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American
Beauty Ltd.
Ein elegischer Abgesang an den amerikanischen Traum,
an die mit der industriellen Revolution verbundenen Hoffnungen. Ein Spielfilm
mit Dokumentarteilen. Vier Paare werden vorgestellt, von denselben Schauspielern
gespielt (Liora Hilb, Walter Sachers), beginnend mit Einwanderern aus Cagliari
1905, endend mit Avantgardekünstlern der achtziger Jahre. In der Beziehung
dieser Paare spiegelt sich der Traum der Zivilisation, fixiert auf die Autostadt
Detroit - und das böse Erwachen. So scheitert die Beziehung der sardischen
Einwanderer daran, daß der eine manisch-depressiv erkrankt. Die Große
Depression wiederum führt dazu, daß der galizische Autoarbeiter seine
Rolle als Mann nicht mehr spielen kann, weil er die Arbeitslosigkeit psychisch
nicht verkraftet. Der Gewerkschaftsfunktionär verliert seine Frau, die
den Glauben an die Berufung der Ingenieure („Philosophen der neuen Gesellschaft")
spätestens nach dem zweiten Weltkrieg verloren hat. In den achtziger Jahren
haben sich Avantgardekünstler und Gesellschaftswissenschaftler in den leerstehenden
Fabrikhallen eingenistet. Die amerikanische Photographin und der deutsche Industriesoziologe
gehen eine kurze, aber intensive Beziehung ein, in der sie das Schicksal der
Paare reflektieren, aber der Forschungsauftrag ist bereits zu Ende, adieu Detroit.
AMERICAN BEAUTY LTD., der erste Spielfilm von Dieter
Marcello, ist eine Hommage an die Arbeiterehepaare in Detroit. Fiktion und Dokumentation
gehen ein delikates, ja inniges Verhältnis ein, und der Regisseur steht
mit seiner Person dafür gerade. Marcello, Schauspieler, aber auch Motorenprüfer
(und Betriebsrat) bei Daimler-Benz, hielt sich selbst einige Monate zu Forschungszwecken
(Thema: Habermas und Industriesoziologie) in Detroit auf. Dem, was er dort aufgefunden
hat, erweist er seinen Respekt. So überführt er Archivmaterial von
1896 (Ankunft von Einwanderern) in Spielfilm, indem er Situationen weiterspielt
- in den Kostümfilm hinein.
Andererseits wird Fiktion zum Dokument, wenn er die
Halle Fisher II, im Studio nachgebaut, mit den Geschichten der Beteiligten des
großen Sitzstreiks in Flint, Michigan, füllt. Damals, 1937, wurde
die erste Industriegewerkschaft Amerikas erkämpft. Es treten daher Dorothy
und Henry Kraus auf, Gewerkschaftsfunktionäre von damals. Während
des Battle of the Running Boot war Dorothy in der legendären Emergency
Brigade und Henry, Herausgeber des „Flint Auto Worker", in der Streikleitung.
In den zwischenmontierten Dokumentarszenen meint man sie wiederzuerkennen.
In den überaus sorgfältigen Montagen und
detailgetreuen Rekonstruktionen von Bauten und Ambiente erscheinen die Veteranen
- Saul Wellmann war sowohl Spanienkämpfer wie Führer der Druckergewerkschaft
von Detroit - in AMERICAN BEAUTY LTD. wie auf einer zu ihren Ehren geschmückten
Bühne. Der Film ist in der Tat ein würdiger Rahmen, die Arbeitergeschichte
Detroits zu überliefern. Wenn der Film in der Kunstszene endet - Lowell
Boileau wendet für seine Bilder Arbeitstechniken an, die er als Arbeiter
bei Chrysler erlernt hat -, dann ist er inzwischen selbst Exponat geworden,
Museums-, Lehr- und Kunst-Stück. Die exemplarisch-didaktische Dramaturgie,
die exzellente, ebenso liebe- wie kunstvolle Kamera (Axel Block), Ausstattung
und Musik führen etwas vor: ein geradezu elegantes Werk, in welchem Hoffnung
und Not, Kampf, Sieg und Niederlage, das Subjektive der Arbeiter-Paare objektiviert
worden ist. In der New Yorker Wohnung von 1907, im Studio perfekt nachgebaut,
sind Originalrequisiten ausgestellt, und auf dem 38er Chevy-Sitz (aus einem
Automuseum) liegt der „Daily Worker" von 1938 als DIN-A-3-Kopie.
AMERICAN BEAUTY LTD. ist ein vollkommener Film, weil
er auf Distanz geht - ein Blick aus Europa auf eine vergangene Zeit - und damit
seinen Gegenstand voll in den Griff kriegt. Marcellos Film ist damit der Gegenpol
zu ROGER AND ME, dem wüsten, aber kraftvollen Dokumentarpamphlet von Michael
Moore, das uns ebenfalls Flint, Michigan, zeigt einschließlich der Halle
Fisher II, dem Urplatz der Autoindustrie. Während Marcello die Halle in
Köln liebevoll nachbaut, filmt Moore, wie die Halle an Ort und Stelle auf
recht häßliche Art abgerissen wird. In ROGER AND ME ist die Stadt
Flint erschreckend gegenwärtig, ein Platz der Aggression und der Wut. In
AMERICAN BEAUTY LTD. sind die Emotionen versiegelt und Flint steht auf einem
Podest; was konserviert werden soll, muß präpariert werden. Dieter
Marcello leistet, was von hier aus zu leisten war. Sein Film ist ein deutscher
Film.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: epd Film 6/90
American
Beauty Ltd.
BRD
1989.
R, B u. P: Dieter Marcello. K:
Axel Block. Sch: Christel Maye. M: Wolfgang Hamm. T: Gerhard Metz. Ba: Sigi
Glos, Marcie Paul. A: Petra Schneider. Ko: Anne Hoffmann. Pg: Dieter Marcello
projekt+film Gmbh. Recherche: Thomas Ammann. Künstl. Beratung: Edith Schmidt.
V: Basis. L: 89 Min. FSK: 6, ffr. FBW.- bw. DEA: Berlinale 1989. St-. 13.6.1990.
D: Liora Hilb, Walter Sachers.
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