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Richard
Linklaters Sequel seines romantischen Slacker-Manifests Before
Sunrise
(1995)
feiert neun Jahre danach The Way We Were als wehmütig eskapistische Phantasie
für inzwischen Erwachsengewordene. Über Richard Linklater, über
American
Beauty
und ein wenig über Before
Sunset.
Der
solipsistische mindfuck
und geschwätzige LSDiskurs-Cartoon Waking
Life dürfte
ein Akt von Selbstexorzismus gewesen sein. Nachdem Slacker-Auteur Richard Linklater
sein jugendliches Alter ego dort am Ende elegant ins Nirwana der Selbstauflösung
in Selbstbespiegelung entsorgt hatte, machte er mit der von Paramount produzierten
Familienkomödie School
of Rock sein
Erwachsenwerden amtlich: Jack Blacks arbeitsscheuem Rock-Besessenen werden hier
seine pubertären Flausen und Superstar-Aspirationen gründlich ausgetrieben,
bis er lernt, als Musiklehrer aus seinem subkulturellen Wissenskapital ordentlich
Wert zu schöpfen.
Linklaters
neuester Film Before
Sunset,
das Sequel zur Amerikaner-trifft-Französin-in-Wien-Brief-Encounter-Romanze
Before
Sunrise,
mag da in seiner formalen Züchtigkeit (80 Minuten Laufzeit in Beinahe-Echtzeit
und beinahe ununterbrochenem Gespräch nur zweier Charaktere, die diese
Bezeichnung verdienen) wie eine Regression in juvenile Independent-Flausen wirken.
Gerade in seiner Eigenschaft als Rückfall in jugendliche Schwärmerei,
die den Film auch inhaltlich kennzeichnet, beweist Before
Sunset
aber, dass sein Regisseur sich schließlich doch bereit erklärt hat,
mit seinem Publikum älter zu werden.
Ethan
Hawkes netter american
boy
Jesse hat seine romantische Wanderung durchs nächtliche Wien mit der Zufallsbekanntschaft,
Julie Delpys fille
charmante
Celine, die der erste Teil beschrieb, inzwischen zu einem erfolgreichen Roman
verwurstet, auf dessen Promotionsreise er Celine in ihrer Heimat Paris wieder
trifft. Ein autobiographischer Roman über ein intimes Erlebnis in der Jugend,
das ist nicht nur ein Fingerzeig auf die "Authentizität" dieses
Films (schon Before
Sunrise basierte
angeblich auf einer romantischen Nacht Linklaters mit einer Reisebekanntschaft
in Philadelphia, Ethan Hawke und Julie Delpy verfassten das Drehbuch diesmal
gemeinsam mit Linklater und bauten Parallelen zu ihrem Privatleben ein, Ethan
Hawke ist tatsächlich als Romancier bekannt, Julie Delpy singt selbst geschriebene
Lieder).
The
Wonder Years
Es
ist nach Jack Blacks pädagogischer Mission wieder so eine Verwertung adoleszenter
Flausen, die sich als Hinüberretten der Jugend ins Erwachsenenleben genauso
lesen lässt wie als Verrat an ihr. Aber mit solchen Spitzfindigkeiten soll
sich herumschlagen, wer die School
of Rock besucht.
Before
Sunset handelt
nicht vom Sublimierten, sondern vom Rest, der nur im Reservoir der nostalgischen
Erinnerung unterkommt, als passiver Widerstand und regressives Sticheln gegen
den Ist-Zustand.
Im
filmischen Universum eines Mannes, der mehr oder weniger seine eigenen Jugenderinnerungen
(Sommer 1976 in Texas, auf der Tonspur Deep Purple, Aerosmith, Kiss) zum Gegenstand
seines zweiten Langspielfilms (Dazed
and Confused)
gemacht hat, ist Nostalgie nicht wirklich etwas Neues. (Verwertung natürlich
schon gar nicht.) Ganz allgemein ist die melancholisch-verklärende Erinnerung
an die Jugend ja in den Code der Coming-of-age-Geschichte als Erzählung
vom allmählichen Erwachsen-Werden eingeschrieben. Und so sehr sich Linklaters
Filme, seine "simplen", klaren Inszenierungen, seine typische Verdichtung
der Handlung auf oft nur einen Tag und seine zwischen Banalität und Geistesreichtum
schwankenden, elaboriert "authentischen" Dialoge um das Vermitteln
von Unmittelbarkeit, von jugendlicher Lebendigkeit bemühten: Das melancholische
Bewusstsein von der Flüchtigkeit dieser festgehaltenen Momente, Stunden,
Tage ist für diese Linklater-Filme mindestens ebenso bestimmend. Erst das
Bewusstsein, dass das Paradies verloren ist, ermöglicht den Kult um dieses.
Und in der ersten Hälfte der 90er Jahre war Linklater nicht weniger als
dessen charismatischster Hohenpriester in unseren Tempeln des Lichts.
Die
eigentliche Premiere ist: Zum ersten Mal in seiner Filmographie hat Linklater
mit Jesse einen "erwachsenen" Protagonisten in den Film selbst eingebaut,
für den die Jugend selbst nur noch eine sorgsam gepflegte Erinnerung ist.
Nenn es Post-Slacker. Nenn es Meta-Linklater. Oder
Thirdlife-Crisis. (Jesse
ist Anfang 30, was sich weder für Mid noch Quarter so recht ausgeht.)
Bitch-bashing,
diskret
Als
Celine Jesse bei seiner Buchpräsentation besucht, flaniert man etwa eineinhalb
Stunden gemeinsam durch Paris, unter dem Zeitdruck von Jesses geplantem Abflug,
und gerät nach kurzer Befangenheit in den gewohnten (hier außergewöhnlich
dichten, pointierten) Linklater’schen Dialogstrudel aus Alltagsbetrachtungen,
Selbsterklärungen, gebrauchsphilosophischen Kurzentwürfen und zögerlichen
schmerzlichen Bekenntnissen. "You’re skinnier", sagt Hawke zu Delpy,
als sie ihn fragt, was sich an ihr in den letzten neun Jahren geändert
habe, als wolle er die Aufmerksamkeit noch mehr auf seine eigene erstaunlich
abgemagerte Gestalt und sein eigenartig ausgezehrtes Gesicht werfen. Und auch
sonst wirft er sich - privat hatte er zum Zeitpunkt der Dreharbeiten gerade
eine, wie es heißt, ziemlich schmerzhafte Trennung von Uma Thurman, Ehefrau
und Mutter seiner zwei Kinder, überwunden - zunehmend vergnügter in
diverse Leidensposen des gesetzten Upper-Middleclass-Mannes.
"I
feel like I’m running a small nursery with someone I used to date", bekennt
er über sein frustriertes Eheleben. Den
Nachwuchs liebt er natürlich, und für diesen erduldet er selbst die
entsetzliche Frigidität seiner Frau. Celine dagegen leidet inzwischen schon
an ihrem Single-Dasein und Fernbeziehungs-Leben, erscheint aber gerade deshalb
aus Jesses Perspektive (und aus der ist der Film letztlich erzählt, wie
vor allem Anfang und Ende deutlich machen) wie eine Lichtgestalt aus vergangenen
verantwortungslosen Zeiten.
Men
Behaving Badly
Mit
derlei Projektionsflächen findet Before
Sunrise Anschluss
bei einer Gruppe amerikanischer Filme, die in den letzten Jahren erfolgreich
mit der Sehnsucht des domestizierten Mannes nach dem wilden Leben gespielt haben.
Spätestens seit Kevin Spacey als wohlstands-deprimierter WASP-Vater und
-Ehemann zum einhelligen Jubel seines Films, dessen Publikums und der Oscar-Jury
seinen Beruf kündigen und sein Heil in einem McJob, Pot, Lolita-Phantasien
und seinem Traumauto finden durfte, ist regressive Verweigerung en
vogue in
Hollywood. (American
Beauty
war der Name, nur für den Fall, dass jemand das Jahr 1999 in einem zugeschütteten
usbekischen Bergdorf zugebracht haben sollte.)
2000
beschloss auch Michael Douglas, den Reagan-Yuppie hinter sich zu lassen und
gab sich in Wonder
Boys
rundum clintonisiert: Als charmant kaputter Literatur-Professor mit Dreitagesbart,
Schreibblockade, drei kaputten Ehen und einer trostlosen Affäre mit der
Frau des Chefs (Frances McDormand) macht er plötzlich mit seinem Wrack
von Verleger (Robert Downey, jr., born
to be wrecked),
einem geplagten jungen Genie (Tobey Maguire in seiner dankbarsten Rolle) und
einer jugendlichen Verehrerin (Katie Holmes) in allerlei reichlich konstruierten
Handlungsverwicklungen die Nacht zum Tag, feiert das Loser-Ethos und die Flüchtigkeit
des Moments, wie das eben sonst nur bei Linklater üblich ist.
Den
ironischen Kommentar zu diesen Phantasien - samt und sonders Frances McDormand
und Lolita-Komplex, ausnahmsweise ohne Pot - lieferten die Coens 2001 mit ihrer
Film Noir-Paraphrase The
Man Who Wasn’t There,
in der Billy Bob Thornton aus Langeweile über seine unerfüllte Existenz
in diverse mörderische Komplotte stolpert und dabei fast glücklich
wird. Die unmittelbarste filmische Assoziation, die Before
Sunset beim
kontemporären Kinogänger geweckt haben mag, ist freilich die zu Sofia
Coppolas Indie-Smash-Hit Lost
in Translation
aus 2003, eine Zufallsbekanntschaften-Romanze der kleinen Gesten (diesmal in
Japan) zwischen der jungen Scarlett Johansson und Bill Murray als misanthropischem
Alt-Star mit blutarmem Familienleben. (Eine Variante dieser Rolle hatte Murray
schon 1998 in Wes Andersons Rushmore
gegeben.)
"Emotionally
involving people is easy. […] [Get] a little kitten and have some guy wring
its neck." (Georg
Lucas, laut Marcia Lucas)
Wenn
im Zuge der Rezeption dieser Filme öfter in euphorischen Kritiken von ihrem
künstlerischen Wert die Rede war, war damit meist mindestens ebenso sehr
die Begeisterung gemeint, dass das amerikanische Kino den Energiestrom seiner
eskapistischen Heilsversprechungen verstärkt auf ältere und gebildetere
Nebenzielgruppen ausgoss. (Ein Teil des jugendlichen Hauptmarkts konnte mit
den jungen Co-Stars und dem adoleszenten Verhalten der Protagonisten einiger
von ihnen ohnehin mitbedient werden.) Mag sein, dass American
Beauty
in die Filmgeschichte eingeht. Dann aber vermutlich irgendwo neben The
Graduate,
als effizientes Identifikationsmuster in einem bestimmten psychohistorischen
Moment, das ein, zwei Bilder ins populärkulturelle Gedächtnis einspeist,
aber bald eine Reputation als "hoffnungslos gealtert" erworben hat.
Das
heißt klarerweise nicht, dass alle Filme, die ihre Popularität vor
allem ihren Identifikationspotentialen verdanken, schlechter wären, als
man von ihnen sagt. (Persönliche Checkliste: Von American
Beauty habe
ich mich abgewandt, Wonder
Boys
als schwache Komödie mit sympathisch übernächtigter Atmosphäre
schon ein wenig lieb, Lost
in Translation
verfechte
ich nach wie vor - da kann Andreas Thomas schreiben, was er will -, und The
Man Who Wasn’t There ist
sowieso über jeden Verdacht meinerseits erhaben.) Aber,
wie Pauline Kael 1968 den Nagel auf den Kopf getroffen hat: "The high school
and college students identifying with Georgy Girl [noch
so ein Identifikations-Gerüst für Jugendliche in den späten 60ern]
or Dustin Hoffman’s Benjamin [aus
The
Graduate]
are not that different from the stenographer who used to live and breathe with
the Joan Crawford-working girl and worry about whether that rich boy would really
make her happy - and considered her pictures 'great'." Und wir,
wenn wir American
Beauty
oder Before
Sunset
als Meisterwerke bejubeln, nur weil sie unsere soft
spots
massieren, natürlich genauso wenig.
"…
look closer"
(Tagline
von American
Beauty)
Aber:
Wie dann schreiben über einen Film, eine Karriere, die so aus dem Spiel
mit Befindlichkeiten aufgebaut sind, wie Before
Sunset,
wie das Phänomen Richard Linklater? In "reinen" Begriffen von
Ästhetik? Was nützt es, was erfasst man, wenn man nun von der luziden,
unauffällig intelligenten Inszenierung spricht, von den langen fließenden
Kamerafahrten, und der unprätentiösen Romantik, mit der Paris als
zurückhaltendes Hintergrundrauschen eingesetzt ist? Wenn man lobend hervorhebt,
dass dies auch der große Vorteil gegenüber Teil eins wäre, der
mit seinen penetranteren travelogue-Momenten
(z.B. Knutschen im Riesenrad; die IMDB vermerkt dazu übrigens unter "Trivia",
es wäre tatsächlich dasselbe (!) Riesenrad, das in The
Third Man
verwendet
wurde) und mittelprächtigen Intermezzi mit der Stadtprominenz wohl jeden
auch nur peripher mit Wien Vertrauten zu hämischem Grinsen provozierte?
Wenn man anmerkt, dass die kurzen Momente, wo das Fließen der Bilder zugunsten
elaborierter Kameraschwenks aus eigenwilligen Winkeln fallen gelassen wurde,
der Dialog seltsam unterbrochen, die Kommunikation mit uns gestört wirkt
(was freilich die unsichtbare Eleganz der restlichen Inszenierung nur unterstreicht)?
Wenn man bemerkt, dass Hawke und Delpy so sympathisch und souverän wirken
wie möglicherweise seit ihrer letzten Begegnung nicht mehr?
Was
nützt das alles, wenn wir es nicht auf uns beziehen, das Spiel nicht beschreiben,
das Linklater mit uns treibt? Nicht anerkennen, wie Linklater die Spannung steigert,
von einer Verzögerung von Jesses Abreise zur nächsten; wie er uns
mit der Ökonomie von Jesses und Celines Enthüllungen reizt; wie er
Koketterie, ehrliche Zuneigung und den vagen Gedanken an eine Flucht aus den
Verhältnissen ausbalanciert und sprichwörtlich bis zum letzten Moment
Windung um Windung weiter schraubt? Wie er das alles in ein Ende kulminieren
lässt, das eben nicht nur brillant choreographiert ist, sondern auch quälend
wie befriedigend offen, sodass man Linklater förmlich vor sich sieht, wie
er gleichzeitig verträumt lächelt und verschmitzt grinst ob dieser
ultimativen Manipulation? Der Erzähler als vertrauter Kumpel und präzis
kalkulierender Fallensteller, das ist das Paradoxon, das Linklater sichtbar
macht. Um ihm gerecht zu werden, muss man mitspielen, die Ästhetik auch
und gerade in den Techniken, im Wie der Identifikationsnetze sehen.
Dieser
Text ist vermutlich auch erschienen bei:
Zu diesem Film gibt es im archiv der filmzentrale mehrere Texte
Before
Sunset
USA
2003 - Regie: Richard Linklater - Darsteller: Ethan Hawke, Julie Delpy, Vernon
Dobtcheff, Louise Lemoine Torres, Rodolphe Pauly, Albert Delpy, Mariane Plasteig,
Marie Pillet, Diabolo - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 80 min.
- Start: 17.6.2004
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