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Abschied
in der Dämmerung
Aus
dem Fluss, in dem Vater und Sohn angeln, wird das Meer. Farbig wehen die Fahnen
der Darstellertruppe über dem Theater. Beschwingt die Musik, zunächst
jedenfalls, bei der Ankunft der Schauspieler. Aber dieselbe Geschichte, ganz
dieselbe, 26 Jahre später. Nicht derselbe Fluss, in den man steigt, aber
ein ähnlicher. Sie stehen sich wieder gegenüber, unterm Vordach der
niedrigen Häuser, der Theaterleiter und seine Geliebte, dazwischen prasselt
der Regen. Und auch das Ende: der fahrende Zug, der Abschied als Aufbruch, Wiederholung
nahe am Identischen.
Es
zeigt sich aber, jetzt, beim zweiten Sehen mit Variationen, oder doch erst in
der neuen Version - wer könnte es sagen -, wie stark hier alles am Theater
hängt, als dem Treibsand, auf den es die Beziehungen der Menschen baut,
die als floating
weeds
durch Zeit und Raum treiben, unverankert, richtungslos. Genau darin fällt
diese Geschichte, die Ozu zweimal erzählt, heraus aus dem Rest seines Oeuvres,
als ihre Verschärfung ins Grundsätzliche: es geht hier um Abschied
in Permanenz; das Zuhause, die Familie, das Ankommen sind nichts als ein flüchtiger
Traum. Nach geschlagenen zwölf Jahren kehrt der Vater zurück zur Mutter
seines Sohnes, zum Sohn, der jetzt erwachsen ist, der ihn als Onkel kennt. Und
die Truppe selbst, die Ersatzfamilie: auf der Suche nach amourösen Abenteuern
immerzu, drei Schauspieler sitzen am Strand, erinnern sich an dieselbe Frau
mit dem Muttermal - und müssen erkennen, dass ihre Liebe so singulär
je nicht war. Dann einer dieser Blicke ins Leere, sei es, wie hier, in den Himmel,
sei es auf Bäume und Natur, die für die Balance des Ozu-Films so wichtig
sind. Blicke, die nichts zu bedeuten haben und noch nicht einmal ihr Nicht-Bedeuten
bedeuten. Sie sind die Leere selbst, ein langer, ruhiger Atemzug, Stoff und
Form zugleich, Aussagesätze ohne Aussage, man landet beim Versuch sie zu
beschreiben dann doch bei den Paradoxien des Zen.
Anders
als im ersten, stummen Film sind, im Remake, die Theaterszenen, in denen sich
nun auch, im Schicksal einer Räuberbande, das der fahrenden Truppe spiegelt,
es scheint, als habe an dieser Stelle und an anderen - etwa im weitgehenden
Verzicht auf die Ablenkungen ins Komische, für die im ersten Film der kleine
Junge sorgte - Ozu die fundamentale Melancholie, das strukturell Unbehauste
der Beziehungen herauspräparieren wollen. Es will einem, daher vielleicht,
der Umschlag stärker scheinen, vom fröhlichen Beginn in die heftigen
Affekte, zu denen sich die Geschichte aufschaukelt bis zum im Spätwerk
singulären Ausbruch der Gewalt, der Mann, der die Geliebte demütigt,
der Sohn, der den Vater schlägt und verleugnet, zurückstößt.
Die rätselhafte Figur, die es fast stets gibt, ein Zentrum außerhalb
des Zentrums der Geschichte, ist hier - wie nicht selten - die Mutter, die duldet
und schweigt, die Figur, die der Konstellation Schwere gibt gerade dadurch,
dass sie am Rand bleibt und unerklärt, das Gegengewicht zu den floating
weeds,
ein Muster der Bescheidenheit, unbegreiflich eigentlich; und gerade dadurch
vielleicht die Essenz der Ozu-Weltanschauung, wenn man danach denn suchen will.
Ekkehard
Knörer
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
Abschied
in der Dämmerung
(Floating
Weeds)
UKIGUSA
Japan
- 1959 - 110 min.
FSK:
ab 16; feiertagsfrei
Prädikat:
besonders wertvoll
Verleih:
Atlas
Erstaufführung:
4.12.1962/27.9.1981
DFF 2
Produktionsfirma:
Daiei
Regie:
Yasujirô Ozu
Buch:
Yasujirô Ozu, Kôgo Noda
Kamera:
Kazuo Miyagawa
Musik:
Takanobu Saitô
Darsteller:
Ganjirô
Nakamura (Komajûrô Arashi)
Machiko
Kyô (Sumiko, seine Geliebte)
Haruko
Sugimura (Oyoshi, seine Frau)
Hiroshi
Kawaguchi (Kiyoshi, sein Sohn)
Ayako
Wakao (Kayo, junge Schauspielerin)
Chishû
Ryû (Besitzer des Theaters)
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