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Also
sprach Bellavista
Neapel. Ein Auflauf in der Straße. Was ist
los? Der Mann mit dem roten Holzpferd (Riccardo Pazzaglia) berichtet der Menge,
warum und weshalb er das Geschenk gekauft hat und wer inzwischen sich in sein
Auto gesetzt hat und wie er den Dieb am Schenkel erwischt hat und wie dieser
sich entwunden hat. Und da er immer wieder neue Zuhörer bekommt, die einen
Anspruch haben, den Grund des öffentlichen Geschehens zu erfahren, beginnt
der Holzpferdmann immer wieder von vorn, und jedermann lauscht abermals dieser
aufregenden Geschichte. Mit Genuß. Denn Riccardo Pazzaglia ist ein Meister
der Gestik und Mimik, darin kennt jeder Neapolitaner sich aus. Um die Geschichte
selbst geht es selbstredend nicht, wohl aber um die Art und Weise, wie sie wieder
und nochmals erzählt wird. Und da der Erzähler ein Könner ist
und auch sonst gute Figur macht, ist er so, wie er auf der Straße spricht
und gestikuliert, nämlich für das schiere Dasein, der öffentlichen
Anteilnahme sicher. Übrigens auch der Anteilnahme des Filmpublikums. Drum
kann er auf der Straße ebenso wie im Film auf Nimmerwiedersehen verschwinden.
Was bedeutet, daß sein anekdotisches Dasein die Lust am Leben und die
Lust am Film ausmacht. Den Mann mit dem roten Holzpferd kann man lieben, weil
er für nichts anderes steht, zum Beispiel nicht für ein Plot oder
für die höheren Ziele einer Filmdramaturgie.
ALSO SPRACH BELLAVISTA ist ein rundum geglückter,
populärer und unterhaltsamer Film, der seine Philosophie in Anekdoten,
in Manier und Gestikulation auflöst. Und da sich bei uns noch nicht herumgesprochen
hat, daß es weniger die verbalen Botschaften sind, die das alltägliche
Überleben garantieren, wohl aber eine Existenzsicherung mit den Mitteln
der - sagen wir - Rhetorik oder sonstwie einer Technik, die darauf zielt, sich
persönlich zu behaupten, da sich das also noch nicht 'rumgesprochen hat,
preisen wir das zweite Filmwunder, nämlich die deutsche Synchronisation,
die es geschafft hat, den Gestus des Italienischsprechens zu treffen (genauer:
die Sprachgestik der diversen neapolitanischen Dialekte).
ALSO SPRACH BELLAVISTA ist ein Film über das
Sprechen. Gesprochen werden die Dialoge des Drehbuchautors Luciano de Crescenzo,
geschrieben nach dem gleichnamigen Roman von Luciano de Crescenzo, unter der
Regie von Luciano de Crescenzo, vom Hauptdarsteller Luciano de Crescenzo in
der Titelrolle des Ex-Studienrats „Professor" Bellavista. Ein Autorenfilm,
wie er nicht im Buche steht. Denn de Crescenzo, der fröhliche Philosoph
und epikuräische Mensch, illustriert in seinem Film die jedenfalls bei
uns wenig geübte Kunst, miteinander zu reden (womit auf den deutschen Titel
seines letzten Buchs angespielt sei, erschienen bei Diogenes: „Oi Dialogoi").
„Also sprach Bellavista" wurde schon vor zehn
Jahren geschrieben, der Film vor drei Jahren gedreht. Es scheint, daß
jetzt bei uns die Zeit reif geworden ist, sich zwecks Existenzerhaltung darum
zu kümmern, was der Alltag an Erfreulichem bereithält, so beschissen
auch die Lage im Großen ist, so fatal die Vergangenheit und so trostlos
die Zukunft. Grad deswegen. De Crescenzos menschenfreundliche Philosophie hat
jedenfalls dem Autor wonnige Resultate beschert. Seine Bücher führen
die italienische Bestsellerliste an; auch bei uns nehmen sie einen Platz oben
in den Charts ein. Der Film wird den Erfolg wiederholen. Wir bekommen mehr Neapel
in den Norden. Und damit wird - die Zahlen belegen es - offensichtlich einem
dringenden Bedürfnis abgeholfen.
De Crescenzo befördert mit vielen praktischen
Demonstrationen und Aperçus die Fähigkeit, „den seelischen Zustand
den Ereignissen proportional anzupassen". Wie also geht man mit der Arbeitslosigkeit
um, der korrupten Bürokratie, der Camorra, der drohenden Pleite, dem bösen
Nachbarn, der Konsumgesellschaft, dem Natobündnis, den Fundamentaldogmatikern?
Da jeder die Antwort wissen möchte und vor allem, wie man dabei noch Spaß
haben kann, notieren wir hier den Überlebensratschlag des Films zur Bündnisfrage:
mit den Russen und gegen die Amerikaner. Denn: gefangengenommen werden wir allemal.
Klimatisch ungünstig ist Sibirien. Wenn wir schon nicht in Neapel bleiben
können (oder in Frankfurt), dann lieber als Gefangener in Kalifornien oder
so.
Bellavista entwickelt aus dem Straßendialog
eine Klimatologie des Süd-Nord-Gefälles. Neapel: das Leben, die Liebe.
Tief im Norden, d.h. beginnend in Mailand Richtung Antarktis: Freiheit (Freiheit
von den anderen/den Nächsten), Macht, reine Lehre, Fortschritt und so weiter.
Und da Bellavista sich in der Wissenschaftstrategie auskennt, operiert er vor
seinem Publikum mit wissenschaftlichem Apparat: Landkarten, Büchern, Vortrag.
Der Vizehilfshausmeister glaubt ihm jedes Wort. Bellavista, gespielt von de
Crescenzo, spricht von dem, was er gelebt hat. Denn der Filmautor, der als IBM-Manager
ausstieg, ist-jedenfalls in Italien - als Fernseh-Moderator, Schriftsteller,
Filmregisseur, Schauspieler; Comiczeichner Fotograf und als real existierender
Philosoph bekannt wie ein bunter Hund. Die Akademiker schweigen pikiert. Das
große Publikum aber durchbricht den Boykott. Es interessiert nicht mehr,
daß „die Philosophen der Lust immer von den Utopisten boykottiert"
wurden (de Crescenzo).
Als Realphilosoph scheut Bellavista die Konfrontation.
Die Philosophie der Liebe ist kommunikativ und koalitionsbereit. Und so schließt
der Film konsequenterweise mit einem Koalitionsangebot: 50% Neapel in den Norden
und, meinetwegen, 50% Mailand-Norden in das Reich der Liebe. Das Baby, das auf
dem Flug von Neapel nach Mailand geboren wird, kommt irgendwo dazwischen zur
Welt. Anpassung als Überlebensstrategie, und Spaß gibts für
den, der sich entzieht: Die Einwände gegen diese Philosophie haben wir
parat. Aber auch der, der meint, er weiß das alles schon vorher, sollte
in den Film gehen. Ich garantiere eine große Überraschung und anderthalb
Stunden philosophisches Vergnügen.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: epd Film 7/87
Also sprach
Bellavista
IL MISTERO DI
BELLAVISTA
Italien 1985. R: Luciano de Crescenzo. B: Luciano de Crescenzo und Riccardo Pazzaglia nach dem
gleichnamigen Roman von Luciano de Crescenzo. K: Dante Spinotti. Sch: Anna Napoli. M: Claudio Mattone. T: Mario
Dallimonti. A: Francesco Vanorio. Ko: Marcella de Marchis. Pg: Eidoscope S.A.L. F: Mario Orfini und Emilio Bolles. V: Kuchenreuther Filmverleih. L: 106 Min. St: 16.7.1987. D: Luciano de Crescenzo (Professor
Bellavista), Renato Scarpa (Doktor Cazzaniga), Isa Daniele (Bellavistas Frau),
Lorella Morlotti (Bellavistas Tochter).
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