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African Queen
Der Künstler Werner Pokorny „baut“ Häuser. Seine Skulpturen
manifestieren den Versuch der Menschen, über den Hausbau eine relative
Sicherheit, Schutz vor Gefahren, Wärme, Zusammengehörigkeit und einiges
mehr zu finden. Haus – das heißt hier nicht nur das physisch Fassbare,
Sichtbare. Der Begriff Haus steht hier ebenso als eine Metapher für
dieses Bedürfnis nach allumfassenden Schutz, sogar Identitätsstiftung,
Behausung, Heimat. In Pokornys Skulpturen, die in vielen Museen und
Kunstausstellungen zu sehen sind, manifestiert sich aber ebenso das
Scheitern dieser Versuche: nicht fertig gewordene Häuser, Rohbauten
sozusagen, und damit – wieder Metapher – steht „Haus“ eben auch für
Konflikt, für Leid, Schmerz, ja möglicherweise sogar für Gefängnis,
Unfreiheit. Diese Ambivalenz in der Metapher zieht sich durch die
Geschichte der Menschheit von der ersten Höhle bis zu den modernen
Massen-Häusern, vom Zelt bis zum Iglu, von der Strohhütte bis zu den
Wellblech-Unterkünften in den Slums am Rande „moderner“ Großstädte.
Selbst Kinder bauen schon Häuser und wissen um ihre Bedeutung:
Baumhäuser, einige Meter oberhalb des Erdbodens, der Baumwipfel als Dach,
ein paar Bretter, die Blätter als Schutz und Sichtschutz. Haus ist eben
auch Versteck.
Das Haus des Herumtreibers Charlie (Humphrey Bogart) ist die „African
Queen“, ein 30 Fuß langes Dampfboot, so ungefähr 30 Jahre alt. Aber
dieses Boot fährt noch, es tuckert durch Ostafrika, durch englische und
deutsche Kolonien zu Beginn des ersten Weltkrieges im September 1914.
Charlie raucht, trinkt Gin, rasiert sich nur, wenn er Lust dazu hat.
Charlie ist ein sympathischer, leicht ungehobelter Abenteurer, der auf
seinem Boot allerlei von hier nach da transportiert.
Zwei andere haben auch ein zu Hause gefunden. Der englische Reverend
Samuel Sayer (Robert Morley) und seine offenbar ebenso gottesfürchtige
Schwester Rose (Katherine Hepburn), die in einem kleinen afrikanischen
Dorf die Orgel spielt, wenn der methodistische Reverend seine Predigt
beendet hat und alle heilige Lieder singen sollen. Das hört sich mitunter
grauslich an, denn dem christlichen Sendungsbewusstsein der Sayers steht
eine afrikanische Kultur gegenüber, die meilenweit davon entfernt
scheint. Wer ein richtiger Methodist ist, allerdings, der gibt nicht auf.
Ab und an, alle paar Monate tuckert Charlie mit seinem Boot auch zu den
Sayers, um Dinge zu liefern, auf die trotz des freiwillig gewählten
einfachen Lebens ein richtiger Engländer nicht verzichten kann.
Nun allerdings, im September 1914 bricht der Krieg auch in den Kolonien
aus. Deutsche Soldaten befinden sich auf einer Strafexpedition, brennen
die Hütten nieder, vertreiben die Einwohner. Samuel Sayer verkraftet das
nicht. Er phantasiert, bricht zusammen und stirbt schließlich an
gebrochenem Herzen angesichts der Gräuel, die der Krieg mit sich bringt.
Charlie nimmt Rose mit auf sein Boot.
So tuckern beide den Ulanga hinunter, der später in den Fluss Bora
übergeht und in einem großen See in Zentralafrika endet. Charlie wäre zufrieden damit, an einer ruhigen,
abgelegenen Stelle des Flusses zu „überwintern“, bis der Krieg vorbei
ist. Gin ist genug auf dem Boot, Zigarren und auch Wasser. Doch Rose ist
damit gar nicht einverstanden. Sie entpuppt sich plötzlich als eine Frau,
die nicht nur eigenwillige Ideen entwickelt, sondern es auch versteht,
sie in die Tat umzusetzen. Dazu allerdings braucht sie Charlie. Warum
könne man nicht aus den an Bord befindlichen Sauerstoffflaschen und dem
Dynamit Torpedos bauen, um die „Louisa“, ein deutsches Kriegsschiff, das
den See überwacht und mit den besten Waffen in Ostafrika ausgestattet
ist, zu vernichten? Charlie kann nicht glauben, was er da hört – zumal es
auf dem Fluss Stromschnellen und Wasserfälle gibt, die die „African
Queen“ sicher nicht überwinden könne – und eine deutsche Festung, von der
aus die Armee den Fluss überwacht.
Charlie ist entsetzt. Er betrinkt sich, singt laut und benimmt sich
nicht gerade wie ein Gentleman. Rose weiß sich jedoch auch hier zu
helfen. Sie kippt den gesamten Gin ins Wasser. Charlie kann es nicht
fassen. „A man takes a drop too much once and a while, it's only human
nature.“ Doch mit diesem Satz hat Charlie die Schlacht an Bord
verloren. Er bekommt zur Antwort: „Nature, Mr. Allnut, is what we are
put in this world to rise above.“ Sagt Rose, ohne Charlie dabei
anzusehen, in einem lehrhaften, doch zugleich sehr überzeugenden Ton.
Der Zweikampf an Bord setzt sich fort, allerdings auf einer anderen
Ebene: zwei gegen die Gefahren, die da warten. Charlie wird sich bewusst,
dass diese Frau, die vor kurzer Zeit noch Orgel spielte und die er für
eine anständige, aber langweilige Dame hielt, es auf andere Weise genauso
faustdick hinter den Ohren hat wie er. Nur, Rose weiß ihren Verstand
gezielter einzusetzen. So bringt sie ihn dazu, die defekte Schraube zu
reparieren, die die „African Queen“ vorwärts treibt. Gemeinsam überwinden
beide Stromschnellen, deutsches Fort und einige andere Unbill, die der
Fluss mit sich bringt.
Da gelingt ein eigentümlicher Hausbau in der Fremde, und am Schluss
erweist sich das Haus „African Queen“ als äußerst nützlich, aber eben
nicht als zentral für den „Hausbau“. Rose und Charlie werden (natürlich)
ein Paar. Charlie ist ein Schlawiner, ungehobelt, und in manchen
Situationen büxt er lieber aus, als sich unnötig, wie er meint, einer
Gefahr zu stellen. Rose dagegen will es den Deutschen heimzahlen (die
übrigens – der Film stammt aus dem Jahr 1951 – nicht besonders gut wegkommen). Schließlich haben sie
ihren Bruder und einiges andere auf dem Gewissen. Charlie baut Torpedos,
und aus dem Hausboot wird ein kleines Kriegsschiff.
Rose – auf den ersten Blick nur gottesfürchtig – erweist sich als
emanzipierte Frau. Und niemand anders hätte diese Rolle spielen können
als die wunderbare Katharine Hepburn, die als Susan Vance schon in
„Bringing Up Baby“ („Leoparden küsst man nicht“, Regie: Howard Hawks) 1938 Cary Grant als Dr. David
Huxley auf äußerst humorvolle Art das Fürchten und das Lieben lehrte.
Rose ist Charlie überlegen. Rose pocht auf ihre Überlegenheit, aber sie
spielt sie nicht gegen Charlie aus. Der Hausbau glückt – trotz aller
Gefahren und trotz aller Lebensgefahr, in die sich beide begeben. Aber da
ist noch etwas, was beide zusammenbringt: Charlies Geduld und seine
Duldsamkeit. Die ermöglicht ihm nämlich, sich Rose – wenn auch in der
Form „zwei Schritte vor, einer zurück“ – zu nähern. Was sollte da am
gegenüber liegenden Ende des Krieges anderes stehen als die Liebe?
Bogart ist hier in einer außergewöhnlichen Rolle zu sehen. Das ist nicht
Bogart als Rick in „Casablanca“ (1942) oder als Gangster Frank McCloud in „Key Largo“
(1948) oder als Philip Marlowe in „Tote schlafen fest“ (1946). Der Herumtreiber
hat Witz, scheint „einfach gestrickt“ und ist doch zu intelligent, um
nicht zu erkennen, was sich zwischen ihm und Rose wirklich abspielt: eine
Annäherung, die so ziemlich alles sprengt, was anfangs zwischen beiden
steht.
Huston „tauchte“ die Hepburn und Bogart in einen farbenfrohen
afrikanischen Regenwald mit allem Drum und Dran, sprich mit aller
Schönheit und Gefahr, und schuf ein Meisterwerk der Filmkunst, in dem er
ein ausgewogenes Maß an Tragik, Romanze und Komödie fand, das an Spannung
nie verliert und zudem von humorvollen und intelligenten Dialogen lebt.
Wertung: 10 von 10 Punkten.
Ulrich Behrens
Diese Kritik ist unter dem Namen POSDOLE zuerst erschienen bei:
ciao.de
African Queen
(The African Queen)
Großbritannien, USA 1951,105
Minuten
Regie: John Huston
Drehbuch: James Agee, John Huston,
nach dem Roman von C. S. Forester
Musik: Allan Gray
Director of Photography: Jack
Cardiff
Schnitt: Ralph Kemplen
Produktionsdesign: Wilfried
Shingleton
Hauptdarsteller: Humphrey Bogart
(Charlie Allnut), Katharine Hepburn
(Rose Sayer), Robert Morley (Reverend
Samuel Sayer), Peter Bull (Captain
der „Louisa“), Theodore Bikel (Erster
Offizier auf der „Louisa“), Walter
Gotell (Zweiter Offizier auf der
„Louisa“)
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