zur startseite
zum archiv
Auf
Liebe und Tod
Der Anfang ist witzig, kurzweilig, vielversprechend,
der Schluß augenzwinkernd, bewußt klischeehaft, voraussehbar: fast
wäre es François Truffaut gelungen, einen Hitchcock-Thriller der
vierziger oder fünfziger Jahre nachzuahmen. Nur verrennt er sich. Im Versuch,
einen Krimi, eine leichte Komödie, eine spannende Erzählung und eine
Parodie auf den 'film noir' unter einen Hut zu bringen, versäumt er, seinem
Film eigene Substanz zu geben. Er strebt den „B-Picture-Look" an, ein Film
von 111 Minuten kann aber vom Zitat allein nicht leben.
Immerhin steht Truffaut das ansehnliche Talent der
Fanny Ardant zur Verfügung, einer der gefragtesten jungen Darstellerinnen
Frankreichs, die nicht zuletzt durch Truffauts »Die
Frau nebenan« (1981) bekannt
wurde. In »Auf Liebe und Tod« ist sie Komödiantin, 'femme fatale'
und Amateurdetektivin in einem und läßt ihre erfahreneren Mitspieler
Jean-Louis Trintignant, Philippe Laudenbach und Philippe Morier-Genoud fast
wie Statisten erscheinen.
Zum Teil liegt das wohl an der spröden Charakterisierung
dieser Figuren, was Truffaut und seine Mitautoren Suzanne Schiffman und Jean
Aurel offenbar für die Filmadaptation des Kriminalromans „The Long Saturday
Night" für angemessen hielten. Dieser Thriller des verstorbenen amerikanischen
Autors Charles Williams, vor Jahren in der berühmten französischen
'serie noir' erschienen, reizte Truffaut zur Verfilmung vor allem deshalb, „weil
dieser Roman seine Kriminalgeschichte aus dem Blickwinkel der Heldin, einer
ganz normalen Sekretärin, erzählt und nicht nur mit Leichen gespickt
ist, sondern auch mit einer gehörigen Portion Humor aufwarten kann."
Fanny Ardant spielt die attraktive Sekretärin
Barbara, die es auf sich nimmt, die Unschuld ihres Chefs Julien Vercel zu beweisen,
in den sie heimlich verliebt ist. Vercel wird verdächtigt, einen Mann erschossen
zu haben, der, wie es sich bald herausstellt, der Liebhaber seiner Frau war.
Barbaras Aufgabe wird nicht gerade durch den Umstand erleichtert, daß
Vercels Frau Marie-Christine bald darauf in seiner Wohnung tot aufgefunden wird.
Ihre Nachforschungen führen sie nach Nizza, wo Marie-Christine angeblich
einen Schönheitssalon besaß. Stattdessen findet Barbara an dieser
Adresse einen Nachtclub, hinter dem ein illegales Geschäft mit Prostitution steckt ...
Man merkt dem Film an, daß es Truffaut Spaß
machte, ihn zu drehen, er scheint sich aber genauso wenig für den vertrackten
Inhalt zu interessieren, wie es der Zuschauer bald tut. Man weiß ohnehin,
daß die Geschichte happy-enden muß; den Mörder kann man viel
zu früh erraten. Vielmehr konzentriert sich Truffaut auf die Komödie,
die ihm aber allzu oft ins Klischeehafte abrutscht - die ungeschickten Polizisten,
die dummen Verbrecher -, und auf die beträchtlichen Reize seiner Hauptdarstellerin.
Was gelegentlich an Spannung aufkommt, wird zudem durch die heitere Musik Georges
Delerues ins Harmlose verkehrt.
Da hilft auch die ausgezeichnete Schwarzweiß-Kameraarbeit
von Nestor Almendros nicht mehr, die große Zeit des 'film noir' wird nur
noch zitiert. Immerhin wurde »Auf Liebe und Tod« für amüsant
und zugänglich genug befunden, um die Filmfestivals sowohl in Locarno als
auch in London zu eröffnen.
Stephen Locke
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: epd Film 1/1984
Auf
Liebe und Tod
VIVEMENT
DIMANCHE!
Frankreich
1983. Regie: François Truffaut. Drehbuch: François Truffaut, Suzanne
Schiffman, Jean Aurel nach dem Roman „The Long Saturday Night" von Charles
Williams. Kamera: Nestor Almendros. Schnitt: Martine Barraque. Musik: Georges
Delerue. Ton: Pierre Gamet. Bauten: Hilton McConnico. Kostüme: Michele
Ced. Produktion:
Les Films du Carrosse/ Films A2/Soprofilms. Gesamtleitung: Armand Barbault.
Produzent: Jean-François
Lentretien, Jacqueline Oblin. Verleih: Filmverlag der Autoren. Länge: 111
Min., s/w. Erstaufführung: 27.1.1984. Darsteller: Fanny Ardant (Barbara
Becker), JeanLouis Trintignant (Julien Vercei) Philippe Laudenbach (Mähte
Clement) Caroline Sihol (Marie-Christine Vercel), Philippe Morier-Genoud (Kommissar
Santelli), Pascale Pellegrin (Bewerberin), Georges Koulouris (Detektiv Labiache),
Pierre Gare (Detektiv Poivert).
zur startseite
zum archiv