Darauf haben wir gewartet: Auf einen Film, der
sich mit der Kommune (nicht der Wohngemeinschaft!) der Siebziger Jahre beschäftigt,
d.h. mit jener subversiven Institution, in der sich ein gesellschaftlicher Gegenentwurf
zu Tode experimentierte. An zwei Fronten kämpfte die Linke. Eine war die
Basisarbeit in politischen Gruppen, gekoppelt mit Demonstrationen, Aktionen
und ideologischen Diskussionen, die andere der Kampf gegen das Bürgerliche
im Bürger: Gegen sexuelle Besitzansprüche, gegen die Kleinfamilie
(als Keimzelle gesellschaftlicher Repression). Sie versuchte mittels praktizierter
Gemeinschaft nichts Geringeres als den Neuen Menschen zu schaffen, der, solidarisch
und frei, eine neue Gesellschaft hervorbringen würde.
Wo die Hippiebewegung auf der Basis absoluter Freiheit
und Toleranz (und mit Hilfe bewusstseinserweiternder Drogen) neue Bewusstseins-
und Lebensformen erprobte (und damit schon Ende der 60er Jahre gescheitert war),
definierte und orientierte sich die 68er-Bewegung klar politisch, was aber auch
bedeutete, dass für bekämpfenswert gehaltene gesellschaftliche Normen
durch am Reissbrett entwickelte Gegen-Normen ersetzt wurden, die oft genauso
rigide und dogmatisch waren wie ihre Vorgänger. Aus beiden Quellen speiste
sich die antibürgerliche Subkultur der Siebziger. So war die Kommune immer
auch Schauplatz des Konflikts zwischen Ideologie und tatsächlichen Emanzipationsbestrebungen.
Warum nun ist dieser neue Mensch nicht entstanden,
und - darin schon auch enthalten – warum ist die linke Bewegung im Europa der
Siebziger Jahre gescheitert? Oder, um über das Ziel hinauszuschießen:
Warum eigentlich ist das Westeuropa des 21. Jahrhunderts kapitalistisch geblieben
und nicht kommunistisch geworden?
Ein Film über die gegenkulturelle Institution
‚Kommune’ hätte über diese Fragen interessante Untersuchungen anstellen
können, weil in ihr Anspruch und Wirklichkeit, linke Theorie und Praxis
so nahe beieinander liegen, wie kaum sonst. Hätte!, wohlgemerkt! Denn gerade
der historische Vorgang interessiert den schwedischen Regisseur Lukas Moodysson
(„Raus aus
Amal“) leider weniger, als, mal
wieder, eine dieser typisch skandinavischen Komödien mit „Tiefgang Light“
zu bringen, wie wir sie auch von den Dogma-Werken „Mifune“ und „Italienisch
für Anfänger“ her kennen.
Daher ist das einzige, was „Zusammen“ mit realen Ereignissen von damals eint,
dass der Film auf ihnen basiert. Was er daraus macht, ist nur ein Unterhaltungsstück.
So begegnen wir einem liebenswert irregeleiteten Grüppchen von Zusammenwohnern,
dessen Bärte angeklebt aussehen, dessen unmögliche 70er-Jahre-Frisuren
Perücken zu sein scheinen, dessen Frauen zum Teil der Meinung sind, sie
bräuchten keine Männer, zum Teil keine Höschen mehr, dessen Männer
entweder märtyrergleich die Polygamie ihrer Frauen erdulden, oder gleich
bei einander Schutz suchen, und wir begegnen einer kleinen Gruppe von Kindern
der Revolution, die als einzige im Film subversiv sind,
weil wenigstens sie noch des Denkens fähig zu sein scheinen. Den
Kindern entgeht nicht, wie daneben die Eltern sich verhalten, sie leiden unter
ihnen oder lachen über sie. Das tun wir Betrachter mit ihnen, denn verstehen
können wir diese sonderbaren Erwachsenen ebenso wenig. Weil einzig die
Kinder gut und glaubhaft gezeichnet sind, ist „Zusammen“ (wie auch der gelungenere
Vorgänger „Raus aus Amal“) eher ein einfühlsamer Film über die
Psyche von Kindern als die Analyse eines politischen Ausbruchsversuchs ihrer
Eltern.
Das programmatische „Zusammen!“, gleichzeitig auch
Name dieser Kommune, bleibt, trotz aller kommunistischer Deko (Che- und Bakunin-Poster,
Fernsehverbot) und gelegentlich übermotiviert gegrölter Parolen denn
auch das einzige rebellische Vorhaben, - und der einzige gemeinsame Nenner,
mit dem man auch den kapitalismusintegrierten Kinokunden des Jahres 2000 unterhalten
kann, ohne ihn zu brüskieren. Die Frage: WAS eigentlich ZUSAMMEN? ist dann
nur noch Makulatur. Nach den vorhersehbaren Konflikten (der Mensch kann halt
nichts für seine bürgerlich monogame Veranlagung) klappt’s am Ende
natürlich mit der Durchführung: Alle ZUSAMMEN spielen sie Fußball
im Schnee und lachen ganz viel und haben sich irgendwie ganz doll lieb. Selbst
die kleinbürgerliche Nachbarin ist bekehrt und lacht mit. Die Revolution,
in Schweden hat sie also stattgefunden. Die letzte Fußball-WM allerdings
war revolutionärer. Was für harmlose Spinner diese Altlinken doch
waren. Mit „Zusammen“ kann man sie richtig lieb gewinnen. Auf diesen Film haben
wir gerade noch gewartet.
Wer sich ernsthaft für den antibürgerlichen
Geist in den Siebziger Jahren interessiert, sollte sich „Die
Idioten“ angucken. Der spielt zwar
in den Neunzigern, aber verrät Ihnen alles, was sie schon immer über
richtige Kommunarden wissen wollten.
Zu diesem Film gibt es im filmzentrale-Archiv mehrere Kritiken.
Zusammen
(Tillsammans)
Schweden/DK/I
2000 - 106 Minuten -
Regie:
Lukas Moodysson
Kamera: Ulf Brantas
Drehbuch: Lukas Moodysson
Besetzung: Lisa Lindgren, Michael Nyqvist, Gustaf Hammarsten, Anja
Lundqvist u.a.