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Anderland
Suicide Is Painless
Ein Film der Selbstmorde. "Anderland" beginnt
mit einem Suizid des Protagonisten, endet mit einem weiteren und zeigt mittendrin
noch mehrere Klippen- und U-Bahnsprünge. Manche symbolisch, manche auf
schauderhafte Weise erfolglos, aber alle beseelt vom Konzept des Freitods, der
Erlösung durch die ultimative Transformation. Aber die Toten finden keine
Befreiung.
Daß sich der Protagonist Andreas zu Beginn
des Films ohne Erinnerungen als einziger Buspassagier in der isländischen
Basaltwüste Sprengisandur wiederfindet, wird Skandinavienreisende nicht
überraschen: Man hegte schon immer den Verdacht, daß sich dort der
Durchgang zur Unterwelt befindet (und nicht nur geologisch, wie Jules Verne
mutmaßte). Die (Nach-)Welt, die folgt, erstaunt umso mehr: Eine austauschbare
skandinavische Großstadt wird durch geschickte Kameraperspektiven aus
unübersichtlichen Glasfassaden und grauem Mauerwerk konstruiert; mit fader
Fahrstuhlmusik und roboterhaften Bewohnern ergibt sich eine ebenso groteske
wie wundersam amüsante Höllenvision zwischen Sartre, Kafka und Roy
Andersson.
Die wenigen Dialoge stehen in Schärfe und Wirkung
der über weite Strecken stummen, bildermächtigen Inszenierung in nichts
nach. Womit die meisten Sozialsatiren nur kokettieren – daß hinter der
uniformen Vernunftfassade des modernen Ikeabürgertums nur gähnende
Leere herrscht – bildet Regisseur Lien direkt ab: ein knutschendes Pärchen
ohne Gesichtsausdruck, das Privatleben als zwanghafte Fixierung auf Inneneinrichtung,
Sex ohne jedes Gefühl. Erst der zunehmend verzweifelte Protagonist und
seine ungläubigen Reaktionen (zum Beispiel auf die groteske Gleichgültigkeit
seiner stepfordisierten Verlobten beim Trennungsgespräch) machen aus diesem
eigentlich todtraurigen Sujet eine irrwitzige, rabenschwarze Komödie. Editor
Flataukan bleibt dafür lange in den Einstellungen und kostet diese lauwarme
Hölle in all ihrer ausweglosen Absurdität genüßlich aus.
Selbst die Wendung vom satirischen Alptraum der skandinavischen
Konsensgesellschaft hin zur Befreiungsparabel durch die Inspiration von Griegs
Klaviermusik meistert diese kleine Filmperle souverän: Nach einer letzten,
hinreißend surrealen Wendung, die erneut Alltagsgegenstände zu Symbolen
der Transzendenz erklärt (wurde jemals ein dampfendes Kuchenblech so verehrt,
so heiliggesprochen?), balanciert sich der Film auch noch zu einem gelungenen
Abschluß zwischen Hoffnung und Unsicherheit. Selbstmord jedenfalls, soviel
hat man gelernt, macht manchmal alles nur noch schlimmer.
Daniel Bickermann
Dieser Text ist zuerst erschienen im: schnitt
Anderland
Den brysomme mannen. N/IS 2006. R: Jens Lien. B: Per
Schreiner. K: John Christian Rosenlund. S: Vidar Flataukan. M: Christian
Schaanning. P: Tordenfilm, Icelandic Film Company. D: Trond Fausa Aurvåg,
Petronella Barker
u.a. 90 Min. Zorro ab 4.10.07
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