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Skins
Indianer?
Ja ja, die kennt man doch als deutscher Kino- und Fernsehschauer. Da hat man
doch, früher, in der Kindheit, diese wunderschönen Karl-May-Verfilmungen
gesehen mit diesem tragisch-schönen und ach so heldenhaften Winnetou, Apachenhäuptling.
Und was hat man nicht bei Der mit dem Wolf tanzt geheult, und bei Der letzte Mohikaner gebibbert. Was hat man nicht gestaunt bei Der Mann, den sie Pferd nannten, und manchmal, ein bisschen, auch gehasst, verabscheut, gewütet
mit den Weißen, die sich so unversehens und ungerechterweise doch immer
wieder den hinterlistigen Angriffen skalpgeiler Indianer ausgesetzt sahen. Ach
ja, Indianer...
Dass
es inzwischen eine ganze Reihe von Filmen nicht über sondern von indigenen Menschen aus Nordamerika gibt, das bliebt unter der dicken, zähen Tünche
von Nostalgie und Sehnsucht leider weitestgehend unbemerkt. Skins, zum Beispiel, nach dem Roman von Adrian C. Louis und bereits der
zweite abendfüllende Spielfilm von Arapaho-Cheyenne Filmemacher Chris Eyre,
der zuvor mit Smoke Signals
(aus der Feder von Sherman Alexie und mittlerweile fast das Standardwerk gegenwärtigen
indigenen Filmemachens) sogar auf dem Sundance-Festival abräumte.
Skins
erzählt die Geschichte einer Gemeinschaft, einer Familie, er erzählt
von den Menschen, von Problemen, aber auch von Lösungen. Rudy Yellow Lodge
(Eric Schweig) ist ein tribal cop, ein Reservatspolizist auf der berüchtigten Pine Ridge Reservation
in South Dakota und bemüht sich tunlichst, für Ordnung zu sorgen.
Ordnung, das heisst in diesem Fall: Betrunkene auflesen, häusliche Gewalt
unterbinden, Mord und Totschlag untersuchen. Gleichzeitig ist Rudy aber klar,
dass er damit den tatsächlichen Ursachen nicht wirklich zu Leibe rücken
kann, und deshalb sorgt er immer mal wieder auch selber gerne für Unordnung:
als Vigilante nämlich, als einer, der sich nach eigenem Ermessen um gesellschaftliche
Missstände kümmert, Gesetzeslage hin oder her. Als unkenntliches Zwitterwesen,
irgendwie Lakota, irgendwie aber auch weiß und irgendwie auch schwarz,
prügelt Rudy also mit dem Baseballschläger auf Teenagerknie ein, zündet
den Schnapsladen an, sorgt für Gerechtigkeit. Daneben pflegt er ein denkbar
schwieriges Verhältnis zu seinem Bruder Mogie, alkoholkrank, Vietnamveteran
und in all seinen Facetten überzeugend dargestellt vom großen, alten
Graham Greene.
Eyre
führt seine Geschichte über einen dokumentarischen Tatsachenbericht
ein, ein großer US-amerikanischer Fernsehsender befasst sich in einem
Special mit den verherenden Zuständen in und um Pine Ridge. Was hier
dominiert, sind Bilder von offenbar weggeworfenen Säufern (darunter der
vielseitige Gary Farmer als Verdell), die sich bereits morgens die Bierdosen
zureichen, um dann nachts vor dem Schnapsladen zu kollabieren, dazu geprügelte
Ehefrauen, entsetzliche Wohnverhältnisse und so weiter. Der Film leistet
hier zunächst politisch wichtige Aufklärungsarbeit und geht dann weiter,
schaut gewissermaßen hinter diese Fernsehbilder und zeigt uns die Menschen,
die Männer und Frauen, die, ja, auch Säufer sind, die auch geschlagen
werden, die aber nichtsdestotrotz Familien haben, um die sie sich kümmern,
die Freundschaften pflegen und Teil einer Gesellschaft sind.
Mogie
zum Beispiel ist ein Trickster, einer, der für Probleme sorgt, der Regeln bricht, Späße macht
und Streiche spielt und dabei als hochintegrative Figur die Gemeinschaft zusammenhält.
Derlei Widersprüche, Doppeldeutigkeiten gibt es viele, jede Handlung zieht
gute wie schlechte Folgen nach sich, und da steht Skins sehr deutlich in einer indigenen Erzähltradition, die Komplexität
bevorzugt und simplifizierende Eindeutigkeit vermeidet.
Eyre
arbeitet handwerklich ordentlich, wenn auch konventionell; die schauspielerische
Leistung ist in den Hauptrollen überzeugend, lässt bei den Randfiguren
bisweilen etwas nach, was aber vielleicht verzeihbar ist, wenn man bedenkt,
dass indigene Schauspieler in der nordamerikanischen Filmindustrie kein allzubreites
Betätigungsfeld vorfinden. Die große Leistung von Skins
liegt schließlich auch nicht in filmischen Experimenten und inszenatorischen
Innovationen, sondern darin, eine vielschichtige und menschliche Geschichte
von Reservatsbewohnern zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu erzählen – und
das mit fast ausschließlich indigener Besetzung.
Und
während George Washington am Ende des Films eine stille, blutige Träne
weint, schließt sich für Rudy ein Kreis und er kann lachen. Lachen
wir mit ihm: The Skins are alive!
Christina
J. Hein
Skins
USA
2002
Regie:
Chris Eyre
Darsteller:
Eric Schweig, Graham Greene, Gary Farmer, Noah Watts, Lois Red Elk, Michelle
Thrush, Nathaniel Arcand, Chaske Spencer, Dave Bald Eagle
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