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Badlands
Irgendwo in den Badlands South Dakotas, inmitten dieses gottverlassenen
Ödlands, der letzte Tanz eines einsamen Pärchens. Leeres Schwarz umrahmt
die beiden, aus dem Auto lullt eine Schnulze: „The dream has ended, for true
love died“. Die Szenerie hat etwas Unglaubwürdiges, weil aus unzähligen
popkulturellen Schnipseln Collagiertes. Was so (fast) endet ist jedoch nicht
eine weitere Fußnote zu Bonny and Clyde, sondern die Flucht eines Serienkillers und seiner minderjährigen
Partnerin – von romantischer Verkitschung oder kühler Stilisierung findet
sich bei Badlands keine Spur.
Der erste abendfüllende Film von Terrence Malick beruht auf einer
wahren Begebenheit. Am 1. Dezember 1957 raubte der 19-jährige Charles Starkweather
eine Tankstelle in Nebraska aus, nahm den Tankwart als Geisel und töte
ihn kurz darauf. Zwei Monate später erschoss er im Streit die Eltern seiner
Freundin Caril Ann Fugate, erdrosselte ihre zweijährige Schwester und türmte
mit Caril. Auf der Flucht erschoss er weitere sieben Menschen, ehe ein gewaltiges
Polizeiaufgebot und die Nationalgarde ihn und seine Komplizin fassen konnten;
am 25.6.1959 wurde Starkweather auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Seine
Mordserie kam in dem biederen Amerika der 50er Jahre einer moralischen Empörung
und Hysterie gleich, die sich am ehesten mit den Reaktionen auf das Schulmassaker
von Littleton vergleichen lassen. Beide Male stellte und stellt sich die Frage,
warum und wie dies alles hatte geschehen können, wie ein junger Mensch
zu einem derart brutalen Vorgehen fähig war. Damals wie heute fällt
eine überzeugende Antwort schwer.
Als Malick 1974 Badlands vorlegte, da nahm er glücklicherweise Abstand von
allzu einfachen Antworten. In seiner Erzählung, die keine Rekonstruktion,
sondern philosophische Interpretation der Vorfälle ist, berichtet die fünfzehnjährige
Holly (Sissy Spacek) über ihr Zusammentreffen mit Kit (Martin Sheen) und
die sich daraus entspinnende Mordstour. Kit, Aushilfsmüllmann und -cowboy,
aber eigentlich streunender James-Dean-Imitator, erscheint vom ersten Augenblick
an als der ewig juvenile Draufgänger und Rebell. Aus uneindeutigen Gründen
nimmt er, dessen kindlicher Charakter nicht zuletzt am Vornamen abzulesen ist,
die 10 Jahre jüngere Holly zur Freundin und bringt nach einem Einbruch
in ihr Elternhaus den despotischen Vater um. Der Mord, wie die gesamte Vorgeschichte,
bleiben unspektakulär, lakonisch erzählt; es sind die Kommentare einer
Fünfzehnjährigen, die die Perspektive und mit ihr das moralische Maß
vorgeben, und deren Coolness Tarantino so sehr beeindruckt hat, dass er (auch)
unter ihrem Einfluss die Drehbücher Natural Born Killers und True Romance verfasste.
Bei allem Fehlen klarer und simpler Antworten sind es doch zwei mögliche
Verstehensmuster, die auffällig, aber keinesfalls zwangsläufig sind.
Das erste bezieht sich auf die exogenen Gründe des Mordens: Nicht der Mord
als Auslöschen des Lebens, sondern als identitätsstiftendes Moment
ist das Vehikel für Kits Taten. Der drifter Kit, der in der Gesellschaft keinen Platz gefunden hat,
nimmt die Handreichung der großen Idole, der geächtet-geachteten
Abweichler und Reklamerebellen ein. Der erste, nicht intendierte, aber absehbare
Mord ist nach dem Bruch der Alltagskonventionen bloß die nächst höhere
Ableitung des adaptierten Rebellierens um seiner selbst willen – gegen welch
größeres Kulturtabu als das Tötungsverbot kann denn schon opponiert
werden? Nach dem ersten Mord gibt es dann auch kein Zurück mehr, lediglich
eine Vollendung in der Rolle des Rebellen, die nur in neuen, noch unerklärlicheren,
weil absurd sinnlosen Morden erfolgen kann. Rückgekoppelt ist die Verstetigung
dieses medial evozierten Lebenstypus an das Medienecho: Wie bei den wahren Begebenheiten,
so setzt auch nach Kits Morden eine Massen- und Medienhysterie ein. Sie erst
gibt den Morden einen Sinn, indem sie dem amorphen Rumtreiber
ein Profil verschafft, wie es ihm die angestrengte James-Dean-Pose nicht hat
geben können. Er wird zum gefürchteten Serienkiller, der nun ernst
genommen, ja bewundert wird, selbst noch von den Polizisten, deren Kollegen
er kurz zuvor erschossen hat. Die Nachahmung der Rebellen-Ikone Dean gebiert
in Form des Serienkillers Kit einen neuen Antiheldentypus, an dem sich folgende
Generationen von „god’s lonely men“ orientieren können. Der Aspekt der
massenmedialen Heroisierung eines Serienmörders bleibt jedoch Nebensache
und unterscheidet sich darin erheblich von dem lauten Getöse und der ultra-brutalen
Medienanklage des Remakes Natural Born
Killers.
Erst durch das zweite, auf endogene Gründe abzielende Verstehensmuster
ist Badlands der ruhige, behäbige Film, wie man ihn von Malick
gewohnt ist: Ein naturalistisch-anthropologisches Gemälde des Menschen
und der Gewalt – Natur als Spiegel menschlichen Wesens. Dies wird besonders
in einem surrealistisch anmutenden Einschub deutlich. Nach dem Mord an dem Vater
fliehen Kit und Holly in das Refugium der Wälder. Dieser falsche Naturzustand
bleibt allerdings von nur kurzer Dauer, weil Kit ihn durch Rüstungsbestreben
(Fallen, Waffentraining) aushöhlt: Das Paradies auf Zeit bleibt trotz allem
ein verlorenes. Das unbegründete Töten ist Teil des von der Natur
emanzipierten Menschen, seines a-natürlichen Wesens. Nur dadurch wird die
irritierende Leichtigkeit, mit der Kit mordet, begreiflicher. Es überrascht
auch nicht, dass gerade Holly das gewaltsame Wesen nachhaltiger exemplifiziert
als der Mörder Kit, den der Zuschauer nicht als seinesgleichen ansehen
kann. In einer Szene, in der Holly ihren kranken Fisch dem langsamen Erstickungstod
ausliefert, kommentiert sie, dass dies nicht richtig gewesen sei. Und dennoch
wird sie, die ein scheinbar unschuldiger Mensch ist, den späteren Menschenmorden
ebenso passiv-voyeuristisch zusehen wie dem Tod ihres Fisches. Das Agens des
so unverständlichen Mordens ist also mehr als die schnell aufgesagte Trias
aus individueller Pathologie, sozialen Missständen und natürlich medialer
Gewaltverherrlichung: Es ist die im Wesen des Menschen verankerte, anthropologische
Konstante, welche bei Malick auf dem Kontrast Zivilisationsmensch-Natur beruht.
Damit legt er früh die philosophische Programmatik für seine wenigen
folgenden Filme fest: In Days of Heaven betreiben amerikanische Siedler Raubbau an der Natur
wie aneinander, in The Thin Red Line bringen Zivilisationsvertreter Krieg und Zerstörung
in ein Naturparadies und im bald erscheinenden The New World vernichtet der westliche Eroberer den Naturzustand eines
ursprünglichen Nordamerikas.
Wohin die extreme Affirmation von Tötungsbereitschaft,
potenziert durch eine gesellschaftlich-mediale Stilisierung von Gewaltmenschen,
führt, zeigt sich in den hoffnungslosen Bildern der Badlands. Hier, in
der Unwirtlichkeit einer unfruchtbaren Landschaft, findet die Verrohung und
Reduzierung des Menschen auf das wesentlich Gewalttätige ihren Höhepunkt
in Form einer schlichten Leere: Das moralisch triumphierende Verdikt fehlt,
ebenso die Brandmarkung der Akteure als pathologische Außenseiter der
Menschheit – in den Badlands wachsen keine Erklärungen, erst recht keine
einfachen. Die Frage nach dem Warum fällt auf den Fragenden selbst zurück,
er bleibt in eigenen Gedanken versunken zurück. Sie transzendieren die
Taten Kits, auch über die 90 Filmminuten hinaus. Vielleicht war es diese
postcineastische Leere, die Bruce Springsteen zu dem ersten Song seines depressiven
Debutalbums Nebraska inspirierte. In dieser Moritat reflektiert Starkweather auf dem elektrischen
Stuhl seine Morde: „They wanted to know why I did what / I did, well, sir, I
guess there’s just / a meanness in this world“.
Dieser
Text ist nur erschienen in der filmzentrale
Badlands
BADLANDS
Badlands
- Zerschossene Träume
USA
- 1973 - 95 min. – Drama - Verleih: AG Kino - Erstaufführung: 1973 Kino/4.5.1984
ZDF - Fd-Nummer: 20728 - Produktionsfirma: Pressman-Williams
Produktion:
Terrence Malick
Regie:
Terrence Malick
Buch:
Terrence Malick
Kamera:
Brian Probyn,Tak Fujimoto
Musik:
George Aliceson Tipton, Carl Orff, Nat "King" Cole, James Taylor,
Erik Satie
Schnitt:
Robert Estrin
Darsteller:
Martin
Sheen (Kit)
Sissy
Spacek (Holly)
Warren
Oates (Hollys Vater)
John
Carter (reicher Mann)
Ramon
Bieri (Cato)
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