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Armee der Liebenden oder Revolte der Perversen
Die Gruppe Gay Sweatshop erinnert
in einem Kurzmusical an »Dear Darling Dr. Magnus« Hirschfeld und
damit an das Berlin von 1929, von dem aus sich das schwule Selbstbewußtsein
entwickelte. - Die Gründer amerikanischer Schwulenorganisationen der fünfziger
Jahre geben über die Entwicklung in den USA Auskunft. In Wort- und Bildzitaten
wird der weitere Gang der Schwulenbewegung belegt: von der Christopher Street
Gay Parade Juni 1971 in New York bis zur Schwulendemonstration im Juni 1977
in San Francisco mit ihren 250.000 Teilnehmern. Zu ihnen gehört Praunheim
mit seinem lover Mike. Sie sind glücklich. Doch die Gruppe Gay Sweatshop
erinnert an ein vergessen geglaubtes Kampflied: »SA marschiert, die Reihen
fest geschlossen«.
Die Dokumentation der amerikanischen
Schwulenbewegung verfolgt gleichzeitig den Zweck, die Privatheiten des Regisseurs
- Neigungen, Ansichten, Urteile, Vorurteile - öffentlich zu machen. - Den
Beginn der Geschichte der Schwulenbewegung datiert der Film auf das Jahr 1929,
in welchem Dr. Hirschfeld in Berlin sein Institut gründete. Die Sternstunde
wird von der Theatergruppe Gay Sweatshop in einem Kurzmusical dargestellt: »Dear
Darling Dr. Magnus«. Ein Interview mit Christopher Isherwood, dessen Berlin-Geschichte
Mr. Norris
steigt um
den plot für den Film Cabaret abgab, leitet auf die USA über und insbesondere auf das
tragische Schicksal von Montgomery Clift und James Dean, welche, glaubt man
dem Kommentar, Opfer psychischer Repression waren: das coming out war damals
unvorstellbar. Doch die Tom Robinson Band spielt »Power in the Darkness«,
denn es regt sich etwas in einer Minderheit - einer Minderheit von schätzungsweise
20 Millionen schwuler Frauen und Männer. Zum erstenmal in ihrer Geschichte
gibt es eine, in den 50er Jahren noch zaghafte, Organisation. Auf die Statements
von Harry Hay, dem Gründer der ersten amerikanischen Schwulenorganisation
(Mattachine Society, 1950, Los Angeles), sowie Del Martin und Phyllis Lyon,
den Gründerinnen der ersten lesbischen Organisation (The Daughters of Bilitis,
Mitte der 50er Jahre), folgen in einer Montagesequenz Fotos (Bettye
Lane) und Zeitungsausschnitte
vom Stonewall-Bar-Aufstand 1969 in New York. Eine Million Schwule in New York
waren die Basis für die Gay Liberation Front. In einem Interview erinnert
sich Bob Kohler dieser Zeit, da der politische Kampf dieser Organisation um
die Rechte aller Minderheiten ging. Arthur Bell (Redakteur von The Village Voice) erzählt, warum sich schon
1970 als Gegenreaktion eine rein schwule Organisation gründete: die Gay
Activists Alliance. Die tausend Mitglieder im Firehouse waren militante Päderasten,
radikale Tunten, solidarische Lederleute, Alte und Junge, Arm in Arm. Zum Stichwort
New York schwenkt die Kamera Fassaden ab. Es sind die bekannten Aufnahmen von
der Christopher Street Gay Parade, die Praunheim im Juni 1971 in New York aufgenommen
hatte (Ausschnitt aus HOMOSEXUELLE IN NEW YORK). Eine längere Sequenz beschäftigt
sich mit Bruce Voeller, dem ehemaligen Präsidenten der Gay Activists Alliance,
der 1974 die mächtige National Gay Task Force gründete, welche erstmals
die schwule Minderheit in allen Staaten der USA erfaßte. Während
Voeller im Anzug mit weißem Hemd und Schlips durch die 5`h Avenue schreitet,
verdächtigt ihn Praunheim aus dem off, Cocktailparty-Politik zu betreiben
und im Weißen Haus zu antichambrieren, statt kompromißlos und radikal
das System zu verändern. Der Kommentar verdächtigt auch Jean O'Leary,
die innerhalb der National Gay Task Force die Lesbierinnen repräsentiert,
allzu eng mit Midge Constanza, einer Beraterin von Carter, zusammenzuarbeiten.
Das laufe nur auf reformatorische Gesetzesänderungen hinaus und, vielleicht,
auf eine private politische Karriere - für sie. Die Gruppe The Pink Satin
Bomber bringt Praunheims offensichtliche Aversion gegen die Anpassung auf eine
viel zitierte Formel: »Haben wir Schwule Revolution gemacht, um 700 neue
Leder-Bars zu haben oder das Recht, in der Armee zu dienen?«
Das Jahr 1977 bringt die Lösung.
Das absolute Feindbild - »es konnte nichts Besseres passieren« (Praunheim)
- zwingt zur Solidarität der Schwulen. Anita Bryants antischwuler Kreuzzug
löst die erste große Massenbewegung aus. DIE ARMEE DER LIEBENDEN
präsentiert ein dessertsüßes Filmdokument von der Anita-Bryant-Pressekonferenz
in Des Moines, Iowa: der schwule Tom Higgins aus Minneapolis schüttet der
Totalfeindin eine Schüssel Bananencreme ins Gesicht. In der Nahaufnahme
rutscht ihr das Dessert über Antlitz und Busen. Ehemann Bob Green, verklemmt-souverän,
spricht in eines der vielen Mikrofone: »We forgive you and we love you«;
denn Gott ist mit ihnen.
Der Film geht die Ränder
der neuen Schwulenbewegung ab. Sarah Montgomery, 79, berichtet vom schwulen
coming out ihres Sohnes (da war er 35) und über seinen Selbstmord zusammen
mit dem lover (da war er 46). - Die blinden Schwulen und die Dritte-Welt-Schwulen,
gefilmt auf dem Gemeinschaftsdachgarten der new yorker Praunheim-Wohnung, bekommen
ihren Platz im Film: der schwule Indianer Rainbow Silverfire und Salih-Michael
Fisher (Tri Base Collectives). Die doppelte USA-Minderheit fühlt sich erstens
als Dritte Welt und dann erst als schwul.
Discosuperstar Grace Jones singt
während der Gay Pride Rallye 1978 in New Yorks Central Park - eine sehr
häßliche Einstellung - »I need a man«. Haare und Hals
sind unter einer kappenähnlichen Vermummung verborgen, doch werden ihre
kleinen nackten Brüste von der Kamera erfaßt. Die lesbische Separatistin
Rose Jordan, auf der Stelle von Praunheim interviewt, ist aufs äußerste
empört: »Alle Männer sind gleich, ob hetero, ob schwul.«
Als ob Praunheim diesen Satz beweisen
möchte, zieht er sich aus und geht mit dem Pornohelden und Supermacho Fred
Halstead zum Fick in die freie Natur. In Anspielung auf den Halstead-Film L.A. Plays Itself weist der Kommentar darauf hin:
Halstead plays himself. »Jeder weiß, daß ich eine Tunte bin«,
bekennt der Held, der den schwulen Machotyp propagiert. Praunheim bemüht
sich, den Mundverkehr zu bewerkstelligen. Der Versuch mißlingt.
Ein Höhepunkt des Films ist
der Auftritt eines schwulen Nazis. Russel Veh ist Direktor der National Socialist
League. Der schöne junge Mann posiert vor einer Hakenkreuzfahne, die Hakenkreuzbinde
um den Arm. Die Kamera nimmt ihn imposant von unten auf, er reckt die Hand.
Er erklärt die Demonstranten für Bolschewisten, Kommunisten und Anarchisten
und nimmt für sich in Anspruch, die schwule schweigende Mehrheit zu vertreten,
die konservative Mittelklasse. »Ich glaube, irgendwie werden wir die Endlösung
für die Judenfrage finden müssen. Ich glaube nicht, daß Hitler
die Juden vergast hat. Aber wenn, dann hätte er Deutschland für das
westliche Christentum freigemacht.«
Der Film zeigt eine schwule kirchliche
Trauung, die Rev. Troy Perry von der schwul-katholischen Church for the Beloved
Disciple in Los Angeles vornimmt. Dann folgen beschwingte Aufnahmen von der
»größten Schwulendemo der Welt«: Juni 1977, San Francisco,
250 000 Teilnehmer. Eine der sieben Kameras der ARMEE DER LIEBENDEN zeigt Praunheim
selbst mit seinem lover Mike. Mike war es, der sich bereiterklärte, mit
Rosa von Praunheim (»Ich finde es wichtig, privates Leben öffentlich
zu machen«) vor der Kamera zu ficken. Die entsprechende Sequenz wird gezeigt.
Sie entstand, wie der Film mitteilt, im Sommer 1977 am San Francisco Art Institute.
Praunheim hatte sich den Studenten seiner Produktionsklasse Film persönlich
als Studienobjekt für das Thema Homosexualität zur Verfügung
gestellt. Die Kamera (Werner Schroeter) nimmt im Vorlesungssaal auf, wie der
Lehrbeauftragte Praunheim - eine Naheinstellung - den Schwanz seines Partners
lutscht und mit vollem Mund selig die Augen schließt.
Der Film wendet sich nunmehr dem
Thema schwuler Sex mit Kindern und Jugendlichen zu. Die schwulen Teenager von
Boston geben sich im Gruppeninterview locker und fröhlich. Tom Reeves,
Professor für Zeitgeschichte an einem College in Boston, erklärt im
Kreise seiner Familie (das sind sein Freund und einige Knaben), daß er
soviel wie möglich Teenager verführe, die in einer repressiven, autoritären
Familie großwerden, um ihnen zu zeigen, daß sie andere und freiere
Möglichkeiten jenseits der Familie haben. Die Boston-Sequenzen schließen
mit einer Demonstration »radikaler Tunten und Päderasten« die
für »Sex mit Jugendlichen« kämpfen.
John Rechy berichtet in Hollywood
über seine Erlebnisse als Strichjunge; er ist der gefeierte Autor des Buches
The Sexual
Outlaw.
Die Kamera zeigt Bilder von Sexmodellen. - In New Orleans wird mardi gras als
schwuler Karneval vorgestellt, als »größtes schwules Fickfest«.
Die Kamera jagt geilem Fummel nach und freien Ärschen. Doch jäh drückt
die Videoaufzeichnung eines Interviews mit State Senator Briggs auf die Stimmung,
denn dieser fordert ein Berufsverbot für schwule Lehrer. Der 7.November
1978, die Abstimmung in Kalifornien über Briggs Antischwulen-Gesetze, wird
erwähnt (der Film zeigt sie nicht, da die Aufnahmen im Sommer 1978 beendet
waren), doch erfahren wir durch Praunheims off-Stimme zu seligen Bildern von
Sonnenuntergängen, Palmen und Meer, daß die Wähler gegen Briggs
entschieden haben. Daraufhin verliest Praunheim das Schlußmanifest: »Nicht
Gesetze müssen wir ändern, sondern Stimmungen. Nur die Schwulen können
das ändern - und die Gefahr sehen, daß die Bewegung mit einem kleinen
Erfolg zufriedengestellt wird. Nur wenige begreifen, wie wichtig es ist, für
alle Minderheiten zu kämpfen.« Schlußbild ist ein Gruppenhändedruck der Theatergruppe
Gay Sweatshop. Als akustisches Menetekel ist ein altes Kampflied unterlegt:
»SA marschiert, die Reihen fest geschlossen«.
ARMEE DER LIEBENDEN ist eine direkte
Fortsetzung der Bestandsaufnahme des ersten Homosexuellenfilms (NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS). Dieser endet mit dem Satz »Raus aus den Toiletten, rein
in die Straßen! FREIHEIT FÜR DIE SCHWULEN!« - ARMEE DER LIEBENDEN
zeigt die Freiheit auf den Straßen, die Organisation der Bewegung und
die Geschichte der Organisationen. Der Untertitel AUFSTAND DER PERVERSEN, unter
dem der Film ebenfalls gelaufen ist, ist einem haßerfüllten antischwulen
Zeitungsartikel zum ersten Schwulenfilm entnommen. Armee der Liebenden oder Aufstand der Perversen heißt auch das von Praunheim
1979 bei Trikont veröffentlichte Buch, das umfangreiches, über den
Film hinausgehendes Material (Interviews, Statements) zugänglich macht.
Praunheim berauscht sich in ARMEE
DER LIEBENDEN geradezu am Feindbild der Anita Bryant. Der öffentliche homosexuelle
Akt im San Francisco Art Institute richtet sich expressis verbis gegen die Kreuzfahrerin,
die er sich als Voyeurin wünscht. Im Film trägt sie zickigzüchtig
»You are my lucky star« vor (ein Filmausschnitt), während er
den Satz von dem besten Ding sagt, das je der Schwulenbewegung passieren konnte.
(Im Buch Armee
der Liebenden
schlägt er zwecks Erzielung ähnlicher Solidarisierungseffekte in Deutschland
vor: »Wie wärs, wenn Herr Strauß die Macht ergreift.«)
Innerhalb des Films erliegt Praunheim
eingestandenermaßen der Faszination dessen, was er gleichzeitig auf höherer
Bewußtseinsebene angreift. Der schwule Nazi wird liebevoll als junger
schöner Held fotografiert. Der schwule Macho Halstead vertritt die von
Praunheim zentral befehdete Ideologie der schwulen Männlichkeit (macho
clone) und des Faustficks; gleichwohl treibt er es mit ihm nackt auf der grünen
Wiese (und beklagt sich im Buch bitter, daß er nur »einen kleinen
zusammengeschrumpelten Schwanz« vorgefunden habe).
Die Abneigung und Faszination
zugleich, die Praunheim mit dem Film öffentlich macht, überträgt
sich auf den Zuschauer. Entsprechend unsicher bleibt die Einschätzung des
Films. Die Zielrichtung ist klar. In Form einer subjektiven Dokumentation wendet
sich Praunheim gegen die Entwicklung der amerikanischen Schwulenbewegung: gegen
ihre Entpolitisierung auf der einen Seite, ihre Kommerzialisierung auf der anderen.
Wenige Jahre nach dem Aufstand in der Stonewall Bar und in der Christopher St.
findet er in New York weder ein schwules Kommunikationszentrum vor noch irgendeine
politische Organisation, sondern nur noch Saunas, Orgienbars und Sextheater.
Der Schwule kann nur noch fremde (vom Kommerz diktierte) Identitäten annehmen
- als Leder-, Sadomaso-, Disco-, Drogenschwuler. Seine wahre (schwule) Identität
zu entwickeln, wird ihm vom »System« verwehrt. Daher Praunheims
erzieherisches Manifest: die »Haltung der Leute zu verändern«.
Die Forderung nach Systemveränderung
und Entwicklung politischen Bewußtseins verdarb manchem, der dem Film
den moralisch-pädagogischen Zeigefinger übelnahm, den Spaß.
Andererseits - bildlich gesprochen - steckt Praunheim den Finger in des Nächsten
Arsch, und das hinwiederum verdarb denjenigen den Spaß, die mitnichten
Praunheims Lustknabe sein und statt
dessen den Film als seriöses Argument
benutzen wollten. »Diejenigen, die sich der Bewegung anschlossen, weil
sie nicht mehr hören wollten, daß sie nicht schwul sein sollen, kriegen nun gesagt, wie sie schwul sein sollen. Dagegen
müssen wir kämpfen, und Praunheim bringt uns dazu in die Stimmung«,
drohen die Gay News.
Adressat des Films ist in der
Tat der Schwule selbst, dem in bezug auf das Wie entschiedene Ratschläge
erteilt werden. Auf der Ebene des Bewußtseins vermittelt der Film daher
Mutlosigkeit, auf einer darunter liegenden Schicht jedoch, und das gehört
zu seiner kreativen Ambivalenz, das Gegenteil: Mut und Einladung zur Solidarität.
Lähmend wirkt der Film, wenn er den Stand der schwulen Bewegung verdammt,
die Schlips- und Kragen-Schwulen diffamiert, Fraktionskämpfe anheizt und
in eine Art spießiger Argumentation des Früher-war-alles-besser verfällt.
In der Geste jedoch, wie der Film extreme Facetten schwuler Bewegungen zusammenbringt,
analytische und strukturelle Formen dreist mißachtet und sich selbst aufs
Innigste mit allen (bösen und guten) Ausdrucksformen schwulen Seins verschmilzt
-: in dieser lustvollen Anarchie ist der Film in der Tat die schönste Ermunterung,
aus dem »kommerziellen« schwulen Getto auszubrechen, transschwule
Freuden zu suchen und transschwule Minderheitenpolitik zu machen.
Die ARMEE DER LIEBENDEN macht
klar, daß dazu nicht eine politische, sondern eine persönliche Entscheidung
erforderlich ist. Praunheim ist selbstredend das persönliche Vorbild. Das
ist Aspekt des »Weißt du noch?« des Films. Die alten
Bilder und Ausschnitte, die Erinnerungen vor der Kamera sind ein gut Teil Heimkino. In Anlehnung
an den Halstead-Film könnte man sagen: die Bewegung spricht zu sich selbst.
Oder konsequenter: Praunheim spricht zu sich selbst. Spätestens hier stößt
man auf sein Konzept, Privates publik zu machen. Seine Liebesgeschichte mit
lover Mike, mit dem er, zusammen mit 249 998 anderen, im Sommer 1977 durch San
Francisco zog, küssend, schmusend, Händchen haltend, ist prototypisch.
(Die ausführliche Liebeskorrespondenz ist im Buch Sex
und Karriere abgedruckt.) Praunheim hatte Mike
in einem Pornobuchladen in San Francisco kennengelernt. Es ist zu beachten,
daß es sich nicht um den Filmmitarbeiter Mike Shephard handelt. Zwar hat
Praunheim auch ihn im Jahr 1977 kennengelernt, jedoch in Florida als Hotelmanager
in Sanibel Island unter pensionierten CIA-Agenten. Da beide Mikes gleichaltrig
sind, ist
Verwechslungen vorzubeugen.
Praunheim wollte so, wie er sich
selbst in Szene setzt, ARMEE DER LIEBENDEN als Mittel benutzen, »eine
Art Zentrum schwulen Bewußtseins zu bilden. Ich würde gern den Film
in Verbindung mit schwulen Aktivitäten zeigen wie Diskussionen, Vorträgen,
anderen Filmen, Parties«, um Schwule dazu zu bringen, wieder zu erwachen
und (unkommerziell) zu kommunizieren."' Das Ziel war sehr positiv und sehr
ehrgeizig, und natürlich hat er es nicht erreicht. Das feedback, das er
sich von diesem Film erhoffte, hätte ein zwanzigmillionenfaches sein müssen.
Davon ging in den USA nichts in Erfüllung. Der Film lief dort (und in Kanada)
nur in einigen wenigen Kinovorstellungen. In Deutschland jedoch wurde der Film
zu Praunheims bis dahin größtem Erfolg. Er lief in einzelnen Kinos
bis zu sieben Wochen lang.
Die Uraufführung im März
1979 auf der Los Angeles International Film Exposition Hollywood (Filmex Society)
brachte einen Publikumserfolg und böse Verrisse. Gezeigt wurde die längste
Fassung (107 Minuten). Der Hollywood Reporter (16.März 1979) sah »eine krude, oft rüde Leistung«
und sagte ahnungsvoll voraus, daß daran eine große Anzahl Menschen
Anstoß nehmen würde, »sowohl Schwule als Heteros«'".
Variety äußerte ernsthaft
den Verdacht, Praunheim habe den Film nur gedreht, um zum (darin dokumentierten)
Geschlechtsverkehr zu kommen. Damit aber stelle der Film eine Art von Homosexualität
ins Rampenlicht, die der Schwulenbewegung einen schlechten Namen gebe.
Die Schwulenpresse reagierte reserviert.
Die Gay
News schrieben
im Mai 1979 zu den new yorker Aufführungen, daß ARMEE DER LIEBENDEN
den »Fortschritt« in etwas suche, was als verlorene Schlacht erscheine,
und daß aus dem spärlichen Besuch der letzten Aufführungen zu
schließen sei, daß niemand das Schlachtfeld besichtigen wolle. Es
wird moniert, daß dem Film Menschlichkeit, Liebe und Sinn für Humor
fehle. Mit dieser Einschränkung empfehlt die Zeitschrift den Besuch des
Films."' Dagegen entdeckte The Advocate im Januar 1980, daß der Film, den Praunheim »als
Waffe für seinen Kreuzzug benutze«, »wie die Schwulenbewegung
eine Fülle on Energie und Freude aufweist und daß die kumulative
Wirkung in der Tat stark ist«
. Le Berdache würdigt den Film anläßlich der Aufführung
im September 1979 auf dem Festial der Filme der Welt, und Lindzee Smith bringt
im East Village Eye
ebenfalls im September 1979 Praunheim zu diesem Film ausführlich zu Gehör.
Im Village Voice
vergleicht Hoberman die ARMEE DER LIEBENDEN mit NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS:
»Während NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS mehr vom Typ der Frankfurter
Schule ist, ist ARMY OF LOVERS freischweifender und amerikanischer in seiner
Vielfalt: eine gesunde Kakophonie von Stimmen.«
Daß der Film für die
schwule Massenbewegung keine Rolle spielen würde, stand schon im Juni 1979
fest, als er im Rahmen des umfangreichen Veranstaltungsprogramms zur 10. Wiederkehr
des Christopher St.'s Day eingesetzt werden soIlte und vom Veranstalter, dem
Gay Pride Committee Christopher Street, abgelehnt wurde. Der Leiter des Schwulenmarsches
Juni 1979 war Seth Lawrence von der Gay Activists Alliance, eben der Organisation,
die einen ausführlichen Platz im Film (und im Buch) erhalten hatte. Die
Organisatoren hatten den deutschen Störenfried ausgeschlossen. Praunheim
fand das »in gewisser Hinsicht gut. Denn für mich ist es wichtiger
einen Film zu machen, der zu einer Kontroverse führt.«
In Deutschland war die Presse
»von der Vielfalt der Aspekte überrascht«(FAZ, 28.7.79) und
sprach von einem »Kampffilm«(SZ, 21./22.4.79, der eher Konfrontation
als Koexistenz suche; trotzdem sind hier genügend Anregungen, die eigene
Zagheit zu überwinden«(Tagesspiegel, 1.6.79).
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist
zuerst erschienen in: Rosa von Praunheim; Band 30 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek
von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien
1984, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung
des Carl Hanser Verlags
ARMY
OF LOVERS OR REVOLT OF THE PERVERTS. ARMEE DER LIEBENDEN ODER REVOLTE DER PERVERSEN.
BRD
1972-1979
Regie,
Drehbuch, Kommentar, Schnitt, Ton: Rosa von Praunheim. - Mitarbeit: Mike Shephard.
- Kamera: Rosa von Praunheim, Lloyd Williams, Juliana Wang, Michael Oblowitz,
Ben Van Meter, Nickolai Ursin, John Rome, Bob Schub, Werner Schroeter. - Musik:
Tom Robinson Band. - Songs: »I Need a Man«, gesungen von Grace Jones;
»Power in the Darkness«, gespielt von Tom Robinson Band; »As
Time Goes By«, »Dear Darling Dr. Magnus«, »Horst Wessel-Lied«,
arrangiert und gesungen von Gay Sweatshop. - Darsteller: Harry Hay, Anita Bryant,
Arthur Bell, Sarah Montgomery, Salih-Michael Fisher, John Silva, Rainbow Silverfire,
Grace Jones, Rose Jordan, Del Martin, Phyllis Lyon, Ed Murphy, Seth Lawrence,
Pink Satin Bomber, Bruce Voeller, Jean O'Leary, Fred Halstead, Russell Veh,
Troy Perry, Sally Walker, Gordon Guy, Nancy Rough, Tom Reeves, John Rechy, John
Briggs, Michael Kearns, Morris Knight, G 40 Plus, Gay Sweatshop. - Unterstützung
und Mitarbeit: Gay Sweatshop, Joey Knutson, Fred Halstead, Tom Reeves, Alexander
von Wechmar, Bill Rushton, Randy Shilts, Bettye Lane, Walter Gross, Brandon
Judell, San Francisco Art Institute. - Sprecher: Rosa von Praunheim. - Produzent:
Rosa von Praunheim im Auftrag des WDR. - Redaktion: Michael Gramberg. - Drehzeit:
Sommer 1972 - Sommer 1978. - Drehort:
Der Film verwendet Ausschnitte aus HOMOSEXUELLE IN NEW YORK. Der
Titel des Films wird allgemein Mit ARMEE DER LIEBENDEN ODER AUFSTAND DER PERVERSEN
zitiert. Der hier genannte Titel ... REVOLTE DER PERVERSEN folgt den credits
der Kopie. - Es existieren eine deutsche und eine amerikanische Version des
Films.
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