Arlington Road
Wie das blutige Symptom eines verdrängten Traumas taucht zu Beginn ein
kleiner Junge mit schweren Verbrennungen an der Hand aus dem Nebel der
überbelichteten Aufnahme auf und wird von Michael Faraday, dem einen Protagonisten des Films, ins
Krankenhaus gebracht. Dort sieht man zum ersten Mal Oliver Lang und seine
Frau, die Eltern des Kindes, die Nachbarn von Faraday, als Schattenriß,
schwarze flache Konturen.
Faraday trägt sein Trauma, den Tod seiner Frau, einer FBI-Agentin, offen
zur Schau und überkompensiert den Verlust durch Identifikation mit seiner
toten Frau, als Vollender ihrer Aufgabe. Er lehrt Zeitgeschichte an der
Universität, ist Spezialist für Terrorismus und verstrickt sich im
insistenten Beharren auf der Aufarbeitung des Vergangenen, eines
terroristischen Anschlags wie des Todes seiner Frau, in
Verschwörungszusammenhänge, die paranoid scheinen, aber - das macht den
Schrecken des Films aus - nicht sind. In der Aufdeckung von Langs
düsterer Vergangenheit kommt es nicht etwa zur Katharsis, zur Überwindung
des eigenen Traumas, sondern im Gegenteil zu seiner scheinbar
unausweichlichen Wiederholung.
Die raffinierteste Wendung des Films ist die Überführung von
Tiefenpsychologie und Vergangenheitsbewältigung in die tückischsten
Plotstrukturen, die man seit langem gesehen hat. Die Bloßlegung der
terroristischen Vergangenheit Oliver Langs, seiner Vertuschungsversuche,
führt nicht zur Erlösung, sie klärt das Muster, die Strukturen eines
Handelns, in denen Faraday, ohne es zu merken, bereits selbst gefangen
ist. Hinzu kommt, daß der Zuschauer zu keinem Moment klüger ist als
Faraday (oder seine Verbündete Brooke), daß die Bedrohung, suggestiv
inszeniert, stets fast mit Händen zu greifen ist, sich der Konkretion
aber so lange entzieht, bis man, gemeinsam mit Faraday, in der Falle
sitzt. Pellington setzt diese Zuspitzung in ihrer Ausweglosigkeit durch
Tempoverschärfung, unterstützt von Angelo Badalamentis treibender Musik,
effektbewußt in Szene, er ist in seinen handwerklichen Mitteln, Schnitt,
Kameraarbeit, Chiaroskuromalerei des Lichts, nicht immer subtil, aber nie
maniriert, scheut das Grobe nicht, ohne doch je über das Ziel
hinauszuschießen.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen in:
Zu diesem Film gibt es im filmzentrale-Archiv mehrere Kritiken.
Arlington Road, USA 1999
Regie: Mark Pellington
Darsteller: Jeff Bridges, Tim Robbins, Joan Cusack