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Diese im April 2005 ausgestrahlte Sendung kann gegen Schutzgebühr von 2,00 EUR (inklusive Porto) als CD bestellt werden. Bestellungen an zackenschrift@aol.com

 

 

Aus der Reihe GOTT UND DIE WELT auf rbb kulturradio

 

Glaube, Liebe, Hitchcock

 

Der „Master of Suspense“ und sein Verhältnis zur Religion.

 

 

 

Ein Feature von Jens Hinrichsen

 

Informationen zur Sendung

Mit Alfred Hitchcocks letztem Film „Familiengrab,“ ging 1974 in Hollywood eine beispiellose Kinokarriere zuende. Sie reicht bis in die englische Stummfilmzeit zurück. Von „Der Mieter“ (1927) über „Ich beichte“ (1952) bis „Frenzy“ (1972) lassen fast alle Thriller ein Muster erkennen: die übertragene Schuld. Ein Mörder treibt sein Unwesen, während der falsche Mann verdächtigt wird – die klassische Zwickmühle für den geplagten Hitchcock-Helden. Sie rührte an der Ur-Angst des Regisseurs. Hitchcock nannte das einmal „moralische Angst, die Angst, mit dem Bösen in Berühung zu kommen“, ein Satz, der tief blicken lässt in die streng katholische Erziehung des jungen „Master of Suspense“. Wie bewerten Theologen und Filmexperten Hitchcocks Filme? Haben seine Werke auch heute noch – 25 Jahre nach dem Tod des Regisseurs am 29. April 1980 – eine religiöse Botschaft?

 

 

MANUSKRIPT

 

Thrillermusik

 

 

Sprecher 2 (Hitchcock):

Darf ich mich vorstellen: Ich bin Alfred Hitchcock. Die meisten Menschen werden verfolgt. Von ihrer Vergangenheit. Meine Vergangenheit wird mich in dieser Sendung einholen. Bleiben Sie dran. Dann werden Sie mit makabren Morden, Rätseln und Verbrechen aus Leidenschaft belohnt.

 

 

Titelsprecher

Glaube, Liebe, Hitchcock - Der „Master of Suspense“ und sein Verhältnis zur Religion. Eine Sendung zu Alfred Hitchcocks 25. Todestag am 29. April – von Jens Hinrichsen.

 

Szene

 

Autor:

Eine Szene im Beichtstuhl: Ein Mann bekennt sich als Mörder. Die Kamera konzentriert sich auf das Gegenüber, auf den Gesichtsausdruck des Priesters. Der scheint den Toten gut gekannt zu haben. Aus seiner Miene spricht  Angst. Hat er selbst etwas zu verbergen?

Die Szene stammt aus dem Film „Ich beichte“. Regie: Alfred Hitchcock. Von sich selber erzählte er gern in unterhaltsamen Anekdoten, in denen er eher frei mit den Tatsachen umging. Ein Selbst-Darsteller. Im Verlauf seiner unvergleichlichen Filmkarriere verwandelte sich Hitchcock dazu mehr und mehr. In jedem seiner Filme trat er für kurze Momente selbst auf.

 

 

 

Sprecher 2 (Hitchcock):

Ich will Ihnen ganz offen meine Schuld beichten.

Es wird mir ein Vergnügen sein, Sie an dieser Bürde teilhaben zu lassen.

 

Autor:

Es gibt die offiziellen Bilder von ihm, von dem dicken, britisch-distanziert blickenden Gentleman, der packende Geschichten über den Tod und die Angst zu erzählen wusste. Aber sprach er auch von sich selbst, wenn er christliche Traditionen  oder biblische Motive in seinen Filmen benutzte? Das ist zumindest wahrscheinlich. Hitchcock ließ sein Publikum spüren, was das sein könnte: Schuld, Sühne und Erlösung , zentrale Kategorien des Christentums. Er sagte einmal, er wolle auf den Gefühlen seiner Zuschauer wie auf einer Orgel spielen. Das Kino als Kirche - und Hitchcock hoch über der Gemeinde, unsichtbar in ihrem Rücken auf der Empore. Ein Bild, das zu ihm passt.

 

Alfred Joseph Hitchcock wurde 1899 in der Nähe von London geboren. Hitchcocks Mutter war eine streng gläubige Katholikin,  stets um das Seelenheil ihres Sohnes besorgt. Jeden Abend vor dem Zubettgehen musste Alfred vor seiner Mutter eine Art Beichte ablegen. Sie bestand darauf, dass ihr Sohn ab dem elften Lebensjahr auf eine besondere Knabenschule ging.

 

Sprecher 2 (Hitchcock):

Ich kam sehr früh ins College, zu Jesuiten, ins Saint Ignatius College in London. Meine Familie war katholisch, in England ist das schon etwas Exzentrisches. Wahrscheinlich hat sich in dieser Zeit bei den Jesuiten mein Angstgefühl so stark entwickelt. Moralische Angst, die Angst, mit dem Bösen in Berührung zu kommen.

 

 

Autor:

Saint Ignatius. Der Name der Schule geht auf Ignatius von Loyola zurück, der den Jesuitenorden gründete, die „Gesellschaft Jesu“. Bis 1534 schrieb der baskische Edelmann seine „Geistlichen Übungen“ nieder und legte so den Grundstein für die jesuitische Lehre. Die religiös-moralische Unterweisung nach dem Vermächtnis des später heilig gesprochenen Ignatius wurde an Hitchcocks Schule großgeschrieben. Einmal in der Woche mussten die Schulknaben zur Beichte gehen: Bildung, Disziplin und Gehorsam. Der junge Alfred Hitchcock war Eigenbrötler, aber oft zu Streichen aufgelegt, um der düsteren Atmosphäre am College etwas entgegenzusetzen.

 

Später sprach Hitchcock nur wenig von seinen drei Jahren in der Jesuitenschule. Einmal nannte er die für ihren Scharfsinn und ihre Logik berühmten Jesuiten „Polizisten der Religion“ – er selbst hatte übrigens eine Heidenangst vor der Polizei. Mag sein, dass auch seine Vorstellungskraft von den Jesuiten und den „Geistlichen Übungen“ des  Ignatius  geprägt worden sind. In seinen Meditationsanleitungen, den „Exerzitien“, fordert Ignatius beispielsweise, sich Himmel und Hölle konkret und bildhaft vorzustellen. Und für diese Fähigkeit zur Visualisierung wurde Hitchcock berühmt. Dem Guten wie dem Bösen vermochte er verblüffende Kinowirklichkeit zu verleihen.

 

Im Privaten galt Hitchcock später zwar vor allem als Gourmet, Weinliebhaber und gesprächiger Gastgeber. Aber auch als umfassend gebildeter Mann. Auch das geht wohl auf seine harte Schulzeit im Saint Ignatius College zurück. Pater Ralf Klein ist Jesuit und Lehrer am Berliner Canisius-Kolleg. Er skizziert die Ausbildungssituation an damaligen Jesuitenschulen in England:

 

Klein

Höhepunkt oder Zielpunkt der humanistischen Bildung und des jesuitischen Schulprogramms im Sinn des Humanismus ist die Rhetorik, also: ich soll in der Lage sein, das was ich habe, zum einen richtig zu verstehen, aber das auch in einer guten Weise präsentieren zu können. Und dazu zählte für die Jesuiten auch ein Element - um auf dem Gebiet der Rhetorik zu arbeiten -: das Theater. Und da kommen wir natürlich an den Punkt auch ran, wo der spätere Regisseur Anregungen bekommen hat.

 

 

Musik

Duschszene: Kreischende Geigen in stoßartigem Rhythmus, Frauenschreie.

 

Sprecher 2 (Hitchcock):

Die Strafmethoden waren natürlich höchst dramatisch. Zuerst hielt der Klassenlehrer dem Schüler sein Fehlverhalten vor. Dann musste sich der Schüler zu dem Priester begeben, der die Strafe vollzog. Es blieb dem Schüler überlassen, wann er dorthin ging, und natürlich schob er es zunächst auf. Aber dann, gegen Ende des Tages, ging er zu einem besonderen Raum, wo ein Priester oder Laienbruder, der die Strafe vollzog, auf ihn wartete. Das war immer ein wenig so, als wenn man zu einer Hinrichtung musste.

 

Klein

Das hatte meines Erachtens eher praktische Gründe. Zunächst mal soll die Stunde zuende gebracht werden. Aber klar: das hat natürlich massiven Effekt, ich finde es auch, ehrlich gesagt, pädagogisch hochproblematisch. Erstens: wer die Strafe verhängt, soll sie auch vollziehen, zweitens: ich kann jemand nicht zumuten, auch nur einen halben Tag lang mit dem drohenden Schwert herumzulaufen. Das muss, wenn ich schon so etwas sage, sofort gemacht werden und nicht durch Aufschub nochmal eigener „Suspense", eigener Terror erzeugt werden.

 

 

Autor:

Schlimme Kindheitserlebnisse – so deutet der Jesuit Klein hier an -  haben Hitchcock das wichtigste Werkzeug  seiner Erzählkunst in die Hand gegeben, den „Suspense“. Darunter verstand der Regisseur nicht nur einfach: kurzzeitig Spannung erzeugen, sondern: die Befürchtungen des Publikums für einen längeren Zeitraum in der Schwebe halten – die Angst auf die Zerreißprobe stellen. Hitchcock erklärte das Prinzip „Suspense“ gern mit einem einleuchtenden Beispiel:

(0.20)

 

Sprecher 2 (Hitchcock):

Nehmen wir einmal an, drei Männer sitzen in einem Zimmer, in dem eine Zeitbombe tickt! In zehn Minuten wird sie hochgehen. Das Publikum weiß nichts von der Bombe und die Männer wissen nichts von der Bombe. Sie reden über das Wetter oder über das Baseballspiel von vorgestern. Nach zehn Minuten alberner Konversation geht die Bombe hoch und das Publikum erschrickt. Das ist alles. Jetzt erzählen wir dieselbe Geschichte mal ein bisschen anders. Die Männer ahnen nichts von der Bombe, aber das Publikum weiß, dass sie in zehn Minuten explodieren wird. Die Männer reden wieder überflüssiges Zeug, aber nun sind die banalsten Dinge, die sie sagen, prall vor Spannung. Wenn einer von ihnen sagt: Lasst uns jetzt gehen, betet das Publikum, dass sie wirklich gehen. Aber ein anderer sagt: Moment nochmal, Lasst mich meinen Kaffee austrinken. Das Publikum stöhnt auf und fleht zu allen Göttern, das die Männer verschwinden. Das ist Suspense!

 

 

Schreie: „Vorsicht, das ist Benzin!“ dann ist eine Explosion zu hören

 

Autor

 „Die Vögel“, gedreht im Jahr 1962. Eine Tankstelle geht in Flammen auf. Aber der Suspense geht weiter. Im beschaulichen kalifornischen Küstenort Bodega Bay bricht Panik aus. Hitchcock nutzt diese Situation, um erneut Spannung aufzubauen. Er zeigt das Feuer, die anrückenden Löschfahrzeuge und die umherlaufenden Menschen in extremer Vogelperspektive. Auf diese Weise erfährt der Zuschauer früh, was sich in diesem Moment über der wehrlosen Stadt zusammenbraut: Die Flammen locken riesige Schwärme von Vögeln an, die nun mit bösartiger Gewalt auf die Kleinstadt da unten herabstoßen. Wie Gott auf seine Schöpfung schaut der Kinobesucher herunter auf Bodega Bay. Kein genialer Einzelfall - Immer wieder sei Hitchcock  auf den „göttlichen Standpunkt“ gewechselt, meint  der Filmpublizist und katholische  Theologe Thomas Kroll, um  auch die Moral des Zuschauers auf die Probe zu stellen:

 

Kroll

Ich weiß mehr, ich weiß, was Sache ist und gucke mir jetzt das Spiel an, derer, die da auf dem Spielfeld agieren. Ich habe quasi die göttliche Allwissenheit. Und ich merke ja auch beim Suspense, inwieweit tut mir das weh, das zu wissen. Ich weiß was gut und richtig ist, wenn die Bombe nicht hochgeht oder wenn dies oder jenes nicht geschieht, weil es die Bösen planen. Ich hoffe mit dem guten Helden. Aber hier und da leide ich auch mit ihm. Und zwar nicht im vorhinein, ich weiß ja: die Bombe geht nicht hoch, der will´s nur spannend machen. Sondern, es geht in dem einen oder anderen Film nicht immer ein Happy End. Und das sind ja die Filme, wo man im Brechtschen Sinne aus dem Kino herausgeht und ins Grübeln kommt und sich denkt: ist die Welt vielleicht doch nicht so gut. Oder am besten ist ja, wenn´s dahin kommt, dass ich darüber nachdenke, was könnte mein Beitrag sein, dass es gut oder besser wird?

 

 

Autor

Sicher wollte sich Hitchcock nie als Missionar aufspielen, der die Leute zum Besseren bekehrt. Aber tatsächlich zielte er mit Filmen wie „Psycho“ oder „Die Vögel“ darauf, dem Publikum „heilsame moralische Schocks“ zu versetzen. 1993 erschien in London ein umstrittenes Hitchcock-Buch, das der englische Jesuit Neil P. Hurley geschrieben hat. Der Titel lautet „Soul in Suspense“, was sich übersetzen lässt mit „Die Seele im Ungewissen“. Hurley meint, dass der Einfluss der Exerzitien des Ignatius von Loyola in allen  Filmen Hitchcocks nachweisbar sei. Auch wenn Hurley in der Detailanalyse krass überinterpretiert, ist seine grundlegende These doch nicht ganz von der Hand zu weisen. Wie Ignatius es von den Ordensbrüdern verlangt, lässt uns der Regisseur emotional in Himmel und Hölle eintauchen, zieht uns in Licht- wie Dunkelzonen hinein. Hurley fasst zusammen:

 

Sprecher 3 (spricht Autor):

Seine Filme beziehen sich auf Schuld, Vergeltung, Erlösung, Tod. Kreuzes-Posen, Pietà-Szenen, Feuer und Flammen als Symbole der Hölle sind verflochten zu geheimnisvollen Thriller-Geschichten, die sich in mystischer Ergebnislosigkeit verlieren. Sowohl Hitchcocks Filmkanon als auch die Geistlichen Übungen des Ignatius sind geprägt von einem starken Sinn für die Kraft des Bösen, nicht nur im Sinn übernatürlicher Mächte, sondern auch im Sinn überzogener Ansprüche im privaten Leben und in der Selbstüberhebung von Gemeinschaften und Nationen.

 

Autor:

„Überzogene Ansprüche“  als eine „Kraft des Bösen“. Hier gibt Hurley ein interessantes Stichwort. Er spielt auf die menschliche Hybris an, die Selbstüberhebung. Das ist keine metaphysisch abgehobene Vorstellung vom Bösen,  sondern eine zwischenmenschliche Erfahrung, die jeder kennt: Das Streben nach Kontrolle, Macht oder Unterwerfung, ob nun in der Familie oder im Staat, kann ins Verderben führen. Eine moderne Vorstellung vom Bösen, wie sie auch die Jesuiten durchaus lehren. Oder wie sie  Jean Paul Sartre in einem Satz zusammenfasste: „Die Hölle, das sind die anderen“.

 

Hitchcocks Filme sind voll von Figuren, die sich über andere erheben – und daran scheitern. In „Die Vögel“ behandelt Hitchcock die menschliche Sucht nach Kontrolle am Beispiel der Natur. Und er dreht den Spieß mit diabolischem Vergnügen um: Am Anfang des Films hocken die Vögel in Käfigen, am Ende beherrschen sie die Welt. Sie unterwerfen die Menschheit.

 

Eindrucksvoll führt Hitchcock vor, wie die Bewohner von Bodega Bay im Verlauf mehrerer Vogelangriffe immer mehr die Nerven verlieren. In einer Szene gerät eine Bewohnerin außer sich. Sie beschuldigt eine fremde Frau, sie habe den Amoklauf der Vögel ausgelöst. „Woher kommen Sie?“ fragt sie mit bohrendem Blick, „Was wollen Sie hier? Sie alleine sind schuld am Unheil! Sie sind böse!“, schreit sie.

 

Während sich die Frau wie von Sinnen in  hilflose Schuldzuweisungen hineinsteigert, blickt sie direkt in die Kamera, direkt ins Publikum. Meint sie vielleicht uns? Womöglich hat sie recht, wir sind alle ein bisschen böse, dann und wann. Hitchcocks persönliche Angst vor Schuldverstrickung und Bestrafung, seine „moralische Angst“ lässt er uns Zuschauer immer wieder spüren. Seine liebste Erzählfalle: Er bringt den Helden und den Bösewicht so zusammen, dass sie ein Paar bilden, das wie auf einem Tandem sitzt. Der Böse bestimmt, wo es langgeht, der Gute muss mitziehen. Aber ist er dann eigentlich noch der Gute? Zum Beispiel Guy, der sympathische Tennis-Champion in „Der Fremde im Zug“ von 1951. Er hat eine neue Freundin und damit ein Problem: Seine Ehefrau will sich nicht scheiden lassen. Er könnte sie umbringen, aber das sagt Guy nur so dahin. Im Speisewagen trifft er Bruno, einen modernen Mephisto, der ihm einen Vertrag unterbreitet.

 

 

Szene

"Da fällt mir gerade eine herrliche Idee ein" sagt er  zu Guy. Und er schlägt ihm ein Gedankenexperiment vor: Nehmen wir an, da möchte einer seine Frau loswerden. Weil er dafür einen guten Grund hat... Natürlich – räumt Bruno ein - würde jeder Angst haben, sie zu töten, wegen der Polizei. Aber was würde ihn verraten? - Das Motiv!  Und dann unterbreitet er ihm die Idee: Zwei Männer könnten sich ja zufällig treffen, so wie die beiden gerade. Es bestünden dann keine Beziehungen zwischen ihnen, sie haben sich vorher nie gesehen. Jeder von ihnen hat jemanden, den er loswerden will. Und sie tauschen die Morde einfach aus. Jeder begeht den Mord für den anderen, aber es gibt keine Beziehung zwischen den beiden. Jeder – so flüstert Bruno ihm ein hätte dann einen völlig Unbekannten ermordet: Sie begehen meinen Mord und ich Ihren.

 

Autor

Guy hält Bruno für verrückt und ignoriert seine Idee. Bruno tötet Guys Frau trotzdem. Zwar wird Guy es ablehnen, im Gegenzug Brunos Vater zu töten, aber profitiert hat er am Ende doch vom Verbrechen. Das ist das Prinzip der übertragenen Schuld. Der Theologe Thomas Kroll:.

 

 

Kroll

Schuld entsteht - lapidar  gesagt - immer dann, wenn zwei in einer Art und Weise miteinander umgehen, die für den einen oder beide nicht gut ist. Dann kann Schuld entstehen. Also: es wird von Hitchcock schon so etwas entflechtet wie ein Schuldgeflecht oder ein Geflecht von Schuldgefühlen. Denn es ist ja nicht immer eine objektive Schuld. Indem ich etwas nicht bewusst tue, werde ich ja auch nicht schuldig im reinen Sinne. Aber das ist vielleicht das Geniale von Hitchcock oder sein Anliegen, solche Konstellationen aufzubauen, wo wir merken: hier kommen nachher alle nicht astrein raus. Wie man sagt. Wer in diese Welt geboren wird kommt nicht ohne dreckige Finger raus, jeder macht sich irgendwie schmutzig, ob bewusst oder unbewusst. Es gibt vielleicht ganz wenigen Leute, die über der Erde schweben. Aber mit denen haben wir als normale Menschen eigentlich nichts zu tun.

 

Thrillermusik

 

Sprecher 2 (Hitchcock):

Es hat um 1890 einen berühmten Prozess gegeben, und ich habe oft daran gedacht, einen Film daraus zu machen. Ein alter Ehemann und seine junge Ehefrau waren offensichtlich ganz damit einverstanden, dass ein Pastor sich in Hausjacke und Pantoffeln häuslich bei ihnen niederließ. Der Ehemann ging zur Arbeit und Hochwürden setzte sich hin, las der Frau Gedichte vor und streichelte ihr dabei den Kopf, den sie auf seine Knie gelegt hatte. Ich wollte eine Szene machen, in der Hochwürden und die junge Frau ziemlich heftig miteinander schlafen sollten, und zwar unter den Augen des Ehemanns, der dabei im Schaukelstuhl sitzen sollte, mit der Pfeife im Mund. Eines Tages, als der Pastor nicht da ist, sagt der Ehemann zu seiner Frau: „Jetzt möchte ich auch mal wieder.“ Sie antwortet: „Nichts zu machen.“ Kurz nach dieser Szene stirbt Mr. Bartlett, der Ehemann, an Chloroformvergiftung. Mrs. Bartlett und Hochwürden Dyson werden wegen Mordes verhaftet.“

 

 

Autor

Dieser Hitchcockfilm ist nie entstanden. In dem Film „Ich beichte“ erzählt der Regisseur –allerdings- von einem Geistlichen, der fälschlich unter Mordverdacht gerät. Es ist eine typische Hitchcock-Geschichte der übertragenen Schuld. Hier aber auf die Spitze des Unwahrscheinlichen getrieben: Der junge Pater Logan, eindrucksvoll verkörpert von Montgomery Clift, ist vollkommen unschuldig, hat allerdings ein Mordmotiv und kein Alibi. Er könnte sich entlasten, er kennt den wahren Mörder, darf ihn aber der Polizei nicht preisgeben. Dass er sich trotzdem fast zum Tode verurteilen lässt, war schon 1952 für die meisten Zuschauer nicht nachvollziehbar. Alles hängt am Beichtgeheimnis, das Pater Logan zum Schweigen verpflichtet, denn der wahre Mörder hat ihm die Tat in der Beichte anvertraut. Der Täter ist Küster einer katholischen Gemeinde im kanadischen Quebec. Eine Stadt der engen, gepflasterten Straßen und alten Kirchen. Hitchcock taucht den Ort in eine Atmosphäre der Schwere und Last. Schuldbeladen und voller Reue erscheint anfangs der Mörder – doch dann kommt ihm die rettende Idee:

 

Szene

Ich bin verloren, sagt er zu seiner Frau: Sie werden mich holen. Und hängen. Und dann geht ihm seine unverhoffte Chance auf:  Der Pater kann ja gar nicht zur Polizei gehen.  Er darf ihn nicht anzeigen! Die  Polizei wird nicht herkommen. Denn sie kann ja von garnichts wissen! "Ich selbst habe mich nicht verraten. Und Pater Logan darf das Beichtgeheimnis nicht verletzen!"

 

 

 

Sprecher 2 (Hitchcock):

 

Wir Katholiken wissen, dass ein Priester das Beichtgeheimnis nicht preisgeben darf, aber die Protestanten, die Andersgläubigen und die Agnostiker denken: „Es ist doch lächerlich zu schweigen, das gibt’s doch nicht, dass jemand dafür sein Leben opfert. Ich hätte den Film nicht machen sollen.

 

 

Autor

Er hat. Und so ist die Hitchcock-Filmografie um einen sehr persönlichen, fast quälerischen Film reicher. Einmal mehr präsentiert Hitchcock sein Gut-Böse-Paar, das auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet ist. Als der Küster erfährt, dass Pater Logan unter Anklage gestellt wird, bekommen seine Handlungen diabolische Züge. Er beginnt, Beweise gegen den Geistlichen zu fingieren. Der Pater bleibt bis ins Mienenspiel hinein seiner Priesterpflicht treu. Auch vor Gericht vermeidet er verräterische Blicke und sagt im Kreuzverhör kein Wort zuviel:

 

Szene

 

 

Autor:

"Ja", "Nein", "Ich kann es nicht sagen" – Der Pater bleibt standhaft. Bevor der wahre Täter sich am Schluss selbst verrät, muss Pater Logan ein Martyrium zwischen öffentlicher Häme und der Angst vor göttlicher Bestrafung erleiden. Obwohl die Bedingungen im Film natürlich extrem konstruiert sind, sieht das Gelübde tatsächlich keinen Ausweg vor. Das hat sich bis heute nicht geändert. Der Priester, der das ihm auferlegte Beichtgeheimnis bricht, verstößt gegen das Kirchenrecht – und begeht nach katholischer Lehre eine schwere Sünde. Pater Logan bleibt standhaft, er trägt die Sünde eines anderen, ja ist dazu bereit, sich als Lamm Gottes opfern zu lassen. Hitchcock unterstreicht seine Paralelle zur Passionsgeschichte Christi, indem er mehrfach Kreuzweg und Kruzifix ins Bild rückt.

 

Kroll

Dass Hitchcock das natürlich hier auf die Spitze treibt, davon lebt der Film. Und dadurch bekommt der Film so gewisse christologische Züge. Hier ist auch einer, der ist verurteilt, der schweigt, muss allerdings schweigen - das musste Christus nicht vor Pilatus. Und dadurch geht er seinem sicheren Tod entgegen.

 

Musik

 

Autor:

1974 dreht der greise Hitchcock mit  „Familiengrab“ seinen  letzten Film. Auch darin greift er  Spiritualität und Glauben auf – allerdings diesmal mit einem Augenzwinkern. Eine Gaunerkomödie, in der alle Schwindler sind: „Madame Blanche“ - eine falsche Spiritistin, nimmt mit Unterstützung ihres Assistenten  eine alte Dame, Miss Rainbird aus. Die glaubt fest an die Macht von Geistern und Glaskugeln und bestellt die Wahrsagerin zu sich.

 

Die alte Miss Rainbird klagt über ihre Alpträume. Sie wird von schweren Gewissensbissen geplagt. Mit ruhigem Gewissen wolle sie in ihr Grab gehen. Das klingt wie eine Bekenntnis von Hitchcock selbst, der – wie bei all seinen Filmen – am Drehbuch von „Familiengrab“ mitschrieb. Die größte Sorge der alten Dame: Irgendwo muss der Mann stecken, der ihr Vermögen erben soll: Er ist das Kind ihrer Schwester. Aber weil er vor vierzig Jahren „in Sünde“ gezeugt wurde, zwang Miss Rainbird ihre Schwester, das Kind wegzugeben. Die Spur des einzigen legitimen Erben hat sich verloren - vielleicht kann Madame Blanche ihr helfen? Die Schwindlerin schickt ihren Assistenten auf Spurensuche.

 

Die Wege des Gaunerpaares kreuzen sich mit einem weiteren, diesmal hochkarätigen Verbrecherduo: Ein Mann mit dem falschen Namen Arthur Adamson und seine Komplizin Fran. Eine zweite Geschichte, die mit der ersten scheinbar nichts zu tun hat. Adamson und Fran haben sich auf Entführungen prominenter Persönlichkeiten spezialisiert. Zu ihrem größten Coup wird im weiteren Filmverlauf die Entführung eines katholischen Bischofs vor versammelter Gemeinde. Adamson ist ein typischer, eleganter Hitchcock-Fiesling, wie er im Buche steht. Als Adamson mit Fran auf dem Beifahrersitz und dem betäubten Bischof im Kofferraum zum Versteck fährt, klopft er sich und seiner Komplizin auf die Schulter:

 

 

Szene

"Du warst wundervoll" sagt er zu ihr. "Die Geisel, der Bischof also, ist mehr wert als eine Million. Als kleiner Junge – erinnert er sich - hätten die "Pfaffen"  dem Gangster immer das Gefühl gegeben, böse zu sein. Und er feiert das gemeinsame Kidnapping im Gottesdienst: "Ich habe Dir doch gesagt, dass das klappt. In der Kirche haben doch alle Besucher Hemmungen. Da springt niemand auf, macht Lärm oder läuft durcheinander, denn so etwas schickt sich nicht in einem Gotteshaus."

 

Klein:

Das ist, weil man auch gesehen hat, dass es so funktioniert, schon eine kritische Bemerkung. Aber im Sinne nicht der Institutionskritik sondern im Sinne einer Kritik am gläubigen Kirchenvolk. Plus die Frage: Wofür soll eigentlich Religion gut sein, wenn das passieren kann. Glaube taucht im Alltag da nicht mehr auf. Man sieht es: die alte Dame geht zu einer Wahrsagerin, mit dem Glauben nicht übereinstimmend, da sucht sie ihre Lebensberatung und nicht im religiösen Bereich, sie wird gleichzeitig dabei ausgenommen. Was deutlich wird: Religion hat keine Funktion, die wirkliche Welt läuft ohne das ab - also: ich gehe zu Scharlatanen."

 

 

Der Jesuit Pater Klein zur moralisch diffusen Welt des Films „Familiengrab“.

Auch in seinem letzten Film setzte Hitchcock, wenn gleich ironisch-distanziert, die katholische Kirche, ihre Traditionen und Werte ins Bild. Die Suche nach dem Bösen im Guten hat ihn nie losgelassen, den Mann, der als Schulknabe seinen verehrten Jesuitenlehrern Streiche spielte.

War der Film „Familiengrab“ sein letzter Streich? Nicht ganz. Einen  der besonderen Art sparte sich der Regisseur noch für die eigene Beerdigung auf. Sie  lief scheinbar korrekt katholisch ab. Doch dann bemerkten die Trauergäste einen Schönheitsfehler: Hitchcocks Sarg fehlte. Der war schon im Krematorium. Der alte Witzbold hatte für seinen Leichnam eine Einäscherung verfügt. Für einen Katholiken seiner Generation war das eine ziemliche Gotteslästerung.

 

 

 

Sprecher 2 (Hitchcock):

Ich glaube zwar nicht, dass ich mich einen katholischen Künstler nennen könnte, aber die Erziehung in frühen Kindertagen beeinflusst das Leben eines Mannes und lenkt seine Instinkte. Ich bin durchaus nicht gegen die Religion, aber ich vernachlässige sie vielleicht zuweilen.

 

Thrillermusik, Titelsprecher, ENDE

 

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