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Die 120 Tage von Bottrop
Mit Furore, Trara, wilder Jazzmusik und fetzigen
Zwischentiteln kündigt er sich an, der letzte Neue Deutsche Film: "Die 120
Tage von Bottrop". Und obwohl er nur in Mono gedreht wurde, weist bereits
die erste Titelkarte den Zuschauer darauf hin, dass er den Film doch bitte laut
und mit vielen Höhen genießen soll. Ja, wild und laut soll es werden: Eine
ekstatische, exaltierte Zurückbesinnung auf alte Werte und Formen, ein letztes
Hoch auf die geistige und formale Integrität der vergangenen
Filmemachergenerationen und ein spöttischer, nahezu hochnäsiger Blick auf die
derzeitige, konventionelle Filmwelt Deutschlands. Und somit der vielleicht
wichtigste deutsche Film der 90er Jahre.
Christoph Schlingensiefs Stil für seine Komödie,
seiner Parodie über sein eigenes Medium, besitzt eben jenes Filmbewusstsein der
Neuen Deutschen Filme der 60er und 70er: Selbstreflexion ist ein Muss; das
Universum, das Schlingensief für "Die 120 Tage von Bottrop" spinnt,
ist weder Wahrheit noch Lüge, sondern ein Zwitterwesen, das sich sowohl
Schauspieler als auch natürlicher Menschen bedient, sowohl repräsentatives
Dokumaterial als auch Film und Archivmaterial zeigt und vor Intertextualität
trieft. Und so ist es nur konsequent, wenn der letzte Neue Deutsche Film
"Die 120 Tage von Bottrop" eben von den (fiktiven) Dreharbeiten zu
dem letzten Neuen Deutschen Film handelt: Ein Remake von Pier Paolo Pasolinis
"Die 120 Tage von Sodom", gedreht
auf Deutschlands größter Baustelle, dem Potsdamer Platz.
Mit "Die 120 Tage von Bottrop" ist es
Schlingensief gelungen, einen provokanten, aber auch hochintelligenten Film zu
drehen, der nichts mit der gefälligen Nacherzählbarkeit seiner erfolgreichen
Kollegen-Filme aus den 90ern zu tun hat. Sein Film ist wahrlich der letzte Neue
Deutsche Film. Doch Schlingensiefs Pendant, gespielt von Martin Wuttke, im Film
scheitert: Noch vor Drehbeginn wird er zum Produktionsleiter degradiert, und
eine höhnische Mutation des deutschen Filmmainstreams, Sönke Buckmann, ein
lallender Dilettant, ersetzt ihn. Buckmann wäre gerne Fassbinder und klebt sich
daher einen falschen Schnauzbart an. Doch ansonsten erinnert nichts an die
Qualitäten des großen deutschen Filmvisionärs.
Unter Buckmanns Regie stirbt der Neue Deutsche Film
tausend Tode: Schlingensief sieht sich als Jesus Christus, als Märtyrer für
eine ganze Generation von Regisseuren, und inszeniert sich selbst in
Kreuzigungsposen. Die Besetzung, verschiedene ehemalige Fassbinder-Stars, hegt
nur Missgunst untereinander: Volker Spengler produziert den Film, verführt
entweder gerade die Komparsen oder hält unsinnige Telefonate mit seinem
Kontaktmann in den USA (der nun wieder von Schlingensief selbst gespielt wird).
Als Margit Carstensen erklärt wird, dass Fassbinder tot sei, stürzt sie sich
aus einem Fenster – gemäß der Filmlogik sieht man lediglich, wie sie ein Double
aus Stoff und Kleidung herauswirft – und vermacht als letzte Worte eine
mahnende Erinnerung ans Oberhausener Manifest – der Kunstfilm stirbt
anscheinend mit ihr – doch nicht ganz: Am ersten Drehtag ist sie in
zeremonieller Kleidung und in einen Rollstuhl gefesselt wieder zugegen. Kurt Raab,
eigentlich 1988 an AIDS verstorben, kommt als Zombie zurück ans Set; Irm
Hermann hingegen scheint nur die baldige Ankunft Helmut Bergers zu
interessieren, doch der Agent in den USA, der sich eigentlich um Berger kümmern
solle, hängt lieber mit Udo Kier und Roland Emmerich herum.
Am Ende wird das Remake nicht gedreht, der letzte
Neue Deutsche Film scheitert. Der Grund scheint eindeutig, denn der wahre
Schlingensief-Film, der nun jene Werbezeile für sich in Anspruch nimmt,
differiert in seiner Crew nur in einer einzigen Person: Der Einfluss der vom
konventionellen und vom zunehmend wirtschaftlicheren Kino korrumpierten
Nachfolgegeneration, nämlich eben jene Figuren, deren Auftritt Schlingensief
bei der Deutschen Filmpreis-Verleihung vom Monitor abfilmt – Riemann und Co. –
Filmemacher und Schauspieler, die nichts mit den Idealen von Fassbinder und
seinem Umfeld zu tun haben. Schlingensiefs Film jedoch zitiert die alten Werte
permanent, es ist ständig die Rede von "13 Monden", von ratlosen Artisten,
wie bei Kluge – sogar Leni Riefenstahl (gespielt von der Baronin von
Berswordt-Wallrabe) besucht das Filmset und übernimmt die Kamera. Der Wiener
Kurt Kren, seines Zeichens brillanter Vordenker für den strukturellen Film,
besorgt für Schlingensief die Schwarzweißkamera, spielt sich selbst im fertigen
Film. "Die 120 Tage von Bottrop" hat mehr mit der vergangenen
deutschen Filmlandschaft zu tun als mit Pasolinis Skandalwerk. Und noch weniger
mit Bottrop. Schlingensief ist allerdings selten sentimental, sondern zeigt es
seinen Feindbildern in Wort und Bild noch mal so richtig. Bereits in den ersten
Texteinblendungen nimmt er mögliche Kritik von Wim Wenders vorweg und in die
letzten Leinwandbeschriftungen setzt er ein Zitat über die Verdummung in
Deutschland – und dass diese zwangsläufig eine intelligente Gegenbewegung
hervorrufen würde. Ein Zitat aus 1915 übrigens.
Dazwischen herrscht Exzess, komödiantische
Übertreibung, Zitate und Parodien, Helge Schneiders wilde Jazzmusik und ein
Schnitt- und Ideenfeuerwerk, das man schwer in eine komplette Inhaltsangabe
summieren kann. "Die 120 Tage von Bottrop" sind wahrlich ein Hohelied
auf den Deutschen Film, als er noch Profil, Ideen und Skandale hatte. Als er
noch Ikonen wie Fassbinder oder Kluge hatte. Doch für einen letzten
sarkastischen Akt für und durch die deutsche Kunst rettet Schlingensief all das
Charisma, all die Energie einer längst verlorenen und im Umfeld der heutigen
Filmökonomie vergessenen Zeit. "Die 120 Tage von Bottrop" ist der
Abschied der Kunst, der großen deutschen Filmkunst. Und zugleich eine
Grabtragung. Der deutsche Kunstfilm ist tot, es lebe der deutsche Kunstfilm!
Björn Last
Dieser Text ist zuerst erschienen in:
Die 120
Tage von Bottrop
Deutschland,
1997. Regie: Christoph Schlingensief. Drehbuch: Christoph Schlingensief, Oskar
Roehler. Kamera: Christoph Schlingensief, Kurt Kren, Ralph Brosche, Voxi
Bärenklau. Schnitt: Bettina Böhler. Musik: Helge Schneider. Darsteller: Margit
Carstensen (Margit), Irm Hermann (Irm), Volker Spengler (Volker), Mario
Garzaner (Sönke Buckmann/Rainer Werner Fassbinder), Martin Wuttke (Christoph),
Christoph Schlingensief, Udo Kier, Kitten Natividad, Helmut Berger, Roland
Emmerich, Frank Castorf, Leander Haußmann, Sophie Rois. Farbe/Schwarzweiß. 59
Min.
Die DVD mit dem Film und einem Interview mit C. Schlingensief ist erschienen und erhältlich bei: www.filmgalerie451.de
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