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Barry
Lyndon
Zur
Wiedereröffnung zeigt das frisch renovierte Filmpodium den zweiten Teil
der vor gut zwei Jahren begonnenen Stanley Kubrick-Retrospektive; zu sehen ist
unter anderem auch das Kostümepos Barry
Lyndon.
Unter Kubricks grossen Filmen ist die Verfilmung von William Thackerays gleichnamigem
Roman der unbekannteste und der einzige echte Flop. Weder Publikum noch Kritik
konnten sich 1975 richtig für den Film erwärmen, und seither haftet
ihm das Etikett einer überlangen und langweiligen Bilderorgie an. Für
das Zürcher Kinopublikum bietet sich nun zum ersten mal seit Jahren wieder
die Möglichkeit, dieses Urteil anhand einer brandneuen Kopie zu überprüfen.
Barry
Lyndon
erzählt die Geschichte des irischen Abenteurers Redmon Barry (Ryan O'Neal),
der Mitte des 18. Jahrhunderts auszieht, um sich einen besseren Platz in der
Gesellschaft zu erkämpfen. Barry duelliert sich aus Liebe zu seiner Cousine,
muss fliehen, wird beraubt, verdingt sich beim englischen Heer, desertiert von
dort, wird dazu gezwungen, in die preussische Armee einzutreten, wird Assistent
eines professionellen Falschspielers und lernt in dieser Funktion die reiche
Lady Lyndon (Marisa Berenson) kennen, die er schliesslich heiratet.
Was
in der Zusammenfassung wie ein Schelmenroman oder ein Mantel und Degen-Film
in bester Douglas Fairbanks-Manier klingen mag, wird unter der Regie Kubricks
zu einem in seiner Konsequenz einmaligen Gesellschaftsgemälde. Dabei ist
der Film nicht einen Moment daran interessiert, eine spannende Geschichte zu
erzählen. Von Beginn an ist klar, dass es mit Barry ein schlechtes Ende
nehmen wird, dass all sein Bemühen, in der sozialen Hierarchie aufzusteigen,
vergegblich ist. Wie so oft bei Kubrick verfolgen wir das Individuum im Kampf
gegen eine feindliche Umwelt, ein Kampf, der von Anfang an hoffnungslos ist.
Thackerays
Roman ist in der Ich-Form geschrieben, Barry selbst erzählt uns seine Erlebnisse,
erweist sich dabei allerdings keineswegs als zuverlässiger Chronist. Er
prahlt und übertreibt und scheint an verschiedenen Stellen auch ganz offensichtlich
zu lügen. Kubrick ändert die Erzählhaltung, indem er an die Stelle
des Ich-Erzählers einen auktorialen Erzähler setzt, der das Geschehen
aus dem Off kommentiert und zukünftige Ereignisse immer wieder vorwegnimmt.
Damit gelingt es dem Film, die satirische Grundhaltung des Romans auf die Leinwand
zu übetragen, denn die Kommentare des Off-Erzählers sind stets von
einer feinen Ironie durchzogen, die die Geschehnisse im Bild immer wieder relativiert
und nicht selten auch lächerlich macht.
Zuschauer,
die Barry
Lyndon
zum ersten Mal sehen, werden aber wohl weder von der Erzählstruktur noch
von der eigentlichen Handlung schwärmen, denn der Film ist zuerst und vor
allem ein einmaliger Augenschmaus. Kubricks Ziel war es, den Film ganz im Stil
zeitgenössischer Malerei zu inszenieren, und so wirken die Bilder denn
auch wie Gemälde. Jedes Detail ist hier gesetzt, die Darsteller spielen
nicht, sondern sind Teil der minutiösen Arrangements. Alles, von der Gürtelschnalle,
über das Laub, die Möbel und die Wolken scheint hier exakt positioniert.
Legendär sind die Innenaufnahmen bei Kerzenlicht, für die ein ursprünglich
für die NASA entwickeltes Photoobjektiv zum Einsatz kam. Aus diesen Bilder
ist jeglicher Zufall verbannt, die kleinste Handbewegung, der dezenteste Augenaufschlag
ist ein präzis gesetzter Teil einer grossen Bildersymphonie. Die Kamera
unterstützt den gemäldehaften Charkater des Filmes noch zusätzlich.
Immer wieder kommen lange Rückwärtszooms zum Einsatz, die die tableauartigen
Bilder langsam enthüllen. So etwa bei Barrys erstem Duell, das mit einer
Grossaufnahme zweier Pistolen beginnt, die sorgfältig geladen werden. Dann
zieht sich die Kamera langsam zurück oder vielmehr: wird das Bild freigegeben,
denn um eine Kamerabewegung handelt es sich hier eben gerade nicht , und zum
Schluss sehen wir in der Totale die ganze Szenerie, die Dueallanten an den Rändern,
die Sekundanten in der Mitte, und die bezaubernd schöne Landschaft im Hintergrund.
Kubrick
unternimmt alles, um den Film zu entdramatisieren: die sorgfältigen Arrangments,
der langsame Schnitt, der Erzähler, der die meisten wichtigen Wendungen
vorwegnimmt, dennoch isr Barry
Lyndon
keinen Moment langweilig. Die unglaubliche Akribie und der ästhetische
Perfektionismus sind nie Selbstzweck, sondern vielmehr Ausdruck der portraitierten
Gesellschaft. In Barrys Welt ist alles streng geordnet und ritualisiert, steht
das Befolgen der Etikette, das Aufrechterhalten des Scheins über allem.
Auch das Töten muss sich diesem Stilwillen unterwerfen. Faustkämpfe
und Duelle sind ebenso Teil einer bis ins Letzte geregelten Gesellschaftsordnung
wie der Krieg. Kubrick, der in Filmen wie Paths
of Glory
und Full
Metal Jacket
furiose Schlachtenszenen inszeniert, zeigt den Krieg hier als Aufmarsch menschlicher
Zinnsoldaten, die stur vorwärtsmarschieren und sich vom feindlichen Feuer
niedermähen lassen. Das ist wie so vieles im Film befremdend, komisch
und grauenhaft gleichzeitig. Barry
Lyndon
zeigt eine Zeit, in der eine betörende Fassade über die Hässlichkeit
des Inneren hinwegtäuschen soll. Denn so formvollendet die Kleider und
Perücken, die Floskeln und Gesten auch sein mögen, in Wirklichkeit
ist diese Welt grausam, korrupt, habgierig und degeneriert, und der gewissen-
und rücksichtlose Aufsteiger Barry ist letztlich auch nicht schlechter
als seine Mitmenschen.
Mit
der Heirat Lady Lyndons ist Barry vermeintlich am Ziel all seiner Wünsche
angelangt, in Wirklichkeit hat sein Fall damit bereits begonnen. Barry bleibt
nämlich auch nach der Heirat mittellos und ohne Adelstitel. In der Folge
setzt er alles daran, einen Titel zu erlangen, um auch seinen Nachfahren eine
gehobene Position zu sichern. Er gibt Unsummen für Bankette und Bestechungen
aus und schafft sich in seinem Stiefsohn Lord Bullingdon (Leon Vitali) einen
Todfeind. Zum Schluss geht alles sehr schnell: Das Lyndonsche Vermögen
ist verprasst, Barry mittellos, sein geliebter Sohn Bryan stirbt bei einem Reitunfall,
Lady Lyndon versucht, sich zu vergiften, und Lord Bullingdon fordert den verhassten
Stiefvater zum Duell. In diesem Duell bringt Kubrick sein Thema noch einmal
auf den Punkt: Das Unterfangen, die Brutalität des Menschen, seine animalsiche
Natur, in eine gesellschaftlich akzeptable und schön anzusehende Form zu
bringen, ist nicht nur zutiefst verlogen, es muss letztlich auch scheitern.
Lord Bullindon muss sich vor lauter Angst übergeben; am Ende erweist sich
die Etikette als Farce, unfähig, die Bestie Mensch zu zähmen. Und
als sich Barry zum Schluss zum ersten mal als wahrer Gentleman erweist und seinem
Gegner Gnade erweist, wird er als Dank dafür niedergeschossen. Wenn es
um Geld und Macht geht, hört jede Ritterlichkeit auf.
Kubricks
rabenschwarzes, gänzlich unromantisches Menschenbild ist trotz aller visuellen
Opulenz immer präsent. Es ist einer der wunderbaren Widersprüche von
Barry
Lyndon,
dass dem Regisseur in diesem durch und durch pessimistischen Film ohne eine
einzige wirklich sympathische Figur einige seiner zartesten und menschlichsten
Szenen gelingen. Etwa die Szene, in der Barry Lady Lyndon verführt: Scheinbar
geschieht hier fast nichts, ein paar Blicke, ein langsames Näherkommen,
ein zögerliches Händefassen und ein sanfter Kuss. Von Kubrick bei
Kerzen- und Mondlicht arrangiert und zu einem wunderschönen Piano-Trio
von Schubert inszeniert, gerät die Szene zu einem fast schon überirdisch
anmutenden Tanz voller Grazie und Zartheit.
Und
dann noch das Ende: In der Schlussszene unterschreibt Lady Lyndon den Scheck
für Barrys Rente, die ihm unter der Bedingung, dass er England für
immer verlässt, ein Leben lang ausbezahlt wird. Neben der Unterschrift
ist die Jahreszahl 1789, das Jahr der französischen Revolution, zu lesen.
Barrys Welt liegt im Sterben, sie ist und auch damit erklärt sich die
Distanziertheit des Films für immer dahin und dem heutigen Kinozuschauer
unendlich fremd. Der
Epilog unterstreicht diese Haltung noch zusätzlich: It was in the reign
of George III that the aforesaid personages lived and quarreled; good or bad,
handsome or ugly, rich or poor, they are all equal now. Wird
hier einer ganzen Epoche die Absolution erteilt, oder bringt der grosse Skeptiker
Kubrick nur noch einmal seine Überzeugung zum Ausdruck, dass jedes menschliche
Tun eitel und sinnlos ist? Bedenkt man, mit welcher manischen Bessesenheit Kubrick
an seinen Filmen arbeitete, scheint diese Interpretation nicht sehr überzeugend.
Entpuppt sich der Misanthrop Kubrick in diesem Schlussspruch vielleicht doch
noch als Optimist, zeigt sich hier etwa die Hoffnung, dass dieses grausame Zeitalter
für immer vorbei ist und menschlichere Zeiten doch möglich sind?
Es
mag nicht erstaunen, dass dem Film bei Erscheinen kein grosser finanzieller
Erfolg beschieden war, denn Barry
Lyndon
ist so ziemlich alles, was Unterhaltungskino normalerweise nicht ist. Umso mehr
lohnt es sich, die rare Möglichkeit zu nutzen und den Film in all seiner
Pracht zu geniessen. Kubrick hat mit Barry
Lyndon
nicht nur seinen schönsten und menschlichsten Film geschaffen, sondern
auch eine Verschmelzung von Form und Inhalt erreicht, die in der Filmgeschichte
einmalig ist.
Simon
Spiegel
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
Zu diesem Film gibts im archiv der filmzentrale mehrere Texte
Barry Lyndon
Barry Lyndon
Groß Britannien, 1975
Mit: Marisa Berenson, Hardy Krüger, Patrick Magee, Ryan O´Neal,
Leon Vitali, Diana Körner
Regie:
Stanley Kubrick
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