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Die
Schulung der Wahrnehmung
Kritik der Kritik (2): Wer
heute über Film schreibt, zehrt nicht mehr vom Glanz einer a priori progressiven
Haltung - und doch kann die Filmkritik trotz der Allgegenwart von Dutzendware
helfen, zu sehen, was man ohne das Kino nicht wahrnähme
Kritikfähigkeit wird heute
von jedem Schulkind erwartet. Aber wie steht es denn damit in der Kultur?
Ist Kritik auf dem Rückzug,
bedrängt durch die Konsumindustrie? Ist sie nötiger denn je? Und wie
soll/kann/muss sie heute aussehen? Eine Artikelreihe zum gegenwärtigen
Stand des kritischen Handwerks
Kürzlich besuchte ich die
Pressevorführung von "Trennung mit Hindernissen", einer romantischen
Komödie mit Vince Vaughn und Jennifer Aniston. Der Film war langweilig,
seine Auffassung von Partnerschaft und Geschlechterrollen deprimierend, und
die einzigen Pointen, an die ich mich erinnere, gingen auf Kosten einer jüdischen
Galeristin und der von ihr ausgestellten abstrakten Kunst. Im umgekehrten Verhältnis
zur Durchschnittlichkeit dieser Komödie stand der Aufwand, der um sie betrieben
wurde: Bevor ich den Kinosaal betreten durfte, musste ich mich auf mitgeführte
elektronische Geräte untersuchen lassen. Mein Mobiltelefon musste an der
Garderobe bleiben, während der Vorführung patrouillierten Aufpasser
mit Nachtsichtgeräten die Gänge auf und ab, um zu kontrollieren, dass
niemand heimlich filmte, was auf der Leinwand geschah. Wie eine Pretiose wurde
hier behandelt, was nichts als Dutzendware war.
Wie reagiert man als Filmkritiker
auf diese Diskrepanz? Soll man den Film ignorieren? Verreißen? Darüber
klagen, dass "Trennung mit Hindernissen" Leinwände beansprucht,
die andere Filme bitter nötig hätten? Und was erst tut man, wenn man
es Woche für Woche mit Filmen wie diesem zu tun hat? Voller Pessimismus
schreibt Jonathan Rosenbaum, ein cinephiler Filmkritiker aus Chicago: "Selbstverständlich
steht es Filmkritikern frei, ihrem negativen Urteil über einzelne große
Studioproduktionen Ausdruck zu verleihen. Was ihnen aber in der Mehrheit der
Fälle nicht freisteht, ist, diese Filme erst gar nicht zur Kenntnis zu
nehmen oder zu viel ihrer Aufmerksamkeit auf solche Filme zu verwenden, deren
geringes Marketingbudget sie zu Randerscheinungen für Mainstream-Medien
macht." Verrisse zeitigen ohnehin keine Konsequenzen: "The
Da Vinci Code"
wurde fast überall mit Hohn und Spott bedacht und führte trotzdem
bis Anfang Juli die deutsche Besucherstatistik an.
Umso größer wird die
Versuchung des Pessimismus, je lebhafter man sich an das Schillern erinnert,
das dem Kino einst zu Eigen war. Wer sich vor 30, 40, 50 Jahren für die
Sache des Films stark machte, stand automatisch auf der richtigen Seite. Er
half, eine populäre Kunstform zur Geltung zu bringen, indem er sie gegen
die Apologeten der Hochkultur verteidigte. Das Ergebnis war eine Erweiterung
des bürgerlichen Kunst- und Kulturbegriffes. In Deutschland halfen Kritiker
wie Frieda Grafe und Enno Patalas, in Frankreich François Truffaut, Eric
Rohmer, Jacques Rivette und Jean-Luc Godard (die selbst schon Filme drehten
oder im Begriff standen, es zu tun), die Schönheit John Fords zu entdecken,
den Humor Buster Keatons, die Shakespeare'sche Dimension Akira Kurosawas, die
Autorschaft Alfred Hitchcocks. Wer sich um die Zeitschrift Filmkritik gruppierte, beharrte zudem auf
dem Spezifischen des Filmes, auf dem Bild und dessen Bewegung und auf dem Versuch,
eine Sprache zu entwickeln, die den bewegten Bildern gerecht wurde. Es war das
Verdienst dieser Kritikergeneration, sich für den Film zu begeistern, ihm
ein Forum und eine ernst zu nehmende Form der Auseinandersetzung und der Reflexion
zu schaffen.
Manche berufen sich heute noch
auf dieses Erbe und verfallen dabei einem Automatismus. Für sie ist jeder
Film schützenswert, da er für eine marginalisierte Kunst steht. Doch
das ist eine Sinnestäuschung. Der Film ist durchgesetzt, er muss nirgendwo
mehr um Anerkennung kämpfen. Wer heute über Film schreibt, kann deshalb
nicht mehr vom Glanz einer a priori progressiven Haltung zehren. Er hat kein
großes Projekt mehr, er hat das Klein-Klein filmkritischen Alltags. Nicht
das Glück des Gipfels, sondern die Mühen der Ebene. Und wenn er Pech
hat und die Augen nicht weit genug aufmacht, dann wird die Ebene zur Wüste,
in der außer "Trennung mit Hindernissen", "The Da Vinci
Code" und "Poseidon" nichts gedeiht.
Was bleibt, wenn die große
Geste sich verbraucht hat? Sich zurückziehen auf die Filmgeschichte und
sich in der kulturpessimistischen Behauptung einkapseln, seit der Nouvelle Vague
/ seit New Hollywood / seit dem deutschen Autorenfilm sei ohnehin kein interessantes
Kino mehr entstanden? Das ist eine vorhersehbare, dünkelhafte Haltung,
die nichts als verbiesterte Texte hervorbringt. Im Gefolge der cultural studies die Gebrauchsware mit Theorie
anreichern und dadurch nobilitieren? Funktioniert manchmal wunderbar, bei "King
Kong"
zum Beispiel, wirkt aber spätestens bei "The Da Vinci Code" oder
"Matrix 3" bemüht.
Ausschwärmen in die entlegenen
Gefilde der Filmgeschichte und -gegenwart? Zeitigt teilweise aufregende Ergebnisse,
wird aber schnell zur Überheblichkeitsgeste: Alle anderen verstehen nichts,
aber ich, der ich Lav Diaz', Pedro Costas und João Cesar Monteiros Oeuvre
in- und auswendig kenne, der ich den Namen Apichatpong Weerasethakul ohne einmal
zu stocken aussprechen kann, ich weiß, wovon ich rede.
Soll man also lieber vor jeder
kritisch-analytischen Anstrengung in eine emphatische Schreibweise flüchten,
die sich dem subjektiven Empfinden verpflichtet? Das mag in der deutschen Literaturkritik
eine neues Thema sein, in der deutschen Filmkritik ist es eine Diskussion,
die vor gut 15 Jahren geführt wurde. Dokumentiert ist sie in dem schönen
Band "Die Macht der Filmkritik. Positionen und Kontroversen". Der
französische Kritiker Serge Daney wusste schon vor mehr als zwei Jahrzehnten,
wohin die Emphase führt, sobald sie sich von jeder kritischen Unternehmung
freimacht: "Wenn man in den ,populären' Zeitschriften oder Zeitungen
die Kritiken von denen liest, die sich damit brüsten, nur von der Lust
geleitet zu werden, so stößt man auf miserable Dinge, leere Adjektive,
Ausrufezeichen, Lautmalereien, auf Dinge, die zu signieren man sich schämen
und der Werbung vorbehalten müsste (die wenigstens eine richtige und übrigens
besser bezahlte Arbeit ist)."
Doch es gibt Auswege. Einer führt
zunächst einen kleinen Schritt zurück. Dabei nämlich entdeckt
man, dass schon Kritiker wie Frieda Grafe die Fragen verhandelten, mit denen
man sich heute wieder quält. Probleme wie die Ohnmacht der Filmkritik angesichts
des Marketings oder die Tatsache, dass man in Cannes und Venedig tolle Filme
zu sehen bekommt, die in Deutschland nie einen Verleih finden oder so versenkt
werden wie jüngst Jonathan Caouettes experimenteller Tagebuchfilm "Tarnation", diese Probleme kehren
zyklisch wieder. Und wenn man bemerkt, dass alles schon einmal da war, relativiert
sich die Ernüchterung. Wenn man sich dann, in einem zweiten Schritt, auf
die Primärtugenden der Kritik besinnt - Neugier, Leidenschaft, Entdeckerfreude,
Sachverstand und die Fähigkeit, diesen Sachverstand zu vermitteln -, dann
ist schon viel gewonnen. Gesellt sich dazu noch eine methodische Vielfalt, kann
es losgehen. Denn welche Werkzeuge man anwendet - ob man sich dem close reading
verschreibt oder gesellschaftliche Fragen zu beantworten sucht, ob man sich
bei der feministischen Filmwissenschaft oder bei den queer studies bedient, sich psychoanalytisch inspirieren lässt oder sein
Reservoir subkulturellen Wissens ausschöpft -, ist nicht kategorisch, sondern
von Fall zu Fall zu entscheiden. Löst man sich dann noch vom Themendiktat
der aktuellen Filmstarts, kann es aufregend werden.
Für mich ist das Aufregende
am ehesten im Autorenkino und im künstlerisch-experimentellen Film zu finden,
dort, wo ich mich mit Regisseuren wie den bereits erwähnten befasse, mit
Lav Diaz, Apichatpong Weerasethakul, Jonathan Caouette, Pedro Costa, João
Cesar Monteiro und anderen. Nicht im Sinne eines Geheimwissens, das mich gegenüber
anderen, nicht eingeweihten Kritikern auszeichnete, sondern weil das Kino für
mich ein privilegierter Ort der Fremderfahrung ist. Ins Kino zu gehen und Unvertrautes
zu sehen, gehört für mich untrennbar zusammen. Auf der Leinwand vergrößert
sich die Welt, vervielfältigen sich die Genüsse und Erkenntnismöglichkeiten. Mag die
Verwandtschaft von Kino und Reisen ein wenig überstrapaziert sein, mag
man sich, sobald man sie anführt, in den zu großen Fußspuren
Serge Daneys bewegen, wirksam und aufschlussreich ist diese Analogie dennoch,
insofern beides, das Kino wie die Reise, Unvorhergesehenes mit sich bringt,
insofern beides überfordert, die Sinne anregt und anstrengt, vielleicht
überanstrengt, aber zugleich Neugier entfacht, das Denken und die Wahrnehmung
herausfordert.
Ich habe so vieles im Kino zu
sehen und zu verstehen gelernt; Dinge, die ich um keinen Preis missen möchte,
weil sie zu meiner éducation sentimentale wie zur Schulung meiner Wahrnehmung
beitrugen: wie der Schimmel in Georges Franjus "Le sang des bêtes"
in die Knie geht, nachdem der Schlachter ihm die Kugel verpasst hat; wie in
Jean Rouchs "Les maîtres fous" die westafrikanischen Wanderarbeiter
sich versammeln, um in der Trance, im religiösen Ritual mit den Erfahrungen
von Kolonisierung und Modernisierung umzugehen; wie in Chantal Akermans "De
l'autre côté" die mexikanischen Flüchtlinge als weiße
Schemen über die Grenze in die USA ziehen; wie die Bäuerinnen in Lav
Diaz' "Evolution of a Filipino Family" die Büffel in endlosen
Plansequenzen durch das Bild treiben; wie Volker Spengler in der Rolle der transsexuellen
Elvira in Rainer Werner Fassbinders "In einem Jahr mit 13 Monden" durch Frankfurt irrt; wie der Tiger in Apichatpong Weerasethakuls
"Tropical Malady" von der Leinwand hinunterblickt; wie … Die Liste könnte
ewig so weitergehen. Und statt sich all diesem Reichtum anheim zu geben, wollen
alle immer nur "Star Wars"? Ich glaube es nicht.
In den USA, klagt die Kritikerin
und Kuratorin B. Ruby Rich, fristen ausländische Filme ein Schattendasein.
Die große Mehrheit der US-Amerikaner guckt sie nicht. Den Grund dafür
sieht Rich weniger in der Faulheit, Untertitel und Bild gleichzeitig zu verfolgen,
sondern in einer verhängnisvollen Einsprachigkeit: Diese "schafft
eine monokulturelle Welt - eine Welt, in der unsere Werte nicht nur vorherrschen,
sondern von allen geteilt und von niemandem angezweifelt werden. Es ist ein
Kinderbild der Welt, ein Bild, in dem das Selbst vom Anderen unberührt
bleibt und nichts von ihm erfährt, sich dessen Existenz gar nicht bewusst
ist, sich dessen Bedürfnissen gegenüber verhärtet und sich behaglich
in einem Kokon einnistet, der früher einmal Ethnozentrismus hieß
und den ich heute, indem ich einen Begriff aus der queer theory borge, um ihn zu überwinden, imperiale Normativität
nennen möchte." Wer seine Weltanschauung nie mit etwas konfrontiert,
was außerhalb davon liegt, kapselt sich ein; wer seine Wahrnehmung nie
mit der Wahrnehmung eines Gegenübers abgleicht, regrediert. Was bleibt,
ist das narzisstische Vergnügen, sich nichts Neuem auszusetzen.
Filmkritik kann sich diesem Narzissmus
in den Weg stellen. Sie hilft zu sehen, was man ohne das Kino nicht wahrnähme
- sei es der schlecht ausgeleuchtete schwule Sex auf Andy Warhols "Couch",
seien es die Schemen in den Wäldern Apichatpong Weerasethakuls, sei es
Georges Franjus Schlachthof am Rande von Paris oder seien es James Bennings
minutenlange Aufnahmen von Wasser, Wellen und Wolken. Wenn Filmkritik hilft,
den Blick hierfür zu schärfen, hat sie schon eine Menge geleistet.
Cristina Nord
Dieser
Text ist zuerst erschienen in der taz vom 18.7.2006
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