zur
startseite
zum
archiv
Ballhaus
Barmbek
–
Let’s kiss and say Goodbye
Ein Film, der von der Musik lebt,
sehr gut lebt, genauer von ihren Alltagsweisheiten, Handlungsanleitungen, Tagträumen
und Sehnsüchten. Eine Nummer folgt der anderen, pausenlos, von Eric Burdon
und Louisiana Red (er gibt leibhaftig einige Nummern zum besten) über
Edith Piaf und Zarah Leander zu Roy Black, Freddy, Dalida und Costa Cordalis.
Die Singles im Barmbeker Ballhaus borgen sich von den Musiknummern eine neue
Existenz. „Tags Bausparer, nachts Gangster", reflektiert der Film. Auf
der Suche nach einer Identität, die nicht die des eigenen Alltags ist, geistern sie eine Nacht hindurch
durch das Ballhaus, jeder für sich, schlafwandlerisch sicher, aufgegangen
in der erkorenen Rolle. Jeder braucht alle anderen, als Publikum: um sich zu
inszenieren und zu produzieren.
Dazu gibt es das Tischtelefon,
und der schöne Gigolo (Jörg Pfennigwerth) hebt ab, ein um das andere
Mal. Eine beeindruckende, poetische Figur. Seine Kunst ist das Zuhören
und das Schweigen; was er hört, sind Lebensgeschichten und Selbstdarstellungen;
er ist der Beichtvater und Seelsorger in diesem Haus der Wünsche, mehr
wird nicht von ihm verlangt, denn „Wünsche sind nur schön, so lange
sie unerfüllbar sind".
Das Etablissement füllt sich
zur Nacht. Erwartung. Wir sehen und hören viele Geschichten, aber es ergibt
sich daraus keine große, zusammenhängende Geschichte. Statt dessen
Atmosphärisches, schwebende Stimmungen, zum Schluß eine melancholische
Verflüchtigung. „Wir hätten zusammen frühstücken können",
sagt ein Mann (Ulrich Tukur), dann verlassen die vielen Individuen das Ballhaus,
jeder für sich.
Nicht eine narrative, eher eine
musikalische Dramaturgie zeichnet BALLHAUS BARMBEK aus. Regisseurin Christel
Buschmann hat einen ungewöhnlichen und poetischen Film gemacht, sicherlich
ihren besten. Ihr Motiv, das Ballhaus Barmbek, kennt man aus ihrem Beitrag für
den FELIX-Film, der Episode „Are You Lonesome Tonight?", und auch einen
Teil der Besucher (Ulrich Tukur, Jutta Jenthe, Circe, Stefan Aust). Aber erst
jetzt funktioniert das Ballhaus Barmbek als Medium, in dem sich Sehnsüchte
ausleben lassen. Der Plüsch dieses nostalgischen Denkmals; seine altmodischen
Tischtelefone; die der Vergessenheit entrissenen Leuchttafeln, die zur Damenwahl
aufrufen (gerade dann tanzt unser Gigolo selbstvergessen mit einem jungen Mann),
- sie ebnen die unterschiedlichen Niveaus der Musik ein und bringen die unterschiedlichsten
Charaktere zusammen oder besser nebeneinander. Eine wunderschöne Alltagstravestie,
weder vorgeführt noch ausgestellt. Nichts Exotisches im Ballhaus Barmbek.
Sein Geheimnis ist, daß alles, was dort passiert, absolut normal erscheint.
Travestiestar Zazie de Paris liegt
auf dem Flügel und singt. Ulrich Tukur bietet dafür im Fast-Falsett
ein altes Volkslied dar („Sie konnten zueinander nicht kommen, das Wasser war
viel zu tief'). Die Titel enthalten natürlich Botschaften, das Wasser rauscht
in den Herren- und Damen-Toiletten. Ulrich Tukur entfernt sich, ein Schüchterling,
keine drei Schritte von der Tür, die den jederzeitigen Abtritt erlaubt,
denn: „Ein Wind weht von Süd und zieht mich nach Haus auf See". Die
Toilettenfrau Jenthe, Elvis-Fan, träumt zu einer entsprechenden Musiknummer
von einer Reise zum Grab des Idols, nach Memphis, während ein unsäglicher,
aber dicker Elvis-Imitator von Hitler träumt und der Kunst, die Massen
zu enthusiasmieren.
„Alles Freaks", kommentiert
Avantgardekünstler Kiev Stingl, nimmt einen Eierlikör und deklamiert
eigene Texte, zum Solo-Schlagzeug. „Ich weiß auch nicht, was Frauen glücklicher
macht", sinniert er, „ich habe das jahrelang versucht. Und: es hat mir
den Verstand geraubt". Eine Schar von Gesangs-, Tanz-, Wort- und Lebenskünstlern,
Solisten, die jeder für sich das Wunschland mit der Seele suchen. Die Reiseziele
werden von den Musiknummern vorgegeben; heißer Sand und ein verlorenes
Land, am Tag, als der Regen kam, schön war die Zeit, dort wo die Blumen
blühn. Keine Träume, keine Liebe? Ja, das Frühstück mit
Tukur hätte so schön sein können. Doch die „Schlafwandler"
gehen ihres Wegs, um rechtzeitig wieder Bau-Sparen zu können. Hermann Brochs
„Die Schlafwandler" hat Christel Buschmann das BALLHAUS BARMBEK gewidmet.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text
ist zuerst erschienen in: epd Film 7/88
BALLHAUS
BARMBEK - LET'S KISS AND SAY GOODBYE
Bundesrepublik
Deutschland 1988. R und B: Christel Buschmann. K: Mike Gast. Sch: Nani Schumann.
T. Willi Krollpfeifer. A: Heidrun Brandt. Ko: Susanna Zilken. Pg: Roxy-Film.
P: Luggi Waldleitner. V: Filmverlag der Autoren. L: 80 Min. FSK: 12, ffr. FBW.-
Besonders wertvoll. St: 7.7.1988. D: Jörg Pfennigwerth, Ulrich Tukur, Eva-Maria
Hagen, Zazie de Paris, Kiev Stingl, Nico/Velvet Underground, Louisiana Red,
Jutta Jenthe, Mona Mur, Rocko Schamoni u.a.
zur
startseite
zum
archiv