zur
startseite
zum
archiv
Ärger
im Paradies
„Sehen Sie den Mond? Ich wünsche zu sehen, wie
er sich im Champagner spiegelt.“ So pflegt der melancholisch gestimmte Baron
in seiner Luxusherberge zu Venedig seine Bestellung an den Kellner aufzugeben,
wenn er in der Chambre séparée eine Komtesse erwartet. Aber der
Baron ist gar kein Baron, sondern der hochkarätige Gauner Gaston Monescu
(Herbert Marshall), und die Komtesse ist keine Komtesse, sondern die nicht minder
talentierte Gaunerin Lily Vautier (Miriam Hopkins). Eine Camouflage, die buchstäblich
im Handumdrehen zerplatzt, als der falsche Baron die falsche Komtesse, anstatt
sie zu umarmen, bei den Schultern packt und kräftig durchschüttelt,
bis seine Brieftasche aus ihrem Mieder in die Tiefe rutscht. Lily entdeckt,
daß Gaston sie so virtuos um ihre Brosche beraubt hat wie sie ihn um seine
Taschenuhr. Als er gar triumphierend ihr Strumpfband aus der Tasche zieht, ist
die Geschäftsgrundlage geklärt: Professionalität, solchermaßen
symmetrisch ausgewogen, ist die beste Garantie dafür, daß die Gaunerei
en deux und auf höherem Niveau weitergehen kann. Der Mond spiegelt sich
so bleich im Champagner wie das Lampenlicht in der Pomade von Marshalls straff
gescheiteltem Haar, und Miriam Hopkins ist so zart und blond, daß sie
dahinschmilzt, wenn sich Marshall ihr nur nähert. Unter seinem Kuß
würde sie sich auflösen, wenn nicht die pünktliche Unterbrechung
durch das Telefon, wie alles andere in diesem Film, sich als genialer Griff
in die dramaturgische Zauberkiste bewähren und die Handlung in die nächste
Verwicklung treiben würde.
Trouble in Paradise,
zehn Jahre nach Lubitschs Abschied von Deutschland auf der Grundlage eines Theaterstücks,
„The Honest Finder“ von Aladar Laszlo, in eigener Produktion für den Verleih
der Paramount gedreht, ist ein früher Höhepunkt der romantisch-ironisch
inspirierten „sophisticated comedy“. Lubitsch selbst erklärte 1947 seinen
ersten als Non-Musical entstandenen Tonfilm zu seinem Lieblingswerk und zählte
ihn mit Ninotchka
und The Shop around the Corner zu seinen drei besten, wohl wissend, daß er
mit diesem Film - einige Jahre, bevor die Konzernspitzen in Hollywood und die
organisierten Sittenkontrolleure in den USA mit dem „Hays Code“ ihren Feldzug
gegen erotische Freizügigkeit und intellektuelle Ambiguität eröffneten
- den berühmten „Lubitschtouch“ kreiert hatte.
Der Film eines Europäers, den es nach Amerika
verschlagen hat - und der den verblichenen Glanz des alten Kontinents, die skurrile
Contenance der besseren Kreise, die rhetorischen und habituellen Verschraubungen
einer überlebten Elite vor dem Hintergrund der Krisenepoche um 1930 noch
einmal mit beispiellosem Charme ins Aberwitzige treibt - nicht aus dem wütigen
Sarkasmus Stroheims, vielmehr aus Liebe zum Verdrehten und zur Mechanik der
Absurdität. Das sperrig-spleenige Gehabe der upper class gerät zu
zeit- und stilkritischen Tableaus in dem Maße, wie das Hochstaplerpärchen
deren Formen dem Geschäft zuliebe perfekt verinnerlicht und selbstreferentiell
parodiert - freilich ohne den Kern der eigenen Persönlichkeit preiszugeben.
Miriam Hopkins, geschmeidig ohne jede Schlangenhaftigkeit, hingebungsvoll jenseits
aller Laszivität, zornige Akteurin, wenn sie ihre Gefühle bedroht
sieht - und Herbert Marshall, stets ein wenig gebremst in seiner steifen, melancholisch
ins Weiche spielenden Noblesse: Hier haben wir ein Paar, das den bürgerlichen
Tanz ums goldene Kalb zu zierlichen Figurinen stilisiert und die Dialektik von
Geld und Liebe auf den Begriff bringt, ohne die Utopie der „wahren Liebe“ zu
verraten.
Ein Märchen, wie nach der Mechanik einer Spieluhr
konstruiert. Den Ortswechsel von Venedig nach Paris und das Verstreichen eines
ganzen Jahrs signalisiert, ähnlich mühelos wie ein Jahr später
in Design for Living, ein Schnitt auf den nächtlichen Eiffelturm,
der Funksignale über die Welt streut: Der berüchtigte Meisterdieb
Gaston Monescu hat inzwischen die Genfer Friedenskonferenz ausgeraubt und „alles
mitgenommen bis auf den Frieden“. Die Handlung verschachtelt sich, wie schon
in Venedig, in den hochstilisierten Dekors eleganter Innenräume, die in
Paris dem Imperium von „Colet & Cie, Parfumeries“ gehören, einer Firma,
die nicht nur ein brillantes Design aus Art Deco und neuester Sachlichkeit,
sondern vor allem eine bildhübsche Witwe als Chefin, Mariette Colet (Kay
Francis), aufzuweisen hat. Ein Radiowerbespot und eine schnelle Montage mit
Bildern aus der Neon-Welt teurer Models und galanter Gerüche präsentieren
den Konzern - und eine Serie von Dienstboten dessen Herrin: Lubitsch hebt hier,
mit einem Augenzwinkern, in amerikanische Dimensionen, amerikanisches Tempo
ab und zaubert mit wenigen Schnitten ein rasant modernisiertes, vom Lametta
der Commercials übersprühtes Europa.
Das Leben überhaupt, wie rabiat es in der Zeit
der Weltwirtschaftskrise auch zugehen mag, rehabilitiert sich im Design: in
der Stilsicherheit, mit der Mme. Colet ein sündhaft teures Handtäschchen
ersteht; in der Mischung aus Grandezza und Bescheidenheit, mit der Gaston, nunmehr
als Monsieur Lavalle, der Dame das erlesene Objekt (das er ihr zuvor in der
Oper entwendet hat) als „ehrlicher Finder“ wieder aushändigt und 20000
Francs Belohnung kassiert; in der formvollendeten Haltung schließlich,
in der Gaston zu Mme. Colets Sekretär und am Ende, freiwillig-unfreiwillig,
zu ihrem Liebhaber avanciert.
Lubitsch schaltet und waltet souverän mit der
Ökonomie der erzählten Zeit; er beschleunigt den Rhythmus, um die
Karriere seines fingerfertigen Gaunerpärchens zu forcieren; er verweilt
in einer beiläufigen Situation, um einem doppelbödigen Dialog, einer
flüchtigen Assoziation, einem Wechselbad der Gefühle Kontur zu geben;
er zeigt, wie Zeit verstreicht und die kleinen und großen Sentiments sich
verändern, während die Kamera zwischen den Zifferblättern wunderschöner
Uhren wandert oder auf einem Sektkübel verweilt - und er arretiert den
Blick, hält gleichsam den Atem an, wenn Gaston und Mme. Colet hinter ihren
Schlafzimmertüren verschwunden sind, bis Gaston aus ihrer oder Madame aus
seiner Tür wieder zum Vorschein kommt: Spieluhr-Figurinen in einer Kammerspiel-Dramaturgie,
die noch eine Erinnerung an die italienische Komödie, an das Salonstück
des 19. Jahrhunderts und Lubitschs Theatererfahrungen bei Max Reinhardt aufbewahrt.
Und die dennoch, jenseits der Hommage an die alten Guckkastenspiele mit ihren
Überraschungsauftritten aus der Kulisse, die Visualität des neuen
Mediums zur Geltung kommen läßt - am schönsten in der Opernszene,
wenn der scharfe Blick des (hier anonym bleibenden) Gaston zum Blick der Kamera
wird und sein Opernglas, als Instrument des filmischen close up, die Wahrnehmung
des Zuschauers im Kino konstituiert, indem es erst das Notenblatt am Pult des
Dirigenten, dann die schönen Hände Mme. Colets in der gegenüberliegenden
Loge und schließlich das Objekt räuberischen Begehrens, ihre diamantenbesetzte
Handtasche focussiert.
Nichts wirkt hier bühnenhaft-„gestelzt“. Die
Dialoge: ein intellektuelles Wort-Ballett, das die feine Grenzlinie zum Kabarettistischen
streift, nie aber überschreitet: nicht einmal dann, wenn Gaston seine Lily
- „du mein ein und alles, du mein Soll und Haben“ - in der Rhetorik eines romantisch
benebelten Buchhalters anschmachtet. Die Architektur der Seelen entspricht dem
Mobiliar, in dem sie sich bewegen - und sie würde sich vollends dem Design,
das die Welt der Schönen und Reichen zusammenhält, anschmiegen oder
gar in ihm aufgehen, wäre da nicht jenes Gran menschlicher Souveränität
auf der Seite des Gaunerpärchens, das über alles Dekorative triumphiert.
Wenn Lily am Ende, ihre Liebe verschmäht wähnend, aus der Haut fährt
und bereit ist, auf Glanz und Reichtum zu verzichten, gelingt es ihr auf das
überzeugendste, ihre Integrität zu behaupten. Aber Lubitsch ist als
Geschichtenerzähler zu praktisch veranlagt und, zum Glück, zu sehr
Ironiker, um die Rebellion der Gefühle nicht alsbald zum happy end zu wenden.
Lily gewinnt ihren Kompagnon aus den Umgarnungen der Mme. Colet zurück,
die im Moment des Abschieds von Gaston ihrerseits zartes Verständnis und
leise, von Eleganz und Witz überspielte Trauer zeigt: jene so schwer definierbare
Mischung changierender Emotionen, die ein amerikanischer Kritiker den „Lubitsch
touch“ genannt hat. Mit einem blauen Auge, Madames Perlenkollier und einem Haufen
Banknoten ziehen sich Gaston und Lily aus der Affäre und brechen zu neuen
Erfolgen in ihrer Hochstapler-Karriere auf. In der letzten Einstellung sitzen
die beiden im Fond eines Taxis, und das Ende ist wie der Anfang: man bestiehlt
sich gegenseitig und sinkt sich anschließend in die Arme.
Europäischer Charme und amerikanische Präzision:
noch fünf Jahre später, in einem Interview für die italienische
Zeitschrift „Cinema“ 1937, sprach Lubitsch bewundernd vom minutiösen Spiel
seiner Darsteller und hob vor allem die Szenen mit Marshall und Kay Francis
hervor. Er hätte freilich auch der Leistung des singulären Chargenspielers
Edward Everett Horton gedenken können. In Trouble
in Paradise spielt er den vermögenden
Müßiggänger François Filiba, den Gaston in Venedig um
seine Brieftasche und in Paris um die Gunst der Mme. Colet beraubt: kein Wunder,
daß er den Meisterdieb auf Schritt und Tritt mit seinem stechenden Vogelblick,
seinen ruckartigen Anfällen von Mißtrauen verfolgt - gnadenlose Karikatur
aller Verschrobenheiten der alten Gesellschaft, Verkörperung ihres (menschlich
und ökonomisch) „toten Kapitals“.
Klaus Kreimeier
Dieser Text ist zuerst erschienen in: Filmgenres – Komödie; Herausgeber: Heinz-B. Heller, Matthias Steinle; im Reclam-Verlag, Stuttgart 2005
Ärger
im Paradies
TROUBLE
IN PARADISE
USA
- 1932 - 82 min. – schwarzweiß - Verleih: Neue Filmkunst - Erstaufführung:
4.3.1969 ARD - Produktionsfirma: Paramount - Produktion: Ernst Lubitsch
Regie:
Ernst Lubitsch
Buch:
Samson Raphaelson, Grover Jones
Vorlage:
nach einem Bühnenstück von Laszlo Aladar
Kamera:
Victor Milner
Musik:
W. Franke Harling, Leo Robin
Darsteller:
Miriam Hopkins
(Lily)
Kay Francis
(Mariette Colet)
Herbert Marshall
(Gaston Monescu)
Charles Ruggles
(Major)
Edward Everett
Horton (François Filiba)
C. Aubrey
Smith (Adolph Giron)
Robert
Greig (Jacques, der Butler)
George
Humbert
Luis
Alberni (verärgerter Opernfan)
Leonid
Kinskey (Radikaler)
zur
startseite
zum
archiv