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Das
Drama und die Formen
Versuch über einen Melancholiker
I
Siegfried Kracauers Von
Caligari zu Hitler ist die Anwendung
des Thomas Mann-Satzes, in jeder geistigen Haltung sei das Politische latent,
auf die Ästhetik des Films. Seine Methode eröffnete ihm den kürzesten
Weg, über Filme zu Gericht zu sitzen und die Epoche zu verurteilen, Justizirrtümer
eingeschlossen. „Dieser Tartüff, statt den Zuschauern die Heuchelei einzureiben,
war selbst tartüffisch, da er einem Publikum schmeichelte, das die wesentlichen
Dinge lieber unberührt ließ.“
In Murnaus Filmen, schreibt Eric Rohmer, laufen „die
Organisation und Dramaturgie der reinen Formen und das Drama im geläufigen
Wortsinn, Thematik und Problematik, parallel. Das Werk bietet sich so auf zwei
verschiedenen Ebenen dar; von jeder aus kann man den Film sehen und dabei von
der anderen absehen, wie man die Partien eines Instrumentalduos getrennt hören
und genießen kann (...)“ Trifft diese Aussage zu, so ist Kracauers Murnau-Rezeption
eine Lektüre des „Dramas im geläufigen Wortsinn“ unter weitgehender
Ausblendung der „reinen Formen“.
Die „Wiedergutmachungspolemik“ (Rainer Gansera) der
Nouvelle Vague und besonders Rohmers in Sachen Friedrich Wilhelm Murnau hätte
darauf zielen können, der Organisation der reinen Formen gegenüber
dem Drama zu ihrem Recht zu verhelfen. Statt dessen setzt Rohmer, in seinem
Faustbuch, die Formen an die Stelle des Dramas: „Der Stoff, das eigentliche Thema des
malerischen Werks, sind eben die Formen“ – bei Mantegna, Carpaccio, Altdorfer
und so auch bei Murnau. Rohmers Murnau-Rezeption ist die Lektüre der reinen
Formen unter Ausblendung des Dramas.
Siegfried Kracauer und Eric Rohmer: Zwei extreme
Positionen stehen sich gegenüber, sie blicken einander mit fremden Augen
an und sind sich doch verwandt. Auf beiden Seiten sind Verluste zu beklagen.
II
Kracauer redete über Filme, aber er sprach über
die Epoche. Über Nosferatu: „Bemerkenswert ist hieran, daß soviel filmisches
Gespür und technische Begabung einzig und allein der Absicht diente, Schrecken
zu spiegeln.“ Kracauer sagt: Die Epoche – das ist der Schrecken. Er unterstellt,
filmisches Gespür und technische Begabung seien Instrumente der (bösen)
Epoche. Seine Rede unterschlägt, dass Gespür und Begabung ambivalente
Werte sind, deren Qualität (vielleicht) darin besteht, dass sie den Schrecken
spiegeln, um ihm standhalten zu können: letztlich um ihn zu bannen.
Kracauer über Murnaus Faust: „(...) weniger ein Kulturdenkmal als eine monumentale
Schau täuschender Kunstgriffe, die aus dem Prestige einer nationalen Kultur
Kapital schlug. Die abgeschmackten theatralischen Posen, in denen die Schauspieler
sich gefielen, verrieten die Falschheit des Ganzen.“ Kracauer hat die Ufa (also
abermals: die Epoche) im Auge: Kunstgriffe im Dienst dieses Konzerns können
nur täuschende sein. Der Blick auf die Epoche runiniert hier den Blick
auf den Film – und auf Qualitäten des Films, die der Epoche widerstehen,
ihre Falschheiten „spiegeln“ und sie gleichzeitig der Lüge überführen.
Es gibt grotesk-komische, burleske, ironisch-satirische Elemente in Murnaus
Werk, die noch nicht aufgedeckt, geschweige denn entschlüsselt sind.
Kracauer besteht auf Widerspiegelung der „Wirklichkeit“,
zum Beispiel in einer Filmkritik, in der er 1928 Max Reichmanns Manege
ausdrücklich lobt und Murnaus Sunrise verdammt: „(...) aus Brettern gedichtete ostpreußische
Dörfer mit gestellten amerikanischen Phantasiestädtchen zusammengebraut.“
Aber was ist „Wirklichkeit“? Vielleicht gibt es eine ostpreußisch-amerikanische
Wirklichkeit – zumindest in den Augen eines Deutschen teils pommerscher, teils
westfälischer Abstammung, den es in die USA verschlagen hat.
Im Caligaribuch findet sich eine Bemerkung über
die Kameraarbeit Karl Freunds in Der
letzte Mann, die in Rohmers Faustbuch
undenkbar wäre. Diese Bemerkung enthält in nuce die (unentfalteten)
Möglichkeiten der Kracauerschen Methode. Der Autor schreibt, „daß
die Kamera, trotz ihres Eifers, ständig den Blickpunkt zu wechseln, zwar
dem Triebbereich vertraut ist, dem Bewußtseinsbereich aber fremd gegenübersteht.
Wann immer das Bewußtsein eingreift, ist es nicht von Dauer.“
Wann immer das Bewusstsein eingreift, ist es nicht
von Dauer: Dieser Satz reflektiert die Ästhetik Murnaus ebenso wie das
Problem der Epoche. Die Kamera in vielen Filmen der Weimarer Republik war ein
Agent des „Triebbereichs“: radikaler, im Alltag unterdrückter Sehnsüchte,
Träume und Phantasien. Um diese „irrationalen Faktoren“ geht es – sie wurden
(und werden bis heute) vom aufgeklärten Fortschritt, der den Bewusstseinsbereich
für sich reklamiert, verraten und verkauft.
III
In einem „Präludium“ zu seinem Faust-Drehbuch schrieb der Autor Hans Kyser: „Sein halbes
Leben erlebt der Mensch schlafend, und dennoch erfüllt von nichts anderem
als von einer ununterbrochenen Fülle traumhafter Erinnerungsbilder. Jeden
Reiz körperlicher Art, jeden Gedanken, jeden Wunsch seiner Seele gestaltet
sein immanentes Ich zu neuen Bildern aus, die er fast immer vergißt, wenn
er erwacht. In diesem Halbschlummer der Seele scheint mir ein großer,
ja der größte Teil der kindhaften Menschheit noch immer zu liegen.
Und wenn in der ganzen Welt Tausende von Filmtheatern der hinzuströmenden
Menge sich öffnen, wenn in einer einzelnen unfaßbaren Fruchtbarkeit
Filme um Filme geschaffen werden, so scheint mir die ganze neue Art geistiger
Produktion ein Erwachen der Menschheit zu ihren Träumen zu bedeuten. Es
sind Träume der leidenschaftlichsten Phantasie, Träume eines unersättlichen
Zwanges zum Schauen der inneren und der äußeren Welt.“
„Ein Erwachen der Menschheit zu ihren Träumen“:
In dieser Formulierung gelangt der etwas preziöse Text zu einer Einsicht,
die bedacht sein will. Seit Beginn des Jahrhunderts arbeitete auch die Psychoanalyse
daran, den Menschen beim Erwachen zu ihren Träumen zu helfen. Jedes Erwachen
enthält eine Möglichkeit des Erkennens – die Chance, Ungreifbar-Unbegriffenes
richtig zu deuten. Gedeutet werden kann aber nur, was festgehalten, was nicht
vergessen wurde. An der notwendigen Notation unserer Träume arbeitet der
Film. Und vielleicht erschließen sich Murnaus Filme erst ganz, wenn wir
sie als Medien des Erwachens begreifen, in denen der schlafende Mensch die Augen
aufschlägt und seine Träume erkennt: sie zu begreifen lernt.
Im Zusammenhang mit Der
letzte Mann schreibt Charles Jameux
in seinem Buch über Murnau: „Präzise formuliert gehört es zu
den Erscheinungsformen des Traums (...), die Zeichen und erschütternden
Ereignisse zu vervielfältigen und Handlungsweisen, Gedanken des Unterbewußtseins
und verborgene Strukturen der Wirklichkeit zu erleuchten.“ Jameux zitiert den
Satz Gérard de Nervals aus Aurélia: „Hier hat für mich das begonnen, was ich das
Hineinwachsen des Traums in das wirkliche Leben nennen will.“ Jameux hat auch
auf das „augenscheinliche Paradoxon“ hingewiesen, das sich aus der Gegenüberstellung
von Nosferatu
und Der letzte Mann ergibt: einem „phantastischem Film, der im Freien
und in echten Dekors gedreht wurde – und einem realistischen, dessen Bauten
gänzlich im Studio nachgebildet wurden.“ In der Gegenüberstellung
erweist sich die Authentizität des Traums (des Phantastischen) – und der
fiktive (das heißt: auf Konventionen beruhende) Charakter dessen, was
wir Wirklichkeit und Realismus nennen.
IV
Von einem Major Schramm stammt diese merkwürdige
Kriegserinnerung, geschrieben 1931 nach Murnaus Tod: „Damals – es war im Jahr
1917, und wir lagen mit unserer Fliegerabteilung in der Nähe von Verdun
in einem schönen, verlassenen, etwas melancholischen Schlosse – war Murnau
noch junger Schauspieler bei Reinhardt. Eine hohe, magere, etwas gebeugte Gestalt,
lebhaft die braunen, beweglichen Augen, so stand er an der Maschine, sorgfältig
alle Vorbereitungen zum Fluge treffend. Er war eine seltsame Mischung von unruhigem
Bohèmien und sorgfältig auf Kultur bedachtem Gentleman. Sein Zimmer
im Schlosse war nicht nur das größte, sondern auch das mit dem bestem
Geschmack eingerichtete. Wenn man zu ihm kam, vergaß man den Krieg, alles
war sauber, hübsch und geschmackvoll hergerichtet, und jeder Besuch bei
ihm ging unter höflichen, achtungsvollen Formen vor sich. So wie er zielsicher
und bewußt für die Ausschmückung seines Zimmers sorgte, so tat
er alles, jeden Dienst, jeden Flug, jede Aufgabe, und allem verstand er – trotz
des rauhen Handwerks – einen schönen, fast zärtlichen Schimmer zu
geben.“
Ein scheinbar randscharfes Bild, das erst bei genauer
Betrachtung seine Unschärfen preisgibt: die Doppelränder der Erinnerung,
der Stilisierung, auch der Ideologisierung des erinnerten Materials. Ein der
Kunst ergebener Sprössling des wohlhabenden Bürgertums, Abkömmling
einer langen Ahnenreihe pommerscher und westfälischer Ritter, Bürgermeister
und Kaufleute, dem die Aura des „Letzten seines Stammes“ eignete – als Offizier
vor Verdun, von der Kunst träumend und – so muss es seinen Kameraden erschienen
sein – das Kriegshandwerk zur Kunst veredelnd. Ein deutscher d’Annunzio, aber
auch ein deutscher (romantischer) Marinetti, fasziniert von Metall und Technik
und befähigt, den todbringenden Waffen „einen schönen, fast zärtlichen
Schimmer“ zu verleihen. Zwei andere Frontoffiziere aus den besseren Kreisen,
Ernst Jünger und Arnold Vieth von Gölßenau alias Ludwig Renn,
schlugen nach dem Krieg zwei grundverschiedene Wege ein und wurden zu Prototypen
diametral entgegen gesetzter Formen politischen Verhaltens. Nach dem Bild, das
Schramm entworfen hat, verharrt Murnau wie zögernd in der Mitte: ein Ästhet,
der träumend durch die Stahlgewitter ging.
V
Können wir dieser Erinnerung vertrauen? Genau
beobachtet hat Schramm Murnaus obsessives Verhältnis zu Dingen, Objekten
– etwa zu jenem „langen, aus dem zerschossenen Propeller seines Flugzeugs gedrehten
Stock, dessen Knauf die Form eines Pilzhutes hatte.“ Jameux spricht davon, dass
die Objekte in Murnaus Filmen, im Gegensatz zu den alltäglichen Dingen
im amerikanischen Film, von Tragik besetzt seien. Die Gestalt der „Melencolia“
auf Dürers Kupferstich ist umgeben von einem Chaos von Dingen, die, wie
die Figur selbst, in grüblerischer Trauer versunken scheinen. Es sind Dinge
der mathematischen Wissenschaft (eine Kugel, ein Zirkel, ein prismatischer Körper,
ein Zahlenquadrat): Wie bei den italienischen Manieristen gibt es eine „subversive“
Affinität zwischen Geometrie und Trauer, Mathematik und Melancholie.
Möglicherweise liegt hier eine Verbindung zu
der von Rohmer analysierten Raumgeometrie in Murnaus Filmen, auch zu der gleichfalls
von den Manieristen der Renaissance kultivierten neuplatonischen Auffassung
von der Welt als Bild, die sich Rohmer selbst zu eigen macht: Die Liebe zur
Geometrie, die „Organisation und Dramaturgie der reinen Formen“ (Rohmer) wurzelten
dann in auswegloser Trauer, stünden im Zeichen Saturns. Von einer „erstickenden
Traurigkeit“ in Murnaus Filmen spricht auch Jameux, der in diesem Zusammenhang
allerdings die Tradition der deutschen Romantik, die Romane Jean Pauls, Arnims
und Hoffmanns und das „Theater des Zweifels von Kleist und Büchner“ fortwirken
sieht. Aber vielleicht sind hier ältere geistesgeschichtliche Traditionen
wirksam; vielleicht schließen die Analogien, die Rohmer zwischen Murnaus
Filmen und bestimmten Strömungen in der Malerei der italienischen Renaissance
aufgedeckt hat, den saturnischen Typus Murnau mit ein.
„Die so sibyllinische Melancholie der meisten Manieristen
ist existentiell zu erklären durch den ihnen auferlegten ‘Zwang’, kompliziert
zu sein, sich aber immer wieder nach ‘Einfachheit’, ‘Natürlichkeit’ zu
sehnen. Sie suchen also doch – auf ihre Weise – die ‘Mitte’, den Kernraum des
Labyrinths, aber sie scheitern, auch wenn die Liebe ihnen den roten Faden gibt,
weil sie wohl die echtesten Kinder der ‘unerlösten’ Erbsünde sind.
Für sie gibt es keinen ‘einfachen’ Erlösungsweg und erst recht keinen
Aus-weg.“ (Gustav René Hocke) Das Bild des „sibyllinischen“ Melancholikers
bestätigte Willy Haas, als er von der Ungreifbarkeit und Undurchsichtigkeit
Murnaus schrieb, davon, dass er in diesem Künstler die „letzte Ichverlorenheit
der menschlichen Leidenschaft, ein äußerstes Sichselbstwiederfinden
des flammenden Menschen“ zu erkennen geglaubt habe.
VI
Vor dem skizzierten Hintergrund werden die Konturen,
die Major Schramm in seiner Erinnerung zeichnete, schärfer. Wenn Murnau
sich selbst als „letzten Spross“ empfand (und sich in diesem Bild spiegelte
wie Thomas von Weerth aus Der Knabe
in Blau in Gainsboroughs Gemälde),
dann als den eines Geschlechts von Künstler-Aristokraten, die sich ihrer
Kompliziertheit, ihrer Andersartigkeit, ihrer Einsamkeit ebenso wie ihres „eisernen
Vollendungswillens“ bewusst waren.
Zu fragen ist, vor dem Hintergrund der Epoche und
ihres „Triebbereichs“, nach der Authentizität dieses Künstler-Typus.
Mit seinem Anspruch, auch seiner Anmaßung, stand Murnau – in einer Zeit
des Rilke-Fiebers und des George-Kults – nicht allein; auch auf diesem Feld
trieb die Scharlatanerie ihre fatalen Blüten und half der Reaktion. Aber
die kulturelle Atmosphäre der Republik enthielt Ambivalenzen und Möglichkeiten,
die sich einer Geschichtssicht, die Weimar zwangsläufig und unausweichlich
in den Faschismus treiben sieht, verbergen. „(...) die Weimarer Republik war
ein Ausnahmezustand. Es ist aber von großer Wichtigkeit, diesen Ausnahmezustand
nicht mit Kurzlebigkeit zu verwechseln. Skepsis war angebracht, nicht aber Fatalismus.
Anfälligkeit bedeutete nicht Verdammnis.“ (Peter Gay) Auch Murnaus „Anfälligkeit“
(gegenüber dem Schrecken, dem Traum, dem Irrationalen) bedeutet nicht Verdammnis
noch rechtfertigt sie Kracauers Verdammungen: Sie war der Preis einer extremen
Sensibilität, die sich vielleicht nur in diesem „Ausnahmezustand“, nur
in dieser „Republik der Außenseiter“ entfalten konnte.
Differenzierungen sind unumgänglich. Das „Rilke-Fieber“
(das auch den Erinnerungen des Majors Schramm ihren Melos verlieh), die „vage
Herzensgläubigkeit“ der Deutschen, der „Vulgär-Idealismus“ des Kleinbürgertums,
den die Ufa mit dem Durchschnitt ihrer Produktion, nicht zuletzt dank Thea von
Harbou, noch einmal vulgarisierte – dieses Klima war nicht das Klima Murnaus,
wenngleich es Überschneidungen gab, wenngleich sich Murnau von Frau von
Harbou einige Drehbücher schreiben ließ und seine frühen Stoffe
sich von denen der Berliner Illustriertenromane keineswegs unterscheiden, vielmehr
nachhaltig aus ihnen schöpfen.
Das Problem, das Murnau zweifellos darstellt, liegt
auf einer anderen Ebene. Unter Anspielung auf Madame de Staëls Wort von
Deutschland als Land der Dichter und Denker schreibt Peter Gay: „In der Zwischenzeit
war daraus das Land geworden, wo Dichter höher gestellt wurden als Denker
oder vielmehr Denker in Dichter verwandelt wurden, was dem Denken sehr schlecht
bekam.“ Das Gedicht habe immer mehr den Gedanken ersetzt – vor allem in der
allgemeinen Heideggerei der Zeit, die stets nach „Höherem“ strebte, Politik,
Zivilisation, Demokratie und die Moderne insgesamt zu „transzendieren“ trachtete.
Von Murnau sind keine Äußerungen bekannt, die ihn in die Nähe
dieser zivilisationsfeindlichen Strömungen rücken. Die Technizität,
das Geometrie-Bewusstsein in seiner Filmarbeit weisen ihn als Modernen aus.
Gleichwohl waren die Grenzen zwischen höchster Artifizilität des Stils
und reaktionärer Salbaderei im Gedanklichen in der Kultur der Weimarer
Republik fließend. Und das politische Schicksal Gottfried Benns belegt,
dass gerade ein ins Extrem getriebenes Formbewusstsein nicht gegen Blindheit
für die Barbarei gefeit war.
„Das Gedicht ersetzte den Gedanken“: Das heißt,
in Kracauers Terminologie übersetzt, der Triebbereich verdrängte den
Bewusstseinsbereich. Der Triebbereich aber ist das genuine Terrain der Filmkamera.
Die Frage ist: Welchen Beitrag konnten die Filmkünstler der Weimarer Republik,
allen voran Murnau, leisten, den Trieben zur Erkenntnis ihrer selbst, den Menschen
zum Erwachen, also: zur Deutung ihrer Träume zu verhelfen? Murnaus Filme
– und nur in diesem Punkt sind sie vergleichbar mit denen Fritz Langs – weisen
auf ein Defizit: auf die zum Ende der Republik hin immer größer werdende
Diskrepanz zwischen den gefährlichen Phantasien der Epoche und den Bemühungen
des aufgeklärten Fortschritts, sich ihrer Bedeutung bewusst zu werden.
So falsch es wäre, Murnaus Werk in eine Linie zu stellen, die von Caligaris
Schrecken bruchlos in das reale Reich des Terrors führt, so kurzsichtig
wäre es, seine Filme (die amerikanischen eingeschlossen) gleichsam als
Inkunablen einer filmischen „art absolu“ aus dem prekären kulturellen und
sozialpsychologischen Kontext einfach herauszulösen.
VII
Murnau hatte eine Vorliebe für „betont altdeutsches
Material: Kleine Städtchen mit Fachwerkhäusern und verwinkelten Gassen
(...)“ In den künstlerisch anspruchsvollen, „expressionistischen“ Filmen
der Zeit wurde die deutsche Kleinstadtidylle zum Schauplatz namenlosen Entsetzens
und blutiger, irrationaler Verbrechen. Doch selbst wenn – wie in Murnaus Nosferatu
– ein Vampir über sie hereinbricht oder – wie in Langs Der
müde Tod – Freund Hein sich
an ihren Rändern einquartiert: Das romantische Ambiente selbst blieb unberührt
und „zeitlos“ unberührbar; mit liebevoller Detailfreude statten die Regisseure
und ihre Dekorateure das Bild einer unversehrten deutschen Provinz aus. „Blick
über die Dächer einer kleinen altertümlichen Stadt im Stil der
vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Sonne liegt freundlich über den
spitzen Giebeln und grünen Plätzen“ – so skizzierte Henrik Galeen
in seiner Drehbuch-Prosa das erste Bild zu Murnaus Nosferatu.
Eindeutig geht Murnaus Neigung zum Altdeutschen in
der zumal von der Ufa geschürten „Angst vor Modernität“ nicht auf.
Dennoch gilt auch für ihn, was Heinz-B. Heller in seiner Studie Literarische Intelligenz und Film über die Filme Paul Wegeners schreibt: „Wo
sich literarische Intellektuelle im deutschen ‘Autorenfilm’ praktisch auf das
neue Medium einließen, das in Hinblick auf seinen technischen Materialstand
und seine Organisationsform wie kein anderes die Insignien des hochentwickelten
Kapitalismus trug, so geschah dies zumeist, um Bilderwelten eines vorindustriellen
Zeitalters entstehen zu lassen; und dies in einer Weise, die den Zuschauer
den technisch bestimmten Charakter filmischer Sehweisen im Sinne einer Illusionierung
durch das Angeschaute vergessen lassen sollte.“ Dies ist, in der Tat, ein sehr
deutscher Widerspruch, und wenn, wie das Reichsfilmblatt 1925 ironisch vorschlug, Murnau der Titel eines
„wirklichen deutschen Filmregisseurs“ verliehen werden sollte, dann allein aus
diesem Grund: Sein Werk hat wie kaum ein anderes die Antinomie zwischen dem
‘altdeutschen Material’ und seiner künstlerisch-technischen Organisation
in extreme Spannungen getrieben.
Klaus Kreimeier
Dieser
Essay über Friedrich Wilhelm Murnau wurde erstmals veröffentlicht
in: Klaus Kreimeier (Redaktion): Friedrich Wilhelm Murnau 1888-1988 (Katalog
zur Bielefelder Ausstellung 1988), Bielefeld 1988)
Quellen:
Siegfried Kracauer: Von Caligari zu Hitler. Frankfurt/M.
1979
Eric Rohmer: Murnaus Faustfilm. München 1980
Artikel für die Frankfurter Zeitung vom 18.1.1928
Friedrich Wilhelm
Murnau. Eine Dokumentation. Ausgewählt und zusammengestellt von Rolf Degener.
Hrsg. vom Filmclub Düsseldorf e.V. 1970
Charles Jameux: Murnau. Paris 1965. Hier zitiert nach: Murnau-Dokumentation
Düsseldorf
Die Übersetzung wird hier zitiert nach: Gérard de Nerval: Aurélia.
Französisch/Deutsch. Frankfurt/M. und Hamburg 1961
Schramms Erinnerungen sind wiedergegeben bei Lotte H. Eisner: Murnau. Frankfurt/M.
1979
Gustav René Hocke: Die Welt als Labyrinth. Manier und Manie in der europäischen
Kunst. Hamburg 1957
Willy Haas: Wie ich Murnau kennen lernte. In: Film-Kurier, 28.9.1925
Peter Gay: Die Republik der Außenseiter. Frankfurt/M. 1987
F(rieda) G(rafe): Die Technik als Allegorie. In: Neue Zürcher Zeitung,
3.8.1968
Henrik Galeen: Drehbuch Nosferatu. Zitiert nach dem Faksimile bei Eisner, a.a.O.
Heinz-B. Heller: Literarische Intelligenz und Film. Tübingen 1985
Hans Erdmann in: Reichsfilmblatt, 10.1.1925
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