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Aguirre,
der Zorn Gottes
Zeichen
der Macht, Macht der Zeichen
Klaus
Kinski und Werner Herzog. Zwei Namen, zwei Größenwahnsinnige, eine
Legende der deutschen Filmgeschichte. Zahlreiche Mythen ranken sich um das gemeinsame
Schaffen der beiden - seien es die berüchtigten, oft stundenlangen Wutausbrüche
Kinskis während den Dreharbeiten, sei es die Legende von Herzog, der während
der Aufnahmen den agierenden Kinski vom Regiestuhl aus stets mit dem Gewehr
anvisiert haben soll. 16 Jahre dauerte die kreative Allianz zwischen den beiden,
5 Filme wurden in dieser Zeit geschaffen. Mit "Aguirre, der Zorn Gottes"
wurde im Jahr 1972 der Grundstein für den noch immer lebendigen Mythos
gelegt.
.:[
STORY ]:.
Peru
zum Jahreswechsel 1590/1591. Von den spanischen Konquistadoren an den Rand der
eigenen Existenz getrieben, erfinden die letzten Inkas in ihrer Not die Legende
von El Dorado, dem güldenen Land des unermesslichen Reichtums, in der Hoffnung,
die Besatzer ins unwegsame Landesinnere zu treiben. Unter der Führung von
Gonzalo Pizarro ziehen einige Hundert Spanier, darunter auch Vertreter des Adels,
des Klerus und Dutzende indigener Sklaven, ins Dickicht des Dschungels. Dieses
entpuppt sich schon bald als undurchdringlich für die Konquistadoren mit
ihren Rüstungen, Kanonen, Pferden und Vorräten - an einem Fluss wird
schließlich der Plan gefasst, Flosse zu bauen, um einen Spähtrupp
von 40 Mann loszuschicken, die das Land erkunden und El Dorado ausfindig machen
sollen. Das Kommando wird Don Pedro de Ursua übertragen, doch auch dieser
Vorstoß ins Innere des Landes mit dem Floß entpuppt sich als kaum
zu meisternde Hürde. Angriffe von Indios und die reißenden Stromschnellen
dezimieren die Truppe zusehends. Als Ursua angesichts der desolaten Situation
den Rückzug zur Truppe befiehlt, kommt es zur Meuterei: der missgestaltete
Unterführer Don Lope de Aguirre, schon zuvor auffällig trotzig und
arrogant, bringt die Soldaten und den Klerus mit Versprechungen von unvorstellbarer
Macht und Reichtum hinter sich, legt Ursua und seine wenigen verbliebenen Anhänger
in Ketten, rebelliert wider die spanische Krone und setzt den tapsigen, verfressenen
Edelmann Don Fernando de Guzman als Marionetten-Kaiser auf den Thron von El
Dorado. Die Suche nach dem goldenen Land auf dem Floß geht weiter. Tiefer
in den Dschungel, tiefer in den alles verzehrenden Wahnsinn.
.:[
ANALYSE ]:.
Werner
Herzog bleibt sich treu und erzählt hier, wie auch in seinen anderen Filmen,
einmal mehr eine Geschichte vom "ganz großen Scheitern". Macht,
Ruhm und Größenwahn sind die 3 bestimmenden Koordinaten, vor allem
aber die Sinnlosigkeit dieser menschlichen Kategorien und Rituale. Deutlich
wird dies vor dem Hintergrund der erbarmungslosen Kräfte des wilden Dschungels,
wenn Kanonenrohre als Insignien der politischen Macht durch den Schlamm gezerrt
werden, junge Adelsdamen auf Sänften von Sklaven mühselig durch den
Wald geschleppt werden oder wenn mitten im Dschungel feierlich die offizielle
Erklärung der Meuterei und der Inbesitznahme von El Dorado an den spanischen
König, der nicht nur bloß absent ist, sondern sich gar auf einem
anderen Kontinent aufhält, verlesen wird. Schon das erste Bild – ein zermartertes,
nebelverhangenes Gebirge auf dem sich, zunächst kaum erkennbar, eine spanische
Armee gezwungenermaßen mühsig im Gänsemarsch fortbewegt – erklärt
den Menschen zum Spielball einer ihm entfremdeten Natur und reduziert seine
Machtgelüste zum bloßen Zeichen innerhalb realer Machtgefälle.
Umso irrealer wirken somit die zahlreichen Rituale der Macht und Hierarchieordnungen,
die der Film uns der Reihe nach präsentiert und in deren Dienste sich die
Menschen in „Aguirre“ stellen. Die Symbole der Macht verkümmern im Dschungel
mehr und mehr zum reinen Selbstzweck ohne Begründung dahinter, ohne Aussage.
Genau wie der Glanz von El Dorado verpuffen sie im Nirgendwo der kollektiven
Halluzinationen gegen Ende des Filmes. „Kein Fluss kann so hoch steigen“ kommentiert
der die Mission begleitende Mönch gegen Ende im Fieberwahn ein Schiff in
den Wipfeln eines Baumes am Ufer. Nun, die Macht des Menschen offenbar ebenfalls
nicht, auch wenn Aguirre in seinem Monolog von sich als dem „Zorn Gottes“ spricht
und die Vögel auf sein Geheiß hin tot von den Bäumen fallen
würden.
Dass
sich dieser allegoriereiche Film nicht im, dieser Grundthematik verführerisch
nahe liegenden, überwältigenden Bilderrausch ergeht ist ein großer
Verdienst Werner Herzogs. Anstatt dem möglichen Pathos seiner Geschichte
zu erliegen, kleidet Herzog die Geschichte des großen Verrats Aguirres
in schon beinahe „langweilige“ Momentaufnahmen der Agonie und des Molochs. Anstatt
mit bombastischen Landschaftsaufnahmen in verkitschter Postkartenromantik zu
schwelgen, wird die Natur hier fragmentarisch und vor allem real-existent, also
unzeichenhaft, inszeniert. Ganz im Gegenteil zu den Menschen, die sich vor dieser
relativ unspektakulären Kulisse bewegen: degeneriert und perspektivenlos
ziehen diese Machthungrigen durch den endlosen, feindseligen Dschungel, ergehen
sich in sinnentleerte Machtrituale und wähnen sich selbst noch in den verzweifelsten
Momenten als baldige Herrscher eines monumentalen Weltreiches. „Unser Reich
ist jetzt schon 6 mal größer als Spanien und mit jedem Tag wird es
größer“, verkündet Guzman von seinem schäbigen Thron auf
dem Floß aus. Und hat dabei von seinem Reich noch nicht mal mehr gesehen
als ein paar Bäume und einen endlosen Fluss. Vor dem, was ist, haben sich
die Menschen in ihrem Drang zur Zeichenhaftigkeit verloren, stürzen in
ihr Verderben und sterben – Ironie des Schicksals – im Fieber weiter halluzinierend.
Die wohltuend langsame und bedachte Inszenierung tut ihr übriges, um den
Zuschauer beim Verlassen des Saales in Zweifel zu lassen, ob er gerade Zeuge
einer hypnotischen Halluzination gewesen sei. Ein Effekt, den die sphärische
Musik von „Popol Vuh“, die zahlreiche Herzog Filme musikalisch untermalt haben,
noch verstärkt.
Erwähnenswert
ist selbstverständlich und besonders auch Klaus Kinski, der hier eine seiner
größten Glanzleistungen im schauspielerischen Bereich seines Schaffens
darbietet. So zeichnet er Don Lope de Aguirre gerade durch eine ganz bewusste
Reduktion auf erschreckende Art und Weise als machthungrige Bestie. Ein Mensch,
der in seiner Erhabenheit über allen zu stehen scheint und dem man nur
zu gerne glauben möchte, dass die Erde unter seinen Füßen zu
beben beginnt und die Vögel auf sein Wort hin tot von den Bäumen fallen.
Nur sehr selten und pointiert kommt es zu den kinski-typischen, expressiven
Ausbrüchen, ansonsten unterstreichen Mimik, Gestik und Wortausdruck die
Diabolik seines Charakters, der tausende von Meilen entfernt gegen die spanische
Krone rebelliert und eine neue Dynastie gründen will. Es ist ein cineastischer
Genuß par excellence Kinskis Monologe, gerade und besonders den packenden
Schlussmonolog, in dem Aguirre noch im Moment des „großen Scheiterns“
den eigenen Ruhm als gesichert betrachtet, auf der Leinwand zu verfolgen, seinem
ausdrucksstarken Gesicht und den minimalen Muskelregungen darauf zuzusehen und
sich von der Aura dieses „wahren Aguirres“ hypnotisieren zu lassen.
.:[
FAZIT ]:.
Auch
wenn „Aguirre, der Zorn Gottes“ nicht der Ästhetik und den Schauwerten
klassischen „Abenteuer-Kinos“ entspricht, ist dem Gespann Herzog-Kinski - denn
ohne Kinski wäre der Film nur halb so faszinierend – ein beeindruckendes
Stück (leiser) Kinogeschichte und eine meditative Reflexion über die
Zeichen der Macht oder die Macht der Zeichen geglückt. Und auch wenn uns
von den armen Teufeln aus „Aguirre, der Zorn Gottes“ immerhin die Epoche der
(fortgeschrittenen) Aufklärung trennt, so ist der Film mit seiner Denunziation
des „Fetisch Macht“ doch noch immer aktuell. Für Cineasten und Kinobegeisterte
anspruchsvollen Kinos abseits der Normen eine ganz klare Empfehlung.
Thomas
Groh
(07.09.2002)
Dieser Text ist auch erschienen bei ciao.de und kinolounge.de
Zu diesem Film gibt’s im archiv der Filmzentrale mehrere Texte
Aguirre, der Zorn Gottes
Deutschland, 1972
Regie und Drehbuch: Werner Herzog
Kamera: Thomas Mauch
Schnitt: Beate Mainka-Jellinghaus
Musik: Popol Vuh
Darsteller: Klaus Kinski, Alejandro Repulles, Cecilia Rivera, Helena
Rojo, u.a.
Offizieller Eintrag in der imdb.com:
http://us.imdb.com/Details?0068182
„Postkolonialismus und Alterität im Film am Beispiel von Werner
Herzogs
>Aguirre, Der Zorn Gottes< “ (studentische Proseminar-Arbeit
von Stefan Höltgen):
http://www.hoeltgen.org/stefan/Texte/Aguirre/Aguirre.html#1
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