zur startseite
zum archiv
Alvin
und die Chipmunks
„Haben Sie auch Kinder?“ wird
Dave Seville von der Dame am Supermarktregal gefragt. „Allerdings,“ entgegnet
der Gestresste, „Nur könnte ich sie manchmal in einen Käfig sperren
und in den Wald verfrachten!“ Ihr Blick gefriert, weil sie ja nicht ahnt, dass
Dave von drei Streifenhörnchen spricht, die den Musiker-Songwriter sozusagen
adoptiert haben. Der eingeweihte Zuschauer kann Dave verstehen: Drei sprechende,
singende und regelmäßig Spuren der Verwüstung hinter sich lassende
Nager im Haus sind für den „Alleinerziehenden“ eine glatte Überforderung.
Die pelzig-niedlichen Alvin, Simon und Theodore sind eher unfreiwillig vom Nüssesammeln
in freier Wildbahn ins Musikbusiness von Los Angeles katapultiert worden. Mit
Talent, Naivität und Daves Unterstützung haben sie sich als Boygroup
„Alvin und die Chipmunks“ in die Top-Charts gesungen. Im Grunde sind alle vier
ein prima Team, wenn man Dave dazuzählt, der immerhin dank der pelzigen
Energiebündel einer kreativen Krise entkommen ist.
Zumindest tricktechnisch ist an
Tim Hills Weihnachtskomödie nichts auszusetzen. Die Naturbürschchen
stammen samt Schnuppernasen und Knopfaugen aus dem Animationscomputer, während
Los Angeles und seine Normalbevölkerung real gefilmt ist. Möglicherweise
weicht nicht einmal der schwer erträgliche Weihnachtsnippes im Vorgarten
besonders von den realen Verhältnissen ab. Wenig Stimmigkeit bietet die
Story, wenn man sie mit dem ausgefeilten Erzählkonzept des Animationsfilms
„Ab durch die Hecke“ vergleicht, der vom Kultur-Clash zwischen Waldtieren und Vorortbewohnern
erzählt. Allzu reibungslos adaptiert sich das kuschelige Trio an die urbane
Umwelt. Auch sind die Unterschiede der gezeichneten Charaktere nicht so kontrastreich
herausgearbeitet, wie es die Filmwerbung glauben machen will. Gestreifte Stereotypen:
Alvin wird nur deshalb als forscher Kopf der Dreierbande kenntlich, weil er
ein rotes Kapuzenshirt trägt und insgesamt öfter ins Bild gerückt
wird, Simons Brille soll herausstechende Intelligenz suggerieren, Theodore steht
für Kindchenschema und Kuschelbedürfnis. Überhaupt hat es in
jüngerer Vergangenheit hyperaktive Nager zuhauf gegeben: Mit dem (unerreichten)
Scrat in „Ice Age“ (2002) fing es an, Dreamworks schickte Tammy „Ab durch die
Hecke“ (2006). Das diesjährige Kinopublikum fand an einer „Ratatouille“ zubereitenden Kanalratte
Geschmack. Und ausgerechnet jetzt, zum Weihnachtsgeschäft, macht Disney
der Fox mit dem Streifenhörnchen Pip Konkurrenz („Verwünscht“). Die
Popstars mit Überbiss müssen sich also ganz schön anstrengen.
Tun sie aber nicht. Ihre beschleunigten Quietschstimmen dürften sogar dem
minderjährigen Zielpublikum reichlich – pardon – auf die Nüsse gehen.
Der „Chipmunk“-Sound ist keineswegs
eine Erfindung unserer Tage. Das Gefiepse ist ein Relikt aus der Schallplattenspieler-Ära,
in der das Umlegen des 33/45-Hebels noch Kinderpartys zum Toben brachte. Anno
1958 experimentierte der US-Musiker Ross Bagdasarian senior mit der Bandgeschwindigkeit
und kriegte mit dem hochfrequenten Refrain „Oo-ee-Oh-Ah-Ah ting tang wal-la
wal-la bing bang“ noch gerade so die Karrierekurve. Ein Jahr später wurde
der Weihnachtsohrwurm „Christmas don´t be late“ zum Hit (beide Songs sind
in der Filmversion zu hören). Die Vermarktungs-Idee mit den Streifenhörnchen
soll Bagdasarian gekommen sein, als ihm ein solches Tier vor den Wagen lief
– Der Fahrer konnte allerdings noch bremsen; sonst wäre die Anekdote auch
kaum in die Popgeschichte eingegangen. Die Zeichentrickserie „Alvin und die
Chipmunks“ lief bis in die frühen 1990er auch im deutschen Fernsehen. Dort
kam bereits die Vater-Figur des Dave Seville vor, in Erinnerung an den 1972
verstorbenen Bagdasarian, dessen Alter Ego in der Kinoversion von dem sympathisch
verschlampten Jason Lee verkörpert wird. Ein schwacher Lichtblick in der
Routineproduktion, die mit Cameron Richardson (Traumfrau) und David Cross (Schurke)
ansonsten ausgesprochen schwach besetzt ist. Nachdem der profitgierige Produzent
Ian seinem Ex-Mitarbeiter Dave die Streifenhörnchen abspenstig gemacht
hat und sie während einer Amerikatournee in die totale Erschöpfung
getrieben hat, ist wohl auch das Publikum müde von Live-Acts, Hörnchen
in silbernen Overalls, albernem Gehopse und uninspiriertem Katz-und-Maus-Spiel.
Finden die Chipmunks am Ende zu Dave zurück? Oder lockt sie eher die trauliche
Waldeinsamkeit? Was wird aus den süßen Knuddeltieren? Uns doch egal.
Jens Hinrichsen
Dieser Text ist zuerst erschienen
im: film-Dienst
Alvin
und die Chipmunks - Der Kinofilm
USA 2007 - Originaltitel: Alvin and the Chipmunks - Regie: Tim Hill - Darsteller: Jason Lee, David Cross, Don Tiffany, Cameron Richardson, Jane Lynch, Jordan Green, Beth Riesgraf, Cher Tenbush - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 91 min. - Start: 20.12.2007
zur startseite
zum archiv