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Before
Night Falls
Mit
Basquiat (1996)
hat der New Yorker Maler Julian Schnabel seinem Freund und Kollegen Jean-Michel
Basquiat ein filmisches Denkmal gesetzt. Auch sein zweiter Film ist das Porträt
eines manischen Künstlers: Before
Night Falls
folgt der gleichnamigen, postum erschienenen Autobiographie von Reinaldo Arenas.
Das packende Ergebnis, ein Brückenschlag zwischen visueller Kinopoesie
und hartem Realismus, wurde in Venedig 2001 mit dem Großen Preis der Jury
ausgezeichnet.
Auf
den ersten Blick kommt Schnabels Film als geradliniges, episch angelegtes biopic daher
und spannt einen weiten Bogen von Arenas’ Kindheit in der kubanischen Provinz
Oriente bis ins New Yorker Exil, wo der Schriftsteller sich 1990, von Aids gezeichnet,
das Leben nimmt. Doch geht es nicht allein um das Ausbuchstabieren einer Lebensgeschichte
vor dem Hintergrund der kubanischen Revolution. Die in satten Farben ausgemalten
Bilder von Armut und Lebensfreude, von künstlerischem Erfolg und politischer
Verfolgung, behalten stets eine unsichere Doppelbödigkeit. Motive aus dem
fiktiven literarischen Werk werden eingeflochten. Gesprochene Textfragmente
durchbrechen den Plot. Before
Night Falls
folgt einer subjektiven Zeit und beschreibt einen subjektiven Raum.
Am
Anfang spielt der kleine Reinaldo in einem schlammigen Erdloch, dessen Umrisse
an ein Grab erinnern. Im verlorenen Paradies der Kindheit, einem traumartigen,
sinnlich dampfenden Dschungel, wartet bereits der Tod. Im Leben bleibt die Lust:
Mit fünf Jahren beobachtet Reinaldo zum ersten Mal, wie nackte Männer
im Fluss miteinander herumtollen. „Das Geheimnis der Bäume enthüllt
sich nur denen, die sie hinaufklettern“, schreibt er später über seine
ersten Erinnerungen.
Mit
14 Jahren schließt er sich den Rebellen um Castro an. Nach der Revolution
feiert er in Havanna mit seinem ersten Roman Erfolge. Schnell schlägt die
anfängliche Begeisterung für den Kommunismus in Abscheu um, als auf
die künstlerische Anerkennung unerwartet Repression und Zensur folgen.
Man hält Arenas für eine Gefahr, weil er „ohne Urteil“ schreibt und
sich weigert, sozialistische Erbauungsprosa zu verfassen. Es bleibt bei der
ersten Veröffentlichung. Die folgenden Romane werden heimlich aus Kuba
geschmuggelt und nur noch in Europa gedruckt.
„Die
Unterdrückung war stimulierend“, schreibt Arenas über die aufgeladene
Atmosphäre der sechziger Jahre. Neben dem Schreiben war Sex seine große
Waffe gegen das Regime. Javier Bardem, seit seiner Arbeit mit Almodóvar
und Bigas Lunas der Inbegriff des spanischen Machos, nutzt in der Hauptrolle
seine wuchtige, bullig wirkende Körperlichkeit und kontrastiert sie mit
einer verletzlichen, aber offensiv ausgespielten Erotik. Sex ermöglicht
Arenas eine Transgression der politischen Macht: Als er mit Freunden von einer
Militärstreife im Wald überrascht wird, beginnt die Szene erwartungsgemäß
mit Schikanen und Erniedrigungen – und endet, surreal und utopisch, in einer
großen Orgie.
Die
offen gelebte Homosexualität bringt ihn schließlich ins Gefängnis.
Hier, in der Kerkerwelt von El Morro, erliegt Schnabel kurz der Versuchung,
seine Hauptfigur zum Helden zu stilisieren und untermalt etwa die Inhaftierung
mit Mahlers 5. Sinfonie. Bevor das Ganze ins Pathetische abgleitet, rettet sich
der Film rechtzeitig in die Groteske. Johnny Depp absolviert einen doppelten
Gastauftritt und genießt in zwei wunderbar deplatzierten und absurden
Szenen – den einzigen herausgestellten Kabinettstückchen des Films – sichtlich
seinen Ausflug ins Zotige. Als Transvestit Bon-Bon schwingt Depp die Federboa,
schwebt auf Stöckeln und schmuggelt nebenbei Arenas’ Manuskripte in seinem
geräumigen Hintern aus dem Gefängnis. Auch der sadistische Leutnant
Victor (wieder Depp) beeindruckt mit außergewöhnlicher Anatomie:
Während eines brutalen Verhörs kratzt er sich an einem derart beeindruckenden
Gemächt, dass Arenas den bohrenden Fragen kaum noch folgen kann.
Wie
im magischen Realismus der lateinamerikanischen Literatur stehen Absurdes und
Erschütterndes, obszöne Phantasie und grausame Wirklichkeit gleichberechtigt
nebeneinander. Die verschlungenen Pfade von Sexualität und Tod, Kunst und
Politik folgen dabei einem roten Faden: Schnabel lässt Arenas als Erfinder
seiner Biographie auftreten. Schreiben gerät zum Akt des Selbstentwurfs,
das Leben selbst zum Kunstwerk. Und konsequenterweise bleibt der Tod darin die
letzte selbst bestimmte Geste.
Arenas
gehörte zu den „konterrevolutionären Elementen“, den Kriminellen,
Schwulen und „Geisteskranken“, denen Castro 1980 die Ausreise ermöglichte.
Doch es folgt kein nachgeholter Triumph. Die Jahre in New York nehmen in der
Autobiographie kurze 30 Seiten ein, und auch im Film bleiben sie ein Epilog,
eine von der Krankheit überschattete Abblende. „Im Exil ist man nur noch
ein Gespenst“, notiert Arenas kurz vor seinem Tod. Eine untergründige Wehmut
bestimmt auch den Blick des New Yorker Künstlers Julian Schnabel. Before
Night Falls
spielt zwar in einer Welt der Unfreiheit, aber in einer Welt, in der offene
Homosexualität noch heroisches Außenseitertum bedeutet hat. Und vielleicht,
so Schnabels Sorge, kann Kunst nur da, wo sie wirklich zum Störenfried
wird, ihre subversive Kraft entfalten.
André
Götz
Before
Night Falls
ist eine vielschichtige Reflexion über die rebellische Kraft von Kunst
und Sexualität. Schnabels Film über den Dichter Arenas, effektvoll,
aber nie auftrumpfend inszeniert, entpuppt sich als subtile Weigerung, ein Leben
auf Schlüsselmomente und dramatische Höhepunkte zu reduzieren.
Dieser
Text ist zuerst erschienen in:
Before
Night Falls
USA
2000. R: Julian Schnabel. B: Cunnigham O’Keefe, Lázaro Gómez Carriles,
Julian Schnabel (nach den Memoiren von Reinaldo Arenas). P:
Jan Kilik. K: Xavier Pérez Grobet, Guillermo Rosas. Sch: Michael Berenbaum.
M: Carter Burwell. T: Christian Wangler. A:
Salvador Parra, Antonio Muno-Hierro. Ko: Maria Estela Fernandez. Pg:
Fine Line Features/Grandview/ El Mar Pictures. V: Arsenal. L: 134 Min. Da: Javier
Bardem (Reinaldo Arenas), Olivier Martinez (Lázaro Gómez Carriles),
Andrea Di Stefano (Pepe Malas), Johnny Depp (Bon-Bon/ Lieutenant Victor), Sean
Penn (Cucu Sanchez), Michael Wincott (Herberto Zorilla Ochoa). Start: 29.1.2004(D)
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