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Lachen
über Nazis
Haben Sie sich diesen Sommer „Adolf,
die Nazi-Sau“ auch runtergeladen? Millionen taten es. Und haben gelacht. Folgen:
keine. Dauer: schon acht Jahre. 1998 war Walter Moers’ Comic erschienen. - Und
kennen Sie den?: Hitler und Göring stehen auf dem Berliner Funkturm. Hitler:
„Ich möchte den Berlinern eine Freude machen“. Göring: „Dann spring
doch runter!“ Verbreitung: ein Arbeitskollege hats gehört. Folge: Rübe
ab, denn es war 1943, und der Volksgerichtshof ahndete den Witz mit dem Tod.
Wenn wir wissen wollen, welche Funktion das Lachen
über Nazis gehabt hat oder heute noch hat, gucken wir am besten auf die
Zeit, in der es eingebettet ist, und siehe da, die Zeiten ändern sich.
Heute sind Chaplins „Der
große Diktator“ und Lubitschs
„Sein
oder nicht sein“ die großen
Klassiker der Hitlerpersiflage. Zur Zeit ihrer Entstehung stießen sie
auf Empörung. 1940 unterhielten die USA mit Großdeutschland diplomatische
Beziehungen, gestützt von einer Mehrheit, die keinen Grund sah, sich mit
dem deutschen Führer anzulegen. „Der große Diktator“ war nicht nur
unwillkommen. Er war ein Ärgernis. Überhaupt nicht zum Lachen. Es
hagelte Verrisse. Nach dem Krieg dauerte es noch 13 Jahre, bis der Film bei
uns ins Kino kam. In der frühen Adenauerzeit war zu besorgen, dass „Der
große Diktator“ böse und wütend machte. Erst seit 1958 lachte
die jüngere Generation über die Väter, deren Hitler einer gewesen
war.
Auch „Sein oder nicht sein“, die Satire über
polnische Schauspieler, die ihre Nazikostüme nutzten, um die SS vorzuführen,
- auch dieser Film stieß in den USA auf wütende Proteste, 1942. Und
es dauerte bis der Verleih es 1960 wagte, ihn ins Kino zu bringen. Heute also
sind sie die Klassiker des Lachens über Nazis, und die Rezeptionsschwierigkeiten
von vor 60 Jahren sind vergessen. Noch eine Frage? Ja? Wie müsste der definitive
deutsche Film aussehen, der das Lachen über Nazis als Mittel nutzt, um
irgendwas zu bewirken? Ein klitzekleines mehr als Schenkelklopfen? - Da hätten
wir heute „Mein
Führer“, Helge Schneider als
Hitler, in ein paar Tagen läuft der Film an. Und? Zu lachen gibt es über
ein paar Knallchargen, die Goebbels, Speer, Himmler verulken, und Himmler ist
derselbe wie im garantiert witzlosen „Untergang“. Liegts an mir, dem Sauertopf? Aber ich wollte
doch lachen. Der Film ist als Komödie angekündigt, als die wirklich
wahrste Wahrheit über Adolf Hitler. - Und die wäre? Autor und Regisseur
Dani Levy: „Die ‚Wahrheit’ ist die Geschichte eines menschlichen Dramas, die
moralische Tragödie einer Zeit. In was für einer Zeit, mit welchen
ethischen Werten sind diese Menschen aufgewachsen, die im Nationalsozialismus
geführt haben und ihm gefolgt sind?“ Der Film gibt sich dann Mühe,
die Frage lückenlos zu beantworten. Helges Hitler hatte tragischerweise
eine schwere Kindheit. Sein Vater schlug ihn, und er hat als Erwachsener die
Schläge ans deutsche Volk und dann die ganze Welt weitergegeben. Ergebnis
der Tiefenanalyse: nicht Hitlers wars, sondern sein Vater samt der „schwarzen
Pädagogik“ seiner Zeit. Unser „Mein Führer“-Regisseur hat Alice Miller
gelesen, „Am Anfang war Erziehung“, das Buch, das noch jeden Studi der Erziehungswissenschaft
dazu gebracht hat, sein Studium zu schmeißen.
Fazit: wir sind in einem Problemfilm. „Ganz ernst“
spielt Helge Schneider seinen Hitler. Über ihn gibt es nichts zu lachen,
wohl aber über die ulkigen Himmlerspeergoebbels’. Ein Kompromiss, bei dem
Hitler besser wegkommt, der Arme, er hatte uns ja schon im „Untergang“ gerührt, und bei Helge verstehen wir ihn noch
besser als bei Ganz. Wenn „Mein Führer“ auf „ein breiteres Publikum“ zielt
(Levy), dann – klar – geht’s Richtung Ganz-Hitler.
Tja, war dann ja wohl nichts, 2006, mit dem Lachen
über Hitler, vom Moers mal abgesehen. Die anderen Nazis, die im Levy-Film
herumkaspern, sind Clowns, die komisch sind. Aber witzig? Dazu müssten
sie sich an irgendwas reiben können. Irgendwie klappt das bei Altnazis
nicht. Es geht in Deutschland dummerweise nicht anders. Von einem Film wie „Das Leben
ist schön“ sind wir Lachkulturen
entfernt.
Woran wir uns heute reiben, das sind nicht die Alt-,
sondern die Neonazis. Lachen über unsere Deutschen Jungs? Wär das
ein Witz? Am 3. Oktober 2006 fuhr ich nach Leipzig. Am Bahnhof empfing mich
eine Hundertschaft und geleitete mich nach draußen. Grade noch rechtzeitig,
um am Tag der Einheit an der Demo des Neonazis Christian Worch teilzunehmen.
Zur Überraschung meiner Bullenkameraden tat ich das aber nicht, sondern
nahm die Straßenbahn nach Schkeuditz zu den Genossen von der Antifa. Die
Lesung sollte abends sein. Vorher gabs noch viel Gegendemomäßiges
zu tun, zum Beispiel Müllcontainer abzufackeln. Diszipliniert dagegen der
Worch-Zug. Und dann sah ich sie, die strammsten von allen: die Apfelnazis. Mittendrin
die Neonazi-Verarsche. Ein Witz? Ein Witz! Ich kannte die Apfelnazis aus dem
Film „Boskopismus“.
2005. Holger Apfel ist NPD-Fraktionsvorsitzender
im sächsischen Landtag. Wie geht das, Apfel zu veräppeln? Strategie
von Witja Frank, 24, Leipziger: Nazis toppen. Gegen-Demo? Gegenhalten? Schützengräben
ziehen? Lieber entwaffnen durch Immer-eins-draufsetzen. Wenn wir nach einer
Haltung suchen, dann ist es die Strategie des Hackers, immer weiter ins Programm
des anderen zu marschieren und Chaos zu schaffen. Die politische Äppeloffensive
wurde im selben Monat leuchtendes Beispiel für vorbildliches Verhalten
auf den internationalen Dokumentar- und Kurzfilmfestivals in Leipzig und München.
Schon im Juli 2005 gewann "Boskopismus" den Kurzfilmwettbewerb "Replay:
Resist! Protest- und Emanzipationsbewegungen in Leipzig und anderswo".
- Auftritt der Front Deutscher Äpfel (F.D.Ä.) in Leipzig-Schkeuditz:
"Der Führer erklärt die Aufbaujahre, für die ihr Blut, Schweiß,
Tränen und unendlich viel Zeit aufgewendet habt, für beendet. Die
Front deutscher Äpfel ist die einzige nationale Kraft." Es spricht
der Minister für Propaganda, Volksaufklärung und interne Koordinierungsfragen
des Nationalen Frischobst Deutschlands (NFD), dargestellt von Tilman, 17: "Wir
kämpfen für die Reinerhaltung deutschen Obstbestandes. Wir sind gegen
Pampelmusen und das ganze Gelumpe!".
"Wir sagen nein zum Caipisaufen. Auf deutschen
Feiern muss es wieder Apfelkorn geben!" Unter Führung von Alf Thum
demonstriert die F.D.Ä. bei Neonazi-Aufmärschen mit. Skandiert wird
"Südfrüchte raus!" und "Gegen Überfremdung deutschen
Obstbestandes". Flyer werden verteilt. Die Website lädt zu Einträgen
ein. Das rechtsextreme Lager ist verwirrt. "Scheiß Antifa-Säue",
steht da neben "Auch in bezug auf das Obst sind die Forderungen wahr. Schließlich
bin ich hier wohl nicht der einzige, dem es stinkt, dass billiges Polenobst
hier zum Teil mit Absicht als deutsches Obst verkauft wird." Die Apfel-Nazis
halten sich für den "bestangezogenen schwarzen Block", Fackeln
in der Hand, Arno-Breker-Antlitze, authentischer als die authentischen Worch-Kameraden
auf Leipzigs Straßen. "Was gibt der deutschen Jugend Kraft? Apfelsaft!"
Schade, dass mir fürs lachende Deutschland nur
ein Dokumentarfilm einfiel und dazu noch ein kurzer. Aber auch gut, so ließ
sich mein Solo-Beispiel in leuchtenden Farben malen. Wir haben sonst – im Film
– hier nichts zu lachen. Waren das noch Zeiten, als man die vorgehaltene Hand
brauchte, um Witze zu erzählen. 1943 war ich 11 und Pimpf in Nazizittau.
Appel! Wir waren angetreten, als der rechts neben mir sagte, was so zu Ende
ging: und auf dem Adolf-Hitler-Platz machten Juden Negerjazz. Ich war so beeindruckt,
dass ich heute noch die Szene wie von gestern erinnere. Offenbar hatte der Witz
bei mir etwas – zum erstenmal – in Frage gestellt. Er hatte gezündet. Er
hat nachhaltig gewirkt. Also nehmt euch ein Beispiel an mir. Nää,
Tschuldigung, es gibt ja ein Buch zum Witz in der Nazizeit. „Heil Hitler, das
Schwein ist tot! Lachen unter Hitler“ von Rudolph Herzog.
Wenn Sie letzten Sommer den ARD-Film gleichen Titels
gesehen haben sollten, schalten Sie bitte nicht ab, wenn jetzt noch was zum
Buch kommt. Was im Film unangemessen dekorativ erschien (KZ-Bilder zum Statement
über den Kabarettisten Werner Finck) oder manieriert (Wechsel vom schwarz-weiß
zur Farbe innerhalb einer Szene) oder peinlich (nachgestellte Witze als Schauspieler-Performance),
- all das weicht im Buch einem Witz-Chaos von der antisemitischen Hetze des
Stürmer bis zum "krassen, überharten Galgenhumor" der Juden:
"Auschwitz-Gelächter". Nicht vergessen wird die Nachkriegszeit,
die weiter den antisemitischen Humor pflegte, über die Nazis Witze zu machen
jedoch unterließ. Unser Autor verfolgt die Leidensgeschichte von Witzemachern
(Franz Mulinar, Karl Gerron, auch Dieter Hildebrandt) und die Erfolgsgeschichte
von Leuten wie Werner Höfer, der im Berliner 12-Uhr-Blatt gegen die Opfer
hetzte und nach 1945 im BRD-TV den Internationaler Frühschoppen moderierte
- bis 1987.
Das Buch ist ein prima Steinbruch, sich selbst etwas
rauszuholen. Deshalb danke, Rudolph Herzog, du hast den Text flott runtergeschrieben,
unsachlich zwar, aber es ist ein Sachbuch, und es motiviert, denke ich doch,
mit Humor einzusteigen, um im KZ zu landen. Damit haben wir auch die, die es
eigentlich nicht wissen wollen. Zum Beispiel die, die jetzt den Weg des großen
Schauspielers und Komikers Kurt Gerron ins KZ verfolgen (wo er den perfiden
Propagandafilm "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" drehen
musste). Wir finden uns in den Gaskammern von Auschwitz wieder. Das kommt dem,
was passiert ist, sicherlich näher, als jeder off-Kommentar. Deswegen hat
das Buch "Heil Hitler, das Schwein ist tot!" selbst weder Witz noch
Pointe. "Die wirklichen Adolf-Fans finden's ebenso wenig komisch wie der
Antifaschist", zitiert unser Mediävist ausnahmsweise eine Sekundärquelle,
hier die Junge Freiheit zu Walter Moers' Comic "Adolf, die Nazi-Sau"
von 1998. Ist das Zitat witzig? Es ist ganz ernst gemeint. Und deswegen ein
Witz.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen im: Tip, Berlin
D. Kuhlbrodt ist Autor des 2006 erschienenen Buches: "Deutsches Filmwunder - Nazis immer besser",
über Nazi-Film-Figuren speziell im deutschen Film von 1945 bis heute. Erschienen
im konkret
literatur verlag.
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