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Am Tag als Bobby Ewing starb
"Weißt
du noch? Damals bei Brokdorf?"
Nostalgie ist doch so etwas Schönes.
Die alten Zeiten, die alten Kämpfe, das zügellos-gezügelte Leben
in der WG, die Schlachten mit den Bullen am AKW, die Diskussionen über
Gewalt und Gewaltlosigkeit, die ersten Versuche, ökologisch anzubauen und
zu essen, die ersten Wollsocken, die Streitereien, ob man das Rauchen nun aufgeben
solle oder nicht, die selbst gestrickten Therapien, die Auseinandersetzungen
um ein Leben zurück zur Natur - und die Frage, ob man dann irgendwann gescheitert
war oder nicht.
"Weißt du noch,
damals ... ?"
Auf jeden Fall war für alle
etwas dabei, sozusagen freie Auswahl. Manche wurden Hare-Krishna-Jünger
und -Jüngerinnen, andere verzettelten sich in Beziehungsdiskussionen in
der Möchtegern-Kommune, wieder andere zogen es vor, vor dem ganzen Quatsch
in die Toscana zu fliehen, um den gleichen Quatsch dort zu verbraten, und ein
paar wenige leben noch heute so - wenn sie nicht gestorben sind -, z.B. in Longo
Mai, eine dieser Inseln des glückseligen alternativen Lebens. Und wieder
andere gründeten "Die Grünen".
Lars Jessen versuchte sich 2005
in seinem Film "Am Tag als Bobby Ewing starb" an zweierlei: an einem
nostalgisch-komischen Rückblick auf die Alternativbewegung der 80er Jahre
und an der Aufarbeitung seiner eigenen Erlebnisse als Knabe, der mit seiner
Mutter ein paar Jahre in einer WG in der Nähe von Brokdorf gelebt hat.
Immerhin bekam der Film die Auszeichnung "Bester Spielfilm" auf dem
Max-Ophüls-Festival 2005.
• I N H A L T •
Hanne (Gabriela Maria Schmeide)
zieht mit ihrem Sohn Niels (Franz Dinda) 1986 in die letzte Landkommune mit
dem schönen Titel "Alternatives Wohnkollektiv Regenbogen" in
der Wilster Marsch, irgendwo bei Wattstedt und ganz in der Nähe des AKW
Brokdorf. Dort wohnen teils alte Bekannte von Hanne, vor allem der in die Jahre
gekommene Peter (Peter Lohmeyer) mit Hippie-Mähne, der "Führer"
des alternativen Endzeitprojekts, und Emanze Gesine (Nina Petri), der Revoluzzer-Typ
Eckardt (Richy Müller), Elli (Eva Kryll), die gerne trinkt und "Dallas"
für die Ausgeburt kulturellen Lebens hält, und Walther (Falk Rockstroh),
der Epileptiker.
Hanne, frisch geschieden von einem
bankrott gegangenen Immobilienmakler, der das Weite gesucht hat, sucht hier
auf dem Bauernhof von Hein, der ebenfalls in der Kommune lebt, das Nahe, das
Vertraute. Überzeugt von ihren antiautoritären Vorstellungen will
die Sozialpädagogin ihrem Sohn Niels - der hier zudem seinen Ersatzdienst
ableisten soll - im Rahmen eines Projekts für Behinderte das gute, gesunde
Leben beibringen.
Noch immer sitzen die Kommunarden
regelmäßig vor den Toren des Kernkraftwerks, brüllen "Bullenstaat"
und "AKW nee" und müssen sich von der Polizei sagen lassen, dass
sie zu spät kommen. In der WG selbst geht es teils locker, teils streng
her: Morgens springen die Kommunarden erst mal nackt vor's Haus, um sich mitten
in Mutter Natur zu waschen - was ihnen einen Rüffel des örtlichen
Bürgermeisters und Kneipenwirts Prestin (Peter Heinrich Brix) einbringt.
Einbringen ist aber auch sonst ein beliebtes Wort in der seltsamen Gemeinschaft.
Tantraübungen, Schreitherapie und fleischlose Kost, Schafe scheren und
schier endlose Debatten über Gewalt und Strategie, Zukunft und Zusammenleben
- jeder bringt sich irgendwie ein.
Nur Niels kommt mit den merkwürdigen
Gestalten nicht so richtig zurecht - zu viel Reglement. Und als er mehr zufällig
mit der Tochter des Bürgermeisters Martina (Luise Helm) und dem öfter
mal besoffenen Rakete (Jens Münchow) auf ein paar AKW-Gegner trifft, die
gerade einen Strommast in die Luft sprengen wollen, prahlt er später in
der WG, er habe sich jetzt dem aktiven Widerstand angeschlossen. In der WG brechen
daraufhin Konflikte auf. Insbesondere Eckardt passen solche Aktionen natürlich
voll ins Konzept und er gibt sich Mühe, Niels im militärisch organisierten
Heranschleichen und im Bau von Mollis "auszubilden".
Erst recht ernst wird es aber
für die Kommunarden, als die Nachricht vom Filmtod Bobby Ewings - eine
mittlere Katastrophe für Elli - am selben Tag über den Äther
saust wie die Meldungen über die Explosion des Reaktors in Tschernobyl.
Die Kommune droht auseinander zu brechen. Peter ist verzweifelt und träumt
von der Flucht nach Portugal
...
•
I N S Z E N I E R U N G •
Darf man sich über diese
komischen Typen lustig machen? Natürlich darf man! Und der Film tut dies
auch in irgendeiner Art von kritischer Sympathie und als Verarbeitung der Jugend
des Regisseurs. Letzeres ist fast unangreifbar. Und so ganz fern von den alternativ-symbiotischen
Formen der damaligen und vormaligen "Bewegung" ist der Streifen nun
auch nicht - obwohl Peter Lohmeyer trotz langer Mähne etwas fehl am Platz
erscheint und auch Richy Müller nicht so recht ins Konzept dieser sorglos-sorgenvollen
Nach-68er passen will.
Allerdings: Weiter geht man dann
auch nicht. Das alles hatte ja - wenn auch nicht unter ökologischen, sondern
eher beengten marxistisch-leninistisch-maoistisch-trotzkistischen - wahlweise
auch stalinistischen - Vorzeichen eine Vorgeschichte bei den 68ern, die ganz
ähnliche "Debatten" vom Zaun brachen, allerdings nicht über
Schreitherapie, sondern eher über die "richtigen" Schreie bei
den "richtigen" Demonstrationen und Aktionen, und die sich in ebenso
endlosen Debatten in ihren WGs und Kommunen die Köpfe heiß redeten
und in der ersten Alternativbewegung um das Jahr 1900, in der Nacktsein hoch
angesehen, Rauchen verpönt und Natur einfach nur schön war. Kein Wunder,
dass Ex-Kommunarde Rainer Langhans gleich mit vier seiner fünf Frauen bei
der Premiere in einem Münchner Kino erschien.
"Weißt Du noch ... ?"
Doch während sich viele 68er
entweder auf Demos oder Matratzen rumtrieben (Motto: "Wer immer mit der
gleichen pennt, gehört schon zum Establishment") und die nachfolgenden
K-Gruppen und später entstandenen Vollautonomen nach der "korrekten
politischen Linie" suchten, die dann, hier vom ZK, dort von irgendeinem
autonomen Häuptling in geheimer Mission verkündet wurde, suchten andere
aus dieser Zwickmühle und Enge das Weite und entdeckten "die Umwelt".
Und sie hatten ja auch recht. Wer weiß heute z.B. noch, wie vergiftet der Rhein Anfang
der 70er Jahre war und unter welchen Belastungen Menschen im Ruhrgebiet leben
mussten? Während sich die einen später im Häuserkampf übten
und "die Ausländer" als politische Manövriermasse gegen
den allumfassenden Imperialismus entdeckten, spürten die Vorläufer
der "Grünen", die wie Pilze aus dem Boden sprießenden Bürgerinitiativen
usw., immerhin diverse Gifte in Boden, Nahrung und sonst wo auf - und so einiges
mehr, was einem lebenswerten Leben abträglich war.
Es ist schön, dass der Film
über die winzige Kommune am Rande des AKW lachen kann. Allerdings bleibt
das doch alles in einem merkwürdig anmutenden engen Rahmen. Mit dem eingeengten
Blick einer Kindheitserinnerung schaut man durch eine Röhre auf ein soziales
Biotop - so, als wenn drum herum, oben drüber und unten drunter nichts
gewesen sei. Der biotopische Blick auf ein Biotop kreist dann nur noch um sich
selbst. Das mag man, mögen manche mögen. Mir stößt das alles dann doch ein
bisschen bitter auf. Denn aufgrund meiner eigenen Erfahrungen zwischen 68er-Bewegung
und ökologischen Protestbewegungen, eben in einer jener Dutzenden von K-Gruppen
zwischen Anfang und Ende der 70er Jahre kann ich über diese Dinge und meine
eigene Rolle in diesen beengten Dunstkreisen massiver Ideologie-Aufladung -
man war geradezu elektrisiert vom Gedanken an die Revolution - zwar laut und
herzhaft lachen.
Was der Film aber eher verschweigt,
oder sagen wir in keiner Pore der Inszenierung andeutet, ist die - und jetzt
muss ich diese Floskel einmal los werden - typisch deutsche Kleinbürgermentalität,
die sich in allen "Bewegungen" seit den 68ern so richtig breit gemacht
und eingenistet hatte. Wie nah war man doch jenen, die man teilweise in Grund
und Boden kritisierte - allerdings mit dem an Absolutheit grenzenden Wahrheitsanspruch
per se! Dies allerdings ist ein Thema, das auch ansonsten tatsächlich einer
gründlichen Aufarbeitung bedürfte. Dass Elli gerne und ausgiebig "Dallas"
schaut, ist im Film selbst kaum ein Anhaltspunkt für diese gemütlich-berüchtigte
Enge oder gar ein kritischer Seitenhieb hierauf, sondern eher ein nebensächlicher
"Gag", über den man gerne mal lacht - nicht weniger, aber auch
nicht mehr.
Was bleibt, ist eine deutlich
zu spürende, wenn auch in der Form der Komödie inszenierte nostalgische
Rückschau. Das korrespondiert schon fast mit den verklärten Zukunftsvisionen
der genannten "Bewegungen". Immerhin, werden manche einwenden, haben
wir doch heute "Die Grünen". Nun ja. Wir haben auch staatliche
Umweltpolitik, wir haben eine breite Aufnahme ökologischer Gesichtspunkte
in allen nennenswerten politischen Parteien.
Worüber dabei allerdings
weniger nachgedacht wird, ist die Tatsache, dass ohne eine massive ökologische
Komponente kein Industriestaat der westlichen Hemisphäre hätte weiter
wirtschaften können - selbst die USA nicht (die sich zwar immer noch dem
Klimaschutzabkommen widersetzen, das auf Dauer - nach Bush - aber kaum durchhalten
werden). Dass unsere kuriosen Freunde im Film bzw. eigentlich ihre realen Vorbilder
dazu beigetragen haben, entzieht sich jedem Zweifel. Dass der enge Blick des
Films auf diese 80er-Jahre allerdings auch mehr verkleistert als aufdeckt, scheint
mir jedoch ebenso eindeutig.
"Weißt du noch ...?"
Wertung: 6 von 10 Punkten.
Ulrich Behrens
Dieser Text
ist zuerst erschienen bei:
Zu diesem Film
gibt es im archiv der filmzentrale mehrere Texte
Am Tag als Bobby Ewing starb
Deutschland 2005, 92 Minuten
Regie: Lars Jessen
Drehbuch: Ingo Haeb, Kai Hensel, Lars Jessen
Musik: Jakob IIja, Paul Rabiger
Kamera: Andreas Höfer
Schnitt: Elke Schloo
Darsteller: Gabriela Maria Schmeide (Hanne), Franz Dinda (Niels),
Peter Lohmeyer (Peter), Nina Petri (Gesine), Richy Müller (Eckardt), Luise
Helm (Martina), Peter Heinrich Brix (Prestin), Jens Münchow (Rakete)
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