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Schiffbrüche
und andere Kleinigkeiten
Der Katastrophenfilm
und die Geburt des Blockbusterkinos
Was war der erste moderne Kassenschlager?
Der weiße Hai? Star Wars? Tatsächlich wurde der Blockbuster schon Anfang der Siebziger
geboren: mit der Höllenfahrt
der Poseidon,
die einen sehr haltbaren Kino-Mix aus Thrill und Effekten, Krisen und Katastrophen
etablierte. Wolfgang Petersen hat Ronald Neames abenteuerliches Spektakel jetzt
neu verfilmt. Ein Törn durch die Untiefen des populären Kinos.
Dieser Film wusste von Anfang
an, was er wollte. Und wir sollten es auch wissen. Schon das Plakat zeigte so
ziemlich alles. Es erzählte – so gut das ein beschriftetes Bild eben
kann – die Geschichte und Absichten des von Ronald Neame inszenierten und von
Irwin Allen produzierten Poseidon Adventure, der Höllenfahrt der Poseidon.
Von oben nach unten: „Hell Upside
Down!“ schreien gelbe Lettern. Darunter teilen zwei Zeilen mit, dass die SS
Poseidon in der Silvesternacht von einer 30 Meter hohen Welle zum Kentern gebracht
wurde – und zwar, die Grafik am unteren Bildrand hilft weiter, kieloben. Das
Bild im Zentrum zeigt Konsequenzen: Wassermassen schießen in einen ehemals
prächtigen Ballsaal, Tische an der Decke illustrieren den dramatischen
Kopfstand der Poseidon, Männer im Smoking und Frauen in Abendkleidern stürzen
durch den Raum, schreien und rennen um ihr Leben. Wie nebenbei legt die Katastrophe
lange Beine plus Unterwäsche junger weiblicher Opfer frei und gönnt
schon mal einen ersten Einblick in das Dekolletee von Stella Stevens. Neben
Gene Hackman und Ernest Borgnine gehört sie zu den Stars, die es auf dieses
Actiongemälde geschafft haben. Die Fotostrecke darunter zeigt sie alle
noch einmal inmitten ihrer Kolleginnen und Kollegen – eine Galerie entsetzter
Schauspieler.
Natürlich hat diese Porträtgruppe,
wie alles auf dem Plakat, mehr als eine Funktion. Sie preist eine Attraktion
des Films – Stars, Stars, Sternchen – und erzählt zugleich seine Story.
Menschen werden sterben. Wie auf den RAF-Fahndungsplakaten, auf denen damals
im Todes- oder Verhaftungsfall ein Kreuz über das Fahndungsfoto gesetzt
wurde, dürfen wir nun rätseln, wen es von den zwölfen wohl (nicht)
erwischt.
Während sich The Poseidon Adventure 1972 noch als ein Abenteuerfilm
vorstellte, fand sich bald genug ein anderer Begriff für diese Sorte Kino.
Was die amerikanische Kritikerin Pauline Kael 1972 in Anspielung an den Urknall
der neuen Überlebensabenteuer „the Airport market“ nannte, setzte sich
in Hollywoods 1970er Jahren als „disaster flick“, als Katastrophenfilm, durch.
Vor allem die belebten Symbole des modernen Amerikas sahen sich hier ihrer Zerstörung
ausgesetzt, um jene, die von und in ihnen lebten, vor neue Herausforderungen
zu stellen: Flugzeuge waren es in der Airport-Serie (1970-1980), in Earthquake (Erdbeben, 1974) brach die Metropole L.A.
zusammen, der höchste Wolkenkratzer der Welt geriet in The Towering Inferno (Flammendes Inferno, USA 1974) in Brand. Auch die SS Poseidon sticht als – wenn auch
angeschlagene – Moderne, als Superlativ der Luxusliner, in See. Griechenland,
die Antike, ist bezeichnenderweise das Ziel, das die Poseidon nicht erreichen
kann.
Diese buchstäbliche Erschütterung
der USA zog das einheimische Publikum in Massen an; die Kinokatastrophe dominierte
als Subgenre des Thrillers die erste Hälfte der 1970er Jahre. Bei einem
1972 nicht geringen Budget von geschätzten fünf Millionen Dollar spielte
The Poseidon
Adventure
– Platz zwei der Jahrescharts nach The Godfather (Der Pate)
– am US-Boxoffice über 42 Millionen Dollar ein. Airport, zweiter Platz im Jahr 1970, erspielte 45 Millionen, The Towering Inferno und Earthquake (erster und dritter Platz in den Charts von 1974) kamen auf 48
beziehungsweise 36 Millionen Dollar.
Aus heutiger Perspektive, in Erwartung
des Remakes von Wolfgang Petersen, könnte also die vom Poseidon Adventure vertretene Kinoströmung nicht
zuletzt soziologisch interessant sein. Immerhin bezeugten damit weite Teile
der USA und der westlichen Welt hier ihre eigene – partielle – Zerrüttung
und Bedrohung zu einer Zeit, als sich die Vereinigten Staaten in einer ebenso
weltweit beachteten Krise befanden.
„Alles
rennet, rettet, flüchtet …“
Spätestens im Jahr 1968 war
der Schrecken des Vietnamkrieges insofern heimgekehrt, als innerhalb der USA
die Stimmung gegen die amerikanische Kriegsführung immer massiver wurde.
Entscheidend für diese Eskalation waren etwa die so genannte Tet-Offensive,
der drastische Anstieg der Kriegstoten auf US-Seite und das Bekanntwerden des
Massakers von My Lai, bei dem im März 1968 nahezu alle Einwohner – je nach
Quelle zwischen 347 und 504 – des südvietnamesischen Dorfs Son My, genannt
My Lai, von US-Soldaten umgebracht wurden. Unruhen nahmen zu, die USA verlor
an Vertrauen – im In- und Ausland. Bestätigt und vertieft durch die Ermordungen
von Martin Luther King, Robert Kennedy und Malcolm X, durch die Todesschüsse
an der Kent State University 1970 und die Erschießung des Black-Panther-Führers
Fred Hampton durch Polizisten im Chicago von 1969.
Diese Krise manifestierte sich
nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich. Und dem Waffenstillstand von
1973, der den Vietnamkrieg endlich zu beenden versprach, folgten prompt der
Watergate-Skandal und die Ölkrise von 1974. Schon wieder wie immer. Anders
gesagt: Das
Erdbeben,
das 1974 die Filmstars um den notorischen Katastrophenmann Charlton Heston erschütterte,
war in den USA auf anderen Ebenen bereits länger im Gange. Und es hielt
sich noch eine Weile: Auch das King Kong-Remake von 1976, die Teilzerstörung und Bedrohung New Yorks
durch den Riesenaffen mit diesem asiatischen Nachnamen (nicht zu verwechseln
mit dem Vietcong), ließe sich als Teil dieser historisch interessanten
Katastrophenreihe deuten. Und ist nicht auch Jaws (Der
weiße Hai,
1975) am Ende ein Desaster-Thriller zur See, auf welcher wir uns dann fragen
können, wer von der Crew den Kampf mit dem alle Normalität sprengenden
Riesen-Hai überleben wird? Bereits 1976 hat David N. Rosen solche Lesarten
vorgeführt: „In letzter Zeit wurden uns außerdem neue, fortgeschrittene
Metaphern für die soziale und ökonomische Krise verkauft – in Gestalt
eines eingeschlossenen Ozeandampfers, eines Erdbebens und eines ‘Flammenden
Infernos’.“
Mindestens ebenso interessant
aber ist ein Blick auf das Poseidon Adventure aus einer anderen Perspektive. Indem die Poseidon wesentlich die
Entwicklung des Katastrophenfilms beförderte, tat sie Ähnliches für
jenes Phänomen, das nun seit 30 Jahren das populäre Kino dominiert:
den Blockbuster.
Hatte der Begriff des Blockbusters
noch in den 1950er Jahren als wirtschaftliche Kategorie schlicht den außerordentlichen
Erfolg eines Films bezeichnet, wandelte sich sein Status von Mitte der 1970er
Jahre an mit Nachdruck. Aus einem, so der Filmjournalist Tom Shone, „rein ökonomischen
Terminus“ erwuchs mehr und mehr „ein Typ von Film“: „Nicht ganz ein Genre, aber
fast; oft Science-Fiction, aber nicht notwendigerweise; etwas, das mit Action
zu tun hat, wenn auch nicht immer, aber definitiv etwas anderes als ‘Kramer
gegen Kramer’.“ Die beiden Filme, die immer wieder in erster Linie mit der Entstehung
der Blockbuster-Ära verbunden werden, sind Der weiße Hai und Star
Wars (1977):
jene Sensationserfolge, die erstmals in der Filmgeschichte am US-Boxoffice mehr
als 100 Millionen Dollar einspielten und – jeder auf seine Art – Sensationelles
boten.
Die Hollywoodstudios, seit den
1950er Jahren in einer ökonomischen Krise und auf der Suche nach neuen
Erfolgsrezepten, sollten von nun an immer deutlicher erkennen, dass die kostenintensive
Konzentration auf ein einziges Produkt, wenn es denn solche Massen bewegte wie
Der weiße
Hai und
Star Wars, tatsächlich mehr brachte
als drei bis fünf der Nummer-eins-Hits früheren Zuschnitts zusammengerechnet.
Erst recht, wenn man nach dem Vorbild von Star Wars auch noch den bis dahin vernachlässigten Merchandise-Apparat
in Gang setzte. Dafür könnte es sich lohnen, die Produktionskosten
von Qualitätsfilmen um ein Vielfaches zu steigern. Hätte man nur zu
Zeiten des Zauberers
von Oz schon
Puppen von Dorothy, dem Blechmann und der grünen Hexe verkauft oder Oz-Shampoo,
-T-Shirts, -Bettwäsche und -Schokoriegel unters Volk gejubelt! Eins jedenfalls
schien sicher: Die vergleichsweise pessimistische Experimentierphase des New
Hollywood von Bonnie und Clyde (1967) bis The Conversation (1974), geachtet für ihren „radikalen Skeptizismus“, „liberale
Weltanschauungen“ und ein „Pathos des Scheiterns“ (Thomas Elsaesser) blickte
einem funkelnden Ende entgegen.
Wenngleich es noch etwas dauerte,
bis sich die von der Blockbuster-Konzentration geforderte Risikobereitschaft
durchsetzte. Wie Tom Shone betont, bot erst Warner Brothers’ Superman von 1978 das erste „komplett
erfolgreiche Beispiel der Blockbuster-Synergie“. Während der Film allein
in den USA über 80 Millionen Dollar einspielte (und im Ausland zusätzlich
über 50 Millionen) hatte die Auswertungswelle im Warner-Konglomerat damit
erst begonnen: Warner Brothers zeigten Making-of-Filme im eigenen TV-Sender,
die Soundtrack-LP erschien im angeschlossenen Label, Warner Books bot acht Superman-Bücher an, für und
unter Warner produzierte die Firma „DC Comics“ 28 Comictitel, und Atari warf
als Warner-Tochterfirma einen Superman-Flipper auf den Markt.
Einer für alle, alles um
einen herum. Die wesentliche Voraussetzung für einen Blockbuster und die
daran geknüpften Synergie-Effekte bestand und besteht so ganz zwangsläufig
darin, mit einem einzigen Film möglichst breite, heterogene Publikumsschichten
zu erreichen. Ein Modell, dieser potenziell unendlich großen Zielgruppe
ein entsprechendes Angebot zu machen, hatte Star Wars mit seiner Betonung von Spezialeffekten und der Mixtur unterschiedlichster
Genres geliefert. Gerade weil der spektakuläre Krieg der Sterne nie nur
Science-Fiction war, sondern sich ostentativ aus verschiedensten Töpfen
bediente (von Fantasy über Mantel-und-Degen bis zum Western und noch viel
weiter), bot er ebenso viele Berührungspunkte für den Massenbesuch.
Wir kennen diese Aufwertungspolitik heute besser denn je; Matrix sollte ihr 1999 ein neues Gesicht
geben. Ein New New Deal: Das Bild vom so genannten „pick-and-mix“-Cinema galt
nie nur für Filmstile und -genres, sondern immer schon auch für Publikumsinteressen
und -schichten.
Kino der Marke „all inclusive“
Ein weiteres Modell dieser offensiven
Aufwertungspolitik hatte The Poseidon Adventure bereits 1972 skizziert. Es spiegelt sich im Plakat: Nicht ein
oder zwei Stars sollen ihr jeweiliges Publikum mit hineinziehen, sondern eine
ganze Hühnerstange voll. Der Film werbe mit einer Latte von Oscars, hatte
Pauline Kael zum Start des Films notiert: „Besetzung und Filmstab bringen es
auf ganze 15 dieser kostbaren goldenen Statuen!“ Dass die Stars zudem unterschiedliche
Generationen zusammenführen – vom New-Hollywood-Idol Gene Hackmann bis
zur Klassik-Größe Shelley Winters – unterstützt diese Umarmungsgeste.
Und natürlich wird neben dem spektakulären Schiffsuntergang, neben
Action und Spektakel, Hell upside down!, mehr als nur diese Unterhaltungsformen
geboten: Zum Thrill gesellt sich das Melodrama – alte und junge Liebende reißt
der Tod jählings auseinander – und Sex, wofür Stella Stevens, Pamela
Sue Martin & Co. inoffizielle Wet-T-Shirt-Wettbewerbe abhalten und in Hotpants
vor Ernest Borgnines Nase lange Leitern emporklettern.
Nicht ein
Film wollte The
Poseidon Adventure sein,
sondern viele in einem. Schon hier präsentierte sich der noch unausgerufene
Blockbuster als dezidierte Antwort auf das New Hollywood der Autorenfilmer.
Die 1972 von Andrew J. Kuehn produzierte Making-of-Dokumentation „The Return
of the Movie Movie“ beginnt dann auch mit einer klaren Ansage: „Es gibt einen
neuen Trend in Hollywood. Weniger Sets, weniger Stars, kleinere Budgets. Dies
ist der Report über einen Film, der sich diesem Trend entgegenstellt: ‚The
Return of the Movie Movie‘, ein Blick hinter die Kulissen von Irwin Allens The Poseidon Adventure.“
Als ausgewiesen multiples Kino,
als Film-Film, half The
Poseidon Adventure
dabei, das Blockbuster-Prinzip als neuen Trend zu etablieren – und alle sollten
es merken. Es muss ein Ruck durch Hollywood gehen, schrie der Katastrophenfilm
schon vor den Erfolgen von Jaws und Star
Wars. Heute
wissen wir, dass der Produzent Robert Evans Recht hatte, als er dem „Time“-Magazin
1974 diktierte: „Das Kreieren von Blockbustern ist die neueste Kunstform des
20. Jahrhunderts.“
Erst in dieser Logik, als Filmtyp
oder Kunstform, konnte der Blockbuster-Begriff jene absurde Entwicklung überstehen,
die er nun bei Wolfgang Petersens Remake Poseidon einmal mehr offenbart. Waren Jaws und Star
Wars durch
ihren Erfolg zum Blockbuster geworden, tritt Poseidon vom ersten Produktionsschritt an als solcher in Erscheinung.
Gestatten: Topseller. Bislang hat das Remake mit Kurt Russell, Josh Lucas, Jacinda
Barrett und Richard Dreyfuss nicht einmal ein Drittel seiner Produktionskosten
von geschätzten 150 Millionen Dollar eingespielt. Im doppelten Sinne auf
den Schultern von The
Poseidon Adventure
vertritt Wolfgang Petersens Blockbuster das heute eingängige Paradoxon
eines Kassenschlagers ohne Kasse.
Jan Distelmeyer
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: epd Film 7/2006
Zu
„Poseidon“ gibt’s mehrere Texte im archiv
der filmzentrale
Das Thema "Blockbuster" behandelt auch dieser Text von G. Seeßlen
Poseidon
USA
2006 - Regie: Wolfgang Petersen - Darsteller: Josh Lucas, Kurt Russell, Emmy
Rossum, Jacinda Barrett, Mike Vogel, Jimmy Bennett, Mia Maestro, Andre Braugher,
Richard Dreyfuss, Stacy Ferguson, Kevin Dillon, Freddy Rodríguez - Start:
12.7.2006
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