A.I. - Künstliche Intelligenz
Nichts ist älter als die Zukunftsvision von gestern. Wer hat sich
nicht schon über Science-Fiction Filme aus den sechziger Jahren des
zwanzigsten Jahrhunderts amüsiert, in denen die Computer der
Raumschiffe mit Lochkarten betrieben wurden. Im Falle von Steven
Spielbergs A.I. ist der Fall allerdings weniger lustig: Als der
Film in Deutschland am 13. September 2001 in die Kinos kam, wurde
es in den Lichtspielhäusern in der ganzen Republik bei einigen
Filmszenen sehr, sehr still. Denn in einigen Sequenzen fliegt David
(Haley Joel Osmet) mit einem Hubschrauber über das überflutete New
York. Mit im Bild: Die am 11. September 2001 durch einen bis dato
nie gekannten Akt des Terrors zerstörten Türme des World Trade
Centers.
Ob der restliche Inhalt des Filmes auch irgendwann überholt sein
könnte, wird die Zukunft erweisen. "A.I." zeichnet jedenfalls eine
alles andere als angenehme Zukunft: Die Polkappen sind
abgeschmolzen, die meisten Küstenstädte überflutet. Die armen
Länder der Welt wurden nur noch mehr ins Unglück gestürzt,
wohingegen die reichen Industrieländer ihren Status durch
drastische Reglementierungen erhalten konnten. So dürfen
beispielsweise nur noch Frauen mit einer entsprechenden Lizenz
Kinder gebären. Dieser Fakt bringt Professor Hobby (William Hurt),
den Chefingenieur von Cybertronics, auf eine geniale Idee. Die
Firma produziert Androiden, sogenannte "Mechas", in großer Zahl.
Die Mechas haben bereits viele Aufgaben im täglichen Leben
übernommen. Hobby will einen Roboter herstellen, der wie ein Kind aussieht und echte Liebe für die
Eltern empfindet, die ihn kaufen. Der Android wäre der
Verkaufsschlager bei allen Ehepaaren, die keine Kinder haben
dürfen.
Natürlich muss der Prototyp erst getestet werden. In der Firma
findet sich die ideale "Testfamilie". Monika und Henry Swinton
(Frances O' Connor, Sam Robards) sind vom Schicksal schwer
gebeutelt worden. Ihr Sohn liegt in einem kryogenischen Tank, weil
er an einer unheilbaren Viruserkrankung leidet. Zunächst wehrt sich
Monika gegen das Ersatzkind namens David, doch bald schließt sie
den Roboterjungen in ihr Herz. Doch die Illusion der harmonischen
Familie zerplatzt schnell, als ein kleines Wunder geschieht: Für
Martin Swinton (Jake Thomas) wird ein Heilmittel gefunden und er
kann wieder in die Familie zurückkehren. David, der darauf
programmiert wurde seine "Mutter" zu lieben, schmerzt die
Zurücksetzung und der Liebesentzug sehr, den er aufgrund der
Rückkehr von Martin erfährt. Nach einem folgenschweren Unfall auf
Martins Geburtstagsparty setzt Monika David im Wald aus. Der
vollkommen verzweifelte Roboterjunge sieht nur einen Ausweg: Wie im
Märchen von Pinocchio will er die Blaue Fee finden, die ihn in
einen Menschenjungen verwandelt...
Wie David viele Konstrukteure und damit "Väter" hat, so erging es
auch dem Film "A.I." selber. "A.I." war eigentlich eines der
Traumprojekte von Stanley Kubrick. Jahrzehntelang trug er die
Geschichte von dem Roboterjungen, der echte Gefühle hat, mit sich
herum, zahlreiche Drehbuchautoren trieb er mit ständigen
Änderungsvorschlägen bis zur Weißglut, darunter auch den renommierten britischen
Science-Fiction-Autor Ian Watson. Ursprünglich basiert die Filmidee
auf der Kurzgeschichte "Supertoys last all summer long". Stanley
Kubrick verschob das Filmprojekt auch deshalb immer wieder, weil er
den Stand der Tricktechnik nicht für ausreichend hielt, um die
Geschichte zu visualisieren. Es wird gerne kolportiert, dass es
"Jurassic Park" von Steven Spielberg war, der Kubrick davon
überzeugte, dass nun die Tricktechnik weit genug entwickelt sei, um das Projekt in Angriff zu
nehmen. Doch Kubrick starb, bevor er "A.I." verwirklichen konnte.
Er hatte zuvor Steven Spielberg die Regie für "A.I." angeboten -
laut Spielberg soll Kubrick, mit dem ihn eine langjährige
Freundschaft verbindet, gesagt haben, das Projekt entspreche eher
seiner Gemütsverfassung, als Stanleys. Nach dem Tod von Kubrick
übernahm also Spielberg die Staffel und brachte das Filmprojekt zuende.
In zahlreichen Filmkritiken wird betont, dass man diese
zahlreichen Väter dem Film auch anmerken würde. Doch letzten Endes
stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, die einfache Zuordnung
zu machen, dass die relativ warmen Familienszenen eher Spielberg
zuzuschreiben seien und die düsteren Zukunftsvisionen im Mittelteil
des epischen Films eher Kubrick. Schon ältere Kubrick-Filme, vor
allem natürlich "2001 - Odysee im Weltraum" zeichnen sich durch
eine sehr strenge Einteilung in voneinander getrennte Akte aus. So
gesehen wird sich wohl niemals klären lassen, wo in "A.I."
Spielberg anfängt und Kubrick aufhört. Lediglich der Schluss schien
eindeutig Spielbergs Idee gewesen zu sein - derartige
Alien-Esoterik sind wir von ihm ja bereits gewöhnt.
Letzten Endes ist "A.I." trotz der prominenten Väter dann jedoch
nur ein interessanter, aber ein alles andere als bahnbrechender
Science-Fiction-Film. Die Idee, die Suche eines artifiziellen
Wesens nach Menschlichkeit mit Märchenmotiven zu erzählen ist zwar
nett, wird aber viel zu plakativ bemüht. Außerdem wirkt der
Streifen an einigen Stellen dann doch etwas arg langatmig. Es
bleibt etwas schleierhaft, warum man zur Beantwortung der am Anfang
des Films von einer Wissenschaftlerin formulierten Frage, ob die
Menschen nicht die moralische Verpflichtung hätten, eine Maschine
die lieben kann, ihrerseits zu lieben, fast zweieinhalb Stunden
braucht. Was bleibt, ist ein visuelles Feuerwerk mit einigen
interessanten Ansätzen und ein brillant agierender Haley Joel
Osmet. Es stellt sich echt die Frage, wie gut dieser Junge wohl
erst schauspielern wird, wenn er einmal erwachsen ist.
Daniel Möltner
Diese Kritik ist zuerst erschienen bei:
Zu diesem Film gibt es im Archiv mehrere Kritiken.
A.I.
USA, 2001, 146 min, FSK ab 12
Darsteller:
Haley Joel Osmet - David
Frances O' Connor - Monika Swinton
Sam Robards - Henry Swinton
Jake Thomas - Martin Swinton
Jude Law - Gigolo Joe
Willam Hurt - Professor Hobby
Regie:
Steven Spielberg
Drehbuch:
Steven Spielberg
Nach eine Kurzgeschichte von Brian Aldiss
und dem Dehbuchentwurf von Ian Watson
Musik:
John Williams