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Der
amerikanische Soldat
Tote
in München ...
Ist
Ricky cool? Kaum. Ricky (Karl Scheydt) stammt aus München, heißt
eigentlich Richard, aber Amerika machte aus ihm Ricky und einen Soldaten in
Vietnam. Als sein Jugendfreund Franz Walsch (Rainer Werner Fassbinder) ihn nach
seiner zeitweisen, beruflich bedingten Rückkehr nach München fragt:
„Wie war’s in Vietnam?“ – so, als ob er fragen würde, wie war’s im Spielcasino
–, antwortet Ricky kurz und trocken: „Laut.“ „Ah ja?“ erwidert Franz. „Hier
ist nix passiert.“ „In Deutschland passiert nie was.“ Die beiden besuchen das
Haus, in dem sie aufgewaschen sind, trinken Bier, treffen auf eine Nachbarin,
die sie wiedererkennt, und gehen mit der Feststellung: „Hier hat sich nichts
verändert.“
Der
Dialog, das Outfit der Figuren, die ganze Szenerie von „Der amerikanische Soldat“
erinnern eindeutig an den amerikanischen Gangsterfilm der 40er Jahre, an die
Coolness und Abgefeimtheit der visuell in Szene gesetzten Mafiosi und Polizisten.
Helle Anzüge, Bogart-Hüte, schmale Krawatten, weiße Hemden.
Ricky war es in Vietnam zu laut. Jetzt hat er einen Beruf, in dem es leise zugeht,
bedächtig fast. Das Töten hat er nicht aufgegeben; er ist Auftragsmörder.
Aber das Morden findet in aller Stille statt, im Kämmerlein ohne Zeugen,
nicht auf dem Feld der Ehre, mit der handlichen Pistole, nicht mit Mörsern
und Maschinengewehren.
Der
filmische Gangsterlook der 40er Jahre scheint „Der amerikanische Soldat“ zu
beherrschen. Das Verhalten der Spielenden scheint dies zu untermauern. Von einer
Hommage an das Genre wird in Filmbesprechungen geredet. Aber Fassbinder wäre
nicht Fassbinder gewesen, wenn es ihm darum gegangen wäre.
Ricky
ist gekauft worden. Nicht von irgend jemand. Nein, von den drei Polizisten der
Münchner Kripo Jan (Jan George), Doc (Hark Bohm) und Max (Marius Aicher),
die sich einiger Verdächtiger entledigen wollen. Sie können nicht
einfach selbst Hand anlegen. So einfach ist das für einen Polizisten nicht,
Verbrecher einfach selbst zu töten. Die drei warten, ruhig am Tisch sitzend
und Karten spielend, aber innerlich gespannt, wann Ricky endlich erscheinen
wird. Rosa (Elga Sorbas) darf zuschauen. Frauen haben in dieser Männerangelegenheit
und -welt nichts zu sagen. „Halts Maul“ ist die ultimative Aufforderung an die
Frauen zu gehorchen. Die drei pokern, auf den Karten nackte Frauen und eindeutige
Szenen. Da wechseln große Scheine den Besitzer und Jan geht meist als
Sieger hervor, Hark träumt von den Nackten auf den Karten.
Ricky
fährt derweil in einem Auto zum Hotel – ganz Ami. Neben ihm sitzt eine
Hure (Irm Hermann), die kichert, und mehr von Ricky zu wollen scheint, als eine
Hure von ihrem Freier will. Was soll Ricky anderes tun, als sie rauszuwerfen?
An einer dunklen Stelle, irgendwo auf dem Weg zum Hotel, schmeißt er sie
zu Boden und schießt dreimal auf sie – mit Platzpatronen; sie erschreckt,
er lacht. Ricky kann jede haben und jede wegschmeißen, auch das Zimmermädchen
(Margarethe von Trotta) im Hotel, das ihm eine Flasche Whiskey, Marke Valentine,
aufs Zimmer bringt, später ein Steak mit Ketchup und einen Tomatensaft.
Ricky packt und küsst sie, dann schmeißt er sie raus.
Ricky
soll einen Zigeuner (Ulli Lommel) für die drei Bullen töten. Ricky
soll auch die zumeist betrunkene Informantin Magdalena Fuller (Katrin Schaake)
töten, die in einer Bar Pornoheftchen verkauft und Ricky für 500 Mark
verrät, wo sich der Zigeuner, der von drei Männern beschützt
wird, aufhält. Dort trifft er Inga (Ingrid Caven) wieder, die ein trauriges
Liebeslied singt. Auch sie hat er einmal gehabt. „Was machst du so“, fragt er
sie, „Ich bin verheiratet ... mit ihm“, antwortet sie und zeigt auf den Barkeeper.
Ricky geht wieder.
Ricky
kennt keine Skrupel. In der Zigeunersiedlung trifft er auf den schwulen Zigeuner,
den er töten soll, der davon nichts ahnt, der in Ricky einen Partner fürs
Bett sieht. Das wird ihm zum Verhängnis. Ricky tötet auch Magdalena
und ihren Freier. Ricky besucht seine Mutter (Eva Ingeborg Scholz) und seinen
Bruder Kurt (Kurt Raab). Kurt, der seinen Bruder zugleich abgöttisch zu
lieben und abgrundtief zu hassen scheint, bricht zusammen, als Ricky wieder
geht. Die Mutter beauftragt einen Privatdetektiv, Ricky zu beobachten.
SPOILER
!
Als
Ricky nach zwei Morden ins Hotel zurückkehrt, bestellt er über den
Portier, einen Informanten der drei Polizisten, eine Hure. Jan, vom Portier
informiert, schickt ihm Rosa. Ricky verspricht ihr, sie mit nach Japan zu nehmen.
Als die beiden nackt im Bett liegen, kommt das Zimmermädchen herein und
setzt sich auf den Rand des Bettes. Sie erzählt die Geschichte einer verlorenen
Liebe. Als das Telefon klingelt, verlässt sie das Zimmer. Als Ricky und
Rosa das Zimmer verlassen, sehen sie, wie das Zimmermädchen telefoniert.
Sie spricht mit einem Mann, der sie verlassen will. Sie hängt auf und stößt
sich ein Messer in den Bauch. Ricky und Rosa sehen wie sie schreit und stirbt
– und verlassen das Hotel, als ob sie das alles nichts angehe. Was geht es sie
auch an?
Als
Jan erfährt, dass Rosa ihn verlassen will, beauftragt er Ricky, Rosa ebenfalls
zu töten. Ricky erfüllt seinen Auftrag. „Glaubst du wirklich, ich
wäre zum Bahnhof gekommen?“ fragt er Rosa, bevor er sie in die Arme nimmt
und erschießt.
Der
Detektiv meldet Rickys Mutter die geplante Abfahrt des Killers. Auf dem Bahnhof
kommt es zum Showdown. Als Ricky das Geld für die Morde aus einem Schließfach
holen will, stehen die Polizisten mit gezogener Waffe vor ihm. Ricky, der seinen
Freund Franz zum Bahnhof bestellt hat, weil er vorsichtig ist, scheint verloren.
Doch Franz erscheint mit einer Waffe im Rücken der Polizisten. Für
Ricky scheint alles wieder in Ordnung, bis seine Mutter und Kurt auftauchen.
Als sich Ricky und Franz unachtsam zu ihnen umdrehen, werden sie von Jan erschossen.
Kurt stürzt sich auf den sterbenden Bruder, wälzt sich auf ihm, hält
ihn in den Armen. Beider Mutter steht regungslos da.
SPOILER
ENDE
Kein
anderer deutscher Regisseur hat menschliche Beziehungsgeflechte derart gründlich
seziert wie Rainer Werner Fassbinder, für mich der letzte bedeutende deutsche
Nachkriegsregisseur von Weltformat. Nicht nur in „Der amerikanische Soldat“
visualisiert Fassbinder die Unmöglichkeit dauerhafter positiver Gefühlswelten
angesichts der Überwölbung menschlicher Beziehungen durch Geld und
Macht. Ricky ist der Prototyp des amerikanischen Kinogangsters, aber bei Fassbinder
wird er mehr, zum Aushängeschild einer fast gefühllosen Regelung des
Lebens. Ricky handelt geradezu mechanisch. Für ihn existiert nur der Auftrag
und dessen Bezahlung. Was er braucht, Valentine-Whisky oder Frauen, nimmt er
sich. Erinnerungen an die Jugend, die Familie, den Freund Franz haben rein instrumentellen
Charakter. Sie sind in ihrer Bedeutung zur Bedeutungslosigkeit und Funktionalität
im Hinblick auf seinen „Beruf“ verkommen. Der Besuch bei Mutter und Bruder hat
nicht mehr zu bedeuten als die Beziehung zu Rosa – Ereignisse unter vielen,
im Rahmen von Geben und Nehmen.
Frauen
und Schwule stehen auf verlorenem Posten. Das Zimmermädchen bringt sich
um. Rosa von Praunheim, die nicht umsonst den Namen des schwulen Filmemachers
trägt, dessen „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation,
in der er lebt“ 1971 für Aufsehen sorgte, wird ermordet, die Barsängerin
Inga lebt in Ödnis mit dem Barkeeper, der nie verstehen wird, wie sie meint,
was sie mit Ricky verbunden hat, die Mutter Rickys muss zusehen, wie ihr Sohn
erschossen wird, der schwule Zigeuner wird erschossen und Rickys Bruder Kurt
(gespielt vom 1988 verstorbenen Kurt Raab, dem ersten prominenten AIDS-Opfer)
verzweifelt angesichts des Todes seines Bruders. Frauen und Schwule träumen
von der Liebe, sehnen sich nach Zuneigung, selbst die Hure, die Ricky aus dem
Auto wirft. Vergeblich.
Wenn
überhaupt Gefühle ansonsten zum Vorschein kommen, dann Angst und Rachegelüste.
Max, der Polizist, hat Angst davor, dass die vor den Augen des Polizeipräsidenten
verdeckte Beauftragung eines Berufskillers ihm die Karriere kosten könnte,
wenn alles auffliegt. Jan beauftragt den Killer aus Rache an Rosa, die ihn verlassen
will, zum Mord an ihr. Macht beherrscht die Szenerie.
Macht
auch in dem Sinne, dass die staatliche Gewalt über die Gangstergewalt obsiegt,
wie Fassbinder selbst seinen Film kommentierte. Ricky hat im Grunde keine Chance.
Staatliche wie Gangstergewalt bedienen sich derselben Mittel, in ihrem Verhalten
unterscheiden sich Polizisten wie Gangster nicht. Aber die staatliche Gewalt
sitzt am längeren Hebel.
So
geht es Fassbinder in „Der amerikanische Soldat“ also kaum um eine Dekonstruktion
des amerikanischen Gangsterfilms. Das Genre ist nur die Hülle, unter der
er die Unmöglichkeit der Entwicklung privater Gefühle frei vom Prinzip
Herrschaft und Knechtschaft in aller Offenheit, das kann man schon sagen, visualisierte.
•
D V D •
Der
Rainer Werner Fassbinder Foundation und der e.m.s.-new-media ist es zu verdanken,
dass bislang 19 Fassbinder-Filme seit 2002 auf DVD erscheinen konnten, darunter
auch „Der amerikanische Soldat“. Die Boxen umfassen jeweils zwei DVDs mit umfangreichem
Zusatzmaterial, u.a. einem Kurzfilm Fassbinders von 1967 („Das kleine Chaos“)
sowie ein Filmporträt von 1977. Die Filme wurden durch ein aufwändiges
und kostenintensives Verfahren neu abgetastet und haben trotz ihres Alters und
der zum Teil schlechten Vorlagen eine außerordentliche Ton- und Bildqualität.
Der Film ist in schwarz-weiß zu sehen, Tonformat mono, Untertitel Englisch.
Die Gesamtspielzeit beider DVDs beträgt 157 Minuten.
Wertung
Film: 10 von 10 Punkten.
Wertung
DVD: 9,5 von 10 Punkten.
Ulrich
Behrens
Diese
Kritik ist zuerst unter dem Namen POSDOLE erschienen bei: ciao
Der
amerikanische Soldat
Deutschland
1970, 77 Minuten
Regie:
Rainer Werner Fassbinder
Drehbuch:
Rainer Werner Fassbinder
Musik:
Peer Raaben, Rainer Werner Fassbinder („So much tenderness“; gesungen von Günter
Kaufmann)
Director
of Photography: Dietrich Lohmann
Schnitt:
Thea Eymesz
Produktionsdesign:
Rainer Werner Fassbinder, Kurt Raab
Hauptdarsteller:
Karl Scheydt (Ricky), Elga Sorbas (Rosa von Praunheim), Jan George (Jan), Hark
Bohm (Doc), Marius Aicher (Max), Margarethe von Trotta (Zimmermädchen),
Ulli Lommel (Zigeuner), Katrin Schaake (Magdalena Fuller), Ingrid Caven (Inga,
Sängerin), Eva Ingeborg Scholz (Rickys Mutter), Kurt Raab (Kurt, Rickys
Bruder), Irm Hermann (Hure), Gustl Datz (Polizeipräsident), Marquard Bohm
(Privatdetektiv), Rainer Werner Fassbinder (Franz Walsch)
Internet
Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0065391
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