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Battle
in Heaven
Der Mensch bleibt
ein trauriges Tier
Carlos Reygadas setzt mit „Battle in Heaven“ auf
die traurigen Gefühle - und guten Sex in der Stadt.
Langsam und beharrlich ist die Bewegung dieses Films,
manchmal schwerfällig, dann wieder unerhört leichtfüßig,
und hypnotisch zieht sie uns mit, allen Widerständen zum Trotz. „Es fällt
uns schwer“, sagt der Regisseur Carlos Reygadas, „gewisse Dinge in unserem Leben
zu konfrontieren. Auch wenn wir das wollen – wir haben einfach nicht die Konzentration,
nicht die Energie. So geht es auch der Hauptfigur Marcos in dem Film – er versucht
irgendwie den Moment hinauszuschieben, wo er sich selbst gegenübertreten
muss. Und obwohl er es hinauszuschieben versucht, kann die Zeit natürlich
nicht gestoppt werden und die Dinge arbeiten in seinem Innern ...“
Das ist eine schöne Beschreibung dessen, was
in diesem Film passiert, ganz mechanisch, ohne Psychologie und ohne Schuld und
Sühne. Marcos hat allen Grund dazu, vor diesem Moment der Konfrontation
zurückzuschrecken. Mit seiner Frau – sie verkauft Uhren und Gebäck
in einer Passage der U-Bahn von Mexico City – hat er das Kind einer Bekannten
gekidnappt, und das ist ihnen nun plötzlich gestorben. Marcos arbeitet
als Chauffeur für einen General der mexikanischen Armee und holt dessen
Tochter Ana vom Flugplatz ab. Wie ein Wesen aus einer anderen Welt kommt sie
daher, Anapola Mushkadiz, eine schnippische kleine Meerjungfrau, mit strubbeligen
Dreadlocks und aggressivem Piercing. Wenig später sehen die beiden sich
wieder, in einem Bordell. Marcos will nur von Ana bedient werden, die dort nachmittags
jobbt, und sie willigt ein.
Der Film zeigt den Menschen als animal
triste. In Cannes, wo er voriges
Jahr im Wettbewerb lief, hat er Aufsehen erregt wegen seiner Bettszenen – man
sieht Marcos beim Blowjob, beim Masturbieren, mit seiner dicken Frau. Der Sex
ist sehr direkt und ganz ruhig, in Close-ups gefilmt, eine Mischung aus Gleichgültigkeit
und physischer Anstrengung, die nichts von Voyeurismus hat – einmal nimmt sich
die Kamera während des Akts sogar die Freiheit zu einem Schwenk über
die Stadt draußen. Ich wollte, sagt Carlos Reygadas, nach meinem Debütfilm
„Japón“ unbedingt die Stadt filmen, Mexico City – „Japón“ erzählte
von einem Mann, der ein Dorf in einer verlassenen Hochebene aufsucht, um sich,
sagt er, dort umzubringen. So ist „Batalla en el cielo“, der bei uns unter dem
Titel „Battle in Heaven“ läuft, einer der aufregendsten Stadtfilme geworden,
lehrreicher als viele Traktate zur Urbanistik und zur Zukunft der Städte.
Die Menschen sind unförmig und unbeweglich,
aber in ihrer nackten Traurigkeit gewinnen sie eine eigene Schönheit. Hässlich
ist dagegen die Gleichgültigkeit, zu der das Leben in der großen
Stadt sie verdammt. Durch seine große Brille guckt Marcos, der am Ende
schlimmster Dinge fähig ist, anfangs auf die Passanten, aber die Gläser
scheinen den Blick abzustumpfen, nicht zu schärfen. Ganz sanft ist seine
Stimme – ein Mann, ein Land in Trance. Reygadas misstraut jeglicher Dramaturgie
und Charakterbeschreibung – das ist Theater oder schlechtes Kino für ihn.
Er setzt auf Beobachtung, auf Perzeption, auf die Präsenz der Menschen,
wie sie nur die Kamera zu erfassen vermag, zumal eine so präzise wie des
großartigen Diego Martínez Vignatti. Magisch lässt er die
Menschen aus den Bildern verschwinden, einen einsamen Mann im Nebel auf einem
Berg, einen Pilger in der Menge vor der Kathedrale der Heiligen Jungfrau von
Guadelupe. Am Ende bleiben die Texturen, Mauern und Vorhänge und Haut,
ihre Ritzen, Falten, Poren. Im Innern arbeiten die Dinge.
Fritz Göttler
Dieser Text ist zuerst erschienen
in der Süddeutschen Zeitung
Zu diesem
Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Battle
in Heaven
Mexiko / Belgien / Frankreich / Deutschland 2005 - Originaltitel: Batalla en el cielo - Regie: Carlos Reygadas - Darsteller: Marcos Hernández, Anapola Mushkadiz, Bertha Ruiz, David Bornstien - FSK: keine Jugendfreigabe - Länge: 98 min. - Start: 20.7.2006
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