publikum etwas über
die Grundlagen
der Toleranz.
Mit der zum Ende der 1960er Jahre
nahezu kompletten Fernseh-Vollversorgung der bundesrepublikanischen Bevölkerung
ist die Television stärker und intensiver als alle früheren Medien
in das Alltagsleben einer Gesellschaft integriert, die sich im übrigen
- nach dem Zerfall der traditionellen Klassenstrukturen - zunehmend in eine
Vielzahl divergenter Partikularinteressen, sozialer Teilsysteme und Subkulturen
ausdifferenziert. Das Fernsehen bewährt sich als multifunktionale Service-Institution
- eine elastische Versorgungszentrale, die sich mit ihren Informations-, Ratgeber-
und Unterhaltungsangeboten der Vielfalt zentrifugaler Präferenzen in der
Gesellschaft erfolgreich anpasst. Zugleich vereinheitlicht sie das Rezeptions-
und Wahrnehmungsverhalten einer großen Mehrheit und versteht es, die auseinandertreibenden
Diskurse zu bündeln, sie im Sinne gewünschter Komplexitätsreduktion
an den „common sense" anzukoppeln. Das Medium muss sein Programm-Spektrum
in den 1960er und 1970er Jahren nicht wesentlich erweitern, um in nahezu allen
Bereichen die Serie als Strukturprinzip und rezeptionsprägende Instanz
auszubauen. Dies gilt in gleicher Weise für die Bildungssendungen der regionalen
„Dritten Programme" wie für die „Große Unterhaltung" am
Samstagabend, die in diesen Jahrzehnten vom fiktiven Gesellschaftsspiel der
Quiz-Sendungen („Einer wird gewinnen") dominiert wird. Selbst hier sind
Unterhaltung einerseits und Bildung bzw. Lebenshilfe andererseits noch öffentlich-rechtlich
ausbalanciert.
Bis in die 1970er Jahre hinein
reproduziert sich dieser Dualismus - etwa in der Konkurrenz zwischen ARD und
ZDF, zwischen der Dynamisierung der Wahrnehmung z.B. durch das Farbfernsehen
und dem forcierten Bildungsanspruch der Dritten Programme, zwischen Tendenzen
der Regionalisierung und dem Versprechen globaler Partizipation - auf jeweils
neuer Stufe und in den unterschiedlichsten (Programm-)Formen. Während ökonomisches
Kalkül und betriebswirtschaftliches Effizienzdenken sich auf der Produktionsseite
zunehmend nach den Zuschauerzahlen ausrichten und auf eine Erhöhung des
Unterhaltungsanteils zielen, wird unter der Oberfäche der Programmvielfalt,
gleichsam „unter der Haut" der bunter und lauter werdenden Bilder, das
geheime Gesetz der Audiovisionsmaschine erkennbar: Weit mehr als nur zentrale
Schaltstelle der Populärkultur, erweist sie sich als jene Instanz, welche
die (sozialen, politischen, kulturellen) Aufmerksamkeiten der Gesellschaften
aufsaugt, sie neu verteilt und auf Medienkonstrukte, medialisierte Wirklichkeiten
lenkt. Fernsehen wird zu einem System, dem nicht zu „entkommen" ist. „Ich
kann über Fernsehen nicht von außerhalb des Fernsehens sprechen.
Wenn es grundsätzlich keinen Standpunkt außerhalb der Medien geben
kann, so gilt das besonders fürs Fernsehen." (Engell, 1999)
Der Zuschauer mit seinem - jeweils
„kritischen" oder „konsumistischen" - Rezeptionsverhalten wird zum
aktiven Bewohner und Agenten einer als Teil des Alltags erfahrenen, komplexen
und mit Konstruktionen operierenden Medienwelt. Der verstärkte Trend zur
Unterhaltung im letzten Jahrzehnt vor der Einführung des Privatfernsehens,
die fortschreitende „Magazinierung" der Inhalte und die forcierten Visualisierungsstrategien
(in den Sportsendungen, aber auch in den gemeinhin als seriös rezipierten
politischen Nachrichten) illustrieren nur eine Entwicklung, in der das Leitmedium
der Epoche - durchaus noch frei vom kommerziellen Konkurrenzdruck - gegen den
entschiedenen Einspruch einer traditionsbewußten Kulturkritik zu sich
selbst kommt, d.h. seine genuine mediale Strategie zu entfalten beginnt.
Spezifische TV-Ästhetiken
kristallisieren sich heraus. Verfahrensweisen zur „Zerstückelung längerer
Informationseinheiten in kleine Angebotshäppchen" (Bleicher, 2001,
506) setzen sich in den Magazin-Sendungen durch. Der Gestus der Dienstleistung,
personifiziert im Moderator, verdrängt allmählich den Rede- und Zeigegestus
der Lebenshilfe. Die Narrationsformen der Vorabend-Serie mit ihren kürzeren,
auf Sentiment und emotionale Partizipation zielenden Erzähleinheiten bewähren
sich als lukratives Werbeumfeld und antizipieren Dramaturgien im fiktionalen
Bereich, die sich mit der Etablierung des Privatfernsehens zum Standard entwickeln
werden. Für einige Jahre prägt die Serie „Die Schwarzwaldklinik"
(ZDF) den öffentlich-rechtlichen Standard des Erzählens endloser Geschichten,
deren Faszinationskraft aus einem archaischen Schema - dem kalkulierten Rhythmus
aus Spannung, Entspannung und neuer Konfliktknüpfung - resultiert. Im Fernsehspiel
weicht die im Reformklima nach 1968 erprobte Ästhetik der realitätsnahen
Beobachtung und gesellschaftskritischen Analyse zunehmend Narrationstechniken,
die auf physische Aktion, äußere Spannung, Tempo und entsprechend
forcierte Montage setzen. Die in den USA längst erfolgreiche Talkshow wird,
mit ihrer Tendenz zur Kontroverse und zum Spektakel, auch in Deutschland eingeführt;
sie drängt das traditionelle „Kamingespräch", das vertiefende
Interview vom Typus „Zur Person" (mit Günter Gaus) an den Rand und
modelliert mit dem „Prominenten" eine neue Medienfigur, die dem (Film-)Star
vergangener Jahrzehnte Konkurrenz macht und ihn allmählich suspendiert.
Programmformen und Genres mutieren zum „Format"; Fernsehen wird, auch nach
dem Selbstverständnis der Medienplaner und Präsentatoren, zunehmend
„verkauft". Das Medium mutiert zum Warenhaus.
5.
Fernsehen im dualen System
Das Kabel und und die seit 1965
erprobte Satellitentechnik verändern Mitte der 1980er Jahre auch in Deutschland
die technischen, politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen und begünstigen
einen Paradigmenwechsel in der rundfunkpolitischen Diskussion. Die Integrationsfunktion
der elektronischen Medien bleibt ein ordnungspolitischer Faktor, aber es dominieren
nun, mit der auch politisch gewollten Einführung des dualen Rundfunksystems
1984, die je individuellen Unterhaltungsbedürfnisse der Zuschauer und divergierender
Zuschauergruppen, die das privatwirtschaftlich organisierte Fernsehen als seine
Klientel erkennt. Von nun an prägt das werbefinanzierte Fernsehen, bestimmen
kommerzielle Anbieter in Kooperation mit der warenproduzierenden Wirtschaft
und den Werbeagenturen die weitere Entwicklung des Fernseh-Dispositivs - allen
voran die Sender RTL, SAT 1 und Pro7 als „Vollprogramme", daneben eine
Anzahl kleinerer, mit wechselnder ökonomischer Fortune operierender Spartenkanäle
für Nachrichten (n-tv), Musik (VIVA) und Sport (DSF).
Die „Privaten" annektieren
vorhandene Konzepte, aber sie entwickeln auch neue Strategien der Visualisierung,
der Emotionalisierung und der Aufmerksamkeits-Attraktion. Sie durchdringen mit
ihren Angeboten - Talk- und Gameshows, Sitcoms, „Reality TV", Daily und
Doku-Soap - das Formenrepertoire der traditionellen Populärkultur und beeinflussen
die Selbstbilder der Gesellschaft im Kontext der Erotik, der Mode, des Lebensstils
und des alltäglichen Konsums. Beschleunigung fährt in die Verwertungskette
der Medienindustrie, in den Umschlag ihrer Produkte und damit in die Halbwert-Zeit
der audiovisuellen Botschaften. Erfolge produzieren die Muster für neue
Erfolge - oder ihnen folgen Flops, die fieberhafte Korrekturen in der Programmplanung
auslösen und das Tempo in der auf Dauer gestellten Kurzatmigkeit der Wertschöpfung
abermals erhöhen. Täglich wiederkehrende Programmstrukturen, die Suggestivkraft
des Programm-Layouts und unterschiedlichste Formen der appellatorischen Ansprache
an den Zuschauer modellieren die Nutzungsgewohnheiten, aber auch die Koordinaten
im Wahrnehmungsverhalten, letztlich die Relation zwischen dem (Medien-) Rezipienten
und der (medialisierten) Wirklichkeit. Die „Programmleiste" der Daily Soap
(erstmals von RTL mit „Gute Zeiten, schlechte Zeiten" getestet) wird ab
1995 auch von den Öffentlich-Rechtlichen übernommen und signalisiert
am deutlichsten die Konvergenz zwischen den Systemen. Der Zuschauer,
so das Kalkül der Planer, soll bei der „Leiste" und mit Hilfe der
Leiste auch gleich beim Sender bleiben. Doch auch die Umgekehrung gilt: Das
selektive und selbstreflexive Konsumverhalten des Zuschauers dirigiert immer
mehr die Programmplanung. Seine Aufmerksamkeit ist heute die Leitwährung
einer Industrie, die den Umgang mit ihren immateriellen Gütern unter wachsendem
Konkurrenzdruck den Gesetzen einer post-industriellen, gleichwohl noch immer
kapitalistischen Tauschgesellschaft unterworfen hat.
Wenn der Siegeszug des Fernsehens
medienhistorisch den uralten Traum der Geschichtenerzähler vollendet hat,
uns die Welt - die ganze Welt - so zu zeigen, „wie sie ist" (immer dicht
an der Realität und nach Möglichkeit „live") - dann
fügt das kommerzialisierte Fernsehen, als authentisches Medium der Postmoderne,
der televisuellen Realitätserfahrung (So ist es! So ist die Welt! Das ist
die Wirklichkeit!) eine neue Komponente hinzu. Noch immer gilt: Alles Fiktionale
(jeder Fernsehspielfilm, jeder Krimi, jede Soap-Serie) fasziniert kraft seiner
„dokumentarischen" Suggestion und beu-tet die Stilmittel der „lebensnahen"
Darstellung aus - mit dem Resultat, dass die heutigen Teens und Twens sich von
den Helden und Heldinnen ihrer Soaps „vertraulich" beraten, psychologisch
anleiten und durch ihren Alltag begleiten lassen. Umgekehrt jedoch geraten auch
die gemeinhin als dokumentarisch rezipierten Sendeformen - Nachrichten, politische
Do-kumentationen, Magazinbeiträge, Fernsehfeatures - unter das Primat der
Show; sie wollen unterhalten, und oft ist das, was Information genannt wird,
nur ein Vor-wand für eine mit den Mitteln der elektronischen und digitalen
Techniken verstärkte Attraktion.
Spätestens der Golfkrieg
hat aufgedeckt, dass eine technisch hochgerüstete Nachrichtenindustrie,
verkörpert durch CNN, keineswegs für die Authentizität ihrer
Echtzeit-Informationen bürgt. Ihr neues Produkt besteht vielmehr aus einer
Konstruktion: dem Anschein von globaler Tele-Präsenz mittels „starker",
aber unüberprüfbarer (also auch propagandatauglicher) Bilder. Doch
der an den Doku-Soaps der neunziger Jahre geschulte Blick geht vermutlich den
alten Propagandamodellen nicht mehr auf den Leim; er misstraut grundsätzlich
dem Fernsehen als Überbringer-Instanz von Nachrichten. Das Modell „Big
Brother", propagiert als Klimax der dokumentarischen Verheißung,
erweist sich zugleich als extrem inszenierte, mit allen Registern der kommerzialisierten
Aufmerksamkeitserregung zum „Event" gesteigerte Konstruktion. Daneben macht
„Big Brother", wie Jochen Hörisch bemerkt, ganz „locker mit dem avancierten
Stand soziologischer Theoriebildung vertraut": „Dass Realität konstruierte
Realität ist und dass diese Konstruktionen real sind, führen Sendungen
wie ‘Big Brother’ mit umwerfender Suggesstivität vor." (Hörisch,
2001, 354 f.) Die reale Konstruktion ist die des rauen kapitalistischen Wettbewerbs,
ein Widerschein der Konkurrenz zwischen stabilisierungsbedürftigen Egos,
Aufforderung zur (Selbst-)Prüfung unter extremen - oder auch nur extrem-alltäglichen
- Bedingungen und zum kruden Mobbing, wenn es ums Überleben in der (Medien)Realität
geht.
Die von Vilém Flusser vorgeschlagene
Differenzierung der technischen Bilder nach „Abbildern" (der empirischen
Realität) und „Modellen" (vorgestellter, fingierter, inszenierter
Wirklichkeiten; Vilém Flusser, 1992, 47) hat im Fernsehen der Gegenwart
ihre Stringenz verloren; sie wird den Erwartungshaltungen eines neuen Rezipiententypus
nicht mehr gerecht.
„Infotainment", „Confrontainment",
„schrille" Präsentationsformen überbieten einander im Konkurrenzkampf
um einen Zuschauer, der die Fernbedienung nutzt, um durchaus medienkompetent
je nach Stimmungslage seine Neugier, seinen Voyeurismus oder seine Tagträume
auszuleben. Adressat ist ein neuer Rezipient, der die Strategien medialer Wunscherfüllung
durchschaut und es gelernt hat, mit seiner Aufmerksamkeit sparsam umzugehen.
6.
Ausblick
Seit den 1990er Jahren zeichnen
sich neue, derzeit schwer einschätzbare Entwicklungsperspektiven ab. Die
Digitalisierung aller Medienbereiche, die enorm erhöhte Datenkompression
bei der Übertragung akustischer und visueller Signale, die Vervielfachung
der Kanäle und die Verheißungen der „Interaktivität" (von
Pay-TV bis Pay-per-view, von Video-on-Demand bis zu „individueller Bildregie")
erweitern nicht nur das inzwischen nachgerade antiquierte Medium Fernsehen als
solches; realisierbar wird auch seine technische Verknüpfung mit anderen
digitalen Medien, vor allem mit dem Computer und dem Telefon. „Der Unterschied
zwischen disperser und individueller Kommunikationsstruktur, vormals ein Grundpfeiler
aller Medienwissenschaft, wird auf diese Weise zur Unkenntlichkeit verwischt."
(Hans H. Hiebel u.a., 1999, 289) Das Datenuniversum des Internets kristallisiert
sich derzeit als Leitmedium der kommenden Jahrzehnte heraus; seine vernetzten
Strukturen verändern schon heute das mediale Nutzungsverhalten großer
gesellschaftlicher Gruppen und werden dem Bedürfnis, in die Ferne zu sehen,
eine Vielfalt neuer technischer Potentiale und Rezeptionserfahrungen erschließen.
„Das Geräteensemble Computerterminal und Tastatur droht den Empfangsapparat
Fernsehen und Fernbedienung zu ersetzen. So realisiert sich die alte Utopie
der Zwei-Wege-Kommunikation, die im Fernsehen bislang vor allem auf telefonische
Zuschauerreaktionen begrenzt blieb." (Bleicher, 2001, 516) Die Populärkultur,
für einige Jahrzehnte ansässig in der Television, verlagert ihre Logistik
in den Cyberspace.
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist
zuerst erschienen in: Hans-Otto Hügel, Handbuch der populären Kultur,
Stuttgart 2003
Literatur
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