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Aviator
Mediocrity
is Death
Martin
Scorsese darf für „The Aviator“ keinen Oscar kriegen. Zu fahl wäre
der Beigeschmack, zu unangebracht die späte Würdigung für einen
Regisseur, der wie kaum ein anderer das Gesicht des amerikanischen Kinos prägte,
nicht nur in jungen Jahren, als es galt, den großen Studios mit künstlerischer
Integrität den Rang abzulaufen und in Zeiten des New Hollywood aufzutrumpfen,
sondern auch im Verlauf seiner langen Karriere, der es – wie gesagt – bis heute
an Oscarehren mangelt. Für „Taxi
Driver“
hätte er ihn bekommen können, für „Raging
Bull“
bekommen müssen, von „GoodFellas“ ganz
zu Schweigen, doch „The Aviator“ steht in Scorseses Filmographie auf einem hinteren
Platz, läuft qualitativ und narrativ unter ‚ferner liefen’, und das, obgleich
die Lebensgeschichte von Howard Hughes einer klassischen Figur des scorsesianischen
Spektrums nahe kommt; eine Geschichte voller Wünsche und Illusionen, das
Leben eines Träumers, den lediglich die ureigenen Grenzen zurückhalten,
abweisen, zerstören können.
Howard
Hughes (Leonardo DiCaprio) – das ist nicht nur das übliche Geplänkel
vom ‚Rise and Fall’, keine freimütige Allegorie auf den Ikarus-Plot, kein
Jüngling, der sich zu nahe an die Sonne wagte und förmlich daran verbrannte.
Howard Hughes ist mehr als das. Seine Vita und dieser Film erzählen in
der ersten Hälfte vor allem vom Geist des Entdeckens, von der Lust an Höchstleistung,
dem peniblen Drang zur Perfektion und der schier unbändigen Kraft eines
Visionärs, der sich nicht so sehr am eigenen Ruhm und Wohlstand ergötzt
wie an der formschönen und zukunftsweisenden Gestalt seiner Ideen. Größenwahn
liegt in diesem Zusammenhang nicht fern, es mag gar sein, dass diese Vokabel
einen Teil von Hughes ebenso treffend beschreibt wie Exzentrik. Sein Leben ist
das, was man für gewöhnlich als extrem bezeichnen könnte, vollgestopft
mit Projekten, neben dem Flugzeugbau die Filmerei, das vererbte Ölimperium,
die Auftragsarbeiten für das amerikanische Militär, Hughes ist überall.
Und nirgends.
Scorsese
lässt die glorreichen Tage Hollywoods hochleben, skizziert eine von Glamour
und Starlets, Big Bands und Nadelstreifen dominierte Zeit, inmitten der 1920er
von Los Angeles, das unter der pompösen Inszenierung der Schönen und
Reichen jegliches Gefühl für ‚eine Zeit zwischen den Weltkriegen’
zu verlieren scheint. Der Krieg war und ist anderswo. In vollem Glanz erstrahlt
auch der Stern von Howard Hughes, der sich nach jahrelangen Dreharbeiten an
dem bis dato teuersten Film aller Zeiten „Hell’s Angels“ endlich in das Licht
der Öffentlichkeit wagt, die gierig auf das 4-Millionen-schwere Kriegsspektakel
wartet. Hughes steht im Rampenlicht, sein Name wird zum Synonym für Luxus,
ein Genie mit dem Hang zum Wahnsinn. Doch bereits die ersten zarten Schritte
auf dem Roten Teppich deuten vorsichtig an, was die Titelfigur innerlich zermürbt.
Das Bild von Hughes, dem strahlenden Goldjungen, bekommt noch keine Risse, jedoch
legt Scorsese von Beginn an einen Schatten auf seine Figur, die sie scheinbar
wie ein Fluch begleitet. Allzu plump bedient sich „The Aviator“ in der ersten
Sequenz des Films bei Freud’schem Gedankengut und sät Hughes später
zur psychotischen Krankheit gerierende Phobie vor Keimen und seine Hypochondrie
in den frühen Tagen seiner Kindheit, als posthumes Trauma seiner reinlichen
Erziehung.
Wesentlich
subtiler gelingt dem Film dagegen die Wandlung des Playboys und Visionärs
zum verstörten Eremit. „The Aviator“ erzählt diesen Weg von Hughes
durch die Höhen und Tiefen seines bewegten Lebens als Industrieller und
Provokateur mit dem Ziel in der restriktiven Quarantäne, allein in seinem
Vorführraum, weniger Mensch als Tier, gefangen in den Wahnvorstellungen
seiner eigenen Psyche, bindungslos und an sich selbst gescheitert.
Dennoch
– und das verwundert angesichts der Thematik und des Regisseurs – bleibt Howard
Hughes im wesentlichen eine nackte Projektionsfläche, ohne inneren Kern.
Seltsam unbelebt scheint der Charakter von Hughes, Scorsese zeichnet die Tiefen
seiner Figur und seine inneren Kämpfe nach, jedoch stülpt er das innere
Antlitz nach außen, ohne Hughes’ eigenes Dilemma in sich selbst austragen
zu lassen. Bildlich bedient sich der Film an der körperlichen Verwahrlosung
des ehemals aalglatten Playboys hin zum unbekleideten Urmensch, dessen Körper
eine freie Fläche bietet, um Hughes eigene Filme darauf zu projizieren.
Scorsese verliert sich an dieser Stelle im Offensichtlichen, genauso wie der
Film im Laufe der zweiten Hälfte merklich an Dynamik und künstlerischem
Einfallsreichtum einbüßt. Beinahe muss man erkennen, dass die explosive
Biographie des Tausendsassas und deren hypnotische Faszination verglüht,
sich dagegen alles in einem ewig währenden Kreis aus Wahn und Exzentrik
dreht. Es geht nicht voran, bis „The Aviator“ schlussendlich in einem unbefriedigenden
Ende mündet.
Scorsese
unternimmt mit seinem Werk ein gewaltiges Projekt, ähnlich ambitioniert
wie Howard Hughes’ Lebenswerk selbst, gilt es doch sein fulminantes Dasein in
variablen Facetten zu kennzeichnen, zu komprimieren. Bis zu einem gewissen Grad
gelingt die Revitalisierung vergangener Tage und das märchenhafte Abbild
eines kosmischen Überfliegers, der sich nicht an den Maßstäben
der Gegenwart messen kann und will. Letztendlich offenbart sich jedoch in einer
kleinen Nebenhandlung das wahre Potenzial von „The Aviator“, abseits des großen
Trubels und des schnöden Bombasts teurer Ausstattungen. Hughes Liebesbeziehung
zu Katherine Hepburn (Cate Blanchett) birgt etwa Echtes inmitten dieser illusionären
Inszenierung, Scorseses Überschwang an Vitalität. Dort wird deutlich,
auf welch abgehobenen Pfaden Hughes und Hepburn ihrer Exzentrik frönen,
ihrem Anderssein in dieser Scheinwelt noch etwas mehr an skurriler Obszönität
aufsetzen. Dass Hughes’ Nervenkrankheit nicht zuletzt auch ein Produkt seiner
fortwährenden Gier nach Fortschritt, dem Drang nach zukunftsweisender Technik
ist, wird in dieser sensiblen Beziehung nur allzu deutlich, denn ohne Zweifel
taugt Howard Hughes nicht für Beziehungen. DiCaprio ist in der Titelrolle
ausnehmend gut, auch wenn es mitunter angestrengt wirkt, wie er die inneren
Konflikte der einsamen Figur nach außen trägt. In seinen besten Momenten
sieht DiCaprio nicht wie DiCaprio aus, und das hat weniger mit einer veränderten
Physiognomie als vielmehr mit dem ausdrucksstarken Spiel des Mimen zu tun, der
sich endgültig aus dem Strudel der „Titanic“ freischwimmt.
Nebenrollen verblassen da nicht nur narrativ zu bloßen Eckpfeilern, selbst
wenn Alec Baldwin als PanAm-Boss Juan Trippe begeistert und Cate Blanchett das
unwirsche, aristokratische Wesen der Hepburn in phasenweise großartiger
Manier darstellt.
Es
sollte ein großes Biopic werden, eine große Filmbiographie einer
beinahe übermenschlich großen Figur. Geplant war ein großer
Ausstattungsfilm, gemacht von einem großen Regisseur, der sich allzu zwanghaft
an den Gesetzen der allmächtigen Academy orientiert, auch in den Momenten,
in denen Scorsese sein künstlerisches Ethos beibehält. „The Aviator“
ist kein ganz großer Film, aber ein guter, kein Meisterwerk, doch sehenswert.
Denn hinter all den klugen Augenblicken, virtuos gestalteten Sets und guten
Schauspielern, vermisst man das einst so offenkundige Genie eines Martin Scorsese,
seine zwanglose Individualität, die Kunstgriffe eines Könners, der
sich in der Vergangenheit nur selten zum zweischneidigen Mittelmaß hinabließ,
in dem er sich in den letzten Jahren und gegenwärtig irgendwie und irgendwo
zu Hause fühlt. Sicher und geborgen - leider könnte das jetzt für
einen Oscar reichen.
(3,5
von 5 Sternen = 4 Sterne)
Patrick
Joseph
Diese
Kritik ist zuerst erschienen bei www.ciao.de
Zu
diesem Film gibt’s im archiv
der Filmzentrale mehrere Kritiken
Aviator
THE
AVIATOR
USA
2004. R: Martin Scorsese. B:
John Logan. P: Michael Mann, Sandy Climan, Graham King, Charles Evans Jr. K:
Robert Richardson. Sch: Thelma Schoonmaker. M: Howard Shore. T:
Peter Hiddal, Philip Stockton. A: Dante Ferretti, Daniel Ross, Robert Guerra.
Ko:
Sandy Powell. Sp:
R, Bruce Steinheimer. Pg: Warner/Miramax/Initial Entertainment/ Cappa/IMF. V:
Buena Vista. L: 166 Min. Da: Leonardo DiCaprio (Howard Hughes), Cate Blanchett
(Katharine Hepburn), Kate Beckinsale (Ava Gardner), Jude Law (Errol Flynn),
Gwen Stefani (Jean Harlow), Alec Baldwin (Juan Trippe). Start: 20.01.2005
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