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Nach dem durchschlagenden Erfolg von „La Dolce Vita“ und einem Beitrag zu dem Projekt „Boccaccio 70“ stand Fellini unter einem enormen Erwartungsdruck für seinen nächsten Film. Er berichtet Giovanni Grazzini für sein Buch „Fellini über Fellini“, dass er sich in einer Schaffenskrise befand und keine klare Vorstellung für einen Plot finden konnte. Bis er schließlich eine regelrechte Eingebung hatte: „Ich fand genau den Kern des Films. Ich würde das erzählen, was mir selbst widerfahren war: Der Film sollte von einem Regisseur handeln, der nicht mehr weiß, welchen Film er drehen möchte.“ Fellini hatte bis dahin sechs Spielfilme gedreht und zu drei weiteren Werken Beiträge geliefert, was er für sich jeweils als einen halben Film zählte. Daraus ergab sich, für sein neues Projekt die Nummer 8 ½ , was auch der Titel für den fertigen Film werden sollte.
„Ein Film, in dem alles vorkommt“
„8 ½“ ist zunächst ein
Film über das Filme-Machen, über einen Regisseur in einer künstlerischen
Schaffenskrise und bis zu einem gewissen Grad kann man in dem Werk ein Selbstporträt
Fellinis erkennen. Doch „8 ½“ ist mehr, viel mehr. Es ist zugleich ein
Film über einen Menschen in einer allgemeinen Lebenskrise, ein Film über
die Liebe, über Schuld und Erlösung, über die Frage nach dem
Glück und danach, wie wir leben sollen. Es ist, wie Guido Anselmi, die
Hauptfigur an einer Stelle formuliert: ein Film, „in dem alles vorkommt, sogar
ein Stepptänzer“. Dabei ist das Werk bei aller Themenfülle und Tiefe
mit leichter Hand inszeniert. Fellini hatte sich einen Zettel mit der Mahnung:
„Vergiss nicht, dass es ein komischer Film ist“, an die Kamera geklebt. Dies
erklärt auch, warum „8 ½“ seit Jahrzehnten einen Stammplatz unter
den vorderen Plätzen einnimmt, wenn die Zeitschrift „Sight and Sound“ unter
Kritikern und Regisseuren ihre berühmte Umfrage nach den zehn besten Filmen
aller Zeiten abhält.
Der Film beginnt mit einem Alptraum.
Wir befinden uns mit der Hauptfigur im Stau in einem Tunnel und wir sehen zunächst
alles mit seinen Augen. Ringsum in den Autos und Bussen sehen wir gleichgültige
Menschen, die ihn anstarren. Als es in seinem Auto zu qualmen beginnt, kann
er den Wagen zunächst nicht verlassen und er droht zu ersticken. Schließlich
gelingt es ihm doch zu entkommen und über die Autodächer hinweg verlässt
er den Tunnel und fliegt frei in den Himmel. Als er über eine Strandlandschaft
fliegt, bemerkt er, dass an seinem Bein ein Seil festgebunden ist, mit dem er
zurück auf den Boden gezogen wird. Im Augenblick des Aufpralls erwacht
Guido (Marcello Mastroianni) und findet sich in einem Kurbad, wo Ärzte
ihn untersuchen.
Dieser Anfang fasst das Thema des ganzen
Films in einem Bild zusammen. Alles steckt fest und Guido droht zu ersticken.
Was er sucht, ist ein Befreiungsschlag, ein Weg hinaus, doch jeder Versuch misslingt
und führt ihn nur wieder in seine Misere zurück. Um sich zu erholen
hat Guido sich in einem Kurhotel in der Nähe Roms einquartiert. Die Ärzte
verschreiben ihm Bäder und Mineralwasser aus den Heilquellen. Es ist dieses
Motiv der Reinigung und Reinheit, das als Leitmotiv mit den unterschiedlichsten
Badeszenen den ganzen Film durchziehen wird. Doch es geht hier durchaus auch
um Reinigung im übertragenen Sinne, um Reinigung der Seele.
Guido sucht Erholung, um sich zu befreien,
doch dieser Versuch ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Denn sein Produzent,
die Kritiker, ja die gesamte Filmcrew mit den Schauspielern und allen, die es
gerne werden möchten, sind Guido in sein Kurbad gefolgt. Sobald er einen
Raum betritt, wird er umringt und alle bieten ihm ihre Ideen und Ratschläge
an oder wollen Näheres über sein neues Filmprojekt erfahren. Guido
findet keine Gelegenheit frei zu atmen und er kann keine Fragen beantworten,
da er die Antworten selbst nicht weiß. Sein Produzent, der ihm als Drehkulisse
eine Raketenbasis, einen gigantischen unfertigen Turm ins Nichts baute, will
Informationen, ein Konzept, ein Skript. „Sag mir irgendetwas“ („una cosa“) bedrängt
er Guido, doch dieser ist von Selbstzweifeln zernagt. Als er abends in sein
Zimmer kommt, finden wir ihn im Selbstgespräch: „Ein Krise der Inspiration?
Und wenn es der finale Kollaps ist?“ Nur zu gerne flieht Guido aus der beengenden
Gegenwart in die Erinnerung an seine Kindheit oder in die Welt der Phantasie.
Damit ist der formale Aufbau des Films
vorgegeben. Fellini bietet uns keine lineare Handlung, sondern das Geschehen
folgt dem Prinzip der freien Assoziation mit Guidos subjektivem Erleben als
Zentrum. Neben dem Alltag des Kurlebens mit Abendveranstaltungen und so banalen
wie tiefschürfenden Gesprächen, sehen wir Träume und Tagträume
und Erlebnisse aus Guidos Kindheit. Zwar wird meist schnell klar, in welcher
Ebene wir uns gerade befinden, ob in der Gegenwart, Vergangenheit oder in der
Phantasie, doch bleibt festzuhalten, dass der Film als Ganzes durch eine traumartige
Atmosphäre geprägt ist. Und zwar dadurch, dass wir alle Erlebnisse,
auch die realen durch die subjektive Brille Guidos verzerrt sehen. Wenn er sich
etwa von den Fragen der Filmleute bedrängt sieht, dann zeigt uns die Kamera
große Gesichter in Nahaufnahme, die alle gleichzeitig auf uns einreden.
Wichtige Sätze werden oft mehrmals wiederholt, so als würde Guido
sie sich in Gedanken nochmals vorsprechen. Alltägliche Ereignisse werden
verfremdet dargestellt, bisweilen fast karikaturhaft, wenn etwa alle Kurgäste
in Badetücher gehüllt in langer Reihe die Treppe herabsteigen, oder
wenn wir die großbürgerliche Gesellschaft aus Alten mit Sonnenschirmchen,
aus Priestern und Nonnen mit den ernsthaftesten Gesichtern zu den Klängen
von Wagners Walkürenritt in einer Reihe nach ihrem Glas Mineralwasser anstehen
sehen. Überhaupt trägt die Musik, sowohl der Originalscore von Nino
Rota, Fellinis Hauskomponisten, als auch die Verwendung klassischer Motive von
Tschaikowsky bis Wagner einen sehr großen Anteil an der beschriebenen
Atmosphäre.
„Saraghina, Saraghina“
Guido befindet sich in einer Schaffenskrise,
er ist zerrissen und unfähig, eine Entscheidung herbeizuführen, gleichzeitig
sehnt er sich nach Befreiung, ja, nach Erlösung mit durchaus religiösen
Untertönen. Doch nicht nur als Künstler, auch als Mann steckt Guido
in der Krise. Er ist zerrissen zwischen zwei Frauen, seiner intellektuellen
Ehefrau Luisa (Anouk Aimee) und seiner Geliebten Carla (Sandra Milo), einer
oberflächlichen und sehr sinnlichen Frau. Sein Beziehungsleben steckt fest,
und Guido ist mit keiner der beiden Frauen glücklich. Er ist nicht nur
unfähig, sein Beziehungsleben zu regeln, er ist sogar so ungeschickt, sowohl
seine Frau als auch die Geliebte ins Kurbad einzuladen, wo sie sich natürlich
prompt über den Weg laufen. Doch es geht Fellini nicht darum, ein bisschen
Beziehungskomödie oder auch Beziehungsdrama in den Film einzubringen. Die
beiden Frauen repräsentieren zwei Seiten in Guidos Natur, die dieser nicht
zur Deckung bringen kann.
Luisa repräsentiert die intellektuelle
und geistige Seite Guidos. Dies wird in Film auch dadurch anschaulich, dass
ihr Gesicht von einer großen schwarzen Brille beherrscht wird. Mit ihr
kann er reden und diskutieren, er rührt sie aber kaum mehr an, als die
gesellschaftlichen Konventionen es erfordern. Bei der Geliebten Carla ist Guido
vor allem darauf bedacht, sie zu verstecken und er bringt sie deshalb in ein
abgelegenes Albergo. Mit ihr hat er keine Gesprächsbasis, er hört
ihr gar nicht zu, sondern blättert gelangweilt in der Zeitung während
Carla beim Essen ständig weiter plappert. Von ihr will er nur Sex und zwar
schmutzigen Sex. Wir sehen sie bei einem erotischen Rollenspiel und Guido schminkt
die Geliebte und bittet sie ein „schmutziges“ Gesicht zu machen. Den Akt zeigt
uns Fellini nicht aber wir sehen die beiden danach im Bett. Guido schläft
und träumt bezeichnenderweise von seinen Eltern, vor denen er sich schuldig
fühlt, während Carla etwas isst und einen Comic liest.
Guido hat ein Problem mit seiner Sexualität,
und dieses hat seinen Ursprung in seiner katholischen Erziehung. Bei der Planung
eines Gesprächs mit dem ebenfalls im Kurbad weilenden Kardinal sagt Guido
zu dessen Assistenten, dass der Protagonist seines Films eine katholische Erziehung
habe. Der Film habe in gewisser Weise eine religiöse Thematik und über
den Guido in seinem Film sagt Guido: „Er sucht nach Hilfe“. Dies ist im umfassendsten
Sinne gemeint, die Hilfe, die Guido sucht, ist Erlösung, Vergebung, das
Erlangen von Reinheit. Das erste Gespräch Guidos mit dem Kardinal ist als
Karikatur gezeichnet. Wir sehen einen verlegenen Guido gezwungen auf seinem
Stuhl sitzen, den Kopf leicht geneigt. Der Kardinal, ein vergeistigter, strenger
alter Mann hört aber gar nicht auf seine Fragen, sondern lauscht dem Zwitschern
eines Vogels, als erwarte er von dort eine Offenbarung. Guidos Blick wird während
dessen von einer Frau angezogen, die mit leicht geschürztem Rock einen
Abhang herab steigt, und bei ihm stellen sich sofort sexuelle Assoziationen
ein. Die Szene symbolisiert, wie wenig die Kirche als moralische Autorität
einem Suchenden zu bieten hat - und daneben der Reiz des Sinnlichen, den Guido
mit seiner geistigen Natur nicht zu integrieren vermag.
Diese Thematik wird nochmals vertieft,
wenn der Film jetzt in Guidos Kindheit zurück springt. Wir sehen den kleinen
Guido, wie er als Klosterschüler mit einigen anderen Kameraden an den Strand
eilt, wo eine üppige Frau für Geld einen erotischen Tanz vor den Knaben
vollführt. Bei solchen Szenen aus der Kindheit Guidos finden wir das Stilmittel
der subjektiven Verzerrung der Realität in noch stärkerem Maße.
Die ganze Szene hat etwas Archetypisches, fast schon Mythisches. Die Saraghina
gerufene Frau (Eddra Gale) repräsentiert eine wilde, animalische Sinnlichkeit.
Ihr verzerrtes Lächeln, ihre üppigen Brüste und ihre ungebändigten
Haare haben etwas fast Monströses. So muss es dem Knaben vorgekommen sein
und so erinnert Guido die Szene. Die Tanzszene und die anschließende Verfolgung
Guidos durch zwei Priester sind im Stil der Slapstick-Komik und der Ästhetik
des Stummfilms inszeniert. Hier gibt es keine Sprache, nur pure Emotion, reinen
Drang. Wir werden ähnlichen Frauenfiguren in späteren Filmen Fellinis
begegnen, ganz in der gleichen Konstellation etwa in „Armarcord“.
Der kleine Guido wird ins Kloster zurückgebracht
und vor ein Strafgericht gestellt. Diese Klosterschulszene ist genauso surreal
verzerrt wie die Saraghina-Episode. Guido wird an riesigen Bildern streng blickender
Heiliger vorbei geführt und steht schließlich vor einem Kreis androgyner,
strenger alter Priester. Es ist ein Gerichtshof, der als Manifestation von Guidos
Gewissen betrachtet werden kann. „Schande über dich“, rufen sie und: „Totsünde“.
Auch Guidos Mutter ist anwesend und weint nur: „Ich schäme mich so“. Im
Freudschen Sinne kann diese Szene als Verkörperung von Guidos Über-Ich
verstanden werden, so wie Saraghina sein Es verkörpert. Bei der anschließenden
Beichte wird dies nochmals bekräftigt: „Saraghina ist der Teufel“, sagt
der Priester. Und Guido erwidert „Ich glaube es nicht.“
Es ist seine katholische Erziehung
mit ihrer strengen Dualität und ihrer Verteufelung der Sinnlichkeit, die
Guidos Seele zerrissen hat, die ihn unfähig gemacht hat, eine Frau als
intellektuell ebenbürtig und gleichzeitig sinnlich begehrenswert betrachten
zu können. Er kann deshalb seine Sinnlichkeit nicht mit seiner Moral in
Übereinstimmung bringen. Und doch sucht er wiederum Hilfe bei der Kirche.
Als der Kardinal ihn zu sich ruft, sieht er in bekannter Realitätsverzerrung
alle seine Bekannten auf sich einreden: „Eine große Chance!“, „Der Kardinal
kann alles vergeben“, so rufen sie. Doch die erneute Begegnung mit dem Kardinal
endet erwartungsgemäß enttäuschend. „Eminenz, ich bin nicht
glücklich“, beginnt Guido und er will Hilfe, er ist bereit, zu beichten.
Doch der Kardinal fertigt ihn ab: „Warum solltest du es sein. Es ist nicht deine
Aufgabe. Wer sagt, dass die Menschen auf die Welt kommen, um glücklich
zu sein.“ Und dann wiederholt er fünfmal den Satz: „Es gibt keine Erlösung
außerhalb der Kirche!“, um am Ende hinzuzufügen: „Alle anderen sind
im Reich des Teufels.“ Hier kann Guido keine Erlösung finden.
„Weil er nicht weiß, wie
man liebt“
Neben Luisa und Clara, gleichsam als
Ergänzung zur Figur der Saraghina gibt es eine weitere zentrale Frauenfigur
in Guidos Leben oder besser in seinem Erleben, denn diese Frau, die etwas unwirklich
Reines und Feenhaftes hat, existiert nur in seiner Vorstellung. Wir treffen
sie zum ersten Mal, als Guido sich an der Heilquelle anstellt. Plötzlich
endet jede Musik und jedes Geräusch im Film und Claudia (Claudia Cardinale)
kommt zwischen den Bäumen hervor getänzelt, barfuss im weißen
Kleid und lächelnd. Sie reicht Guido ein Glas mit Wasser, und er ist verzaubert.
Dann ruft eine ungeduldige Stimme „Signore“ und der Bann löst sich. Eine
ganz andere Frau steht vor ihm und wartet, dass er endlich sein Glas Wasser
nimmt.
Claudia wird ihm noch mehrmals erscheinen,
etwa abends in seinem Zimmer, wenn er von Selbstzweifeln zerfressen wird. Er
wird sie fragen, wer sie ist und es sich selbst beantworten: Reinheit und Spontaneität
ist sie, eine Art Muse. Sie ist die Verheißung seiner Erlösung. Ein
Traumbild, das nicht spricht und auch nicht sinnlich ist, eine Projektion seiner
Sehnsüchte, in dem die Gegensätze aufgehoben wären. „Sie ist
wunderschön, jung und alt, ein Kind und schon eine Frau. Es gibt keinen
Zweifel, dass sie seine Erlösung ist.“ So wird Guido es später formulieren.
Später im Film wird Guido einer
leibhaftigen Claudia (natürlich ebenfalls Claudia Cardinale) begegnen,
nämlich der Schauspielerin, die das Traumbild spielen soll. Diese Schauspielerin
verschmilzt mit der idealen Claudia während des Gesprächs. „Könntest
du alles hinter dir lassen“, fragt er sie. „Bei Null anfangen. Eine und nur
eine Sache auswählen und ihr absolut dienen, sie zum Grund deiner Existenz
machen?“ Und Claudia antwortet mit einer Gegenfrage: „Könntest du?“ Und
hier kommt Guido zu einer teilweisen Selbsteinsicht: „Nicht dieser Kerl hier.
Er will alles haben und kann nicht eine Kleinigkeit aufgeben. Er ändert
seine Meinung jeden Tag, weil er Angst hat, den richtigen Pfad zu verfehlen.“
„Ist es das, womit der Film endet?“, fragt Claudia. Und Guido antwortet: „Nein,
so beginnt er“. Ein Traumbild kann keine Erlösung bringen. „Weil er nicht
mehr daran glaubt“, meint Guido. Nein, sagt Claudia, „weil er nicht weiß,
wie man liebt.“
Die Unfähigkeit zu lieben und
das Verlangen nach Liebe stehen bei Guido in ungeheurer Diskrepanz. Als seine
Frau Luisa und seine Geliebte Carla aufeinander treffen, flüchtet Guido
in einen Tagtraum, der die wohl berühmteste Szene in „8 ½“ ist:
Er stellt sich vor, er hätte einen Harem, in dem alle Frauen seines Lebens
versammelt sind, Luisa und Carla sind da, Saraghina und Claudia, aber auch alle
anderen Frauen des Films und seines Lebens, alle, mit denen er jemals ein Verhältnis
hatte, oder mit denen er sich nur vorgestellt hatte, ein Verhältnis zu
haben. Und alle miteinander sind sie Freundinnen, vereint in dem Bestreben,
Guido glücklich zu machen und zu verwöhnen, sie baden ihn, sie kochen
für ihn. „Das ist die beste Welt“, sagt eine der Frauen. Es ist sein privates
Paradies. Ist es das? Diese Gemeinschaft aller Frauen ist ein Wunschbild Guidos,
doch selbst in seiner Phantasie kann er die Kontrolle nicht aufrechterhalten.
Die Frauen rebellieren gegen ihn, als er eine von ihnen, die die Altergrenze
überschritten hat und ihm nicht mehr begehrenswert erscheint „nach oben“
schickt, in eine Art jenseitige Abstellkammer seiner Phantasie. Nur mühsam
kann Guido als Dompteur mit einer riesigen Peitsche die Ordnung wieder herstellen.
Als alle wieder um den Tisch versammelt sind hält Guido eine Rede, die
in dem Satz gipfelt: „Das Glück ist fähig die Wahrheit zu sagen, ohne
irgend jemand leiden zu machen.“ Es ist ein scheinbares Glück, das Guido
sich da zusammenphantasiert. So wie sein Traumbild Claudia an der Wirklichkeit
zerbricht, so kann auch seine Haremswelt außerhalb seiner Phantasie nicht
existieren. Sie hat nur Bestand auf der Basis einer lächerlich absurden
Hypothese: dass nämlich die Frauen, inklusive Luisas sich seinen Launen
und Bedürfnissen vollständig unterordnen und darin auch noch ihr Glück
finden. Eine solche Utopie, bei der Liebe nur durch die völlige Unterordnung
des einen Teils möglich ist, ist nicht nur illusionär, sie ist auch
verlogen, wie Guido in dem obigen Satz im Grunde selbst erkennt.
Seine Unfähigkeit zu lieben kommt
daher, dass er in der Lüge lebt, dass er sich Illusionen zurecht macht,
dass er die Frauen in seinem Leben nur als Verkörperung jeweils einer Rolle
akzeptiert, statt als Personen und dass er auch noch vorgibt, an diese Illusionen
zu glauben. Er kann so sein Glück nicht finden, weil er sich verbogen durch
seine Erziehung über seine eigenen Bedürfnisse belügt. Dieses
immer wiederkehrende Motiv der Lüge ist der Grundkonflikt mit Luisa, seiner
Frau. Sie sagt ihm wiederholt, dass er lügt, dass sie ihn durchschaut.
„Wie kannst du nur so leben?“, fragt sie ihn verzweifelt. „Wie kannst du Lüge
und Wahrheit nicht unterscheiden?“ Und dieser Grundkonflikt betrifft in letzter
Konsequenz auch sein Filmprojekt. Dies ist der Grund, warum der Film im Film
nicht vorankommt. Guido will einen Film über sein Leben machen. „Ich dachte,
meine Idee, wäre so klar“, sagt er. „Ich wollte einen ehrlichen Film machen,
keine Lüge.“ Es sollte eine einfache Aussage sein. Aber es gelingt ihm
nicht, so dass er resigniert feststellt: „Ich habe wirklich nichts zu sagen.“
Er kommt nicht voran, weil er nicht aus der Lüge herauskommt. Sein Film
ist nur eine neue Lüge, wirft ihm Luisa vor: „Du setzt jedermann hinein,
aber verfälscht.“ Guido bleibt in seinen Illusionen gefangen, immer wenn
er versucht, zur Klarheit zu kommen, erzeugt er neue Illusionen und Traumbilder,
findet nur immer neue Rechtfertigungen für sein Unvermögen. Das ist
der Grund, warum sein Film und warum sein Leben, was jetzt das gleiche ist,
völlig fest steckt.
„Asa
Nisi Masa“
Auf einer nächtlichen Parkfeier
im Kurhotel, tritt ein Magier, offensichtlich ein alter Bekannter Guidos, mit
einem Medium auf, das vorgibt Gedanken lesen zu können. Nachdem er ein
paar Proben seiner Kunst geliefert hat und die meisten Gäste entfliehen,
weil sie ihre innersten Gedanken nicht preisgeben wollen, lässt Guido sich
auf eine Probe ein. Das Medium prüft ihn und ist verwirrt: Sie kann die
Gedanken empfangen aber nicht deuten. Schließlich schreibt sie die unverständlichen
Worte an eine Tafel: „Asa Nisi Masa“.
Daran entzündet sich eine Erinnerungsszene
in der wir Guido als Kleinkind sehen. Diese Szene liegt noch vor seiner Zeit
in der Klosterschule in einer Zeit kindlicher Unschuld gleichsam. Wir finden
uns in einem ländlichen Idyll, wo von lachenden Frauen und Kinder Wein
zubereitet wird. Guido, der sich zuerst sträubt und fürchtet, wird
in einem großen Zuber mit Wein gebadet und anschließend mit Tüchern
getrocknet und ins Bett gebracht. Es sei darauf aufmerksam gemacht, dass Guido
in seiner Haremsphantasie in einem gleichen Zuber gebadet wird. Dieses Bad scheint
für ihn so etwas wie ein „Urglück“ zu sein, das er vergeblich immer
wieder zu finden hofft. Als das Kind im Bett liegt, erzählt ihm ein Mädchen,
vielleicht seine Schwester, dass in der Wand ein wundersamer Schatz verborgen
sei, der in dieser Nacht mit einer Beschwörung geborgen werden könnte.
Guido starrt auf die Wand an der sich ein gemaltes Gesicht befindet und das
Mädchen murmelt seine Beschwörungsformel: „Asa Nisi Masa.“
Das also ist der Ursprung der geheimnisvollen
Worte, die offensichtlich die innersten Gedanken Guidos sind. Doch diese Gedanken
sind verschlüsselt, verborgen, Guido selbst weiß nicht was sie bedeuten.
Und doch ist es so einfach: Wenn man die jeweils zweite Silbe weglässt,
die nur eine kindliche Wiederholung und Bekräftigung der jeweils ersten
ist, so ergibt sie A-Ni-Ma, Anima: die Seele. Die Formel zur Bergung des Schatzes
ist die Seele. Und dieser Schatz liegt in der Wand in untermittelbarer Nähe
und doch unerreichbar.
„Das Leben ist ein Fest“
Gegen Ende des Films imaginiert Guido
eine Pressekonferenz vor der Raketenbasis. Fast mit Gewalt wird er dort hingeschleppt
und sieht sich mit seinem Versagen konfrontiert. Wie damals als Kind vor dem
Gerichtshof, so steht er jetzt vor all den Journalisten und Kritikern, die ihn
mit Fragen bestürmen. Er sieht sich vor die Öffentlichkeit gezerrt,
um auf ganzer Linie zu scheitern. Denn er hat nichts zu sagen, wie ein kleines
Kind versteckt er sich unter dem Tisch und eine amerikanische Journalistin schreit
es höhnisch in die Welt hinaus: „He has nothing to say!“
In seiner größten Not schreit
Guido um Hilfe. Und sie erscheint ihm. Im ersten Moment glaubt der Zuschauer
Claudia zu sehen mit ihrem typischen Kopftuch. Doch es ist Luisa, Guidos Frau,
ohne ihre schwarzgerahmte Brille. Sie beugt sich über ihn und fragt ihn:
„Werde ich jemals deine Frau sein? Wann wirst du mich wirklich heiraten?“ Für
Guido kulminiert die Situation. Seine Ausweglosigkeit hat ihren Höhepunkt
erreicht. Es fällt ein Schuss und Guido liegt bewegungslos unterm Tisch.
Er hat sich erschossen. Ist er endgültig gescheitert?
Die nächste Szene zeigt uns Guido
mit dem Produktionsteam wieder vor der Raketenbasis. Es gibt keine Pressekonferenz.
Es gibt gar keinen Film. Alles wird abgerissen und Guido verabschiedet sich.
Er hat entschieden, dass er den Film, der nur eine Lüge wäre, da er
doch nicht fähig ist, die Wahrheit zu sagen, dass er diesen Film nicht
drehen wird. Sein Kritiker ist wieder bei ihm, dieser Kritiker, der mit seinen
intellektuellen, gesellschaftskritischen und psychoanalytischen Kommentaren
Guido vom Anfang des Films an, immer begleitet hat. Als Guido ganz zu Beginn
des Films im Kurbad erwachte, saß der Kritiker schon da. Als er zum ersten
Mal Claudia an der Quelle imaginierte, wurde eben diese Szene vom Kritiker seziert,
und genauso geschah es nach der Szene mit Saraghina. Was soll das, fragte der
Kritiker immer, ein bisschen Sentimentalität, ein bisschen Nostalgie, er
fand es zu dürftig, zu banal, letztlich zu verlogen. Aber was fand er zu
dürftig? Vordergründig bezieht der Kritiker sich auf den Film, den
Guido drehen will, auf die geplanten Szenen. Doch eben diese Szenen erlebte
Guido in dem Film, den Fellini dreht. Der Kritiker ist somit eine Figur, die
im Film eben die Szenen dieses Films kritisiert.
Der Film „8 ½“ lässt sich
auch auf einer anderen Ebene lesen: Der Kritiker ist dann nicht nur immer zufällig
und plötzlich da, er ist eigentlich immer da, wenn wir ihn nämlich
als die kritische Stimme in Guidos Kopf interpretieren. Deshalb weiß er
auch so gut über die Intentionen Guidos Bescheid. Jetzt nach dem Ende des
Projekts ist der Kritiker endlich mit Guido zufrieden. „Du hast die richtige
Wahl getroffen“, sagt er. „Glaub mir, heute ist ein guter Tag für dich.
Das Leben ist so voller Verwirrung, dass es nicht nötig ist, mehr Chaos
anzuhäufen“. Für den Produzenten ist der falsche Film nur eine finanzielle
Angelegenheit, „für dich hätte es das Ende sein können.“ „Von
einem Künstler, der den Namen verdient, sollten wir nichts erwarten, außer
dem einen: Schweigen lernen“. Seine Aufgabe als Kritiker ist es, das Unnütze
bei Seite zu jagen, was jeden Tag ans Licht kommen will.
In dem Moment, als Guido bereit ist,
sein Unvermögen zu akzeptieren, kommt der Magier vorbei und verkündet:
„Wir sind bereit.“ Bereit, den Film zu drehen. Das Projekt ist gar nicht zu
Ende, vielmehr kann es jetzt erst beginnen. Guido musste sein völliges
Scheitern antizipieren, er musste bis zu seinem Tod gehen, um endlich Erlösung
und Befreiung zu finden. Er hatte nichts zu sagen, weil er sich nicht aus der
Lüge lösen konnte, und weil er so nicht lieben konnte. Jetzt hat er
die Wahrheit gefunden, er hat sich selbst und seine Seele gefunden. Wie jener
geheimnisvolle Schatz der Formel Asa-Nisi-Masa war es das allernächste,
das die ganze Zeit vor ihm lag. Wie der Kritiker taucht auch der Magier während
des ganzen Films immer wieder auf. Und wie den Kritiker können wir auch
den Magier auf einer zweiten Bedeutungsebene als einen Teil von Guido selbst
deuten, als Verkörperung seiner Kreativität, letztlich seiner Seele,
ist er es doch, der Guido das geheimnisvolle Asa-Nisi-Masa entlockt.
In dem Augenblick als Guido, bereit
ist, sein Unvermögen zu akzeptieren und damit in die Wahrheit eintritt,
ist er auch fähig endlich Luisa wirklich zu begegnen. Es bedarf keiner
Traumgebilde und Phantasien mehr, er kann seine Selbstbezogenheit überwinden,
er weiß jetzt, wie man liebt. In einem langen inneren Monolog öffnet
er sich seiner Frau Luisa: „Was ist dies plötzliche Glück, das mich
zittern lässt, mir Stärke gibt, Leben? …Vergib mit, süße
Kreatur! Ich habe nicht verstanden. Ich wusste nicht. Es ist so natürlich
euch zu akzeptieren, zu lieben und so einfach. Luisa, ich fühle, ich
bin befreit. Alles scheint so gut, so bedeutungsvoll. Alles ist wahr. …Ich habe
keine Angst mehr, die Wahrheit zu sagen, von den Dingen, die ich nicht weiß
und nicht gefunden habe… Das ist der einzige Weg, wie ich mich lebendig fühlen
kann. Das Leben ist ein Fest, lass uns zusammen leben.“
In der beginnenden Dämmerung zieht
der Magier mit musizierenden Clowns in die Arena. Der Vorhang wird aufgezogen,
alle Beteiligten kommen die Treppe herab. Sie werden von den Clowns in einen
Tanz gezogen. Auch Guidos Eltern, die schon lange tot sind erscheinen und sind
endlich versöhnt, die Mutter, die sich so schämte und der Vater, der
doch zu unzufrieden mit Guido war. Der Film endet als großes Welttheater.
Und jetzt kann Guidos Film endlich entstehen. Welcher Film? Nun der, den wir
eben gesehen hatten und der sich so vom Ende her als eine einzige Selbstentfaltung
zeigt.
Dieser Text ist nur erschienen
in der filmzentrale
8
½
Achteinhalb
("Otto
e mezzo")
Italien,
Frankreich 1962, Regie: Federico Fellini, Buch: Federico Fellini, Brunello Rondi,
Tullio Pinelli, Ennio Flaiano, Kamera: Gianni di Venanzo, Musik: Nino Rota,
Produzent: Angelo Rizzoli, Nello Meniconi. Mit: Marcello Mastroianni, Claudia
Cardinale, Anouk Aimée, Sandra Milo, Rossella Falk, Barbara Steele, Guido
Alberti, Mario Pisu, Sylva Koscina, Eddra Gale.
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