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A
History of Violence
Knirsch,
knack
David Cronenbergs neuer Film ist ein Meisterstück.
Schwer liegt die Glasglocke des Glücks über
dieser Familie, schließt sie hermetisch ab von den Irritationen, Aufregungen,
Belästigungen der Welt draußen, macht sie unempfindlich gegen jeden
Störeffekt. Ein Leben führen diese vier im Hohlraum zwischen Vergangenheit
und Zukunft, ein Leben, das keine Bewegung kennt. Wenn dennoch nachts die Tochter,
ein blondgelocktes Püppchen, erschreckt aus dem Schlaf hochfährt,
sind innerhalb weniger Sekunden die andern drei – Mutter, Vater, Sohn – tröstend
und schmusend an ihrem Bett versammelt: Aber Liebes, es gibt doch keine Monster
... Das Frühstück am Morgen darauf ist wie in Trance, eine schwer
erträgliche Choreografie der Alltagsfreundlichkeiten, ein unentwegtes „Könntest
du mich eventuell ...“ und „Sollte ich dir denn nicht ...“ Einmal wird das wohl
sogar dem Sohn Jack (Ashton Holmes) zu bunt, und als der Vater ihn mit Cornflakes
versorgen will, grapscht der Sohn ihm fröhlich unwirsch die Schachtel vor
der Nase weg. Ansonsten: Normalität, Alltäglichkeit bis zum Gehtnichtmehr.
Nehmen wir denn alle, ohne dass wir es merken, an einem riesigen Zeugenschutzprogramm
teil, fragte in seiner Besprechung des Films J. G. Ballard – er hatte mit Cronenberg
zu tun, als der seinen Roman „Crash“ verfilmte.
Vor dieser Übung in familiärem Somnambulismus
hat es allerdings schon eine andere Szene gegeben, in den Morgenstunden vor
einem nicht minder schläfrigen Motel. Zwei Männer checken aus, in
einer sanften Parallelfahrt, aber wir merken bald, wie dieses „Auschecken“ ausgehen
wird. Der eine hat noch einen Stuhl geradegerückt an der Hauswand, wenig
später hat er ein Blutbad hinterlassen. Unkontrollierte, unmotivierte Gewalt.
Brutalität. Der Wille zur Zerstörung, die Lust am Töten. A history
of violence begins ... einer der verstörendsten und faszinierendsten Filme
dieses Jahres.
Zwei Welten, unmittelbar aneinander montiert, das
macht seit vielen Jahren das Kino des kanadischen Filmemachers David Cronenberg
aus. In diesem Film, den er über Amerikas Traum und mit viel amerikanischem
Geld gedreht hat, ist diese Art der Montage noch eine Spur härter, brutaler.
Des Vaters Verhalten erklärt sich professionell, Freundlichkeit gehört
zu seinem Job – wenn er die Leute bedient in seinem Diner, dem Treffpunkt der
kleinen Stadt. Viggo Mortensen, der wortkarge, stets ein wenig alternative Held
aus „Herr
der Ringe“, ist Tom Stall, die Haare
hat er hier ein wenig bieder in die Stirn gestrubbelt, aber manchmal, wenn er
mit den Augen rollt oder wenn er mit der Kaffeekanne hantiert und zum Ausgleich
die andere Hand in die Hüfte legt, spürt man eine alte Verführungskraft,
die nun dem Geschäft gut tun soll.
Dieser doppelte Anfang, das ist natürlich amerikanische
Twilight Zone pur – eine Idylle, die viel zu intensiv ist und daher nichts Gutes
verheißt. Die Provinz im Dornröschenschlaf, und dieser Schlaf wird
Monster gebären. Millbrook, Indiana, Einwohnerzahl: 3426. Man kennt die
Stadt, aus amerikanischen Western. Man kennt auch die Geschichte, die ihr und
ihren Einwohnern widerfahren wird. Die Fremden, die plötzlich eindringen,
die Mordbuben vom Motel, terrorisieren Toms Gäste und werden vom friedlichen
Tom dafür innerhalb von Sekunden niedergeschossen – mit allen Anzeichen
ungeahnter Killer-Professionalität. Another history of violence ... Die
Kamera schaut kurz aber genau hin, zeigt den zermatschten, halb weggeschossenen
Kiefer. Einen Chirurgen im Regiestuhl hat man Cronenberg immer wieder genannt.
„The Shape of Rage“ heißt die Untersuchung, die Dr. Hal Raglan zu diesem
Thema gemacht hat – eine der wichtigsten Figuren im Cronenberg-Universum.
Hey, Joey
Western sind Filme aus der Frühzeit der Zivilisation,
als gesellschaftliche Ordnung ihre Regeln festsetzte, mit der Hilfe von Gewalt.
Immer wieder musste daher einer, der das längst hinter sich glaubte, noch
einmal zur Waffe greifen. Der Revolverheld, der die Gesellschaft schützt,
aber nicht zu ihr gehören darf, von Gary Cooper bis Dirty Harry. Nun ist
es Tom, der diese Rolle übernehmen muss, sie wird ihn in die Schizoität
treiben. Er ist ein Held nach dem kleinen Diner-Massaker, aber das ist nur das
kleinste seiner Probleme. Ein paar Tage später hockt ein Mann im Diner
(Ed Harris), schwarzer Anzug, Sonnenbrille, schrecklich vernarbt, und mit väterlich
sarkastischem Ton in der Stimme, wenn er den Mann hinter dem Tresen, der ihm
Kaffee schwarz, einschenkt, mit Joey anredet.
Wo Ich war, muss nun Es werden. Tom hat eine Vergangenheit
– hat er irgendwann in seiner Frühzeit gar das Töten gelernt? Seine
Tat wird Katalysator, lockt das Gewaltpotenzial hervor, das die Familie, die
Stadt bislang in Ritualen beherrscht hat, beim Baseball und seinen jugendlichen
Machtspielen, im wilden Liebesakt der Langvermählten – zu dem Edie (Maria
Bello) im alten Cheerleader-Dress Tom im Bett attackiert.
Cronenbergs Film ist eine klassische Coming-Out-Geschichte,
und darin seinem Meisterwerk „Videodrome“ vergleichbar. In beiden Filmen geht es um die Faszination
neuer Erfahrungen, körperlicher, psychischer, geistiger – und immer sind
diese mit Aggression, mit Gewalt verbunden. Viggo Mortensen und James Woods
sind Brüder im Geiste und in der Physis. Sie lernen ihre unbekannten, unterdrückten,
in die Vergangenheit verdrängten Lüste kennen. Gesellschaftliche Harmonie
kann nie unschuldig sein, aber dieses Unbehagen in der Kultur macht Cronenberg
nicht zum vordergründigen Moralisten. Man weiß aus seinen Filmen,
dass nichts so schrecklich ist im Kino wie brechende Knochen. Es gibt auch in
diesem Film einige dieser unschönen Momente, die Knackpunkte der modernen
Zivilisation. Vor dem Familienmenschen Tom hat es Brüderhorden gegeben,
die Gangs of Philadelphia. Als er von den Unbekannten erneut gestellt wird,
ist plötzlich eine sanfte Helligkeit um ihn, ein Schimmer liegt über
dem Gesicht. Er wirkt erleuchtet, wenige Sekunden später wird er wieder
zuschlagen.
Selten hat einer so gelassen die alten etablierten
Mythen zurechtgerückt wie Cronenberg in diesem Film, die festgefügten
Geschichten, die offensichtlich andersherum erzählt werden müssen.
Kain war gefährlich, mag sein, aber viel gefährlicher ist, wenn Abel,
der sanfte, zivilisierte Bruder, seine mörderischen Instinkte neu entdeckt.
Fritz Göttler
Dieser Text
ist zuerst erschienen in der Süddeutschen Zeitung
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Kritiken
A
History of Violence
USA
2005 – Regie: David Cronenberg. Buch:
Josh Olson. Nach einer graphic novel von John Wagner, Vince Locke. Kamera: Peter
Suschitzky. Schnitt: Ronald Sanders. Musik: Howard Shore. Mit: Viggo Mortensen,
Maria Bello, William Hurt, Ashton Holmes, Stephen McHattie, Peter MacNeill,
Ed Harris, Heidi Hayes, Greg Bryk, Sumela Kay, Kyle Schmid, Deborah Drakeford.
Warner, 96 Minuten.
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