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Das
Leben war die Ausbildung
Ein Interview mit
Udo Kier
Mai 2006. Dietrich Kuhlbrodt und Schauspieler Udo Kier kennen sich:
Fünf Filme mit Schlingensief haben sie gemeinsam gedreht, einen mit von
Trier. Nun liegen sie auf dem Bett eines Hamburger Hotelzimmers, schauen Udo
Kiers “Nuklear-Anschlag – Die Bombe im Atomkraftwerk“ auf RTL 2 und sprechen
über Kiers unvergleichliche Karriere. Das Transkript einer Tonaufzeichnung.
Udo Kier: Das ist also gar nicht dein Gerät, du weißt nicht,
wie das funktioniert – wir machen dieses Interview ins Blaue hinein.
Dietrich Kuhlbrodt: Da, schau mal, das rote Licht...
UK: Ich habe schon Interviews gemacht, wo ich eine Stunde lang aufs
Tonband geredet habe, und dann sagte die Journalistin: “So, mal eben prüfen,
ob’s geklappt hat.“ Da sage ich: “So, jetzt gehen Sie aber.” Das ist wie früher
Hilke Rosenboom vom “Stern”, die weder mitschrieb noch ein Tonband hatte, aber
alles perfekt wiedergegeben hat, die hat sich alles gemerkt.
DK: So müßte es gehen: Im Moment drehst Du ja hier in Hamburg
eine Serie.
UK: Ja, sie heißt “Vier gegen Z”, und ich fange diese Woche
mit der 27. Folge an. Ich habe zwei Jahre gedreht, jedes Jahr dreizehn Folgen.
Das ist eine Art Harry Potter. Und ich bin der Böse, der unter der Stadt Lübeck
lebt, 500 Jahre alt ist, magische Kräfte besitzt und die Hansestadt furchtbar
findet, weil da außer Heinrich Heines Liebesgedichten und dem Bismarckhering
nichts draus hervorgegangen ist. Er möchte gerne die Macht übernehmen,
und vier Kinder, die auch magische Kräfte haben, bekämpfen ihn.
DK: Macht Dir das Spaß?
UK: Ja sehr! Ich spiele ja den Bösen, den Herrn der Finsternis.
Und in den Umfragen lieben alle diese Figur Z, weil Z einen grünen Fingernagel
hat und grüne Getränke trinkt, und aus den Augen schießen grüne
Strahlen, und er kann fliegen, und das finden die Kinder alles wunderbar. Als
Kind hätte ich das auch toll gefunden. Aber ich mußte als Kind leider
mit Zügen spielen, die wir aus Büchsen gebastelt haben.
DK: Du machst ja im Moment sehr unterschiedliche Sachen. Ich habe
mal in der Internet Movie Database nachgesehen, und da stehen allein neun Filme
mit Dir, die gerade entstehen sollen. Reist Du das ganze Jahr herum?
UK: Nein, nein, ich arbeite das ganze Jahr im Garten und spreche mit
meinen Pflanzen. Ich habe ja ein Haus in Los Angeles und habe mir jetzt in Palm
Springs eine ehemalige kleine Bücherei gekauft, einen Raum, in dem ich
Möbel sammle. Stücke von Eames und George Nelson, Noguchi, all diese
Klassiker. Und wenn es interessante Projekte gibt, arbeite ich eben. Ich habe
in diesem Jahr Pilotfilme gedreht für Fox, eine Serie also, und wenn sie
funktioniert, geht sie in Produktion. Meine Figur ist eine “wiederkehrende“,
wie das übersetzt heißt, ein Recurring Character. Aber ich bin bis
Ende des Jahres in Hamburg unter Vertrag, mit Option für ein weiteres Jahr,
und ich nehme an, daß noch ein Jahr weiter gedreht wird, dann haben sie
52 Folgen.
DK: Bist ja dann aber doch schon ausgelastet, falls diese Serie in
den USA funktionieren sollte...
UK: Naja, das geht eigentlich gar nicht. Denn so eine Serie hier oder
in Amerika, das ist ein großer Unterschied. Zum Beispiel gibt es in Amerika
ein sogenanntes Reading, das kennt man hier gar nicht. Eine Lesung mit Fernsehleuten.
Man geht also zur Fox, und dann sitzen da die Schauspieler, der Regisseur, der
Drehbuchautor und lesen das Buch. Daneben sitzen nochmal etwa 20 Leute um den
Tisch, das sind die “the Suits”, die Anzüge. Die machen sich bei der Lesung
Notizen, und dann wird entschieden. Es kann sogar sein, daß man noch rausgeschmissen
wird, wenn man bereits einen Vertrag hat.
Dann habe ich mit großem Erfolg eine Serie gedreht, die auch
im deutschen Fernsehen laufen wird, die heißt “Masters of Horror”. Der Titel erklärt es: Es sind Filme von den Meistern
des Horrors: Dario Argento, John Carpenter, George Romero. Ich habe mich für
den Herrn Carpenter entschieden und bin jetzt noch ganz stolz, daß mich
Industry Films für den Emmy vorgeschlagen hat. Es ist wohl der originellste
und grausamste Tod, den je ein Schauspieler gestorben ist auf der Leinwand und
das im Fernsehen. Ich möchte nichts verraten, aber es ist schon grandios.
Jetzt gerade mache ich einen Film namens “Der Picasso-Killer”, also ich zerschneide
kubistisch die Gesichter gutaussehender Frauen.
DK: Da bist du also reichlich ausgelastet.
UK: Außerdem läuft dann natürlich noch “Dimension“,
das dreißigjährige Projekt mit Lars von Trier, für das wir uns
einmal im Jahr treffen und das ausläuft, wenn ich achtzig bin.
DK: Sag mal, wolltest Du nicht mal selbst einen Dogma-Film drehen?
UK: Ich habe einen gedreht. Der wird auch irgendwann herauskommen.
Ich habe das Recht auf “Dogma # 7”. Es ist die Geschichte eines Transsexuellen,
der im Rollstuhl lebt und nach Amerika fährt, kein Geld mehr hat und vom
Telefonsex lebt. Er gründet einen Club: “Outsiders on Wheels”. Der Film
heißt “Lola Stein”, und ich habe mir auch den Titel “Roll, Lola, Roll”
reservieren lassen.
DK: Das heißt, du hast schon gedreht?
UK: Ich habe schon gedreht und war Produzent und habe auch das Drehbuch
geschrieben, alles selbst gemacht. Mußte aber andere Leute bezahlen und
nicht mich. Da habe ich dann gemerkt, daß man mit Freunden eigentlich
nicht arbeiten sollte, denn das Geld flog nur so aus dem Fenster. Ich hatte
einen Kameramann aus Dänemark, den ich kannte, und wir haben nach dem System
des Dogma gedreht mit einer kleinen Kamera, nur mit Originalmusik.
DK: Das wäre dann deine zweite Regiearbeit, richtig?
UK: Nein, bei “Last Trip to Harrisburg“ habe ich nicht richtig Regie
gemacht. Es war meine Idee, und ein Freund hat auf mich aufgepaßt, aber
es gab keine Regie in dem Sinne. Ed Lachman, der ja inzwischen für den
Oscar nominiert wurde, war damals mein Kameramann. “Last Trip to Harrisburg“
entstand ja so, daß Wolf Wondratscheck mich haben wollte für einen
Film mit Ingrid Caven. Es war ein Kurzfilm über einen Schauspieler, dessen
Frau ein Kind auf dem Teppich kriegt, und er regt sich auf, daß da Blut
auf dem Teppich ist. Ich kam gerade aus Ungarn, und wir haben uns in München
in einem Restaurant getroffen. Dort verkündete Herr Wondratschek: “Ich
mache diesen Film nicht.” Und dann hat er zu mir gesagt. “Aber weil Du schon
gekommen bist, gebe ich Dir das Filmmaterial.” Dann hat er mir das ganze Schwarzweiß-Material
gegeben. Der Kameramann war bereits aus New York da und hatte Proben gemacht
mit Kameras, die ausgeliehen wurden, und ich habe gedacht: Okay, was mache ich
denn jetzt? Ich wurde also durch die Umstände gezwungen, einen Film zu
machen. Zuerst wollte ich dafür die Texte von Jean Genet aus dem Gefängnis
nehmen, und da meinte Fassbinder, bei dem ich damals lebte: “Da kriegst du Ärger.”
Also sagten wir beide: “Nehmen wir doch die Bibel. Das ist der größte
Krimi aller Zeiten, auf dem keine Rechte sind.” Der Film verbindet zwei ganz
wichtige Punkte in meinem Leben. Ich habe angefangen, daran zu schneiden, auf
Kosten von Fassbinder, ich hatte ja das Geld dazu nicht. Und am Ende von “Alexanderplatz”
hat Fassbinder dann gesagt: “Ich synchronisiere dich jetzt.” Da sind am Ende
von “Alexanderplatz” dann alle Produzenten rausgegangen, und er hat mich gesprochen.
Da war die eine Bedeutung. Die zweite Bedeutung war, daß der Film in Mannheim
eingeladen wurde zu den Filmfestspielen und im Wettbewerb nebeneinander mit
Lars von Triers erstem Film lief.
DK: Das war “The Element of Crime”.
UK: Ja. Und am Eröffnungsabend liefen sowohl mein Film als auch
sein Film. Er war noch nicht da, aber die ganzen Regisseure aus Amerika und
Europa, die eingeladen waren, und ich saßen in einer Reihe. Nach dem Film
von Lars kam ich gar nicht aus meinem Sitz hoch, so beeindruckt war ich. Ich
habe zu den anderen Regisseuren gesagt: “We can go home. He’s got to win the
prize.” Jeder, der Ahnung hat von Film, hat das gesehen, das konnte keiner mehr
überbieten. Ich wollte an diesem Abend nur eine Person kennenlernen: die
Person, die diesen Film gemacht hat. Ich erwartete jemanden wie Fassbinder,
in schwarz gekleidet oder wie Kubrick, schlecht gelaunt und sarkastisch. Aber
dann kam jemand in Tennisschuhen, das war Lars von Trier. Und so haben wir uns
getroffen, und er rief mich danach an und sagte: "Das dänische Fernsehen
hat mir angeboten, ‚Medea’ zu machen, nach einem Drehbuch von Dreyer. Man will
mir aber einen Schauspieler vorsetzen, den ich nicht so gut finde. Rasier und
wasch Dich jetzt mal nicht mehr für drei Wochen und komme dann vorbei.“
Und dann habe ich mich nicht mehr gewaschen, ich stank richtig. Die Leute haben
ein bißchen komisch geguckt. Ich bin hingefahren und habe die Rolle bekommen.
DK: War das nicht der Film, wo Du reiten mußtest?
UK: Jajaja, wo das Pferd nicht funktioniert hat.
DK: Soso, das Pferd war's.
UK: Genau, das Pferd war's. Lars fragte: “Du kannst doch reiten?”
Und ich sagte: “Natürlich kann ich reiten.” Als Schauspieler sagt man immer,
man kann das. Wenn Dich jemand fragt: "Kannst Du Fallschirm springen?"
- "Natürlich." Dann lernt man's halt oder läßt sich
aus dem Flugzeug rausschubsen. Und dann kam der Tag, wo das Reiten gefragt war.
Es war eine ganz komplizierte Aufnahme, denn die Kamera war unter Wasser, der
Pferdefuß mußte auftreten, dann fuhr die Kamera langsam hoch auf
mich als Präsentation meiner Figur. Und dann sollte ich wegreiten, und
das Vieh bewegte sich keinen Zentimeter. Und es war mir so peinlich. Dann kam
der Pferdebesitzer, so ein dicker Mann und sagte: “Mach Dir keine Gedanken,
Udo. Ich habe auch noch nie auf einem Pferd gesessen. Ich rede mit dem Pferd.”
Und dann hat er mit dem Pferd geredet, und es ist mit mir geflogen. Das ist
im Film drin – habe ich auch drauf bestanden, daß da kein Schnitt rein
kommt, damit keiner sagen kann, das hat irgendein Stuntman gemacht. Und ich
hatte so ein Kettenhemd an und einen echten Bart, und für die erste Szene
am ersten Drehtag, mußte ich mir die Hände waschen im Wasser, die
Kamera im Rücken. Und Lars von Trier sagte: “Mach bitte gar nichts. Mach
überhaupt nichts. Ich habe Dir ein Kettenhemd gegeben, zwei große
deutsche Doggen als Hunde, ein Pferd als Symbol der Männlichkeit. Mach
gar nichts, sei ein müder König.” Und von dem Zeitpunkt an habe ich
ihn nie mehr nach einer Anweisung gefragt. Ich bin einfach da. Ich weiß,
er mag keine Schminke. Ich bin einfach da und spiele meine Rolle, und wenn es
ihm nicht gefällt, wird er es schon sagen. Wenn er nichts sagt, dann ist
es okay. Bei “Dancer in the Dark” z.B. hatte ich nur die eine große Szene als Augenarzt,
wo Björk mir das Geld bringt, um den Sohn zu operieren. Dafür bin
ich nach Dänemark geflogen und konnte mit Björk gar nicht reden, weil
sie so sehr in ihrer Konzentration war. Als wir die Szene gespielt hatten, sagte
Lars: “I don't like it.” - Sag ich: “Ja, und jetzt? Du hast es doch geschrieben.”
- “Ja, aber es funktioniert nicht. Improvisiert doch beide. Redet einfach, irgendwann
werdet ihr euren Text dann einbauen.” Dann haben wir das auch so gemacht. Björk
nickte, ich nickte. Er führte die Kamera und sagte “Ab!” Und plötzlich
sagte er irgendwann: “Shit! Film ist alle. Okay, ich habe, was ich brauche,
kannst nach Hause gehen”. Das ist halt eine Arbeit, die sich über die Jahre
entwickelt hat.
Meine Lieblingsgeschichte und auch mein Trauma war, in “The
Kingdom” als Kind geboren zu werden.
Das war natürlich ein Alptraum, das konnte man nicht proben. Ich lag da
im Mutterbauch, hörte irgendwo “Action!” und mußte mich da durchdrücken.
Ich lag auf einem Brett mit vier Rädern, ich mußte mich selber anschieben,
um irgendwie rauszukommen mit blutverschmiertem Kopf und das erste Mal das Licht
der Welt zu sehen. Mit Lars ist es auf keinen Fall langweilig. Du hast ja auch
mit ihm gearbeitet, wir haben ja zusammen gearbeitet, oder hast Du’s schon vergessen?
DK: Nein, nein, sicher nicht: "Europa".
UK: Lars ist, wie ich finde, einer der wichtigsten Regisseure in Europa.
Nicht weil er gut ist, sondern weil er gar nicht schlecht sein kann. Fassbinder
konnte auch nicht schlecht sein. Leute wie Fassbinder oder wie Lars haben die
Begabung, den Zeitgeist aufzufangen, die können gar keine schlechten Filme
machen.
DK: Du hast ja nie eine Schauspielausbildung gehabt.
UK: Das ist doch wunderbar, da bin ich stolz drauf. Das Leben war
die Ausbildung. Die Ausbildung war die Zeit, in der ich aufgewachsen bin. Das
war eine Zeit, als man über Trümmer in die Schule sprang und kleine
Embryos fand und dachte, das sind blutige Püppchen. Wenn man so groß
wird, das war meine Schule. Einmal in der Woche in das dreckige Badewasser meiner
Mutter zu springen, worin die ganze Familie gebadet hat.
DK: Das war in Köln...
UK: Richtig. Meine Mutter war eine wunderschöne Frau, die das
Geld, das sie verdiente, für irgendwelche Hasenfelle ausgab, um sich Mäntel
daraus zu nähen. Kann man sich ja vorstellen, wenn du nach dem Krieg als
Frau in einem Nerzmantel oder Hasenfellmantel in den Trümmern stehst, hebst
du dich von den anderen ab. Aber irgendwann, als meine Mutter schwanger war,
wurde sie in die Kaserne gerufen, und der Kommandant sagte: "Wissen Sie
eigentlich, daß Ihr Verlobter verheiratet ist und drei Kinder hat?"
Da hat meine Mutter gesagt: "Nee, das weiß ich natürlich nicht."
Ich bekam den Namen meiner Mutter, Kierspe. Und als ich Schauspieler wurde,
habe ich den genau in der Mitte durchgeschnitten, Kier und spe. Daher kommt
der Name. Bei uns im Haus unten wurde Herr Meinicke mit dem Hammer erschlagen.
Man wußte: Es waren nur drei Familien im Haus, aus einer davon mußte
der Mörder sein. Ich bin unter Mördern aufgewachsen. Fassbinder war
fasziniert von dieser Geschichte. Ich bekam fünf Mark Taschengeld in der
Woche und lernte dann in einer Arbeiterkneipe namens “Bei Leni” in Köln,
da lernte ich Fassbinder kennen. Ich war Udo, er war Rainer. Es war eine richtige
Arbeiterkneipe mit Fernfahrern, Transvestiten und Sekretärinnen, es gab
Schlägereien, man kippte sich die Biergläser in die Fresse: das Leben
halt. Das war meine Schule – und seine auch.
DK: Hat Fassbinder da schon Filme gemacht?
UK: Nein! Der war da fünfzehn, ich war sechzehn! Wir waren sechs
Monate auseinander. Ich war in der Lehre, er ging zur Schule in Köln und
wohnte bei seiner Tante.
DK: Wann hast Du Fassbinder wiedergetroffen?
UK: Ich habe aus Liebe zu meiner Mutter eine kaufmännische Lehre
gemacht in der Werkzeugbranche in Köln-Kalk. Ich habe die Lehre auch abgeschlossen
und bei Ford als Arbeiter gearbeitet, am Fließband, ölverschmiert.
Ich schraubte immer mit der gleichen Bewegung, wie ein Roboter, wie in einem
Fritz-Lang-Film, immer die gleichen Schrauben. Das habe ich ein paar
Monate gemacht, ich mußte ja Geld verdienen, weil ich nach England wollte.
Irgendwann habe ich das auch geschafft, bin nach London auf die Schule gegangen,
in der Oxfordstraße, St. Giles School. Da habe ich ein Mädchen kennengelernt
namens Elisa, und die sagte, sie suche jemanden für einen Film. So kam
ich in meinen ersten Film, und ich bekam sofort von Herrn Zanuck einen Siebenjahresvertrag
für Hollywood angeboten.
DK: Das war der Film “Straße nach St. Tropez”.
UK: Genau. Dann bekam ich eine deutsche Zeitschrift in die Hand, den
“Stern”, da war eine Doppelseite: “Fassbinder. Das Genie. Der Säufer.”
Da dachte ich: Den kenn ich doch. Wenn man sich am Wochenende trifft, interessiert
man sich nicht so für das Leben und Lernen, wir haben nie über Filme
gesprochen. Kürzlich ist ein Buch herausgekommen mit den Gedichten, die
er zu der Zeit geschrieben hatte, in der er mit mir verkehrte. Wunderschöne
Gedichte, die dieser erst Sechzehnjährige geschrieben hat. Und dann habe
ich ihn einmal in München gesehen, aber da war er ganz komisch zu mir.
Ich hatte ja schon Filme gemacht, er war noch Theatermacher, wir hatten uns
durch Zufall getroffen. Viele Jahre danach habe ich ihn mal gefragt, warum er
mich nicht für seine ersten Filme genommen hat, da hat er gesagt: “Weil
ich nicht durch dich an diese Zeit damals erinnert werden wollte.” Das kann
man ja akzeptieren. Das erste richtige Angebot hat er mir für “Bolwieser”
gemacht mit Elisabeth Trissenaar und Kurt Raab. Bei “Bolwieser” war ich auch
Regieassistent – das war ich später ja auch kurz, wie Du weißt, bei
unserem gemeinsamen Freund Schlingensief beim “deutschen Kettensägenmassaker”. Und das macht mir auch Spaß, ich mag Menschen und weiß
ja auch, was ich als Schauspieler gerne habe.
DK: Wie bist Du eigentlich zu Andy Warhol gekommen?
UK: Das war, wie immer in meinem Leben, ein einziger Zufall. Ich lebte
damals in Rom und hatte dort gerade einen Film gemacht, zu dem Dario Argento
das Drehbuch geschrieben hatte. Das war mein erster italienischer Film: “La
Stagione dei Sensi”. Auf meinem Rückflug nach München saß ich
neben einem Mann mit einem Bart und kam mit ihm ins Gespräch. Er fragte
mich: “What are you doing in Rome?”, da sagte ich natürlich: “Actor.” Das
Wort “actore” gehört ja in Italien genauso zum Alltag wie “parmigiane”
oder “capare” – jeder ist ein “actore”. Und als junger Schauspieler, der unsicher
ist und noch nichts erreicht hat, hat man ja immer Fotos dabei. Ich haue dem
also sofort die Fotos aus meinem Köfferchen um die Ohren, und der fragte
mich dann nach meiner Telefonnummer und schrieb die in seinen amerikanischen
Paß rein, auf die letzte Seite. Da dachte ich: Das muß ja schon
wichtig sein für ihn, wenn er das in seinen Paß reinschreibt. Ich
frage ihn: “What are you doing?” Er sagt: “Ich bin Paul Morrissey, ich bin Regisseur
für Andy Warhol und fliege gerade nach Deutschland, da wird “Trash” und
“Flesh” und “Heat” gezeigt.“ Am nächsten Tag haben wir uns im Café
getroffen, und er sagte: “Ich habe eine Überraschung für dich. Ich
mache einen Film für Carlo Ponti, und ich habe eine kleine Rolle für
dich.” Ich frage: “Wie heißt der Film denn?” Und er sagt: “Frankenstein.”
Ich fragte: “Und wen spiel ich?” Und da sagt er: “Frankenstein.”
Er war in München und gab im Intercontinental eine Pressekonferenz
für den Film “Heat”, mit Sylvia Miles und Joe Dallessandro, und ich saß
da. Man kannte mich so ganz minimal, ignorierte mich, man kannte mich von “Hexen
bis aufs Blut gequält” und “Schamlos”, ich war ja ein schönes Opfer,
ein schönes Kind, es gab Fotographien am Kirmesplatz, ich war sehr fotogen.
Und dann sagte Paul Morrissey: “My next film is going
to be Frankenstein.” Und die gesamte deutsche Presse war ja da, von der Süddeutschen
bis zur Bild-Zeitung, und die fragten: “Und wer wird denn den Frankenstein spielen?”
Und er sagte: “Mr. Kier.” And a star was born...
DK: Und das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft...?
UK: Dann fing der Film an, wir haben in drei Wochen “Frankenstein”
gedreht, und Andy Warhol kam nur an für die “Vogue” und die “Glamour” und
ließ sich mit mir fotographieren mit dem Dackel auf dem Arm, Archibald
hieß der. Alle dachten immer: Andy Warhol – Sex, Drugs & Rock’n’Roll.
Gar nicht. Wir haben ganz diszipliniert zusammengearbeitet. Und am letzten Drehtag
habe ich dann gesagt: “Scheiße, ich bin ja wirklich traurig, jetzt ist
es vorbei.“ Wir drehten in Cinecittà. Nebenan drehte Fellini, die ganzen
Darsteller von Fellini kamen rein in die Kantine, und ich saß da als Dr.
Frankenstein im Kostüm. Und dann dachte ich mir, ich trinke jetzt einfach
mal einen Schluck Wein, ist doch scheißegal. Da hatte ich ein kleines
Fläschchen Weißwein, und der Paul Morrissey kam rein und sagte: “I
guess we have a German Dracula.” Und ich wurde schon ein wenig energisch, dachte:
Wer denn jetzt? Da hättet ihr dann ja auch mich nehmen können. Und
er sagte: “You! Wir haben jetzt fünf Tage Pause, und ab sofort darfst du
nichts mehr essen.“ Ich müßte mindestens 5, 6, 7, 8, 9 Pfund abnehmen.
Da sagte ich “Wunderbar!”, habe dann nichts mehr gegessen, nur noch Wasser getrunken
und grüne Salatblätter gegessen. Deswegen sitze ich im “Dracula” in der ersten Szene mit Vittoria de Sica im
Rollstuhl. Ich konnte gar nicht mehr stehen. Dafür mußten Sie mir
also einen Rollstuhl besorgen. Paul fand das ganz toll. Sie mußten die
Kamera auf den Rollstuhl draufschrauben, damit ich durch das Schloß gehen
konnte. Ich konnte nicht mehr gehen, weil ich so schwach war. Wenn man mich
hinstellte, bin ich sofort umgefallen. Ich brauchte Blut von Jungfrauen. Das
habe ich mir ja dann auch besorgt.
Also, im Grunde genommen ist mein ganzes Leben immer so gewesen –
das hört sich jetzt ganz eigenartig an, aber es ist die absolute Wahrheit
– ich bin überhaupt nicht ehrgeizig. Ich habe noch keinem Regisseur gesagt,
daß ich gerne mit ihm arbeiten möchte. Auch nicht Christoph Schlingensief,
den ich mit Tilda Swinton in Berlin in einer Bar getroffen habe. Wir haben Wein
getrunken, und irgendwann hat Christoph gesagt, laß uns Handschlag machen,
in 3 Wochen drehen wir einen Film, “Egomania“. Das haben wir dann auch gemacht.
Oder einmal war ich in Berlin, da kam ein Mann auf mich zu und sagte: “Oh Mann
ja, ich verehre dich wirklich, ich liebe deine Filme. Ich heiße Gus van
Sant und mache einen Film jetzt mit River Phoenix und Keanu Reeves.“ Da habe
ich gefragt: “Wer sind die denn?“ Da hat er gesagt: “Das sind Teenageridole,
die kennt man hier in Europa noch nicht.“ Ihm verdanke ich eigentlich, daß
ich in Amerika bin. Mit Gus bin ich auch noch befreundet, wir treffen uns ab
zu Weihnachten zum Essen. Es war mein erster amerikanischer Film in Amerika,
und da gab es eine große Premiere mit Bruce Webber im Lincoln Center:
Ich war da, River war da, Keanu war da, und ich sitz im Kino, und als ich das
zweite Mal auf die Leinwand komme, da haben die Leute so gelacht. Ich bin da
mit Krise rausgelaufen, in den VIP-Raum, wo Gus und alle saßen, und ich
sagte: “Ihr habt den Film hundertmal gesehen, was lachen die alle so?” Und er: “Ja, you are very funny!” - “But I don't want
to be funny.” - “Yes, but you're very funny. It is much more difficult to make
people laugh than cry.”
Madonna hatte den Film gesehen, und ich kriegte eine Nachricht in
New York: Da gäbe es irgendein Geheimnis, da würde ein Sexbuch gemacht.
Man glaubt, es sei Madonna, keiner weiß aber genau, was. Aber man will
mich sehen. Da bin ich dann hingegangen, rauf in den zweiten Stock. Ich hatte
mein kleines rotes Buch mit, das ich mal gemacht habe, und das riß mir
Madonna aus der Hand, und dann sagte Steve Meisel: “Darf ich vorstellen, Madonna.”
Ungeschminkt, ein ganz normales Mädchen. Damals ein Mädchen, eine
junge Frau. Und dann guckte sie so in mein Buch rein und sagte: “Why does my
book never look like that?” Und dann haben sie auch sehr viel imitiert von meinem
Buch, sehr viel geklaut, alles Ideen. Mein Buch war ja ganz unprätentiös,
in einer Nacht zusammengehauen. So sieht ihr Sexbuch ja auch aus, obwohl da
genaue Kalkulation dahintersteckt. Und dann hat sie mich gefragt:
“I'm doing a book, would you like to do photos with me?” Und ich habe gesagt: “Ja, sure.” So haben wir die erste
Session gemacht, und danach habe ich mich verabschiedet, das war in so einem
Strip Club. Als ich zurück kam nach L.A., riefen die an und fragten, ob
ich bereit wäre, Hardcore, also harten Sex im Club, zu machen, in Leder.
Da habe ich gesagt: “Ja, warum nicht? Wenn Ihr mir das Ticket bezahlt.” Auf
dem Weg habe ich noch in Kansas City William Burroughs besucht und mit ihm zu
Abend gegessen: Lammkotelett mit grünen Birnen. Und ich durfte die Pistole
anfassen, mit der er seine Frau erschossen hat. Und im Arbeitszimmer hing über
der Schreibmaschine das Bild vom Monster aus “Naked Lunch“, das war ganz witzig. Tja, und dann habe ich das mit
Madonna gemacht. Und so ist alles in meinem Leben, immer.
DK: Ist Hollywood jetzt deine Heimat, deine neue Heimat?
UK: Nein, ich will gar keine Heimat. Bei mir ist es so: Ich will heimatlos
sein. Aber ich habe in Amerika drei Hunde und drei Häuser, also muß
ich aufpassen, daß es nicht meine Heimat wird. Meine Heimat ist im Grunde
genommen natürlich Deutschland – ich bin hier geboren, das ist meine Sprache.
DK: Hast Du die Wohnung in Köln noch?
UK: Sicher habe ich die Wohnung noch! Wenn man über 60 ist, dann
denkt man – wie Rilke, wenn die Blätter treiben, man lange Briefe schreibt
– dann denkt man ja auch wirklich: So, wohin geht es denn jetzt? Für die
Geschichtsbücher ist Amerika besser, das ist ja logisch. Geboren in Köln
und gestorben in Köln, das ist in 100 Jahren so langweilig für die
Leute. Das wird man sich dann ja gar nicht mehr vorstellen können, wenn
die Leute erstmal gebeamt werden von einem Ort zum anderen, in 20 Jahren vielleicht.
Und ich habe mir wirklich schon Gräber angeguckt und habe mir verschiedene
Preise geben lassen...
DK: In Hollywood jetzt..
UK: Jajaja. Neben Cecil B. deMille oder so.
DK: Peter Lorre
UK: Ja, Peter Lorre, ich weiß nur noch nicht, ob ich mich jetzt
wie Peter Lorre verbrennen lasse, oder ob ich mich zu den Würmern schmeiße
wie Cecil B. deMille. Ich bin Deutscher, bleibe Deutscher, will auch nie Amerikaner
werden. Ich habe in Deutschland mit die schönste Zeit meines
Lebens verbracht, nämlich diese schlechte Kindheit, die mich geformt hat,
dieser Aufbruch. Die Lebenszeit aber, die ich noch habe, ist mittlerweile das
wichtigste geworden. Wenn du 50 bist, bist du in der Mitte; mit 60, wie ich
jetzt, dann bist du okay; aber ich weiß schon, daß ich mit 75 alt
sein werde. Und mit 80 weiß ich bestimmt, daß ich alt bin. Dann
kann ich nicht mehr die Treppen runterlaufen wie heute. Dann muß ich langsamer
gehen und sprechen, und mein Hirn wird auch langsamer.
DK: Dann ist der Rollstuhl wieder fällig.
UK: Dann aber ein ganz moderner, der für mich spricht und alles
für mich macht. Dann siehst du mich gar nicht mehr, dann gibt es nur noch
ein Hologramm, und meine Filme laufen auf einem Bildschirm ab.
DK: Die Vision des Älterwerdens.
UK: Ja, ich hoffe, daß ich es noch erlebe, daß ich in
eine Röhre einsteige und auf einen Knopf drücke und in New York in
einem Café sitze. Und daß ich dann wieder einsteige und auf den
Knopf drücke und in Australien bin. Das möchte ich noch erleben.
Dieses Interview
ist zuerst erschienen im: Schnitt
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