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Der romantische Dekonstruktivist
Sergio Leone
3.1.1929 -30.4.1989
Gegenüber Sergio Leone, der
1964 noch als „Bob Robertson" (eine Verbeugung vor seinem Vater Vincenzo
Leone, der sich als Regisseur das Pseudonym Roberto Roberti zugelegt hatte)
seinen ersten Western FÜR EIN PAAR DOLLAR MEHR gedreht hat, gab es in der deutschen Filmkritik etwa drei Haltungen.
Und Haltungen mußte es geben, zu deutlich war, daß da nicht bloß
ein weiterer Gebrauchsregisseur mit ein paar manieristischen Macken am Werk
war:
Sergio Leone sei der „Vater"
des Italowestern, eines sonderbar hybriden, zugleich faszinierenden und ausgesprochen
destruktiven Genres gewesen. Das mag stimmen, insofern Leone mit seinen „Dollar"-Filmen
zum ersten Mal für Aufsehen (und ungewöhnlich volle Kinokassen) gesorgt
hat; das Genre allerdings war schon vorher im Sattel: FÜR EIN PAAR DOLLAR
MEHR war etwa der sechsundzwanzigste italienische Western der sechziger Jahre.
Sergio Leone sei ein unheilbarer
Zerstörer der epischen und mythopoetischen Möglichkeiten des Kinos
gewesen, ein kindischer Sadist, der der Sprache des Kinos Gewalt antat.
Und Sergio Leone sei so etwas
wie ein strukturalistischer Manierist, der das Genre-Kino gleichsam in seine
linguistischen Einzelteile zerlegt habe und dem für diesen „blasphemischen"
Akt der Dekonstruktion nicht genug zu danken sei.
All das ist gewiß falsch,
und an allem ist ein wenig Wahres. Mit 18 Jahren hat Leone begonnen, als Regie-Assistent
zu arbeiten, bei De Sicas FAHRRADDIEBE, wo er auch eine kleine
Rolle übernahm. Leone hat oft darauf hingewiesen, daß sein cineastischer Urquell
im Neorealismus liege. Bei insgesamt über sechzig Filmen hat Leone assistiert, bei italienischen
Regisseuren wie Luigi Comencini und Mario Soldati und bei amerikanischen wie
Anthony Mann, Robert Wise und Raoul Walsh. Dieses Zusammentreffen italienischer
und amerikanischer Filmtraditionen, das sich einerseits von der ökonomischen
Struktur von Cinecittà, andererseits von der von den fünfziger Jahren
in die Sechziger reichenden Begeisterung des amerikanischen Filmes für
europäische Themen und europäisches Ambiente herleitete, hat eine
Reihe von Leones Kollegen beeinflußt und ein italienisches „Cinema di
plagio", ein Kino der Genreimitationen initiiert. Aber bei Leone hat
das noch ein paar andere, analytische Kino-Ideen ausgelöst. Seine ersten
Regieerfahrungen sammelte er im Genre des Antikfilms; er übernahm vom erkrankten
Mario Bonnard die Regie bei DIE LETZTEN TAGE VON POMPEJI. Danach realisierte
er in eigener Regie DER KOLOSS VON RHODOS. Nach der Zusammenarbeit mit Robert
Aldrich bei SODOM UND GOMORRHA (1962) folgte der erste Teil der Western-Trilogie,
die 1967 mit ZWEI GLORREICHE HALUNKEN ihren Abschluß fand. 1968 begann
mit SPIEL
MIR DAS LIED VOM TOD eine zweite Trilogie von
Filmen über Amerika. Diese Trilogie verdankt ihre Entstehung im übrigen
dem Umstand, daß Leone vor seinem Projekt über die amerikanischen
Gangster weitere Western abverlangt worden waren.
Daß Leone für FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR den Weg eines inoffiziellen Remakes eines Filmes von Akira Kurosawa
wählte (was auch einige rechtliche Probleme nach sich zog), wies gleichsam
anekdotisch schon auf kommende Prozesse der Verfremdung. Denn anders als DIE
GLORREICHEN SIEBEN zeigte Leones „Western" nicht in erster Linie die Übertragbarkeit,
sondern zunächst die Beliebigkeit der darin verwendeten Zeichen. Kommerziell
erfolgreich wurden die Filme der „Dollar-Trilogie" ganz offensichtlich,
weil sie es vermochten, der Abnutzung der Genre-Zeichen im amerikanischen Western
neue Sensationen gegenüberzustellen. Es war möglich, sie zu „übertreiben",
sie zu abstrahieren, sie „unfair" einzusetzen, sie zu parodieren, sie gegen
den Strich zu verwenden; nur „selbstverständlich" und „einfach"
waren die Codes des Genres in diesen Filmen an keiner Stelle.
Die Kritik verübelte es den
Filmen besonders, daß sie nicht mehr von einem historisch-mythischen Raum,
sondern vom Hier und Jetzt, von den „Häßlichkeiten des Kapitalismus"
handelten; der Held konnte sich ohne weiteres einen Vorteil verschaffen, wenn
er das Prinzip der „ritterlichen" Waffengleichheit durchbrach. Nach den
eher negativen Erfahrungen mit dem zweiten Teil der zweiten Trilogie, TODESMELODIE, verlegte sich Sergio Leone aufs
Produzieren (unter anderem MEIN NAME IST NOBODY mit Terence Hill und Henry Fonda, eine Form der Parodie und zugleich
die Fortsetzung der Auseinandersetzung mit dem Western-Mythos), bevor er Jahre
später seine Trilogie mit ES WAR EINMAL IN AMERIKA beenden konnte, wo der Leone-Manierismus zu einem neuen Dialog
mit dem Erzählkino fand. Leone hatte hier so etwas Widersprüchliches
wie eine strukturale Restauration des Epos unternommen, und immerhin waren nun
auch eine Reihe ehemaliger Gegner bereit anzuerkennen, daß er einer der
großen europäischen Regisseure jenseits der Produktionsbedingungen
von Autoren- und Förderungsfilmen war, der sich überdies standhaft
jeder Zusammenarbeit mit dem Fernsehen verweigerte und dabei gleichsam automatisch
in immer gewaltigere Produktionsetats und -vernetzungen geriet. Mit seinem russischen
Projekt (das nicht ohne amerikanische Beteiligung, einen amerikanischen Star
und eine amerikanische Perspektive ausgekommen wäre) hätte Sergio
Leone eine cineastische Neuentdeckung Europas beginnen können.
Sergio Leones zwei Trilogien stehen
sich überdeutlich als methodische, ästhetische (und biographische)
Widersprüche gegenüber. Die „Dollar-Trilogie", die innerhalb
von vier Jahren entstand (und dies ist nicht der einzige Grund, sie die „schnelle
Trilogie" zu nennen), ist in gewisser Weise eine materialistische Analyse
des Western-Mythos, was unter anderem heißt, daß die Helden gegen
die Semiotik und gegen die Moral des Genres verstoßen müssen, um
ihre einfachen Interessen durchzusetzen. Weil zu diesem Zeitpunkt niemand mehr
an den „Edelmut" glauben konnte, den der klassische Westerner hinter seiner
Lakonie verbarg, erwies sich Leones Held als ungemein zeitgemäß.
Irene Bignardi hat in ihrem Aufsatz in der Repubblica, „Leone: I’ America nel
cuore", geschrieben, daß der Regisseur in diesen drei Filmen die
„Zerlegbarkeit des Mythos" zelebriere, „ohne ihm Intensität und Lust
zu rauben". Diese Zerlegbarkeit aber war nur an Hand eines Helden zu belegen,
der keine historischen, sondern ausschließlich individuelle Aufgaben zu
bewältigen hat.
Leone hatte bei diesen Filmen
das „unverschämte" Glück, in Clint Eastwood einen Darsteller
zu finden, der instinktiv mit einer mythischen Geste auf den ungeheuer indiskreten
Zugriff der Kamera reagierte. Er versteinerte nicht nur, um den Gegner zu täuschen,
sondern auch, um die von einer Art morbider Gespensterform des Neorealismus
(ist Manierismus nicht auch so etwas wie ein Realismus der Nebensache?) infizierte,
detailbesessene Bildsuche der Regie abzuwehren. Leone möchte alles Mögliche
in diesem Gesicht entdecken, und Clint Eastwood scheint zu antworten: Es gibt
hier nichts zu entdecken (schon gar nicht, was Leone in den Gesichtern der Männer
in der zweiten Trilogie entdeckt). Die geometrisch klare Konstruktion der Interessen
und die manieristische Loslösung des (lebendigen und dinglichen) Details
sind in einem dead
pan-Darstellungsstil
aufgefangen, und Clint Eastwood ist überdies auch wegen seiner gleichsam
mechanischen Unbeirrbarkeit so etwas wie ein Nachfahr Buster Keatons im Westen.
Die „langsame" Trilogie der
amerikanischen Märchen ist die Vollendung, der Verfall und die ästhetisch
gereifte Wiedergeburt der manieristischen Methode, zugleich aber auch das Werk
eines romantischen Dekonstruktivisten. Zunächst die Verwandlung einer (untauglich
werdenden) National- und Traum-Mythologie in eine „Oper": Verdi in Far
West. Morricone, der stets mit Leone zusammengearbeitet hat, gibt sozusagen
musikalische Motive vor, die von der Kamera „orchestriert" werden, die
überdies eine außerordentlich scharfe Grenze zwischen „Chor"
und „Solisten" zieht. Der Wechsel von (oft extremer) Nahaufnahme und den
„erhebenden" Kranfahrten ist unter musikalischen viel eher als unter mythisch-narrativen
Gesichtspunkten zu verstehen. Aber wie die Oper, so ist auch Leones dekonstruktivistischer
Kunst-Western nicht nur ein Mittel, den Mythos auf eine andere Besitzklasse
zu übertragen (vom „Volk" auf den „Bürger" beispielsweise,
oder von Amerika nach Europa), sondern auch eine Transponierung auf eine höhere
Form ästhetischer Reflexion. So wie in der Oper das Bürgertum der
Legende, so begegnet in Leones C'ERA UNA VOLTA-Trilogie der so skeptische wie
Amerika-süchtige Europäer dem Werden Amerikas als Metapher für
die Welt.
Der Mittelteil dieser Trilogie,
TODESMELODIE, gilt allgemein als „gescheitert" (und auch Leone konnte sich
nicht dazu durchringen, diesen Film als ein „wildes Kind" zu lieben); genauer
gesagt: die Zertrümmerung des Mythos (und auch die Revolution ist, ob uns
das nun gefällt oder nicht, in erster Linie ein Mythos) liefert hier nicht
mehr das rechte Material zum Spiel des Zusammensetzens. Wohlwollend (und ich
bin bei allem, was Leone betrifft, unsachlich wohlwollend) ließe sich
sagen: Auf Verdi in Far West folgte Rossini in Mexiko.
Am besten ist dies übrigens
in den beiden „Ouvertüren" zu studieren: hier das von quälend
und zugleich hoffnungslos packenden Detailbeobachtungen eingeleitete Showdown;
dort der in den Staub pinkelnde Rod Steiger (vielleicht nicht der ideale Leone-Darsteller),
von dem sich der Blick in die Weite bohrt, wo sich der Gegenstand seines Banditen-Handwerks,
das absurd luxuriöse Gefährt, nähert. Im übrigen darf man wohl behaupten,
daß Leones Filme auch darin Opern gleichen, daß in ihnen die Arie
aus der Handlung herauszutreten vermag. So ist in Leones Filmen, ganz un-episch,
die Figur nicht ganz und gar mit der Fabel identisch, sie erklärt sich
in Form der „Arie".
Im Mythos kann die Zeit gewissermaßen
unendlich verdichtet werden: Die Vergangenheit ist immer auch heute und ewig.
Die Oper dagegen vermag die Zeit beinahe unendlich zu dehnen, sie „in Momenten"
schier zum Stillstand zu bringen. So wird klar, daß im Zusammenprall beider
Erzählformen, wie sie Leone auf die Leinwand bringt, entsteht, was der
Regisseur so bezeichnet: „Mein Hauptdarsteller ist die Zeit."
TODESMELODIE ist im ersten Drittel
beinahe eine Hommage an Laurel & Hardy: Dieser Teil des Films besteht fast
ausschließlich aus einer Aneinanderreihung von Slowburns. Was beweist,
daß die Verlangsamung der Zeit auch in Leones verschmutztem Kino-Universum
nicht nur befremdlich oder tragisch, sondern auch ausgesprochen komisch sein
kann.
TODESMELODIE nimmt aber noch mehr
als SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD die brüchige Zeitverklammerung von ES WAR
EINMAL IN AMERIKA vorweg: Die Geschichte eines Mannes im dekonstruierten Mythos
ist zugleich die Geschichte einer Kindheit; der Junge, der seinem Vater das
Lied vom Tod spielen mußte; der junge irische Revolutionär; der Straßenjunge
in New York. Am Beginn des Märchens stehen traumatische Begegnungen mit
der Gewalt (und Leone hat freimütig bekannt, daß die gelegentlich
„übertrieben" harten Gewaltszenen in seinen Filmen sich dem Umstand
verdanken, daß er ein „ängstlicher Mensch" sei).
Man kann die erste Trilogie auch
als „Komödie der Feindschaft" bezeichnen und die zweite Trilogie eine
„Tragödie der Freundschaft". Und wie die Feindschaft die Zeit zu verdichten
scheint, so dehnt sie die Freundschaft, die, nebenbei, ein sehr viel größeres
„Problem" bildet. Damit verbunden ist, daß es in Leones Filmen wesentlich
mehr um Motive geht als um die Fabel; man kann sie, einmal mehr wie in der Oper,
mehr oder weniger vergessen, ohne daß der ästhetische, aber auch
der „politische" Gehalt darunter litte. Es ist die Geste, nicht die Geschichte,
die auf das Publikum überspringt, weshalb Leones Filme letztlich gar nicht
anders denn als „Kultfilme" funktionieren können.
Daß Leones Filme so sehr
der Oper gleichen - so ist jeder Figur eine Leitmelodie und ein Haupt-Zeichen
zugeordnet, die Figuren haben „Auftritte", die weit über die Fabel
hinausgehen, und am Ende „verbeugen" sie sich gleichsam noch vor dem fallenden
Vorhang - ist nicht bloß eine besondere Form der europäischen Aneignung
amerikanischer Mythopoetik; es reicht als transkultureller Dialog tief in unsere
Geschichte nach dem Weltkrieg.
Der Import amerikanischer popular culture war für die Generationen,
denen Leone und sein Publikum angehörten, gleichsam überlebensnotwendig.
Nicht nur hatte der Faschismus diesen transatlantischen Dialog unterbrochen
(und damit ein ungeheures Potential von Amerika-Sehnsucht geschaffen), er hatte
auch den Zugang zu eigenen Traditionen, nicht allein in den faschistischen Ländern
Italien und Deutschland, erschwert. Amerikanische popular culture war gleichsam in die kulturelle Identität dieser Nachkriegsgenerationen
eingebaut. Sie hatte das ersehnte Gut verheißen: Unschuld. Der Italowestern,
und darin, als Ferment und als Fremdkörper, das Werk Leones, entwickelte
sich gewiß nicht zufällig zu einer Zeit, wo, unter anderem durch
den Vietnam-Krieg bedingt, die europäische Jugend zum ersten Mal heftige
Zweifel an der Verläßlichkeit US-amerikanischer Mythen überfiele.
Das Ergebnis war, was sonst, Widersprüchlichkeit. Was zuallererst vonnöten
war, das war, dieser popular
culture
das Epische, den Anspruch auf ewige Ganzheit und organische „Richtigkeit"
zu nehmen. Es war nicht sinnvoll, sie abzulehnen, es war das Gebot der Stunde,
damit zu beginnen, das Fremde an ihr zu bestimmen. Sergio Leone hat sehr viel
dafür getan. Ob er es wußte, ob wir es gewußt haben: Er war
ein ausgesprochen politischer Regisseur.
Nicht mehr auf den nächsten
Leone-Film warten zu können macht unseren Beruf wieder etwas ärmer.
Georg Seeßlen
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: epd Film 7/89
Filmografie: GLI ULTIMI GIORNI DI POMPEI (Die letzten Tage von Pompeji,
1959), IL COLOSSO DI RODI (Der Koloß von Rhodos, 1960), PER UN PUGNO DI DOLLARI
(Für eine Handvoll Dollar, 1964), PER QUALCHE DOLLARO IN PIÙ (Für
ein paar Dollar mehr, 1965), IL BUONO, IL BRUTTO, IL CATTIVO (Zwei glorreiche
Halunken, 1966), C’ERA UNA VOLTA IL WEST (Spiel
mir das Lied vom Tod, 1968), GIÙ LA TESTA / C’ERA UNA VOLTA LA RIVOLUZIONE (Todesmelodie, 1971), C’ERA UNA VOLTA IN AMERICA (Es war einmal in Amerika, 1984).
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