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Shaun
of the dead
Achtet
der Zeichen!
Ist da etwa irgendwas im Busche in der Londoner Vorstadtwelt, in der Shaun (Simon Pegg) zu Hause ist? Weil sein Chef und dessen Vertreter beide auf einmal krank geworden sind muss Shaun als Dienstältester heute die Leitung in dem TV-Laden in dem er arbeitet übernehmen. Aber krank werden kann ja schließlich jeder einmal! Zeitungen, Radios und TV sind voll von merkwürdigen Meldungen über Satellitenunglücke, Katastrophen und Seuchen. Ist ja alles auch nichts Neues! Aber, war der Herr an der Bushaltestelle eben nicht drauf und dran eine lebendige Taube zu verspeisen? Na ja, sei’s drum! Shauns mediengeschultes Auge ist schließlich daran gewohnt den Bildern, die auf ihn einstürmen, nicht allzu viel Bedeutung beizumessen und so ignoriert er alle Zeichen geflissentlich.
Das Leben
von Shaun und seinem Kumpel Ed (Nick Frost) spielt sich ab zwischen Spielkonsole,
Spätkauf und ihrer Stammkneipe, dem „Winchester’s“. Im Wege stehen dem
seligen Versagertum eigentlich nur Mitbewohner Pete (Peter Serafinovic), der
von knapp Dreißigjährigen offenbar erwartet, dass sie sich etwas
erwachsener verhalten, Shauns Freundin Liz (Kate Ashfield), der dieses Leben
irgendwie zu eintönig ist und der drohende Untergang des vereinigten Königreichs
durch eine Seuche, die die Menschen in blutgierige Untote verwandelt.
Edgar
Wrights Zombiefilmparodie Shaun
of the dead
besticht zunächst durch das angenehme politische Understatement mit dem
er die Zombiefizierung des Alltagslebens darstellt.
Der
Film gibt zunächst vor, nicht mehr zu sein als ein Stück Unterhaltungskino
für Genre-Fans. Eine Zombiefilmverarschung im Sitcom-Style, voll britischen
Humors und einer seltsam nostalgischen Sympathie für die Asozialität
seiner Protagonisten. Ganz im Gegensatz zu einigen Genrefilmen der 70er und
80er Jahre, die den Zuschauer oftmals mit jedem Bild am Kragen greifen wollten,
um ihm ins Gesicht zu schreien: „Siehst du eigentlich, wie verdammt gesellschaftskritisch
ich bin ?!“ Die Ausrichtung auf die Befriedigung ihrer hedonistischen Konsuminteressen
entspricht dem reduzierten Leben von Romeros Zombies, das einzig und alleine
nach Befriedigung des Fresstriebs strebt. Die beiden Fernsehkomiker Simon Pegg
und Nick Frost spielen ihre Rollen mit einer zielgerichteten Bewegungsökonomie,
die allen bisherigen Zombies der Filmgeschichte Konkurrenz macht. Shaun und
Ed bewegen sich in ihrem Mikrokosmos in etwa so wie die erblindete Ursula Buendía
durch ihr Haus in Macondo geht, ohne mit anderen Familienmitgliedern zusammen
zu stoßen, weil sich alle so sehr in festen Bahnen bewegen, dass sie einfach
auswendig lernen kann, wer wann wo sein wird.
In der
absoluten Formalisierung und Ritualisierung des (kleinbürgerlichen) Lebens
führt der letzte Weg in die Dekadenz, den Verfall aller Form. Bei Shaun
und Ed geht die absolute Formlosigkeit mit einer Unzahl von rituellen und kultischen
Handlungen Hand in Hand. Gerade im Mittelteil bietet der Film dabei ein paar
wunderbar augenzwinkernde Kabinettstückchen: Bei seinem allmorgendlichen,
verkaterten Weg zum Kiosk übersieht Shaun doch glatt alle, inzwischen sehr
deutlichen, Anzeichen apokalyptischen Verfalls. Beim Zappen ergibt sich aus
Satzfetzen von Talkshows, Nachrichten und Musikvideos ein zusammenhängender
Bericht der Situation, ohne dass er es mitbekommen würde. Schließlich,
nachdem die Katastrophe dann doch nicht länger ignoriert werden kann, wird,
zu einem treibenden Stück aus dem Dawn
of the Dead-Score,
die Rettungsaktion von Shauns Mutter, á la Lola
rennt,
in drei verschiedenen Varianten durchgespielt.
Leider
geht das erklärte Konzept, den Film gleichzeitig als Komödie und als
„echten“ Horrorfilm anzulegen, nicht immer auf. Im Gegensatz zu Peter Jacksons
Braindead, in dem
Splatter und Slapstick eine groteske Symbiose eingehen, existieren Gags und
Gore in der zweiten Hälfte von Shaun
of the dead
nebeneinander her und behindern sich dabei auch schon mal gegenseitig. Im Showdown,
in dem sich die Gruppe um Shaun und Ed im Winchester’s den angreifenden Zombies
erwährt, wird die Blutrünstigkeit von Romeros Filmen zitiert, ohne
dass deren dramaturgische Dichte und Eindringlichkeit erreicht werden würde.
Etwas wirklich Erschreckendes, wie es etwa die apokalyptischen Bilder der leergefegten
Londoner Innenstadt, am Beginn von Danny Boyles insgesamt eher altbackenen 28
days later
sind, findet man hier nicht. Allerdings wird man für diese Durchhänger
am Ende dann leidlich entschädigt. Während Shaun im Finale noch die
Gelegenheit bekommtm, Ed mal richtig die Meinung zu sagen, mit seinem unbeliebten
Stiefvater, kurz vor dessen Ableben, Frieden zu schließen und Liz’ Herz
zurückzugewinnen, verdeutlicht der Epilog, dass eine Entwicklungsgeschichte
hier eigentlich nicht einmal mehr persifliert werden soll, wie etwa noch in
Braindead.
Die Katastrophe
hat die Menschen nicht zusammengeschweißt. Sie hat sie nicht schlauer,
ja, nicht einmal aufmerksamer gemacht. Im Fernsehen (weiterhin die einzige Verbindung
zur Außenwelt) erfährt man, dass die Zombies nun als billige Arbeitskräfte
eingesetzt werden, in den Talkshows wird wild diskutiert, ob es ethisch und
ästhetisch vertretbar sei Sex mit „diesen Dingern“ zu haben. Wo anfangs
die Lebenden Zombies glichen, werden nun die Zombies mit einbezogen in den Kreislauf
der Verwertbarkeit. Hatte einst der mad scientist in Day
of the Dead,
Zombie Bub, zwecks Resozialisierung, in seinem neondurchfluteten Bunkerlabor,
mit Rasierer, Zahnbürste und einem Buch rumzuhantieren lassen. Ihn mit
der Verabreichung von Walkmandosen von Beethovens Neunter zu erziehen suchte,
während sich die Lebenden bedeutungsschwanger in der Glasscheibe spiegelten,
durch der sie ihm zu sahen, soll der inzwischen zombiefizierte Ed, im Schuppen
an die Couch gefesselt das Konsolenspiel wiedererlernen. So ist Shaun
of the Dead
für diejenigen, die - im Gegensatz zu Shaun und den Seinigen - der Zeichen
achten, doch noch ein beängstigender Zombiefilm. Oder doch zumindest ein
ziemlich bissiger.
Diese Kritik ist nur erschienen in der filmzentrale
Zu "Shaun of the Dead" gibt es im archiv mehrere Texte
Shaun
of the Dead
Großbritannien
2004 - Regie: Edgar Wright - Darsteller: Simon Pegg, Kate Ashfield, Nick Frost,
Lucy Davis, Dylan Morgan, Bill Nighy, Penelope Wilton, Jessica Stevenson, Peter
Serafinowicz, Rafe Spall, Jeremy Thompson - FSK: ab 16 - Länge: 96 min.
- Start: 30.12.2004
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