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Diskussion: Gewalt im Film
In jüngster Zeit sind
Filme ins Kino gekommen, die die Diskussion über Gewalt im Film neu entfacht
haben. Bemerkenswert, daß es sich - mit Ausnahme von ROMPER STOMPER (Kritik
epd Filrn 3/93, Leserbrief 4/93) - nicht um Actionfilme handelt, sondern um
Werke mit Kunstanspruch, die in Programmkinos laufen, HENRY. PORTRAIT OF A SERIAL
KILLER (3/93), MANN BEISST HUND (4/93) und BAD LIEUTENANT (5/93). Vielleicht geht aber gerade
deswegen die Gewalt in diesen Filmen so unter die Haut, weil sie nicht als ein
Spiel mit Genremustern abgetan werden kann. Das mag auch der Grund dafür
sein, daß diese Filme, selbst ROMPER STOMPER, an der Kasse wenig einspielen,
MANN BEISST HUND, der relativ erfolgreichste, hatte his Anfang Juni knapp 60.000
Besucher. Abel Ferraras BAD LIEUTENANT, erst im Mai mit wenigen Kopien gestartet,
könnte sich noch durchsetzen.
Auch unter den Mitarbeitern
von epd Film sind diese Filme umstritten. Dietrich Kuhlbrodt setzt auf die kathartische
Wirkung, er kann hier seinen Standpunkt ausführlicher darstellen als bei
einer Diskussion des Münchner Filmmuseums ...
Gegen
die Einrichtung gewaltfreier Zonen
Wieder hat ein Neunzehnjähriger
seine Freundin umgebracht, nachdem er das Gemetzel in Bosnien gesehen hatte.
- Sind die Bildermedien schuld? Wohl nicht. Im Gegenteil. Denn der dpa-Meldung
vom 6.5.1993 merkt man an, daß die Kriegserlebnisse die 1300 dänischen
UNO-Soldaten unvorbereitet treffen. Daraus ist zu schließen, daß
die jungen Helden es daheim versäumt hatten, sich vor der Erfahrung realer
Gewalt mit medial vermittelter Gewalt zu beschäftigen und sich im Kino
Filme wie HENRY. PORTRAIT OF A SERIAL KILLER, BAD LIEUTENANT, MANN BEISST HUND
oder wenigstens ROMPER STOMPER, TERROR 2000... und BENNY'S VIDEO anzugucken.
Aber vielleicht waren ihnen derart kathartische Erlebnisse von den jeweils zuständigen
Propagandisten für gewaltfreie Bildermedien versagt worden.
dpa vom 6.5.1993: „Die Gemetzel
in Bosnien haben für dänische UNO-Soldaten psychische Folgen. Daß
die Kriegserlebnisse auf dem Balkan viele unter den durchweg freiwilligen 1300
UNO-Soldaten aus Dänemark unvorbereitet treffen, kam in die Schlagzeilen,
als ein 19jähriger kurz nach der Rückkehr seine frühere Freundin
umbrachte. - In Norwegen, von wo aus seit langem UNO-Soldaten nach Südlibanon
geschickt werden, erbrachte eine umfassende Studie, daß die Selbstmordrate
bei diesen Soldaten um knapp 50% höher lag als bei Vergleichsgruppen."
Unsere Propagandisten lassen die
Krieger in den Krieg ziehen, sorgen aber daheim für eine saubere Leinwand
und einen sauberen Monitor. Hatte nicht schon der deutscheste aller deutschen
Regisseure gesagt: „Man muß die Bilder des Films verändern, um die
Welt zu verändern" (Wenders). Solche Reformen, zum Beispiel die Einrichtung
gewaltfreier Zonen, verstärken jedoch den Herrschaftsbereich des Filmimperiums,
in welchem bekanntlich die Story King ist. Das eindimensionale Hollywood-Kino
hat stets einen Anfang und immer und stets beruhigenderweise ein Ende. Bewirkt
hat dies die Ruhigstellung des Zuschauers, aber sicherlich nicht die Herbeiführung
eines gewaltfreien Paradieses. Auch wollen wir nicht vergessen, daß Hollywoodfreund
Hitler die Strategie verfolgte, während des Holocaust die Untertanen mit
harmlosen narrativen Komödien bei Laune zu halten.
Ein Film wie BAD LIEUTENANT erzählt
keine Geschichte, und niemand nimmt einen am Ende tröstend in den Arm.
Das Böse dieses Polizisten wird nicht in der Fiktion aufgehoben, es wird
von keinem moralischen Kommentar gebannt. Der Zuschauer selbst ist die Instanz,
die die Gewalt bewältigt und verarbeitet. Der King der Story hat längst
abgedankt. Eine Nonne wird auf dem Altar vergewaltigt - unter Zuhilfenahme eines
Kruzifixes, ein unerträgliches Bild. Niemand nimmt uns die Sühne ab.
Das Opfer verzeiht. Der Polizist läßt die Täter entfliehen.
Der Jesus, der vom Kreuz steigt, entpuppt sich als Kirchgängerin und als
Halluzination des drogensüchtigen Beamten. - Kein „zu guter Letzt",
sondern die Gleichzeitigkeit aller Züge eines Porträts: Harvey Keitel,
in der Rolle des schlechthin schlechten Kriminalbeamten, läßt ein
für allemal die vielen Hollywoodgeschichten vom guten Helden zusammenschnurren
auf das definitive Negativbild des amerikanischen Menschen, dem die Realität
sich zum Befriedigungsobjekt fixiert. „Go for it", die muntere Yuppieparole,
sich's zu holen, holt sich im BAD LIEUTENANT das negative Vorzeichen. Und der
exhibitionistische Masturbationsakt, der in aller Öffentlichkeit wichsende
Polizist, richtet im Spiel Harvey Keitels den Gewaltakt (die aggressive sexuelle
Nötigung) gegen sich selbst. Dem Film BAD LIEUTENANT gelingt es damit,
die Bilder der Gewalt nach innen zu verlagern, gestützt durch die „Halluzinationsszenen"
und dadurch den Gewalttäter in uns anzusprechen. Wie man weiß, ist
diese Verlagerung die einzige Möglichkeit der Bewältigung.
Auch HENRY. PORTRAIT OF A SERIAL
KILLER setzt mündige Zuschauer voraus. Wieder muß man sich selbst
kümmern. Konsequent versagt sich der Film psychologische, moralische oder
pathologische Interpretationen. Kein Strafgericht nimmt sich des Täters
an. Die Welt reduziert sich in diesem Kammerspiel auf die Bedürfnisbefriedigung
des Serienmörders. Auch dieser geht ohne viel Aufhebens den täglichen
Geschäften nach. Das gibt keine Geschichte und erklärtermaßen
kein Ende, aber Variationen des Immergleichen. Der Film begnügt sich mit
einem repetitiven Raster: fotografierten Opfern. Nur einmal bricht er aus: Er
zeigt in besonders belastenden Bildern den von einer Videokamera aufgezeichneten
Mord an einer Familie.
Rücklauf, Einzelbildschaltung: Da delektiert sich einer (übrigens
ziemlich ähnlich wie im österreichischen Film BENNY'S VIDEO) mittels Rücklauf und Einzelbildschaltung am Tötungsvorgang.
Doch handelt es sich bei diesem, der lustvoll und grinsend mit der Fernbedienung
hantiert, eben nicht um den Serial-Killer. Diese (seine!) Gewalttat berührt
ihn nicht, irgendetwas scheint dazwischen zu stehen (im BAD LIEUTENANT ist es
eine Glasscheibe zwischen dem sich exhibierenden Beamten und den beiden belästigten
Mädchen). Es geht nicht anders: Das Bild der Gewalttat kann so nicht stehenbleiben,
die Unerträglichkeit zieht den Blick an, ihre Bewältigung wird in
Gang gesetzt, denn das Allgemeine, will es wahr werden, muß durchs Konkrete
hindurch. Filme wie HENRY geben die gebührende, nämlich negative Antwort
auf das „positive thinking" der realitätsfernen Saubermänner.
Daß die positive Welt sich
nicht herbeifilmen und Gewaltprohibition kein Mittel zu moralischen Genesung
ist, sollte schon die Zensurgeschichte lehren. Die Entdämonisierung der
Gewalt wird auch in den Filmen ROMPER STOMPER (Australien), MANN BEISST HUND
(Belgien) sowie TERROR 2000 und WARHEADS (Deutschland) betrieben. Gemeinsam ist diesen sehr
verschiedenen Filmen, daß sie uns zum Zusehen, Zuhören, Erfahren
veranlassen. Deshalb fehlt auch hier das voreilige Sich-mit-Bekanntem-Zufriedengeben,
nämlich die psychologische und gesellschaftliche Erklärung und Verdammung,
vor allem aber der moralische Kommentar. Dergleichen Korsetts und Krücken
ledig, ist es dann möglich, dem anderen ins Auge zu sehen.
Der Blick schweift in diesen Filmen
nicht frei herum. Er ist fixiert auf andere, mit denen zusammen man geschäftig
ist: es sind Skins, Mörder und/oder Journalisten, Deutsche und Fremdenlegionäre.
Sie sind gewalttätig und Terroristen, aber vor allem nicht außerordentlich.
Wer hier hinguckt, wird damit belohnt, daß der Blick entdämonisiert
wird. Er wird freilich dadurch gestört, daß das liebgewonnene Feindbild
beeinträchtigt wird. Deswegen wird in der deutschen Filmkritik (Christiane
Peitz) gefordert, den Legionären in Karmakars WARHEADS über den Mund
zu fahren, sie hart zu interviewen, zu widersprechen.
Damit wären die Fronten klar.
Die selbstgerechte Fraktion der deutschen Besserwisser will diese Filme erst
gar nicht ins Kino lassen. Rekapitulieren wir:
„Filme über Skins kommen
in Deutschland nicht in die gute Stube, nämlich ins deutsche Kino",
das befürchteten Ausländer, die ROMPER STOMPER gedreht hatten, den
australischen Spielfilm von 1992. Der Erstlingsfilm des 33jährigen Filmkritikers
Geoffrey Wright wurde zwar auf dem Fünften Kontinent mit Preisen überschüttet,
auch wurde der Hauptdarsteller Daniel Pollock, der gerade 23 Jahre alt geworden
war, als er im letzten Jahr starb, postum für den australischen Filmpreis
nominiert. In Deutschland aber wagte der Verleih nicht einmal, den Inhalt des
Films zu erzählen; er gab lieber ein Presseheft mit weißen Seiten
heraus - „wegen der kontroversen Rezeption". Der Selbstzensur lag die Angst
vor einem neuen deutschen Patriotismus zugrunde, der die deutschen Lichtspielbühnen
skinfrei halten möchte - jedenfalls wenn die Glatzen nicht dem von uns
verfügten Feindbild entsprechen.
In Berlin hatten autonome Rechthaber
verhindert, daß der Dokumentarfilm STAU - JETZT GEHT'S LOS von Thomas
Heise, einem Heiner-Müller-Mitarbeiter und Mitglied des Berliner Ensembles,
im Theater am Schiffbauerdamm gezeigt werden konnte („Kein Rederecht für
Faschisten"). - Kein Informationsrecht für Antifaschisten also. Das
änderte sich erst, als Heise eine jüdische Großmutter ausgraben
konnte. - Um die richtigen Blutsbande ging es also wiedermal. Sonst hätte
sich die jahrelange Zensur von Heise-Filmen fortgesetzt? (Die Filmographie Heises
zu DEFA-Zeiten liest sich wie ein Verhinderungs- und Verbotsindex.) Doch mit
Verschweigen sorgen wir nicht für das richtige Bild. Gegen die autonome
Spießigkeit à la „Was werden die Nachbarn dazu sagen" richtete
sich die Vergabe des Deutschen Dokumentarfilmpreises 1992 an STAU - JETZT GEHT'S
LOS. Die Arbeitsgemeinschaft der Filmjournalisten hatte den hohen Informationsgehalt
des Films gelobt. Trotzdem findet sich eine lagerübergreifende große
Koalition des Bildverbots, der Bildzerstörung und der Bildbehinderung zusammen.
Von der autonomen Linken kamen die Bilderstürmer, die Kopien von TERROR
2000 vernichteten und den Vorführer verletzten. Seit an Seit stehen Helmut
und Hannelore Kohl, die auf das ihnen zur Verfügung stehende Mittel der
strukturellen Gewalt zurückgriffen, um die Ausstrahlung von DIE TERRORISTEN!
zu verhindern.
Zu dieser fatalen Koalition gehört
auch die Kommission der FBW, deren Entscheidung verhinderte, daß Karmakar
bereits bewilligte Gelder für den Verleih von WARHEADS verwenden konnte.
Gemeinsamer Nenner dieser Koalitionäre scheint die Sorge um das Ansehen
im Ausland zu sein. Ausländer seien nicht reif genug, um etwas anderes
als den guten Deutschen auf der Leinwand vorgesetzt zu bekommen. Ein rassistisches
Argument der patriotischen Saubermänner und Sauberfrauen von links bis
rechts. Auch Schlingensiefs TERROR 2000 blieb auf den diesjährigen Berliner
Filmfestspielen von der Deutschen Reihe ausgeschlossen (allerdings konnte der
Regisseur in der nicht auf Repräsentanz bedachten Volksbühne den Terror
2000 in „Hundert Jahre CDU" uminszenieren).
Was entdämonisiert ist, kann
bewältigt werden. Zwei Beisspiele. In ROMPER STOMPER wird Melbourne zur
Walstatt von Straßenschlachten zwischen Skins und indonesischen Gewerbetreibenden.
Die Polizei hat ihren Anteil daran, daß die Gewalt eskaliert. Die Bilder,
die der Film zeigt, sind kalt. Sie lassen das Blut gefrieren. Dazu trägt
das bühnenmäßige Agieren der exzellenten Schauspieler bei. Die
Ästhetik der Distanz ermöglicht ein anderes Erzählen als im Hollywoodfilm,
sie ermöglicht bewußtes Hinsehen. Mit Erschrecken hört man (jedenfalls
in der Originalversion) die Mutter des Hakenkreuzfans deutsch sprechen. Eine
spießige deutsche Sauberfrau, eingewandert in den fremden Erdteil, mäkelt:
Ist das Mädchen immer noch bei dir, hier ist kein Freudenhaus." Im
zweiten Teil des Films geht es um eine Dreier-, dann Zweierbeziehung. Die Skins
haben sich über die Gewaltfrage (Gebrauch von Schußwaffen) auseinanderdividiert.
Zum Schluß kämpft die denkbar kleinste Fraktion (es sind zwei Skins)
gegeneinander. Oben am Kliff stehen japanische Touristen und knipsen das klägliche
Spektakel.
Zweites Beispiel des Herunterspielens:
STAU – JETZT GEHT’S LOS. Skins in Halle. Sie sitzen vor der Kamera und reden
über sich. Im Hintergrund hält sich die Familie bereit. Im Nebenzimmer
häkelt die Mutter. „Vor der Wende hab ich abends immer noch die Sandkiste
geharkt.“ Derweil verbrennt dem Sohn, der seine Tauglichkeit zum Bäcker
demonstrieren möchte, der Marmorkuchen. Mutter hat es gleich gewußt:
„Schon wieder zuviel Oberhitze.“ – Der Film begleitet die Skins vom „Jugendclub
Roxy“ zum KZ Buchenwald. Er provoziert ein Sreitgepräch (über Gewalt)
zwischen Vater und Sohn, zwischen einer Glatze und der Freundin. „Nicht wir
sind gewalttätig, sondern das System, in dem wir leben“, darf einer dann
sagen. Ein anderer, der depressiv vor sich hinstiert, scheint Heises letztem
Film entsprungen zu sein. In EISENZEIT, gedreht vor der Öffnung der Mauer,
hatte sich die Gewalt nach innen gerichtet. Arbeiter aus Stalin-, dann Eisenhüttenstadt,
hatten sich erhängt.
Heute erhängen sich die dänischen
UNO-Soldaten, während Heises Jungarbeiter aus Eisenhüttenstadt die
Gewalt nach außen tragen. Wir müssen dem ins Gesicht sehen – auf
der Leinwand, auf dem Monitor. Denn Gewalt muß sein, nicht wahr Frau Merkel
(Hoheitsgewalt), liebe Erzieher (elterliche Gewalt), verehrtes Gericht (3.Gewalt)?
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen in epd Film 7/1993
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