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Adaption
Wir
sind, was wir lieben
Das
Leben, ein Script: Spike Jonze und Charlie Kaufman feiern die „Adaption“ der
Welt durch das Kino
Das
mythische Hollywood ist ein seltsamer Ort. Wie ein Versprechen liegt es auf
einer vergilbten Landkarte des Begehrens und wartet darauf, „besetzt“ zu werden.
Ein bestimmtes Hollywoood gibt es nicht, nur unzählige Projektionen und
individuelle Sehnsüchte. Nicht Traumfabrik, sondern Traumobjekt. Auf zwei
Außenseiter wie den Regisseur Spike Jonze und seinen Drehbuchautor Charlie
Kaufman, die mehr in die Hollywood-Welt gestolpert sind als sich von ihr wirklich
angezogen gefühlt zu haben, muss dieser Mikrokosmos mit seinen komischen
und traurigen Bewohnern eine ungeheure Faszination ausüben.
Mit
Adaption hat
das durchgeknallte Duo nach Being
John Malkovich
bereits seinen zweiten Film über Hollywood-Menschen gemacht, und es überrascht
nicht, dass die beiden inzwischen selbst als neue „Wunderkinder“ gefeiert werden.
Schließlich liegt es in der Natur der Sache, dass sich Systeme mit Normübertretungen
erneuern: Das ist das Wesen einer Adaption. Der Film von Jonze und Kaufman ist
voll von solchen evolutionären Prozessen (es bleibt sogar Zeit für
einen kurzen Abstecher in Darwins Arbeitszimmer) – auch wenn Jonze und Kaufman
sie manchmal mit der Brechstange herbeiführen.
In
Adaption geht
es kaum anders zu als in Being
John Malkovich.
Die Figuren haben sich in ihrem Gehirnkäfig verrannt und suchen verzweifelt
nach etwas, das sie aus der Falle der Selbstbezüglichkeit herausführt.
„Leben“ ist für die Bewohner dieses Films nicht mehr als ein Roman, ein
weiterer Film oder, schlimmstenfalls, ein unvollendetes Skript. Wir beobachten
Charlie Kaufman, den Skriptschreiber, bei der Arbeit an seiner eigenen Filmfigur.
Der Wunderjunge, gespielt von Nicolas Cage, leidet unter einer Schreibblockade
und verzweifelt über dem Drehbuch, dessen Verfilmung wir in einem anderen
Handlungsstrang längst erleben: „Der Orchideendieb“ nach dem Roman der
New Yorker Autorin Susan Orlean (Meryl Streep).
Dieser
Kaufman ist ein sympathischer Trauerkloß: fett, haarlos, impotent, verkopft,
blöd – der Albtraum eines jeden Drehbuchschreibers („Ich bin ein wandelndes
Klischee“). Seine tiefgreifende Persönlichkeitskrise hat dem „echten“ Kaufman
auch noch einen fiktiven Zwillingsbruder beschert. Auch Donald, der tumbe wie
unbekümmerte Kaufman-Spross (ebenfalls von Cage gespielt), hat Ambitionen
als Autor, er sucht seine Antworten jedoch in den Seminaren des Drehbuch-Gurus
Robert McKee. Manchmal platzt er mitten in Charlies Wichsfantasien, um die neueste
Wendung seines Serial-Killer-Skripts zum Besten zu geben. Letztlich sieht sich
Hollywood hier selbst bei der Arbeit zu.
Diese
Arbeit besteht darin, Begehren überhaupt erst mit Leben zu füllen
– mit dem eigenem Leben wohlgemerkt. Die von Streep mit langsam erwachendem
Lebenshunger gespielte Susan Orlean erkennt in der Obsession des zahnlosen Orchideen-Sammlers
John Laroche ihren eigenen Mangel an Leidenschaft. Der alte Haudegen Laroche
aber verbrennt seine Leidenschaften regelrecht und verkriecht sich in ihnen
wie in einem Schutzpanzer. Donald wiederum will das Leben seines Bruders leben
und hat sich dafür eine wunderbar egoistische Lebenslüge zurechtgelegt:
„Wir sind, was wir lieben, nicht was uns liebt.“ Für Charlie, den grüblerischen
Kunstkino-Autor, könnte diese Erkenntnis das sein, wonach er sein Leben
lang gesucht hat. Aber auf jeden seiner schluffigen Annäherungsversuche
folgt eine erneute Erniedrigung, und jeder Ausbruch wirft Charlie weiter auf
sich selbst zurück, bis sich in seinem Kopf eine zuletzt hollywoodtaugliche
Wahnfantasie entwickelt hat: Adaption, das Skript seiner Selbstfindung.
Wenn
Orlean mit Laroche schließlich auf der Suche nach der seltenen Geisterorchidee
durch die Sümpfe Floridas stapft, begibt sie sich auf eine ähnliche
Reise wie Charlie bei seiner langsamen Immersion ins Drehbuch ihrer Romanvorlage.
Die Pointen in Adaption wirken wie Bohrer, sie treiben die Windungen der Selbstreferenzialität
voran. So entsteht eine befreiende Konfusion: Echte Darstellerprominenz „spielt“
sich hier selbst, andere Schauspieler imitieren echte Menschen oder spielen
imaginäre Figuren, und jeder schleppt seinen eigenen Psycho-Ballast mit
sich herum, bis der Film am Ende selbst nach einer handfesten Identitätskrise
aussieht.
Andreas
Busche
Dieser Text ist zuerst erschienen in der „Zeit“
Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte
Adaption
USA
2002 - Originaltitel: Adaptation - Regie: Spike Jonze - Darsteller: Nicolas
Cage, Meryl Streep, Chris Cooper, Tilda Swinton, Cara Seymour, Brian Cox, Judy
Greer, Maggie Gyllenhaal, Ron Livingston, Jay Tavare - FSK: ab 12 - Länge:
115 min. - Start: 13.3.2003
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