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Amigomio
„Wir
sind doch fein raus. Wir erleben spannende Abenteuer, oder?" Irgendwo in
einem vollbepackten Überlandbus hoch oben in den Anden, abgebrannt und
hungrig, versucht ein Vater, seinen Sohn mit dieser euphemistischen Lagebeschreibung
ein wenig aufzumuntern. Auf eine Art hat er recht. Denn was Vater und Sohn,
Carlos senior und junior, auf ihrer Reise von Buenos Aires quer durch den südamerikanischen
Kontinent begegnet, könnte ohne weiteres Stoff für ein paar weitere
INDIANA-JONES-Filme liefern. Illegale Grenzübertritte und Verhaftung, Höhenkrankheit
und Kräuterhexen, ein indianisches Opferritual, Straßenschlachten
und Guerillaüberfälle.
Doch
die beiden sind auf der Flucht. In Argentinien herrschen die Generäle.
Die Mutter des Jungen war im illegalen Widerstand aktiv. Als sie eines Tages
von den Schergen des Regimes abgeholt und verschleppt wird, scheinen auch Sicherheit
und Leben ihrer Familie in Gefahr. Mit ein paar Dollars und einer Kontaktadresse
machen sich Vater und Sohn auf die langwierige und gefährliche Reise ins
ferne Quito, wo eine Stelle in einer deutschen Firma eine Existenzmöglichkeit
bietet.
Amigomio,
so wird der kleine Carlos von seinen Eltern genannt. Amigomio und sein Vater
sind die Helden im neuen Film von Jeanine Meerapfel und Autor Alcides Chiesa,
mit dem sie seit 1984 zusammenarbeitet. Nicht nur im Titel und im Namen seiner
Protagonisten knüpft AMIGOMIO dort an, wo LA AMIGA, ihr letzter Film, aufgehört
hat (Carlos hieß dort der von den Militärs ermordete Sohn). Auch
AMIGOMIO ist angesiedelt im Argentinien der Militärdiktatur, auch hier
wird eine Familie durch den Terror der Herrschenden auseinandergerissen. War
es dort die Mutter, die ihren Sohn verlor, so ist es hier das Kind, das mit
dem Vater zurückbleibt.
Maria,
die Mutter, die Frau aus dem Volk, wurde über dem Verlust und der Konfrontation
mit der Ruchlosigkeit des Regimes zur Kämpferin. Am Ende entstand aus der
Wut und der Trauer auch Hoffnung: Ihr Sohn habe sie neu geboren, sagt sie da,
sie trage ihn nun in sich, seine Träume von Freiheit, seine Hoffnung auf
Gerechtigkeit.
AMIGOMIO
macht es eine Nummer kleiner. Dieser Vater ist kein Kämpfer, kein Held,
er wird es auch nicht werden. Ängstlich eher, fast ein Opportunist. Aus
der Politik hat er sich zurückgezogen, vor der Flucht schlug er sich zuletzt
als Vertreter von Teflonpfannen durchs Leben. Einmal, in der Eisenbahn, kritzelt
er mit Bleistift ein Parölchen an die Toilettentür.
Carlos
ist verunsichert, ein Fremder im eigenen Land. Mehrfach heimatlos: selbst Kind
von Flüchtlingen, Sohn deutsch jüdischer Einwanderer ist er als Mittelstandssprößling
sozial und als Nichtkämpfender politisch ein „Verräter" an der
Sache des Volkes. „Verdammt, zu welcher Welt gehöre ich denn?" Für
Carlos, den deklassierten Bürgersohn, wird die Reise - mit Eisenbahn, Autobus,
LKW und zu Fuß - durch die Ebenen Argentiniens, die Gebirge Boliviens
und Perus und den ecuadorianischen Urwald auch zu einer Reise in die sozialen
und geistigen Wirklichkeiten seines Kontinents - und zu einer Suche nach der
eigenen Identität. Immer wieder wird er dabei mit seinen Zweifeln, seinen
Ängsten, seinem Versagen konfrontiert: Wäre es nicht seine Pflicht
gewesen, wenigstens zu versuchen, Negra, die Mutter, seine Ex-Frau, zu retten?
Ist er nicht wirklich der Tourist, der Gringo, für den er immer wieder
gehalten wird? Einer, auf den kein Verlaß ist, wie es ihm Negra aus der
Erinnerung vorwirft? In teils realistischen, teils surrealen Begegnungen tritt
Carlos die Geschichte und politische Realität Lateinamerikas gegenüber:
In einem Bus debattieren Indianer den Haupt- und Nebenwiderspruch bezüglich
der Rassenfrage. Hoch in den Anden, in der indianischen Bergarbeiter- und Silberstadt
Potosi, die als Zentrum europäischer Ausbeutung und Symbol lateinamerikanischer
Identität einen krisenhaften Höhepunkt der Flucht bezeichnet, trifft
er auf einen Guerillero (ist es gar Che Guevara selbst?), der den kläglich
an Höhenkrankheit leidenden Carlos sarkastisch mit den politischen Ansprüchen
der Vergangenheit konfrontiert. In seiner Hilflosigkeit hält sich Carlos
an das Nächstliegende: das Weiterkommen und die Verantwortung für
den Sohn. Der Junge ist sowohl Brücke zur Welt wie Zeichen der Distanz.
Auch äußerlich nach der dunklen Mutter geschlagen, also echter Latino,
bewegt sich Amigomio selbstverständlich in der Welt, die sein Vater nur
teilnahmslos beobachten kann. Mit leichter Hand knüpft der Junge Kontakte,
mit kindlicher Unverstelltheit und ebenso kindlicher Unvernunft fordert er Engagement
und Taten ein. Immer wieder auch ist es der Junge, der die Distanz Carlos' zu
seiner Umgebung bezeichnet. „Ganz die Mutter", sagt eine bolivianische
Guerillera anerkennend, als sie von den Wünschen des Jungen erfährt,
sich zu bewaffnen und einzugreifen, und zum Vater: „Und du hast nicht versucht,
deine Frau zu retten?"
Als
die bolivianische Polizei versucht, Vater und Sohn zu trennen - man hält
Carlos für einen Kinderhändler, schließlich kann ein „blonder
Gringo" unmöglich der leibliche Vater eines so offensichtlichen Latinokindes
sein - beweist der Junge wahre Tatkraft, doch nur das Bestechungsgeld des Vaters
kann die Situation retten. Dieser symbolische Machtkampf, so scheint es, stellt
die Beziehung von Vater auf Sohn auf eine neue, entspanntere Ebene.
Immer
wieder hat Jeanine Meerapfel, die selbst als Kind jüdisch-französisch-deutscher
Emigranten in Buenos Aires aufgewachsen ist und seit vielen Jahren in Berlin
lebt, in ihren Filmen die Erfahrung von Flucht und Fremde, von Identitätsverlust
und historischem Gedächtnis beschrieben. Immer wieder auch hat sie gefragt,
wie es möglich sein kann, zu leben mit der Geschichte, mit den Toten, mit
der Verantwortung.
Das
Schöne an AMIGOMIO - und das unterscheidet ihn von anderen Filmen der Regisseurin
- ist, daß er sich diesen Fragen stellt, ohne ausufernde Metaphorik oder
wortgewaltige Deklarationen zu bemühen und sich ganz auf die Geschichte,
die Personen und die Bilder verläßt.
Kameramann
Victor Gonzáles hat diese Bilder sehr argentinisch werden lassen, in
ihrem scharf akzentuierten südlichen Licht und der sanften Bewegtheit sind
sie fast schon zu schön und zu poetisch für eine solche Geschichte.
Viel
Raum wird den Menschen gegeben, sich zu entfalten, vom Kamerablick und von der
Erzählweise gleichermaßen. AMIGOMIO arbeitet nicht mit der Konstruktion
plakativer Gegensätze, er verzichtet auf melodramatische Effekte und allzu
offensichtliche Bedeutungsweisen. Statt dramatischer Kontrapunktik bestimmt
epische Verkettung den Gang der Erzählung. Die Autoren leisten sich dabei
die Freiheit, Hintergründe und Erklärungen auszublenden ebenso wie
die Souveränität, Motive aus dem Nichts einzuführen oder verschwinden
zu lassen.
AMIGOMIO
erzählt seine Geschichte in mehrfach gestaffelten Rückblenden und
Erinnerungen. Am Ende, so erfahren wir da, haben die beiden es geschafft; mehr
als das, im Exil ist eine Karriere gelungen, Carlos wirklich zu dem geworden,
was er vielleicht schon immer war, ein Bourgeois. Ein Überlebender ist
er, ein Sieger noch lange nicht. Das ist, was am meisten überzeugt an AMIGOMIO,
daß er erinnert und benennt, was so oft vergessen wird: die Verluste,
die das Überleben kostet - auch wenn man es gut meint. Von Moral zu erzählen,
ohne zu moralisieren. Leicht ist das nicht. Hier scheint es gelungen.
Silvia
Hallensleben
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: epd film
7/95
Amigomio
AMIGOMIO
Argentinien/BRD
1993. R und B: Jeanine Meerapfel, Alcides Chiesa (frei nach dem Buch „Historias
de Papa y Amigomio" von Pablo Berge]). P: Martin Buchhorn, Mirta Reyes.
K:
Victor González. Sch:
Andrea Wenzler. M: Osvaldo Montes. T: Paul Oberle, Jorge Stavropulos. A:
Santiago Elder. Pg:
Chelko/Malena Films/Telefilm Saar/SR/NDR/Arte/WDR. V:
Basis. L: 114 Min. St: 8.6.1995. D: Daniel Kuzniecka (Carlos), Diego Mesaglio
(Amigomio), Mario Adorf (Großvater), Deborah Brandwajnman (Großmutter),
Gabriela Salas (Negra), Atilio Veronelli (Tony), Manuel Tricallotis G. (Amigomio
2), Hugo Pozo (Toro Salinas), Christoph Baumann (Christoph).
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