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Bei
Anruf Mord
Eine Dreiecksgeschichte, ein Erpressungsfall,
ein mathematisch erklügeltes Mordkomplott - und das alles in einer gutbürgerlichen
Wohnung, deren noble Korrektheit so arm an Ausstrahlung bleibt wie das Innenleben
der Akteure ohne Tiefe und ihr Äußeres fahl. Dem Film fehlen die
psychologischen Abgründe, auch schwarzer Humor und alles, was auf Leidenschaften
deuten und Exzesse erhoffen lassen könnte. Das ist seltsam, denn zumindest
der Hauptdarsteller Ray Milland hat (nicht nur in The Lost Weekend, Das
verlorene Wochenende;
1945; R: Billy Wilder) gezeigt, wie ambivalente Charaktere mit destruktiven
Neigungen zu spielen sind. Doch um eine differenzierte Persönlichkeitsstudie
geht es Hitchcock nicht. Seine ganze Konzentration gilt der infamen Brillanz
des Denkspiels, das ein abgebauter Tennisstar konstruiert, um seine Frau loszuwerden
- und der bewundernswerten Kombinationsgabe, die sein Rivale aufbringt, um es
zu zerpflücken.
All das erfordert, verständlicherweise,
viel Dialog. Einen Theaterdialog (nach dem gleichnamigen Broadwaystück
von Frederick Knott, der auch das Drehbuch schrieb) in einem bühnenhaften
Rahmen, der die Einheit des Ortes (und sehr weitgehend die der Zeit) bestimmt,
ebenso die Schlüsselfunktion gewisser exponierter Requisiten - und nicht
zuletzt das gefrorene Lächeln des Hauptdarstellers (Ray Milland als Tony
Wendice), der mit der Akribie eines Buchhalters ein perfektes Verbrechen plant
und sowohl seine kriminelle Energie als auch den Bürokratismus, mit dem
er sie betätigt, mit steifen Gentleman-Posen zu übertünchen sucht.
Ein seltsam kalter Film, in dem Grace Kelly (als Tonys Ehefrau Margot) nicht
einmal dann zu rühren vermag, wenn sie kurz davor steht, erdrosselt zu
werden - und allenfalls die sportliche Leistung besticht, mit der sie, schon
halb erstickt, dem gedungenen Mörder die Schere in den Rücken bohrt.
Dabei verfügt die Story durchaus
über einen perfiden Charme, der daraus resultiert, daß nichts und
niemand in diesem gepflegten Ambiente mit sich selbst identisch ist. Ein
Autokauf entwickelt sich zum Vorwand für ein Erpressungsmanöver, das
Tony dazu dient, einen Schwindler (Anthony Dawson als „Captain“ Swan Lesgate)
zu mieten, der wiederum einen Einbrecher spielen, in Wirklichkeit aber Margot
umbringen soll. Tonys Maßanzug verdeckt nur, daß sein Träger
ein Habenichts und vom Vermögen seiner Frau abhängig ist. Eheliche
Liebe lügen sich beide nur vor und verdrängen dies zugleich. Auch
Margots Liaison mit dem Kriminalschriftsteller Mark Halliday (Robert Cummings)
ist nicht von jener Unbedingtheit, die Margot bewegen könnte, mit den Halbwahrheiten
in ihrem Leben zu brechen. Tony weiß von Margots Untreue, ohne daß
sie wüßte, daß er weiß - kurzum: in diesen so akkurat
tapezierten vier Wänden proben drei akkurat gekleidete Figuren eine überaus
akkurate Contenance. Sie zeigen die Verpackungen ihres Lebens vor, aber nicht
ihr Leben selbst - so kann auch die Katastrophe nicht eine Explosion ihrer Gefühle,
sondern nur das Resultat eines Rechenexempels sein.
In dieses werden wir Zuschauer
mit größter Präzision eingeweiht: Die Anweisungen zum perfekten,
durchs eigene Alibi abgesicherten Mord, die Tony seinem Werkzeug Swan Lesgate
erteilt, machen uns zu gnadenlosen Kino-Komplicen, die zum Zeitpunkt der Tat
lustvoll, doch eiskalt bis ins Herz überwachen, ob Lesgate den komplizierten
Plan minutiös befolgen wird oder womöglich eine Einzelheit vergessen
hat. Der gemeinsame Wissensstand stiftet zwischen dem Drahtzieher des Verbrechens
und dem Publikum eine stabile Koalition, die bei Dial M for Murder den Rezeptionsmechanismus bestimmt und auch dann noch funktioniert,
wenn der Plan eklatant daran zu scheitern droht, daß unversehens nicht
das ausersehene Opfer, sondern der gekaufte Mörder auf der Strecke bleibt.
In der stummen Szene, die dem
Eintreffen der Polizei vorausgeht, werden wir gespannte Zeugen eines Rechenvorgangs,
der in Tonys Hirn abläuft, und der Vorkehrungen, die er blitzschnell treffen
muß, um mittels einiger raffiniert umarrangierter Requisiten die Szene
so zu präparieren, daß seine Frau zwingend in den Verdacht geraten
muß, sie habe ihren Erpresser ermordet. In dieser Szene, der Symmetrieachse
der Handlung, zeigt sich, daß der Suspense-Effekt in Hitchcocks Film (nicht
anders als im zugrundeliegenden Theaterstück) darin besteht, daß
dem Zuschauer eben nichts verheimlicht, sondern die Systematik kriminellen Kalküls
wie ein feinziseliertes Uhrwerk aufgeklappt wird: Von nun an lauern wir darauf,
daß ein winziges Rädchen „haken“ oder trotz aller Präzision
falsch eingebaut sein könnte. Erstaunlich immerhin, daß diese Neugier
den Zuschauer hellwach hält, obwohl es ihm schwergemacht wird, mitzuleiden:
er soll, jenseits der Sympathie mit der einen oder der anderen Seite, mitrechnen
und überprüfen, ob ein theoretisch hieb- und stichfester Plan sich
in der praktischen Ausführung bewährt oder mißlingt.
Tonys Plan scheint aufzugehen
- bis zu jenem Tag, an dem die Hinrichtung seiner Frau bevorsteht und ihre Rettung
nur durch ihren Liebhaber Mark bewerkstelligt werden kann: verfügt er doch,
als begabter Autor erfolgreicher Kriminalgeschichten, sowohl über die Intelligenz,
Tonys Komplott detailgenau zu rekonstruieren, als auch über die Courage,
dem Kontrahenten die Wahrheit ins Gesicht zu sagen - freilich nicht als „Wahrheit“,
sondern als Phantasie-Version, die Tony dem Gericht vortragen solle, um seine
Frau vor dem elektrischen Stuhl zu retten. Die Verknüpfung der Motive,
die wechselseitige Durchkreuzung zweier Strategien ist hier meisterlich gelungen.
Elegant läßt Hitchcock in der Schwebe, ob Mark nur etwas ahnt oder
ob er weiß - ob er Tony nur für eine taktische Lüge gewinnen
oder mit der Wahrheit in die Enge treiben will. Gestützt auf ein exzellentes
Boulevardstück, treibt Hitchcock das anspruchsvolle Puzzlespiel in die
letzte Spirale, wenn Inspector Hubbard (John Williams) am Ende Tony in jene
Falle lockt, die er sich selbst mit einem kleinen, aber entscheidenden Denkfehler
gestellt hat.
Traumwandlerisch sicher hat Robert
Burks, Hitchcocks bevorzugter Kameramann in den 50er Jahren, diese Geschichte
in sechsunddreißig Tagen heruntergekurbelt: konventionelle Einstellungen
in perfekter Kadrage, deren Sorgfalt mit dem Scharfsinn des Plots wie auch der
sterilen Erlesenheit des Dekors durchaus zu wetteifern vermag und nur noch von
der Ausleuchtung und vom Timing der Montage übertroffen wird: alles ist
Mathematik, ein versiert eingefädeltes Rechenspiel. Hitchcock plaziert
sein Besteck so gewissenhaft wie Tony Wendice seine Requisiten; während
der Dreharbeiten soll er eingeschlafen sein, weil er seinem Drehbuch unbegrenztes
Vertrauen schenken konnte. Ein gutes Theaterstück eben, bei dem der Regisseur,
wie er Truffaut mitteilte, „das Theaterhafte noch unterstrichen“ hat. Für
einige ausgewählte Einstellungen ließ er einen Graben bauen, um die
Szene aus der Untersicht drehen zu können: sozusagen für die erste
Reihe im Parkett. Die Szene, in der Tony dem gekauften Mörder die Details
erläutert, sehen wir aus extremer Obersicht: wir blicken von oben in das
Wohnzimmer wie in ein Modell, in dem ein Laborversuch vorbereitet wird. Hitchcock
hat Dial
M for Murder
in 3-D drehen lassen, aber Truffaut stellte bekümmert fest, in Frankreich
hätten die Kinobesitzer aus purer Faulheit an der Kasse die Brillen nicht
verkauft.
Klaus Kreimeier
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: „Alfred Hitchcock“ (Herausgeber: Lars-Olaf
Beier, Georg Seeßlen), erschienen beim Bertz und Fischer Verlag, August
1999
Zu diesem
Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Bei
Anruf Mord (1954)
DIAL
M FOR MURDER
USA
- 1954 - 106 min. - Erstaufführung: 3.12.1954/6.12.1971 ZDF/17.10.1981
DFF 1 - Produktionsfirma: Warner
Produktion:
Alfred Hitchcock
Regie:
Alfred Hitchcock
Buch:
Frederick Knott
Vorlage:
nach seinem gleichnamigen Bühnenstück
Kamera:
Robert Burks
Musik:
Dimitri Tiomkin
Schnitt:
Rudi Fehr
Darsteller:
Grace Kelly
(Margot Wendice)
Ray Milland
(Tony Wendice)
Robert Cummings
(Mark Halliday)
Anthony Dawson
(Captain Swan Lesgate)
John
Williams (Inspektor Hubbard)
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