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Über Christoph Schlingensief und das, was Kunst zur Zeit können,
dürfen und wollen sollte
“Eine Kunst wie die von Christoph Schlingensief ermächtigt
nicht nur den Künstler, sie ermächtigt den Menschen gegen die Mikro-
und Makrophysik der Macht. Sie beantwortet die Frage: ‘Sind wir noch da?’ Oder
wenigstens stellt sie diese notwendigste aller Fragen.”
Es ist kein halbes Jahr her, als Christoph Schlingensief
mit dem Käutner-Preis 2010 ausgezeichnet wurde. Georg Seeßlen hielt im März 2010 die Laudatio auf den Künstler,
der am 21. August 2010 starb.
Wer einen Künstler preisen will, der muss wohl damit
herausrücken, was er für die ideale Kunst zur Zeit und
wen er für einen Künstler hält, der dem nahe kommt. Und genau
darum soll es im folgenden gehen, nämlich um die Frage, was Kunst zur Zeit können, dürfen und wollen sollte, und was Christoph Schlingensief
damit zu tun hat.
Der Künstler, meiner bescheidenen Meinung nach,
ist ein Mensch, der ICH sagen kann, nicht so sehr zu sich selbst, als vielmehr
zur Gesellschaft. Das scheint nun vielleicht ein wenig verwirrend angesichts
einer Gesellschaft von Egomanen, Egozentrikern und vor allem Egoisten. Einer
Gesellschaft, in der man eine Me-Generation diagnostiziert
hat, die man im Zeitalter des Narzissmus verortet hat, in der jeder als radikaler
Ich-Darsteller für fünf Minuten Ruhm im Fernsehen seine Würde
aufs Spiel setzt, eine Gesellschaft in der Geiz geil ist und Entlassungen den
Finanzwert einer Firma erhöhen und der ich-süchtige Aktionär
an der Vernichtung von Arbeit verdient, eine Gesellschaft, in der man sich um
nichts so sehr Sorgen macht wie um mein Haus, mein Auto, mein Pool, eine Kultur,
in der eine Band Me First and the Gimme Gimmes heißt,
Zuerst komm’ ich und dann gib mir das, gib mir dies, und in der eine Bank gutgelaunt
verkündet: Unterm Strich zähl’ ich. Ich sagen in einer Gesellschaft,
die offensichtlich vom Ich-Sagen besessen ist, das soll Kunst sein?
Genau dies. Denn nichts hat uns von der Kunst des Ich-Sagens
so entfernt wie der hysterische Narzissmus im späten Kapitalismus. Das
Subjekt, so scheint es, schreit gegen seine Auflösung an, statt sich aufzuraffen
will es gefüttert werden, statt sich der Welt zu stellen, flüchtet
es in die Innenräume. Dieses Ich des Spätkapitalismus – entschuldigen
Sie das etwas abgegriffene Wort, aber leider ist noch niemandem ein besseres
eingefallen – das Ich des Spätkapitalismus also ist zugleich übermächtig
und bedeutungslos. Dagegen muss etwas getan werden. Unter anderem mit den Mitteln
der Kunst.
Der Künstler ist ein Mensch, der Dinge tut, die
ihm vollkommen entsprechen. Und auch das sagt sich so leicht und klingt erst
einmal nach Authentizität und Selbstverwirklichung und Nicht-Entfremdung.
Also nach schönen Geschichten, die früher oder später Hollywood
oder Schulbuch werden. Aber es ist viel fundamentaler.
Was Kunst ist, das wird in einer liberalen Gesellschaft
in aller Öffentlichkeit ausgehandelt. Künstler ist, von dem das, was
er macht, als Kunst ausgehandelt worden ist. Das ist, was die Kunst anbelangt,
zwar höherer Blödsinn, soziologisch aber, fürchte ich, sowohl
zutreffend als hinreichend. Daher ist das Entscheidende daran, ob man Parteigründungen,
Talk Show oder ihre Travestie, eine Kirche der Angst, Container-Geschehnisse
oder Plakate mit der Aufschrift „Tötet Helmut Kohl“ als Kunst ansieht,
ob man darunter „nur“ Kunst versteht, als die ästhetische Dekoration, das
Narrenspiel, die Begleitmusik der Gesellschaft und das alles womöglich
selber marktfähig, profitträchtig, wertbeständig und unter Mitnahmeeffekten
verbreitet, oder aber ob es schon Kunst ist, der Ein- und Vorgriff, die utopische
Arbeit an den Möglichkeiten, vielleicht der Widerspruch zu Theodor W. Adornos Donnersatz: Wenn es schon Kunst ist, dann ist es vielleicht genau
das Richtige Leben im Falschen.
Vorneweg: Die Kunst eines Christoph Schlingensief besteht
nicht zuerst darin, mit den richtigen Mitteln die richtigen Aussagen zu treffen
oder die richtigen Prozesse einzuleiten. Die Kunst des Christoph Schlingensief
besteht darin, aus freien Stücken Christoph Schlingensief zu sein. (Apothekersohn
und Künstler.) Und wer einmal ausprobiert hat, wie schwierig es ist, aus
freien Stücken ein Glas Milch zu trinken oder eine Symphonie zu schreiben,
der weiß auch: Das ist keine leichte Sache.
Zum zweiten bilde ich mir ein, dass jeder gute Künstler
zur Zeit ein Anarchist sein muss. Ich meine damit nicht, dass
er Bomben werfen soll oder sonst wie seine Umwelt terrorisieren müsste,
ich meine auch nicht diesen wohlfeilen Anarchismus der Verhaltenscodes, nach
dem schon ein Künstler ist, wer im Pullover erscheint, wo alle anderen
schwarze Anzüge tragen. Ich meine damit, dass ein Künstler jemand
ist, der in Staat und Gesellschaft weder die letzten noch die besten Institutionen
für die fundamentalen Fragen und Widersprüche der Menschen sieht.
Widersprüche wie die zwischen der Sehnsucht nach Geborgenheit und der nach
Freiheit. Zwischen der Angst und dem Begehren. Ich meine auch, ein Künstler
zur Zeit, ist ein Mensch, der den Kapitalismus nicht als beste
und endgültige Form ansieht, die Beziehungen der Menschen untereinander
zu regeln. Das ist, glaube ich, keine Frage der politischen Einstellung, es
liegt in der Natur der Sache selber, Kunstmarkt hin und Kunstbetrieb her. Mein
Künstler zur Zeit jedenfalls sagt, dass der Sinn des Lebens nicht in der
Regierbarkeit und nicht in der Marktfähigkeit des Menschen liegt.
Dass Christoph Schlingensief, der Apothekersohn aus Oberhausen,
betont, dass er eine durchaus glückliche Kindheit erlebt hat, ist bei alledem
vielleicht mehr als ein kleiner sympathischer Schlenker der Biographie, zumal
für einen Insassen meiner Generation, für die der Generationenbruch,
politisch wie ästhetisch, so bestimmend war. Wer erdreistete sich da, Kunst
machen zu wollen, ohne ein anständiges Kindheitstrauma? Wessen Kunstwerke
sollten da nicht lesbar sein als Phantasien des Vatermordes, oder wenigstens
als Neuanfang in einer Geste des Alles-anders-machens.
Christoph Schlingensiefs Kunst beginnt damit, dass er
sich zu sich selber bekennt. Zur besagten glücklichen Kindheit, dazu ein
Kleinbürger zu sein, ein Halbintellektueller, ein altkatholischer Ministrant,
der vom „Beichtfilm“ träumt, ein Fernsehkind, das zu Zeiten um zehn Uhr
den Apparat ein und erst um zwölf Uhr nachts wieder ausgemacht hat, und
so weiter. Es ist wichtig, dass da einer spricht, der nicht von obenhin, sondern
aus dem Gewöhnlichen spricht, der niemals das Gewöhnliche verachtet.
Und wichtig ist das unter anderem auch deswegen, damit niemand die Selbstermächtigung
des Künstlers mit der Anmaßung verwechselt. Christoph Schlingensief
geht mit anderen Menschen mit großem Respekt, pathetisch gesagt: mit Demut
und Würde um.
Der Künstler Christoph Schlingensief erklärt
sich selber nicht aus dem Mythos von Opfer und Leiden, sondern aus dem Projekt
der Freiheit. Daher wird bei ihm nicht die Neurose zum Film, sondern er kann
umgekehrt, den Film als Neurose erkennen, und so heißt denn auch eine
seiner Arbeiten. Er behandelt das Kino wie eine Krankheit, die es zu überwinden
gilt, durch Armut zum Beispiel, durch Direktheit. Der 60-Minuten-Film „100 Jahre
Hitler – die letzte Stunde im Führerbunker“ wurde an einem einzigen Tag
gedreht, kein Kino mehr als verbesserte Wirklichkeit, sondern Film als frontal
attackiertes Leben. Darum ist das Statement von „Die 120 Tage von Bottrop“ wichtig,
dass der Regisseur nicht mehr an das Kino glaubt. Denn es ist die Negation eines
Kinos, an das man glauben muss, statt es zu verstehen.
Und daher werden Opfer und Leiden durchaus wichtige Themen
im Werk, wie auch nicht? Sie sind ja in der Welt, die Opfer und das Leiden. Und
sie sind es auch wieder nicht, insofern die Kunst nur eine lockere und aufgeklärte
Beziehung zur magischen Biographie hat. Wollten wir einen Unterschied zwischen,
sagen wir, Rainer Werner Fassbinder und Christoph Schlingensief ziehen, dann
läge er primär in der Tatsache, dass jemand wie Fassbinder das Kino
zum Überleben gebraucht hat, und dass er im Kino gelebt hat. Schlingensief
dagegen riskiert sogar die Zerstörung dieses Überlebensmittels, um
seine Beziehung zur Welt zu klären.
Das hat nicht nur mit den Personen zu tun, das hat auch
mit der Entwicklung der Kultur, der Gesellschaft, der Medien zu tun. Und ich
versprach ja, vom idealen Künstler dieser Zeit zu sprechen. Ich möchte
also drei Grundvoraussetzungen für das nennen, was ich als gute Kunst zur Zeit empfinde. Das erste ist, es hat sich im vorherigen schon angedeutet:
Tapferkeit.
Damit ist nicht gemeint ein Mut zur Provokation und schon
gar keine martialische Eigenschaft, sondern die Entschlossenheit, dem Sturm,
den man entfacht, auch selber standzuhalten. Und noch viel bedeutender als die
Anwesenheit dort, wo es ganz buchstäblich gefährlich werden kann für
einen Künstler, der die Ruhe der schweigenden Mehrheit stört, ist
die Anwesenheit dort, wo es um das moralische und intellektuelle Aushalten geht.
Die Tapferkeit der Kunst zur Zeit liegt
darin, dass man Künstler sein muss, um ein Wort von Jean-Luc Godard zu
zitieren, ohne die Hilfe der Götter. Christoph Schlingensiefs Filme bis
hin zu „Die 120 Tage von Bottropp“ zeigen die Abwesenheit der Götter, auch die der
Filmgötter, der Väter des neuen deutschen Films zum Beispiel, Fassbinder,
Kluge oder Herzog, in der Zertrümmerung ihrer Bilder. Und dabei war Schlingensief
paradoxerweise einer der ganz wenigen, die ihre Abwesenheit zur Kenntnis nahmen.
Während die Traditionalisten taten, als wäre nichts geschehen, machten
die Vertreter der neuen deutschen Spaßgesellschaft etwas ganz anderes
mit ihren Göttern: Sie ignorierten sie. Schlingensiefs künstlerische
Tapferkeit umfasst immer das Gewahrwerden des Verschwindens.
Zur Tapferkeit der Kunst gehört es, dass Christoph
Schlingensief ihr nach dem, nun ja, Scheitern der Allianz zwischen sozialer
Bewegung und Kunst, also pathetisch gesagt, nach dem Scheitern der politischen
Kunst der 68er, nicht erlaubt hat, sich in Privat- und Freiräume zurück
zu ziehen. Christoph Schlingensief verhält sich überhaupt sehr merkwürdig
zu den 68ern, er kritisiert sie einerseits, und zwar zu Recht, mein lieber Schwan,
aber er setzt sie eben auch fort. Er macht das Scheitern der politischen Kunst
politisch sichtbar, und er versetzt den Dogmen der politischen Kunst einen derben
Stoß, indem er sie kurzerhand aus der Theorie in die Praxis versetzt.
So wie die beste Kritik an Filmen andere Filme sind, um wieder Godard zu zitieren,
so ist die beste Kritik an politischen Gesten die politische Geste.
Das zweite Merkmal für die Kunst zur Zeit scheint mir die Konsequenz. Die Durchführung einer Sache
bis zu jenem Zeitpunkt, an dem sie sich vollständig offenbart hat. Damit
wiederum ist keineswegs eine Sturheit höherer Ordnung, nicht einmal das
Stereotyp der Treue des Künstlers zu sich selbst gemeint, sondern die Fortsetzung
der Projekte gegen alle Versuchungen der Repetition und der Selbst-Stilisierung.
Es ist die Konsequenz, sich immer wieder neu auszusetzen, unter anderem auch,
was die Überschreitung der Kunstsphäre anbelangt, das Paradoxon des
genialen Dilettantismus immer wieder neu anzusetzen. Scheitert man, ist man
nur noch Dilettant und nicht mehr genial, ist man erfolgreich, ist man nur noch
genial, aber kein Dilettant mehr. Gleichzeitig aber ist genialer Dilettantismus
die Voraussetzung für die Wiedererringung der Unschuld in der Kunst.
Das dritte schließlich ist die Reflexion. Das Kunstwerk
ist keine mystische Einheit mehr, so wenig wie der Autor ein mystischer Kreator
ist. Die Frage, wie viel Politik man der Kunst zumuten kann. Das heißt:
Reflexion bedeutet nicht unbedingt, dass der Künstler selber heftig ins
Grübeln kommt über das, was er da angerichtet hat, obschon so etwas
keineswegs verboten ist, es bedeutet vielmehr eine Offenheit der Kunst, die
den Diskurs initiiert. Ich habe mich vor Jahr und Tag der schönen Mühe
unterzogen, dem seltsamen Attraktor Christoph Schlingensief
in Internet-Foren nachzuspüren (ich vermute, heute würde ich längst
an der schieren Menge der Eintragungen scheitern), und neben vielem dummen und
gehässigen Zeug eine seltsame Übersprungsenergie
festgestellt. Diese Kunst findet an den überraschendsten Stellen und in
den überraschendsten Formen ihren Widerhall, sie hat es geschafft, das
Ghetto, das die Gesellschaft ihr zuordnet, zu verlassen.
Schlingensiefs Arbeiten aus den achtziger Jahren sind,
jedenfalls nach meiner Wahrnehmung, durchaus jener Punk-Bewegung geistesverwandt,
der man gerade in Deutschland schwer unrecht tut, wenn man sie auf Irokesenhaarschnitt, Dosenbier und „No Future“ reduziert. Punk
war auch eine Kunst-Bewegung, und in ihr spielte das Prinzip der Selbstermächtigung
und das noch heute vor allem in den USA bedeutende Element des „Do it yourself“ eine entscheidende Rolle. Der Do it Yourself-Punk entlehnte den vernutzten kleinbürgerlichen
Begriff, um eine neue Form von Selbstorganisation und Öffentlichkeit herzustellen.
Möglicherweise bekommt das Kunstwerk dabei eine neue Funktion: Die Kunst
will nicht irgend etwas sein, sondern sie will geschehen, und der Künstler
steht nicht so sehr hinter seinem Werk als vielmehr mitten in ihm drin.
Tapferkeit, Konsequenz, Reflexion, damit habe ich die
drei Elemente benannt, die der Kunst als, wiederum ein Wort von Godard, „konkrete
soziale Geste“ eigen sind. Es ist die Selbstermächtigung, der Welt aus
freien Stücken zu begegnen. Das trifft schließlich auch auf die existentielle
Erfahrung zu, auch der Krankheit kann man aus freien Stücken, mit Tapferkeit,
Konsequenz und Reflexion entgegentreten. Und auch das ist für den Künstler
keine Privatsache, auch das ist selber Modell und Kunst.
Nun gibt es neben den Elementen der konkreten sozialen
Geste in der Kunst auch eine ästhetische Immanenz, und wundersamer Weise
besteht diese meiner Auffassung nach ebenfalls aus drei Elementen. Das erste
ist Musikalität. Damit meine ich ein wenig mehr als Diedrich Diedrichsen, der einmal in einer wunderbaren Coda nach einer durchaus kritischen
Auseinandersetzung mit dem Künstler notiert hat, nach einer Schlingensief-Inszenierung
ginge man nach Hause wie nach einem Rock-Konzert. Ich meine damit vor allem
das Gespür für Rhythmen, Strukturen, Verwandtschaften und Beziehungen,
kurzum Komposition, und das für die notwendigen Störungen, Brechungen,
Retardierungen. Gehen Sie einmal das Wagnis ein, ein scheinbar so chaotisches
Geschehen auf der Bühne, im Film oder auf der Straße mit einer Fuge
von Bach zu vergleichen: Sie werden verblüfft sein. Erst dadurch dass beides
aufeinander trifft, das diskursive Geschehen und die immanente Musikalität,
wird aus einer Konfrontation ein Kunstwerk.
Das zweite ist die Ikonität.
Wiederum meine ich damit mehr als das Sichtbarmachen, und sei es das Sichtbarmachen
von Behinderten, von Arbeitslosen, von Ausgegrenzten und Abgeschobenen. Ich
meine, dass es in dieser Form der freien Inszenierung immer auch Bilder, große
Tableaus sozusagen, gibt, die viel mehr sind als Abbildungen dessen, was geschieht.
Die Schlingensiefsche Kunst-Maschine, die situative Spannungen erzeugt, ist
immer auch eine Maschine zur Herstellung von Bildern und, gewiss doch, Selbst-Bildern.
Und umgekehrt nimmt Schlingensief die Spannungen auch mit in eine, sagen wir,
kontemplativere, sublimere Form seiner Kunst, einer Kunst, die sich längst
auch schon wieder einem vergleichsweise traditionellen Verständnis der
Bildenden und Darstellenden Kunst geöffnet hat.
Das dritte ist, Sie haben es geahnt, die Literarität.
Und wiederum meine ich damit nicht allein den Schlingesiefschen
Jive, der längst eine ganz eigene Sprachmelodie erzeugt hat, diese Komposition
von Schlagworten, Slogans, Verdrehungen und Appropriationen, diesen Schwall
der Verdichtungen. Ich meine, dass seine Arbeit so sehr wie auf Bilder und Musik
auf Text basiert. Einer der ersten Bezugspunkte des jungen Christoph Schlingensief
war der französische Dichter Charles Baudelaire, und wie wäre es,
wenn man das eine oder andere Werk von ihm noch einmal ganz anders, nämlich
als Illustration, ja als Fortsetzung eines Poems à la Baudelaire ansehen
würde.
Aus alledem jedenfalls wird nicht das, was man modisch
und gedankenlos gern das Gesamtkunstwerk nennt, mit allem Wagnerischen, Riefenstahlschen und Hitlerischem, was dabei mit schwingt. Es geht im Gegenteil um die
offene Polyphonie, um die Entdeckung und die Errettung des einzelnen. Die Dinge
sagen Ich in den Arbeiten von Christoph Schlingensief, die Bilder, die Worte,
die Musik: Es sind Anarchisten in eigener Sache. Und jede Inszenierung ist die
Feier der Dinge, der Subjekte, der Botschaften, die ihren Wert haben. Diese
Kunst ist dazu da, den Dingen der Welt ihren Wert zurück zu geben (wenn
man will, kann man dazu ein bisschen bei dem Philosophen Hans Blumenberg nachlesen).
Die Voraussetzung für eine solche Art der Kunst
ist ein Prozess, den man mit Michail Bachtin eine
Karnevalisierung genannt hat, was insofern missverständlich ist,
als Bachtin nicht die kirchlich festgeschrieben, ritualisierte und
kontrollierte Form des Karnevals meinte, und natürlich schon gar nicht
den verordneten und medialisierten Frohsinn, an den wir gewöhnt sind, sondern eine
wiederkehrende, volksfesthafte aber eben durchaus auch politische Befreiung
und Umwertung. Nun ist freilich der Karneval nicht nur eine „Pause“ in der allgemeinen
Ordnung der Vorschriften (ein Schub an „Gerechtigkeit“ auch, in dem jeder sich
holen kann, was ihm an sexuellen und anderen Genüssen ansonsten vorenthalten
wird) und eine Freigabe der Herrschaftssprache, sondern auch eine semiotische
Veranstaltung. Karneval ist ein mehr oder weniger wilder Tanz der Zeichen, und
die Zeichen können, soviel ist klar, nur tanzen, wenn es sie gibt. Männlich/weiblich,
oben/unten, schön/hässlich, entblößt/vermummt, alt/jung,
militärisch/zivil, geistlich/weltlich, sittsam/obszön, formiert/deformiert:
temporär sollen die Zeichen frei verfügbar sein, so dass aus der „Verkleidung“
mehr wird als das kindliche Rollenspiel und die fiktionale Wunscherfüllung,
nämlich die Bezeichnung des Tabu in der Negation. Und ist es nicht erstaunlich,
was bei uns Tabu ist? Nein, kaum noch eine sexuelle Groteske, keine Blasphemie,
keine aufrührerischen Ideen. Tabu sind in dieser Gesellschaft Dinge wie
Mitleid, Solidarität, das Gewahrwerden von Heuchelei,
das Anschauen dessen, was den Fluss der Waren stört. Und Tabu ist das,
was Schlingensiefs Kunst immer wieder auszeichnet, nämlich die Dinge beim
Wort und beim Bild zu nehmen.
Michail Bachtin, dem wir die große
(mehr als) literarische Theorie der Karnevalisierung verdanken,
hat vier Grund-Elemente zusammengestellt, wie sie sich im Verlauf einiger Jahrhunderte
entwickelten:
Erstens Familialisierung (keine
Rituale von Hierarchie und Differenz, von wichtig und unwichtig, gespielt oder
ernst, keine Ab- und Anstandsregeln, sondern „Ungezwungenheit“ und direkte,
sinnliche Kommunikation, in den Worten von Christoph Schlingensief: „Ich wünschte,
wir wären alle wieder Familie“); Familialisierung bedeutet
aber auch: das Naheliegende. Also sehen, wogegen wir längst schon blind
sind, wir Fernseher und Systemtheoretiker, wir könnten durch karnevalisierte Kunst wieder in der Lage sein, das Naheliegende zu sehen.
Zweitens Exzentrizität (Suspendierung von Logik
und kulturellen Codes, Betonung des „natürlichen“ ebenso wie des exaltierten
Benehmens, Bewegung und Wort lösen sich aus der Gewalt hierarchischer und
kultureller Stellungen, Ausnahmen, die sich weigern, die Regeln zu bestätigen);
das meint aber auch zum Beispiel „Nicht funktionieren“ müssen, keinem roten
Faden, keiner Dramaturgie folgen, außer eben der, die eigenen Bilder erscheinen
zu lassen; sich genau dort wieder zu finden, wo man nach aller Erwartung gar
nicht sein sollte.
Drittens Mesalliance, so nennt das Bachtin, durchaus den ursprünglichen Verstoß gegen die sexuelle
Ordnung reflektierend, (sinnliche Verbindung des politisch/diskursiv Getrennten,
die Vermischung von Sprachen und Zeichen, des Hohen und Niedrigen, Tragödie
und Soap Opera, die alles ergreifende Begegnung mit offenem Ausgang); das ist
aber auch zum Beispiel das Zusammentreffen ganz unterschiedlicher Grade von
Professionalität und Dilletantismus, oder aber, das Aufeinandertreffen unterschiedlicher
Materialien, etwa unterschiedlicher Materialen des Films, unterschiedlicher
Gattungen und Genres.
Viertens: Profanierung (Parodie auf geistliche und weltliche
Autoritäten, symbolische Entthronungen und Entkleidungen, gezielte Fehlbesetzungen,
Durchsetzung des Pathos mit Obszönität, endlich darf Wort und Bild
werden, was außerhalb des Karneval als „ruchlos“, „entwürdigend“,
„respektlos“ oder „aufdringlich“ erscheint, aber zur gleichen Zeit wird in der
Karnevalisierung auch als heilig erkannt, was in Arbeit und Alltag als
minderwertig oder belanglos erscheinen muss, zum Beispiel der Mensch, der nichts
einbringt, der marginalisierte Mensch, der etwa bei Schlingensief Teil haben
kann an einem Prozess der Selbstermächtigung). Dabei ist die Karnevalisierung übrigens keineswegs antireligiös und heidnisch
nur vom Dogma aus gesehen. Karneval ist eine Einladung an die Götter, an
die Ahnen, an die Dämonen und an den Tod, zum Mittanzen.
Kurzum: Ein erster, registrierende Blick auf die Kunst
von Christoph Schlingensief sagt: Dies ist Karnevalisierung
in ihrer ursprünglichen Form, nämlich als Reflex auf Unterdrückung
und Heuchelei, auf ein Auseinanderfallen von Herrschaft und Ordnung, von Ordnung
und Recht, von Recht und Gerechtigkeit, von Sprache und Gesprochenem, von Abbild
und Sinnbild, von Preis und Wert usw. Karnevalisierung der Kunst
in diesem Zusammenhang ist das Gegenteil von einer Kraft, die eine wohl geordnete
Welt durcheinander bringen will, es ist vielmehr ein Versuch, in eine durcheinander
gebrachte Welt eine verlorene Ordnung zurück zu bringen. Keine Ordnung
des Diskurses, keine Ordnung der Idee, keine Ordnung der Form, sondern eine
scheinbar viel einfachere Ordnung, die Ordnung des Erkennens. Karnevalisierung
ist ein Versuch, eine Welt zum Selbstausdruck zu zwingen, deren Bewohner die
Kunst von Betrug und Selbstbetrug perfekt beherrschen. Wenn es in „7 Tage Notruf
für Deutschland“ beispielsweise den Text „Wir wollen trauern, trauern,
trauern, bis die Welt sich nicht mehr dreht“ als karnevalisierten
Pop-Song gibt, dann nicht, weil die Trauer nicht echt ist, sondern weil die
Echtheit nicht echt ist.
Die Gefahren der Karnevalisierung
von Kunst und Politik liegen auf der Hand. Da lauern auf der einen Seite die
Peinlichkeit, oder auch die kindliche Naivität, das, was das Feuilleton
der ZEIT dann „Geblödel“ nennt, und am schlimmsten ist das leichte Branding:
Provokateur vom Dienst, und ewiges enfant terrible, Spaß- und Krawallmacher
hat man Schlingensief genannt, der „Schocker“ schrieb die B.Z., den „Allergiker“ steuerte
der Spiegel bei, und die Süddeutsche nannte ihn den „Erben der Guldenburgs“
was ich ehrlich gesagt nie verstanden habe, erst recht nicht nach Ansehen der
bescheuerten Reichen-Soap Opera des deutschen Fernsehens, zum „patentierten
Amokläufer der Film-, Theater- und Kunstszene“ und zum „Spaß-Guerillero“
brachte er es beim Tagesspiegel. Es scheint eine Strategie der Verkennung hinter all
dem zu lauern, in der das, was Schlingensief der Gesellschaft zumutet, zur Lausbüberei
oder eben zum Dosenbier-Gestus des Punk heruntergestuft ist.
Da lauert die Vereinnahmung, das Hofnarren-Syndrom einer
Politik, die sich schneller selber karnevalisiert als es das
Theater zum Beispiel je könnte, und da lauert die Umarmung des repressiven
Liberalismus einer Kultur, die noch so ziemlich alles verdaut hat. Diese Gefahren
sind dem Künstler – und uns Schlingensiefianern – durchaus
bewusst. Aber diese Karnevalisierungen sind ja immer grimmige Übernahmen (Stichwort Tapferkeit),
man muss sie durchstehen (Stichwort Konsequenz), und man muss mit der eigenen
Verblüffung leben, darüber was die Übernahme immer wieder zu
Tage fördert (Stichwort Reflexion), zum Beispiel anhand der Frage einer
Kollegin: „Wie schafft es der Schlingensief mit solchen Nullaktionen, die Menschen
aufzuregen und dass sie ihr Gesicht zeigen? Und sie antwortet mal vorsichtshalber:
„Wahrscheinlich weiß er es selber nicht genau“. Und ich behaupte dagegen:
Das kann man wissen, wenn man es denn wissen will. Denn was radikale Karnevalisierung scheinbar überraschenderweise absolut nicht zulässt,
das sind Zynismus, Kompromiss und, scheinbar paradoxerweise, soziale Maskerade.
Übrigens heißt das ganz und gar nicht, dass
es nicht das umwerfend Komische in Schlingensiefs Arbeiten gäbe. Als er
wegen seines „Tötet Helmut Kohl“ – Plakats auf der documenta in Kassel verhaftet und in Handschellen abgeführt
wurde, beschrieb er detailreich die Geschehnisse nach dem Aufruhr: „Der Ton
war dann auch versöhnlicher: Wir müssen schließlich handeln,
wenn sich die Bevölkerung beschwert. Der Kaffeehausbesitzer von nebenan
soll sich beschwert haben und eine alte Dame, die mal rein kam und sagte, wir
sollten leiser machen. „Sie müssen mich auch verstehn“,
sagte mir der Beamte, „ich muss an meine Familie denken“. Da habe ich gesagt:
„Ich hätte auch gerne Familie“. Das war’s dann eigentlich. Dann kamen wir
raus, da war die documenta – Leitung da, Presse, einige Leute, die vom Ausstellungsgebäude
rüber gelaufen waren und holten uns da vor dem Revier ab. Das war wie Bilder
vergangener Zeiten. Ich hatte so was immer versucht, ein Popstar zu werden,
bei ‚Kühnen 94’ ein Neonazi-Popstar, bei ‚Rocky Dutschke’
wollte ich die Kulturrevolution sein, dann ein Talkshow-Popstar, und nie hat
es geklappt. Und nun schenkt mir die Polizei so einen Moment“. Und dann heißt
es noch „Wir wollten eigentlich beweisen, dass Kunst keine Funktion mehr hat.
Und jetzt sind wir von der Welt enttäuscht, dass sie nun doch eine hat“.
Und was für eine!
Christoph Schlingensiefs Kunst ist gleichsam ernsthaft
karnevalisiert. Es ist nicht die Kunst, die sich karnevalistisch genießen
ließe, sondern umgekehrt jene Kunst, die mit der karnevalisierten
Befreiung ernst macht. Und eben als Karneval kann man in der Kunst erkennen,
wie sehr das Leben von Inszenierung geprägt ist, und wie sehr sich in Inszenierungen
das Leben zeigt. Die einzige Voraussetzung: Man muss das aushalten. Man muss
das aushalten als Künstler, das einem die Inszenierung ins Leben entkommt,
dass einem das Leben in die Inszenierung pfuscht, und man muss das aushalten
als Adressat, dass man nicht drum herum kommt, Teil der Inszenierung oder eben
des Lebens von Christoph Schlingensief zu werden, oder einen Christoph Schlingensief
in die Welt- Erkenntnis geholt zu haben, den man so schnell nicht wieder loswird.
Und Aushalten kann man das nur, weil das Scheitern ein Teil der Abmachungen
ist. Ich-Sagen nämlich, deswegen können es immer weniger Menschen,
kann man nur lernen, wenn man mit der Möglichkeit des Scheiterns lebt.
Ein Ich, das nicht scheitern kann, ist schon verloren.
Daraus entstand eine Kunst, auch jenseits der Punk-Wurzeln,
die sich einmischt. Das ist mehr als traditionell politische Kunst sagt, in
der man möglicherweise die Gesellschaft analysiert, ihr einen Spiegel vorhält,
ihre Repräsentanten zur Kenntlichkeit verzerrt, entlarvt, demaskiert,
Kunst, die Stellung bezieht, parteiisch ist, sich ihrer sozialen Verantwortung
bewusst ist, und wie die entsprechenden Floskeln alle lauten. Die Kunst des
Einmischens steuert stets einen Punkt an, an dem das Abbilden und Erzählen
in ein konkretes soziales Geschehen mündet.
Der Schlüssel dazu scheint mir in einer Antwort
zu liegen, die Christoph Schlingensief auf eine gewundene, durchaus nicht törichte
Frage eines Journalisten nach Bedingungen und Problemen seiner Inszenierung
gab. Diese Antwort lautete: „Ich mache es einfach“. Ich glaube, besser kann
man die Selbstermächtigung einer Kunst nicht ausdrücken, die sich
nicht transzendental, nicht mythisch und nicht psychologisch erklären will,
sondern aus der Beziehung des sich seiner selbst bewussten Subjekts zur Gesellschaft,
als in diesem „Ich mache es einfach“.
Wie die meisten Schlüsselsätze für eine
künstlerische Strategie kann man auch diesen durch eine kleine Akzentverschiebung
neu ausloten. Dann lautet der Satz nicht mehr „Ich mache es einfach“, sondern
er lautet „Ich mache es einfach“.
Damit ist, glaube ich, nicht gemeint, dass die Kunst
Dinge vereinfachen würde. Dafür haben wir ja das Fernsehen. Es geht
vielmehr darum, die Dinge auf ihren Kern zu reduzieren. An einer Sache, egal
ob es ein Film ist, ein Bild, eine theatralische Inszenierung, ein öffentlicher
Auftritt, eine Talk Show, ein Bauwerk, einfach alles weglassen was gelogen ist.
Dann eben redet man in einer Talk Show nicht weiter, wenn einem nichts mehr
einfällt, so wie wir es gewohnt sind, sondern man schweigt, oder man spricht
darüber, dass einem nichts einfällt. Und auch Christoph Schlingensiefs
Filmfiguren, die zugegebenermaßen zur körperlichen und verbalen Hyperaktivität
tendieren, tun im Zweifelsfall lieber einmal nichts als sich für eine konventionelle
Zeitfüllung herzugeben. Dazu noch ein Schlüsselsatz: „Ich will das
Leben davon überzeugen, dass es zum größten Teil inszeniert
ist, und das Theater, dass es ohne das Leben nicht aus kommt“. Auch das klingt
zunächst einfacher als es vielleicht ist.
Vielleicht sind wir auf diese Weise noch einmal zu Theodor
W. Adornos einschüchterndem Donnersatz gelangt. Es gibt kein
richtiges Leben im falschen. Und unsere Verzweiflungsschreie „Ja, wo denn sonst?“
verhallten ungehört. Doch ein bisschen Quellenstudium hilft da weiter.
In der ursprünglichen Version hieß der Satz nämlich weniger
suizidal: „Man kann nicht privat richtig leben wenn man gesellschaftlich falsch
lebt“. Das ist immer noch ein Donnersatz, zumal in einer Kultur wie der unseren,
in der es eine lange Tradition dazu gibt, vor der falschen Politik ins richtige
Privatleben zu fliehen, ebenso wie vor der falschen Familie in die richtige
Politik. Aber es ist nun ein Satz, mit dem man leben und arbeiten kann. Ich
kann die Arbeit meines idealen Künstlers zur Zeit, ich
kann die Kunst von Christoph Schlingensief als sehr praktische Antwort auf dieses
Diktum verstehen: Es geht darum, die Mauern einzureißen, hinter denen
man sich zwischen richtiger Illusion und falscher Wirklichkeit, oder eben umgekehrt,
zwischen Inszenierung und Leben verbergen will.
Hier übrigens scheint mir durchaus eine Beziehung
zwischen dem Namenspatron des Preises, Helmut Käutner,
und dem Preisträger Christoph Schlingensief zu liegen, so gewagt der Sprung
zwischen beiden auch erscheinen mag. Einmal davon abgesehen, dass es sich bei
beiden um liebenswerte Menschen handelt, was in diesem Metier, in dem es immer
auch um Machtkämpfe, um Durchsetzung und Hybris geht, alles andere als
selbstverständlich ist, so handelt es sich bei beiden wohl um angewandte,
pragmatische Humanisten, die, wenn es darauf ankommt, ihre Kunst auf die Seite
der Menschen stellen. Nicht der Menschheit, nicht einmal der Kunst: Die Kunst
des Humanismus geht davon aus, dass es, wenn es um die Rettung des einzelnen
Menschen geht, letztlich auf die Kunst nicht mehr ankommt.
Die Antwort auf den Widerspruch zwischen Kunst und Leben
liegt zuerst einmal in einem für den Künstler Schlingensief signifikanten
Gespür für den Ort. Alles was er tut, findet an einem bestimmten,
dem genau richtigen Ort statt, und umgekehrt ist alles, was er tut, auch eine
Erforschung des Ortes. In der Dialektik zwischen Inszenierung und Leben nämlich
kommt dem Ort eine besondere Bedeutung zu. Genau hier ist das Richtige
im Falschen, und das Falsche im Richtigen. Tapferkeit, Konsequenz und Reflexion,
Musikalität, Visualität und Literarität benötigen und erschaffen den
Ort, um zueinander zu kommen. Und daher also gibt es eine weitere Definition
dieser Kunst: Nach der Kunst des Ich- Sagens, nach der Kunst des Richtigen im
Falschen ist es die Kunst des Ortes. Und immer steckt in Schlingensiefs Installationen
auch das Religiöse, das Schamanische, das Magische, das aus der Örtlichkeit
entsteht. Das Aussprechen einer Sache ist hier ein durchaus heiliger Akt, das
Erzeugen wie das Vernichten eines Bildes ein Akt einer neuen Heiligung. Man
kann das, materialistisch betrachtet, einfach eine ästhetische Methode
nennen. Vielleicht ist es aber auch eine Reaktion auf den Umstand, dass uns
die Dinge umso fremder geworden sind, je näher liegend sie scheinen.
Also noch ein Schlüsselsatz von Christoph Schlingensief:
„Kunst wird erst dann interessant, wenn wir vor irgend etwas
stehen, das wir nicht restlos erklären können.“ Es ist also eine politische
Kunst mit offenem Ausgang, eine Kunst, die sich ganz gewiss keiner Ideologie
zum Komplizen eignet. Und so mag das große Projekt dass wir dem idealen
Künstler zur Zeit verdanken, auch darin bestehen, der Kunst selber einen
neuen Ort zu verschaffen. Dort, wo sie überrascht zur Kenntnis nimmt, dass
sie nicht nur bedeutend, sondern sogar notwendig ist.
Meine ideale Kunst zur Zeit verzichtet
darauf, perfekt, geschlossen und harmonisch zu sein. Sie ist dagegen dringend
notwendig. Sie will uns herausführen aus einer selbst verschuldeten Lähmung.
Sie kann uns lehren, am richtigen Ort Ich zu sagen, und das Spiel von Profanierung
und Heiligung nicht nach den allgemeinen Regeln, sondern aus freien Stücken
aufzunehmen. Eine Kunst wie die von Christoph Schlingensief ermächtigt
nicht nur den Künstler, sie ermächtigt den Menschen gegen die Mikro-
und Makrophysik der Macht. Sie beantwortet die Frage: „Sind wir noch da?“ Oder
wenigstens stellt sie diese notwendigste aller Fragen. Und allein dafür,
wenn nicht ganz nebenbei auch noch eine Menge Schönheit im Spiel wäre,
gebührt Christoph Schlingensief noch mehr als ein Preis: Nämlich unsere
genaue Aufmerksamkeit, unser Hinschauen und Hinhören. So ein Preis freilich
ist dann eine Rückmeldung, dass wir etwas verstanden haben von der Notwendigkeit
und von der Schönheit dieser Kunst.
Georg Seeßlen
Dieser Text ist zuerst erschienen am 02.03.2010 in: www.getidan.de
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