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Zerrissene
Seelen, kaputte Lebenswelten
Neue
Tendenzen im amerikanischen Horrorfilm
Genres
und Erwartungen, Zuschauer und Täter
Erinnert sich noch jemand an die Szene am Ende
von PSYCHO (1960), in der ein Psychiater nachträglich
die Ereignisse erklärt? Hitchcocks Klassiker, der furios mit den Erwartungen
des Zuschauers spielt und in seiner Schockdramaturgie prägend war für
den modernen Horrorfilm, hat hier seinen schwächsten Moment. Vielleicht,
weil der Auftritt eines mit Perücke und Messer ausstaffierten Norman Bates
eine Überzeugungskraft besitzt, gegen die der Berufsjargon eines Psychiaters
nicht ankommt. Vielleicht, weil das, was den Zuschauer so mitgerissen hat, einfach
psychoanalytisch zerredet werden soll. Die Faszination der Gewalt, auch der
fiktiven, spottet immer ein wenig ihrer Analyse.
In Wes Cravens SCREAM (1996), schon jetzt ein Klassiker
des postmodern verkleideten Teen-Slasherfilms, übernehmen die jugendlichen
Serienmörder Billy und Stu gleich selbst die Rolle des Psychiaters. In
die Enge getrieben erklärt Stu sein Motiv: "Gruppenstress! Ich bin
zu sensibel!“. Die beiden wissen genau, wovon sie reden: Im Finale zitieren
sie Norman Bates, nutzen das gleiche Kunstblut wie in CARRIE und geben zu bedenken, dass Hannibal Lecter schließlich
auch kein plausibles Motiv für seine Taten vorweisen konnte. Die böse
Pointe des plot-twists liegt in der klammheimlichen Gleichsetzung von
Täter und Zuschauer - fernab einer simplen
Medienwirkungstheorie, die die Nachahmung der Fiktion unterstellt. Billy
und Stu besitzen das gleiche Erfahrungswissen wie der jugendliche Fan von Slasherfilmen,
der die Regeln des Genres beherrscht, sich genüsslich zurücklehnt
und nur noch die Variation der Variation erwartet.
David Lynch oder David Fincher jagen gängige
Genre- und Erzählmuster durch den Sampler, dekonstruieren ihr Material
und setzen es neu zusammen; Schocks und Überraschungen für den Zuschauer
inbegriffen. Filme wie SCREAM aber bestätigen Zuschauererwartungen statt
sie zu negieren. Wer die Rolle des abgebrühten Connaisseurs nicht einnehmen
mag, wird von Craven vorsorglich ins Bild gesetzt. Seine drei SCREAM-Filme sind
durchsetzt mit Zitaten, in-jokes und augenzwinkernden Verweisen auf ihre genrehistorische
Genese. Die Angstlusterfahrung des Horrorfilms wird zu einem interaktiven Spiel
zwischen Film und Zuschauer, das Genre zum Fachgebiet. Konsequenterweise beginnt
der erste Teil mit einem makabren Quiz. Die Täter rufen einen Teenager
an: "Wie heißt der Killer in FREITAG, DER 13.?" Wenn das Mädchen
die Frage nicht beantworten kann, muss ihr Freund sterben.
Das hohe Maß an Selbstthematisierung ist
auch hilflose Reaktion auf eine Misere des Genres. Die Konventionen sind längst
bekannt und berechenbar. Eigentlich soll der Zuschauer wohldosiert Angst und
Schrecken, manchmal auch Abscheu und Ekel erleben. Ein Genre aber, das sich
so stark über die Affekte definiert und nur noch in der Umlaufbahn seiner
eigenen Zeichenwelt zirkuliert, funktioniert lediglich als Parodie seiner selbst.
Bei interesselosem Wohlgefallen verfehlt das Ganze seine Wirkung. Alles Unheimliche,
die irritierende Erfahrung von Unbehagen und Unsicherheit, wurde ihm ausgetrieben.
Die
Unmittelbarkeit der Empfindungen
Die jungen Filmemacher Eduardo Sánchez und
Daniel Myrick suchten 1999 mit THE
BLAIR WITCH PROJECT einen Ausweg.
Begleitet von einer wahren Internet-Hysterie spekulierte ihre fake-documentary
auf die Manipulierbarkeit des Publikums.
Erzählt wird von drei Filmstudenten, die in den Wäldern Marylands
einen Dokumentarfilm über einen legendären Hexenkult drehen. Am Anfang
erfahren wir, dass die Studenten spurlos verschwunden sind und nur das folgende
Filmmaterial gefunden wurde. Es folgt 80 Minuten lang grobkörniges Video.
Ohne Musikuntermalung, die reflexhaft Spannung signalisiert. Ohne Montage, die
Suspense aufbaut, bis Konfrontation oder Flucht die Spannung wieder lösen.
Stattdessen undefinierbare Geräusche im nächtlichen Wald und verwackelte
Bilder, die nur Baumstämme, Zeltplanen und angsterstarrte Gesichter zeigen.
Der Verlust der filmischen Form sorgt für nachhaltige Desorientierung.
Verzichtet wird auf jedes Bild, das den Schrecken konkretisieren könnte.
Das Übersinnliche bleibt in der Schwebe: kein Monster, keine Hexe, keine
sichtbare Gewalt. Nur seltsame Steinhaufen und gebündelte Zweige, also
Natürliches, scheinbar Zufälliges, in eine Form gebracht, die auf
die Anwesenheit einer fremden Macht schließen lässt.
Die wahre Bedrohung entspringt sowieso der Psychodynamik
der Gruppe. Was die Situation zum Eskalieren bringt - das Verschwinden der Landkarte
- entpuppt sich als innerer Sabotageakt. In nasser Kleidung, von den nächtlichen
Attacken terrorisiert, hungrig und frierend fallen die Masken der Zivilisation.
Wehmütig sehnt man sich Hamburger und Zigaretten herbei, Erinnerungen an
eine domestizierte, sichere Welt. Auch daraus speist sich die unbewusste Faszination
des Films: Stellvertretend für den saturierten Zuschauer im Kinosessel
erleben die Figuren eine Art erweiterten Abenteuerurlaub. Ohne Wohlstandsmüll
spürt man wieder die Nacktheit der Existenz.
Thema aber auch hier: die zunehmende Mediatisierung
des Erlebens. Die immerzu mitlaufende Kamera garantiert ein Stück Distanz.
„Looking
through the lens gives you some sort of protection from what’s on the other
side“, muss sich die übereifrige Filmemacherin
vorwerfen lassen. Schöner lässt sich
der Mechanismus des Horrorfilms kaum zusammenfassen. (Und vielleicht erleben
reale Gewalttäter ihr Handeln mittlerweile auch wie durch eine Kamera.)
Selten hat sich das Genre so sehr dem Bilderverbot
der modernen Kunst genähert, einen so sublimen Schrecken erfahrbar gemacht,
nachdem es 30 Jahre lang vor keiner Zumutung aus Kunstblut und Latex zurückschreckte.
Der ästhetische Puritanismus macht im Kontrast deutlich, dass die Leerformeln
des Genres längst auch der Abwehr der Affekte dienen. Weit entfernt von
der Pseudo-Authentizität der "Dogma"-Filme gelingt es THE BLAIR
WITCH PROJECT, die Unmittelbarkeit der Empfindungen freizulegen. Dem Experimentalfilm
mit einem Budget von 35.000 Dollar glückte ein US-Kinoeinspiel von 140
Mio. Dollar.
Hollywood
entdeckt das Horrordrama
Die radikale Reduktion der Mittel war für
Hollywood nicht anschlussfähig, die Verschränkung von Form und Inhalt
kaum wiederholbar. Ein anderer Film, diesmal mit Starbesetzung, zog im gleichen
Jahr aber ganz ähnliche Lehren. THE SIXTH SENSE bietet praktisch keine
Spezialeffekte, geht visuell sehr zurückhaltend vor und nimmt sich Zeit
für seine Figuren. Die Geschichte des kleinen Cole, der die Geister der
Toten sieht und damit überfordert ist, bedeutete für den gerade 28-jährigen
Filmemacher M. Night Shyamalan einen veritablen Welthit. Das Publikum war begeistert
vom Spiel des jungen Haley Joel Osment - und von einem verblüffenden plot-twist
am Ende. Die zweite Hauptfigur, Bruce Willis als Kinderpsychologe, entpuppt
sich selbst als Geist. Um den Knotenpunkt des erzählten/erzählenden
Subjekts herum verwischen sich subjektive Wahrheit und (filmischer) Schein vollständig.
Das erinnert zunächst an die postmodernen Strategien von Finchers FIGHT CLUB und Lynchs LOST
HIGHWAY. Hier bleibt das Subjekt
aber eine letzte Bezugsgröße, die für filmische Realität
bürgt. Der Zuschauer verliert den Boden unter den Füßen - und
landet sicher im nächsten Stockwerk; das klassische Erzählkino ist
gerettet. In THE SIXTH SENSE wird keine reine Horrorstory erzählt, sondern
auch eine Heiligengeschichte, gespickt mit religiösen Untertönen,
ein Film über eine schwierige Mutter-Kind-Beziehung, über die Sprachlosigkeit
der Ehe und - nicht zuletzt - das Gesicht von Haley Joel Osment. Das Übersinnliche
kommt an zweiter Stelle. Und es ist tröstlich in einer Welt, die schon
längst den Schrecken beheimatet, bevor Geister in ihr Einzug halten. Eine
Nebenhandlung zeigt, wie eine Mutter über zwei Jahre hinweg ihre Tochter
vergiftet hat. Erst der Geist des Mädchens klärt das Verbrechen auf.
Die herbstliche Farbskala, der getragene Rhythmus,
die offene Melancholie in der Nähe zur Larmoyanz - all das gibt den Tonfall
vor für eine neue Welle von ernsten, düsteren, erwachsenen Horrorfilmen.
Die bekannten Gesichter Hollywoods entdecken zurzeit den Horrorfilm als Starvehikel,
als Möglichkeit, dem Zuschauer düstere psychologische Studien im Gewand
des Genrekinos unterzujubeln. Noch nie gab es im Unterhaltungsfilm so viele
zerrissene Seelen und kaputte Lebenswelten zu bestaunen. In THE
OTHERS (2001) werden zwei Kinder
in Angst und Schrecken versetzt, nicht nur von Geistern, sondern auch von ihrer
Mutter, gespielt von Nicole Kidman, die als religiöse Fanatikerin brilliert.
DRAGONFLY (Im Zeichen der Libelle, 2002) und THE
MOTHMAN PROPHECIES (2002) konzentrieren
sich auf männliche Hauptfiguren, die vom Verlust ihrer Frau aus der Bahn
geworfen werden. In STIR OF ECHOES (Echoes
- Stimmen aus der Zwischenwelt,
1999) und WHAT LIES BENEATH (Schatten
der Wahrheit, 2000) wohnen wir
auch dem Verfall von Ehen bei. THE GIFT (2000) zeigt Cate Blanchett als märtyrerhafte
Hellseherin, während ein alkoholisierter Keanu Reeves seine Ehefrau verprügelt.
Melodram, Milieustudie, Horrorfilm und Psychogramm überschneiden sich.
Und wie in der Anekdote aus THE SIXTH SENSE erlebt ein altes Motiv der Schauerromantik
seine Wiederauferstehung: Wenn die Welt keine heile mehr ist, dann können
nur unheimliche Kräfte von außerhalb für Ausgleich sorgen.
Gleichzeitig werden Themen wie Verlust, Sterblichkeit,
Alter und Lebensangst für ein breites Publikum aufbereitet. Der "erwachsene",
politisch korrekte Horrorfilm ist bemüht um Bedeutungen und Inhalte; der
Mensch mit seinen Nöten und Ängsten steht im Mittelpunkt. Der Preis
dafür ist ein Stück weit filmhistorische Naivität. Man muss wieder
ohne Selbstironie, ohne Spiel der Querverweise auskommen.
Teenager-Ängste
Der große Erfolg von SCREAM, die unvermeidlichen
Sequels (1997/2000) und ein ganzer Reigen von Nachfolgern wie I KNOW WHAT YOU
DID LAST SUMMER (1997) oder URBAN LEGEND (1998) bescherten auch dem totgesagten
Teen-Slasherfilm eine beachtliche Renaissance. Die ironische sophistication des Vorbilds blieb dabei die Ausnahme. Der Teen-Slasherfilm
ist - entkleidet von seinen kurzfristigen Moden - ein fast abstraktes Genre.
Die Geschichte wird reduziert zugunsten einer Abfolge von set-pieces, die die Bedrohung und Ermordung meist jugendlicher
Figuren zeigen. Nie geht es um die reale Erfahrung (sexualisierter) Gewalt,
auch nicht um die glaubwürdige Psychopathografie von Serientätern
(wie zumindest ansatzweise im Serienkiller-Genre). Es sind Prinzipien, psychologische
Archetypen, die aufeinander treffen: Angriff und Flucht, Opfer und Täter,
pubertäre Phantasien um Sexualität und Geschlecht. Die Heldinnen -
androgyn und depressiv in ihren Geschlechterrollen gefangen - müssen über
männliche Täter triumphieren, die selbst etwas verstörend Feminines
an und in sich haben, von PSYCHO bis zu THE
SILENCE OF THE LAMBS (1991).
John Carpenters HALLOWEEN (1978) hat das Grundmuster des Genres geprägt
wie kein anderer Film. Eine Überraschung inmitten der neuen Teen-Horrorwelle
bietet die Fortsetzung HALLOWEEN H20: 20 YEARS LATER (1998), inszeniert vom
Genreroutinier Steve Miner. Das Drehbuch vermischt den typischen Teenagerplot
mit eher „erwachsenen“ Elementen, vermeidet Ironie und geht geschickt mit Standardsituationen
um. Jamie Lee Curtis übernahm erneut die Rolle der Laurie Strode und gibt
dem Film damit ein emotionales Zentrum. Laurie, Heldin und final
girl des Originals, versucht mit
Alkohol die durchlittene Traumatisierung zu betäuben, während ihr
17-jähriger Sohn unter der neurotischen Angst seiner Mutter leidet. In
Träumen und Halluzinationen, die sehr bald zur Realität werden, taucht
wieder der Serienmörder Michael Myers auf.
Natürlich geht es auch in HALLOWEEN H20, wie
in jedem Slasherfilm, vorrangig darum, das gewalttätige und sexuell aufgeladene
Aufeinandertreffen von Körpern in einem durch Kamera und Schnitt dynamisierten
Bewegungsbild zu choreografieren. Wer aber bereit ist, die fest gefügten
Muster der Gattung zu akzeptieren, erkennt dahinter eine kleine Studie über
Paranoia und Wiederholungszwang. Keinen Moment lang wird Michael Myers als realistische
Figur gezeichnet. Als personifizierter „Schwarzer Mann“, der zunächst nur
in Lauries Visionen existiert, überlebt er jeden Angriff. Zur mythologischen
Gestalt erhöht, ist er damit immer auch als Rückkehr der traumatischen
Erinnerungen lesbar. Der Film zeigt, dass es Figuren mit psychologischer Tiefe
braucht, um extreme Emotionen glaubwürdig zu transportieren und das Genre
vor sinnentleerter Gewalt zu bewahren.
Hitchcocks zynisches Rezept für eine gelungene
Spannungsdramaturgie - „Torture the woman!“ - gilt im Slasherfilm zwar heute
noch. Aber gleichzeitig ist er das einzige Genre, das den meist männlichen
Zuschauern die Identifizierung mit weiblichen Protagonisten nahe legt. Während
die anderen Figuren ihre Zeit mit oberflächlichen Vergnügungen verbringen,
können wir die Gedanken und Gefühle des final
girl nachvollziehen. Nicht das
Ausleben sadistischer Impulse steht im Vordergrund, sondern die pubertäre
Angst vor Sexualität und die Abtrennung von elterlichen Autoritätsfiguren
- Gefühlskomplexe, die ein jugendliches Publikum offenbar besser bewältigen
kann, wenn es sie auf weibliche Figuren projiziert.
Die
Frage der Gewalt
Unabhängige, tief pessimistische Low-Budget-Produktionen
wie NIGHT
OF THE LIVING DEAD (1968) und THE
TEXAS CHAINSAW MASSACRE (1974)
schlugen einst eine Bresche für immer drastischere Gewalt auch im Mainstreamkino.
In den frühen Achtzigern reduzierten sich die Großaufnahmen klaffender
Wunden dann zunehmend auf den Aspekt ihrer technischen Darstellbarkeit. Der
auf die Zerstörung des Körpers fixierte Splatterfilm scheint heute
langsam in den Schmuddelecken der Videotheken zu verschwinden. Heftige Gewalt
hat weiterhin ihren Platz im Genre, ist aber nicht mehr selbstzweckhafter Höhepunkt
der Inszenierung. Was im Splatterkino wie der regressive Triumph unvermittelter
Körperphantasien aussah, entpuppt sich im Rückblick doch eher als
Schritt in eine Erlebniswelt, die Körpererfahrung nur noch medial verstellt
ermöglicht. Auch extreme Spezialeffekte bewegen sich, wie die Genreregeln,
in der Gefahr, Teil eines Distanzierungsapparates zu werden, wenn sie vor allem
„fachmännisch“ wahrgenommen werden. Nicht zuletzt deshalb haben THE BLAIR
WITCH PROJECT und THE SIXTH SENSE darauf verzichtet.
Zwischen der gelungenen Thematisierung jugendlicher
Ängste und Aggressionen und ihrer zweifelhaften Indienstnahme für
den reinen Thrill liegt allerdings ein schmaler Grat. Dass sich Teen-Horrorfilme,
die in der hormonellen Überdruckzone zwischen Highschool und Abschlussball
angesiedelt sind, fast immer auf die Seite der hässlichen Entlein und exzentrischen
Außenseiter schlagen, ist ein Problem. Schnell erhält der Tod blonder
Cheerleader und sadistischer Lehrer einen befreienden Unterton. In THE FACULTY
(1998) von Robert Rodriguez, einer kruden „Bodysnatcher“-Variante, tritt eine
Zweckgemeinschaft schulischer Außenseiter den Kampf gegen ein Lehrerkollegium
an, das von Außerirdischen infiltriert wurde. Der Film (nach einem Skript
des SCREAM-Autors Kevin Williamson, das gewohnt schlafwandlerisch die Gefühls-
und Gedankenwelt junger Zuschauer trifft) sollte wenige Tage nach dem Schüler-Amoklauf
von Erfurt seine Free TV-Premiere erleben. Aufgeschreckt von der neuen Debatte
um mediale Gewalt nahmen die Verantwortlichen den Film aus dem Programm. Was
anfangs noch als Parabel auf die oft als erniedrigend empfundene Sozialisation
in Schulen funktioniert, entpuppt sich schnell als spekulativer Versuch, pubertäre
Hass- und Rachegefühle auszuschlachten. Das phantastische Thema dient vor
allem dazu, den blutigen Leinwandtod von Lehrern in Szene zu setzen.
Ein Anhaltspunkt, um einem Horrorfilm den Vorwurf
der Gewaltverherrlichung zu machen, ist freilich die Einseitigkeit der Perspektive.
Während die treffend als "Egoshooter" bezeichneten Computerspiele
in den zentralperspektivischen Subjekttunnel eines Täters zwingen, ohne
einen anderen Blickwinkel zuzulassen, vermittelt ein gelungener Horrorfilm die
Positionen von Täter und Opfer. Sein Ziel ist eine - immer gefährdete,
immer auch gefährliche - Balance zwischen Aggression und Mitleid, Neugier
und Angst. Die wahre Subversion von PSYCHO lag nicht darin, psychologische Subtexte
sichtbar zu machen, sondern uns rein formal - durch die Montage der Einstellungen
und Blicke - in eine wechselhafte Identifikation mit Opfer und Täter zu
treiben. An solchen Feinheiten zeigt Robert Rodriguez weder in THE FACULTY noch
in seinem zynischen FROM
DUSK TILL DAWN (1996) irgendein
Interesse.
Die Ähnlichkeit zwischen
realer Gewalttat, "Egoshooter"-Spiel und Slasherfilm mag frappieren.
Von Tür zu Tür gehen und Menschen als Opfer aussuchen, das ist ein
narratives Skript, wie es auch in vielen Slasherfilmen zu finden ist. Reale
Täter nutzen solche Skripte als Drehbücher für ihr Handeln. Haben
deshalb aber die Filme schuld? Der Killer aus SCREAM, Billy, spricht auch hier aus Erfahrung:
„Movies don’t create psychos. Movies make psychos more creative."
André Götz
Dieser Aufsatz
ist zuerst erschienen, in geänderter Form, in: epd Film 7/2002
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